Sandra, Sonderpädagogin: „Ich bin entsetzt, wie zögerlich reagiert wurde und wie die Krise den Egoismus Einzelner zeigt.“

Sandra ist Sonderpädagogin und unterrichtet eine Klasse mit autistischen Kindern. Ich unterhielt mich mit ihr über die vergangenen Wochen der Corona-Pandemie, wir sprachen über Bedürfnisse, die nicht gesehen werden, und darüber, wie ein Weg zurück in eine annähernde Normalität in der Förderschule gelingen könnte.

Sandra weiß genau, wovon sie spricht, da sie nicht nur autistische Kinder unterrichtet, sondern auch zwei eigene autistische Kinder hat. „Wir sind nach all den Wochen nun langsam reingekommen und haben Routinen entwickelt. Aber es hat gedauert, bis die Kinder die Veränderungen akzeptierten“, erzählt sie. Jedes der Kinder brauche einzeln Aufmerksamkeit, habe individuelle Bedürfnisse, gemeinsames Spielen sei schwierig.
„Wenn man so lange nah aufeinandersitzt, fällt es mit der Zeit auch immer schwerer, die Besonderheiten des jeweils anderen zu akzeptieren, Ausraster verstärken sich, seit die Schule geschlossen hat“, sagt Sandra.
Sie betont, dass viele Autistinnen und Autisten die Lebensbereiche Schule und Zuhause ganz klar voneinander trennen. Das mache es natürlich schwierig, ein Homeschooling durchzuführen, wenn die Kinder das Lernen für Zuhause nicht akzeptieren und erkläre auch die besonderen Herausforderungen, vor der viele Familien zur Zeit stehen.

Wochenpläne, Onlinemedien und Elternarbeit

Parallel zur Betreuung ihrer eigenen Kinder schreibt Sandra Wochenpläne für ihre Schülerinnen und Schüler, und zwar individuell für jedes Kind. Je nach Möglichkeiten und Fähigkeiten des einzelnen Schülers fertigt sie Arbeitsblätter, Onlineübungen, Hörbeispiele oder Videos an.
Dabei muss sie berücksichtigen, dass manche Kinder nur über handlungsaktives oder materialbasiertes Lernen gefördert werden können. Eine Beschulung per Onlinemedien ist bei vielen Förderschülern nicht möglich.
„Außerdem möchte ich mich per Videoeinheiten bei meinen SchülerInnen melden, auch bei den nichtsprechenden, einfach zum zu zeigen Ich bin noch da.“

„Den Eltern habe ich von Anfang an gesagt, dass die Aufgaben nicht zu Stress führen sollen“, erklärt Sandra. Die Aufgaben sind also ein Angebot an die Schüler, dem sie aber womöglich nicht nachkommen können. Dann sei es aber auch in Ordnung. Natürlich führe das zu Lerndefiziten in dieser Zeit, aber das stehe im Moment nicht im Vordergrund, die emotionale Stabilität ihrer Schülerinnen und Schüler sei wichtiger, zumal ihnen im Moment viel Sicherheit verloren gehe.

„Die Eltern meiner Schüler betreue ich unterschiedlich intensiv. Manche brauchen micht nicht so sehr, andere wiederum, vor allem alleinerziehende Elternteile, kontaktiere ich fast täglich, um sie zu unterstützen. Die Sorgen und die Überlastung in diesen Familien ist sehr groß“, so Sandra.
„Bei allen Maßnahmen der Regierung wurde nicht bedacht, wie wichtig die Entlastungsleistungen für Familien mit behinderten Kindern sind. Manche haben überhaupt keinen Zugang mehr dazu, anderen werden die Mittel nicht reichen, denn der Bedarf wird auch noch in der Zeit nach der Krise vorhanden sein.“

Quelle: pixabay, User StartupStockPhotos

Notbetreuungen müssen individuell gehandhabt werden

Was die Notbetreuungen angeht, müsse individuell geschaut werden, wie Bedarf in der einzelnen Familie vorhanden ist. Die Vergabe der Plätze müsse flexibler gehandhabt werden, damit die Familien mit anspruchsvollen Kindern Entlastung erfahren. Das habe dann nichts mit Systemrelevanz und auch nicht mit der Erziehungsfähigkeit der Eltern zu tun, sondern schlicht und einfach mit der Behinderung des Kindes und den damit verbundenen Aufgaben und Herausforderungen.
„Der individuelle Bedarf muss unbedingt gesehen werden, damit die Situation nicht zu einer emotionalen Überlastung von Kind und Eltern führt.“ Helfen könnte zum Beispiel auch, dass Schulbegleiter in die Familien gehen, um zu unterstützen. Das Problem dabei sei allerdings, dass viele Schulbegleiter selbst zur Risikogruppe gehören oder keinen Anspruch auf Notbetreuung ihrer eigenen Kinder haben.
Auch müsse man bedenken, dass Schule und Zuhause für manche autistischen Schülerinnen und Schüler als Lebensbereiche getrennt bleiben sollten und das Zuhause als geschützter Bereich nicht aufgegeben werden darf. Das sollte dann bei den SchülerInnen, bei denen das der Fall ist, unbedingt berücksichtigt werden.

Sandra weist auch darauf hin, dass es durchaus Familien gibt, die die aktuelle Situation als entspannend und wohltuend erleben. „Es sind meistens die Autistinnen und Autisten, die in der Lage sind, sich selbst zu beschäftigen und keinen enormen Pflegebedarf haben, wie manch andere. Familien, die Kinder mit hohem Betreuungsbedarf haben, stehen hier allerdings vor fast unlösbaren Aufgaben, weil die Anforderungen wie lückenlose Aufsicht, Medikamentengabe, Verhaltensauffälligkeiten händeln, die sich zudem in der aktuellen Situation meist noch verstärken, zu hoch sind.“ Sie weist auch darauf hin, dass es wegen eines gestörten Tag-Nacht-Rhythmus auch häufig keine verlässlichen und notwendigen Pausen gibt.
„Wir wechseln uns bei manchen Schülern im Team in der Schule ab, weil es dauerhaft zu anstrengend ist. Jetzt müssen die Eltern das seit Wochen alleine schaffen“, so Sandra.

Gedanken zum Wiedereinstieg

„Es ist enttäuschend, dass die Politik bei den Öffnungsplänen der Schulen absolut unzureichend die Förderschulen berücksichtigt. Die Bedingungen sind bei uns ganz anders als in der Regelschule. Dazu kommt das Transportproblem, wechselnde Touren bei tageweiser Beschulung wären gerade für autistische Schüler eine große Belastung.“
Sandra plädiert eher für einen blockweisen Wiedereinstieg, um mehr Struktur und Verlässlichkeit zu geben, als die Kinder tageweise in die Schulen zu bringen. Dabei sei es auch absolut wichtig, feste Bezugspersonen zu etablieren, die nach den letzten ungewohnten Wochen Verlässlichkeit bringen. Aber auch das sei nicht so einfach, so Sandra, da auch ohne Corona Lehrermangel im Förderschulbereich herrscht und es jetzt mit weniger Personal natürlich erst recht schwierig wird, für Konstanz zu sorgen.

„In der Schule müssen wir beim Wiedereinstieg einen neuen Beziehungsaufbau starten, Strukturen neu einüben und den Lernstand angleichen. Auch dass Therapien über Wochen und Monate ausgesetzt werden, wird sich deutlich bemerkbar machen„, erklärt Sandra.
„Ich warne jedoch dringend vor Separierungen innerhalb der Förderschulen nach dem Motto, die fitten Schüler, die die Abstandsregeln einhalten können, dürfen wieder kommen, und die anderen erstmal nicht. Wenn, dann sollte die Schule für alle gleichzeitig wieder öffnen, gerne insgesamt erst später, aber ohne Separierungen“, sagt Sandra ganz klar.

„Ich als Lehrerin versuche das Beste aus der Situation zu machen und habe inzwischen viel über Digitalisierung im Unterricht gelernt. Womöglich können diese neuen Kompetenzen dann später auch SchülerInnen zugute kommen, die generell Schwierigkeiten in unserem Schulsystem haben“, sagt Sandra.

Pauschale Lösungen gibt es nicht, Separation ist definitiv keine

Zum Schluss betont Sandra noch einmal, wie sehr für sie in dieser Zeit deutlich wird, dass nach der anfänglichen Solidarität nun doch immer mehr Menschen nur an sich denken. „Die Krise zeigt den Egoismus vieler Menschen. Die Diskussion darum, Risikogruppen zu isolieren finde ich unerträglich und als Gedankengut extrem gefährlich. Ich wünsche mir, dass der Blick vielmehr auf die Menschen gerichtet wird, die Hilfe brauchen, als sie aussortieren zu wollen.“

„Ich denke viel an meine SchülerInnen und deren Familien und versuche, sie so gut es geht zu unterstützen.“ Sorgen macht sich Sandra vor allem um diejenigen, die ohnehin zum Beispiel unter Angststörungen und Depressionen leiden.
Pauschale Lösungen gebe es nicht, wie auch ihre differenzierte Sicht auf Aspekte in diesem Beitrag zeigt. Es müsse individuell auf jeden geachtet werden. Sandra trägt ihren Teil dazu bei.

Zum Weiterlesen ein anderes Interview mit Sandra über TEACCH in der Schule

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