„Es ist doch ganz normal, dass man sich um sein behindertes Kind kümmert“, darf man sich in den letzten Tagen als pflegendes Elternteil anhören, wenn es darum geht, dass auch pflegende Angehörige als elementarer Bestandteil der Pflegelandschaft gesehen werden möchten.
„Stell Dich doch nicht so an!“
Tatsächlich?
Ist das ganz normal?
Für mich und viele andere schon. Für die Gesellschaft und die Politik allerdings nicht, denn die scheinen nicht mal zu wissen, dass wir existieren.

Eltern behinderter Kinder müssen sich auch jenseits von Corona-Zeiten zunehmend dafür rechtfertigen, ihr Kind überhaupt bekommen zu haben.
„Sowas kann man doch heutzutage schon vorher erkennen.“
„Konnte man das bei Dir nicht vorher sehen?“
„Du wolltest es ja nicht anders, jetzt trag die Konsequenzen.“
„Ich könnte das ja nicht.“
Das ist nur eine Auswahl von Bemerkungen, die eine ausgeprägte Haltung innerhalb unserer Gesellschaft zeigen. Sicherlich denken nicht alle so, aber gerade die aktuelle Situation zeigt ganz deutlich: Behinderte wurden zunächst komplett ignoriert und dann alle in einen Topf geworfen (rw), pflegende Angehörige scheint es nicht zu geben, obwohl sie etwa Zweidrittel der Pflegenden ausmachen und Eltern die ihre behinderten Kinder zuhause pflegen, gibt es schon gleich gar nicht.
Was es nicht geben soll, gibt es eben auch nicht!
„Ihr habt ja die Wahl, könnt Euer Kind oder Euren Angehörigen ja auch ins Heim geben.“ Auch ein häufiger Satz. „Für sowas gibt es doch Heime“, habe ich gehört, als mein Sohn 11 Jahre alt war.
Was soll das für eine Wahl sein? Manche entscheiden sich für Heime, weil es eine gute Lösung sein kann, aber andere aus guten Gründen eben auch nicht. Das bedeutet aber nicht, dass sie anschließend alles hinnehmen müssen, was ihnen an Ignoranz und Diskriminierung entgegenschlägt.
Diese Bemerkungen, die uns manchmal subtil und verharmlosend verpackt begegnen, verletzen. Aber was noch viel schlimmer ist: sie machen Angst, wenn man an die Zukunft denkt.
Die Kaltschnäuzigkeit – und man mag mir bitte diese ungewohnte Wortwahl verzeihen, aber es trifft das Gemeinte sehr genau – diese Kaltschnäuzigkeit transportiert eine Kälte, Ignoranz und Selbstgerechtigkeit, die ihresgleichen sucht. Ich wünsche allen, die so denken, dass sie niemals selbst in die Lage kommen werden, einen geliebten Angehörigen – ob Partner, Eltern, Geschwister oder Kinder – pflegen und versorgen oder gar eine liebevolle externe Versorgung organisieren zu müssen.
Ja, für uns ist es normal, unsere behinderten Kinder zu pflegen.
Ob es wirklich normal ist, dass Menschen ihre behinderten Angehörigen zuhause versorgen, sollte sich allerdings diese Gesellschaft samt Politik fragen. Denn sie übersieht uns komplett und weist uns dann gerne bei unbequemen Fragen darauf hin, dass es doch normal und selbstverständlich sei, was wir tun. Paradox, nicht wahr?
Das ist herablassend, ignorant, verletzend und im Übrigen fatal für das Pflegesystem als Gesamtes, das ohne uns überhaupt nicht funktionieren würde.
Dankbar bin ich für all die Menschen, auf die wir uns verlassen können – auf professioneller, familiärer und freundschaftlicher Ebene. Man lernt mit der Zeit, dass das überhaupt keine Selbstverständlichkeit ist. Umso wertvoller sind genau diese Personen, denen wir in all den Jahren begegnen durften, die uns zeitweise oder sogar dauerhaft begleiten und sowohl Freude wie auch Nöte mit uns teilen.
Es sind Menschen, die nicht wegschauen, Familien mit behinderten Angehörigen als bereichernden Teil der Gesellschaft begreifen, auch die unbeschwerten und fröhlichen Facetten unseres Alltags sehen, und für die es wirklich „normal“ ist, dabei zu sein.
Es kommt eben auch immer darauf an, wer etwas wie zu wem sagt….
Zum Weiterlesen:
Was ich mir zum internationalen Tag der Pflege wünsche