Florian Pfaffinger leitet eine Förderstätte für AutistInnen: „Das System Familie darf wegen Überlastung nicht zusammenbrechen.“

Florian Pfaffinger leitet eine Förderstätte für erwachsene Autistinnen und Autisten. Ich unterhielt mich mit ihm über die Schließung der Gruppen im Rahmen der Corona-Krise und über die Möglichkeiten einer Notbetreuung.

Quelle: pixabay, User DevilsApricot

Autistinnen und Autisten reagieren besonders sensibel in dieser Krise

Der Förderstättenleiter erzählt, dass Autistinnen und Autisten besonders sensibel auf die momentanen Zustände reagieren. „Sie sind sensibel und merken sofort, wenn ihre Bezugspersonen verunsichert sind. Die Unsicherheit und das Gespür dafür, dass wir auch manchmal keinen Plan haben, spiegeln sich dann in ihrem Verhalten und ihren Emotionen wider. Außerdem kommen die fehlende gewohnte Struktur und die durcheinander geratenen Abläufe dazu. Es ist deshalb wichtig, als Bezugsperson ehrlich zuzugeben, wenn man selbst unsicher ist.“

Auch die plötzlichen Veränderungen seien schwer zu verarbeiten, erklärt Pfaffinger weiter. „Die Krise hat uns ohne Vorankündigung und Vorbereitung getroffen, dabei wäre gerade das für Autistinnen und Autisten sehr wichtig.“ Herausfordernde und aggressive Verhaltensweisen verstärken sich dann und die fehlende Perspektive, das nicht Nichtwissen, wann es zu Ende sein wird, mache die Situation noch schwieriger, so Herr Pfaffinger.

Notgruppenbetreuung in der Förderstätte

„Bei der Aufnahme in die sog. Notgruppen geht es um den unbedingten Bedarf in den Familien und nicht um Systemrelevanz“, erklärt er.
„Ich stehe schon immer in engem Kontakt zu den Familien und jetzt natürlich noch intensiver, um zu hören, wie es zuhause klappt und ob Unterstützung gebraucht wird. Wenn die häusliche Betreuung zu schwierig wird, müssen wir eine Notbetreuung anbieten oder die Familien sporadisch unterstützen.“
Damit sind zum Beispiel Begleitung bei Arztbesuchen oder Hilfe beim Einkaufen oder stundenweise Betreuung, wenn Eltern selbst zum Arzt müssen, gemeint. „Wir bieten das den Familien an, wenn sie diese Unterstützung dringend brauchen.“ Er erklärt, dass vor allem Alleinerziehende mit behinderten Angehörigen vor besonderen Herausforderungen stehen.

„Mir ist wichtig, die Belastung in den Familien nicht zu werten oder zu beurteilen, sondern den Familien zuzuhören. Belastungsgrenzen sind individuell verschieden und müssen respektiert werden.“
Florian Pfaffinger erklärt, dass nach seiner Erfahrung Eltern ihre Not auch sehr unterschiedlich kommunizieren, dass einige mehr hinnehmen, als sie eigentlich verkraften können, es manchen schwer falle, um Hilfe zu bitten, und dass andere Eltern wiederum von vornherein fordernder auftreten. Das alles müsse berücksichtigt werden.

„Auf jeden Fall müssen wir den Familien helfen, denn es wäre fatal, wenn das System Familie für unsere Klienten zusammenbricht und die Eltern wegen der enormen Belastung auf Dauer ausfallen würden.“
Auch blockweise Notbetreuung wirke schon entlastend und deeskalierend. „Ich mache anderen gerne bewusst, dass es ein Unterschied ist, ob ich einem betreuerischen, pflegerischen oder pädagogischen Beruf nachgehe und irgendwann Feierabend und Wochenende habe, oder ob ich als pflegendes Elternteil rund um die Uhr und auch in der Nacht gefordert bin. Da kann es schon mal eine riesige Hilfe sein, ein paar Stunden Entlastung zu bekommen, um einfach schlafen zu dürfen.“

In den Notgruppen werde natürlich soweit wie möglich auf Abstand und Hygieneregeln geachtet, „aber wir stoßen an Grenzen und das korrekte Maskentragen ist für unsere Teilnehmer nahezu unmöglich.“ Zwischen der Geschäftsführung und der Förderstättenleitung werde immer wieder kommuniziert, wie sich die Situationen gestalten, was möglich aber auch nicht realisierbar ist.
„Es ist eine Gratwanderung, die wir auch mit den Betriebsärzten besprechen“, erklärt Pfaffinger. „Ich bin in diesem Zusammenhang gefordert, auf Nachfragen plausible Antworten zu den Maßnahmen, die wir treffen, geben zu können.“
Im Moment sei es noch so, dass die Situation von Träger zu Träger unterschiedlich gehandhabt und ausgestaltet werde. „Das hängt auch von den räumlichen und personellen Ressourcen ab“, erklärt der Förderstättenleiter, „die Einrichtungen müssen sehr kreativ auf die Situation reagieren, trotzdem wäre es natürlich gut, wenn es einen gemeinsamen Rahmen gäbe.“

Die Situation in den Wohnheimen

Einige Autistinnen und Autisten, die in die Förderstätte kommen, leben auch in Wohnheimen. „Wir bekommen natürlich mit, wie schwierig die Situation dort ist. Mitarbeiter müssen sehr viel von der Not der Bewohner auffangen, da diese lange Zeit ihre Eltern und Bezugspersonen nicht sehen durften.“ Auch fehle das Entzerren der Situation, weil die Bewohner nicht wie sonst am Wochenende in ihre Familien fahren.
„Das alles bringt auch die Mitarbeitenden an ihre psychischen und physischen Grenzen“, erzählt Pfaffinger. „Wir sind dann als Kollegen da und versuchen, spontan zu helfen, wann und wie immer es geht.“ Nicht vergessen dürfe man, dass auch Mitarbeiter zur Risikogruppe gehören können.

Gewachsenes Vertrauen und neuer Teamspirit

„Das gewachsene Vertrauensverhältnis zwischen Einrichtung, Teilnehmern und Eltern zahlt sich jetzt aus. Wir stehen in stetigem Kontakt und sind froh, dass wir so gut zusammenarbeiten können. Trotzdem ist und bleibt es natürlich eine enorme Herausforderung.“
Florian Pfaffinger vermittelt den Familien Kontakte, die unabhängig von der Förderstätte weiterhelfen können, ist Ansprechpartner bei Sorgen und Fragen. „Manche Familien brauchen mich mehr, andere weniger. Ich versuche, für alle da zu sein.“ Für Pfaffinger persönlich ist es wichtig, dass er sich immer wieder sagt, dass er die Krise nicht zu verantworten hat. „Ich bin nicht schuld an der schwierigen Situation, das ist wichtig für mich und ermöglicht mir, meine Arbeit bei aller Empathie auch mit der nötigen Sachlichkeit und Pragmatik zu tun.“
Insgesamt plädiert er dafür, dass mehr trägerübergreifend gearbeitet werden sollte. Auch die Expertise von Autistinnen, Autisten, Fachleuten und ihren Angehörigen, die erst kürzlich im Rahmen der Autismus-Strategie Bayern erhoben wurde, sollte nun ganz praktisch in die Umsetzung von sinnvollen Maßnahmen während dieser Krise eingesetzt werden. „Unsere Förderstätte ist in Bayern und ich würde als politischer Verantwortlicher gerade jetzt auf diese Expertise nicht verzichten wollen“, sagt Pfaffinger. „Es geht jetzt um die Praxis, jetzt kommt es drauf an.“

Für sich selbst nimmt er aus der momentanen Situation mit, wieviel Freude er an seinem Beruf hat. „Ich merke, mit wie vielen tollen Menschen ich zusammenarbeite. Einige sehe ich im Moment nicht mehr und vermisse sie. Damit meine ich unsere Autistinnen und Autisten genauso wie die Mitarbeiter. Ich merke auch, dass der Teamspirit sich verändert hat, viele sind dankbar dafür, arbeiten zu dürfen und freuen sich über die Betreuung. Und ich freue mich darauf, hoffentlich bald alle wiederzusehen.“

One comment

  • Mama K.

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Endlich mal Worte, die unseren aktuellen Zustand beschreiben. Wieder einmal sehen wir uns als Eltern gesellschaftlichem Unverständnis ausgesetzt.
    Das sagt die Lehrerin, die Schulbegleitung kommt doch für drei Stunden nach Hause, das ist doch toll, das haben gesunde Kinder nicht…
    Was sollen wir da antworten? Ein weiteres junges Geschwister im Homeschooling und parallel Homeoffice und Papa arbeitet außerhäusig.
    Danke, dass es Verständnis gibt, zumindest irgendwo!
    Viel Kraft für Ihre Arbeit, Herr Pfaffinger! Danke, Silke für diesen wertvollen Blog! Liebe Grüsse von Mama K.

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