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Barrierefreiheit für Autistinnen und Autisten – Struktur, Reizreduzierung, Kommunikation, Rahmenbedingungen und mehr….

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im Juli 2021


Meistens hat man beim Thema „Barrierefreiheit“ bauliche und allgemein materielle Anforderungen im Blick, um Menschen mit körperlichen Behinderungen Teilhabe zu ermöglichen.
Barrierefreiheit im Bereich Autismus beinhaltet vor allem sensorische und strukturelle Bedürfnisse, die es zu erkennen und zu erfüllen gilt.

durchgestrichene verschlossene Schlösser

Weil Autismus keine körperlich sichtbare Beeinträchtigung ist, werden die Barrieren, mit denen AutistInnen im Alltag konfrontiert werden, von der Umwelt als solche meistens nicht wahrgenommen. Daher ist es notwendig, über die Bedürfnisse, Besonderheiten und Schwierigkeiten auch im Bereich Autismus aufzuklären.
Sicher kann auch dann nicht verallgemeinert werden, was Barrieren sind und was nicht, denn trotz vieler Übereinstimmungen nimmt jeder Mensch individuell wahr, was er für sein Leben annehmen, auf gesunde Weise zeitweise kompensieren und händeln kann.
Aber trotz individueller Unterschiede gibt es umgekehrt auch viele Gemeinsamkeiten, die herausgearbeitet werden können, um eine Grundhaltung bei Mitmenschen zu erzeugen, die verstehen will und die dann auch besser verstehen kann. Im besten Fall findet dann auch ein Abbau von Barrieren statt.

Um was geht es dabei genau? Ich möchte einige Beispiele nennen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, aber einen ersten Eindruck davon vermitteln, was Barrierefreiheit für Autistinnen und Autisten beinhaltet.

Geräuschkulisse und Orientierung in öffentlichen Einrichtungen und bei Veranstaltungen

Ob in Restaurants, Cafés, Kinos, Wartezimmern, bei Veranstaltungen von Vereinen, in Parks oder Schwimmbädern – überall wird man heutzutage mit einer Flut von sich überlagernden Geräuschen konfrontiert. Ich als Nichtautistin fühle mich davon oft überfordert und ergreife nicht selten die Flucht in ruhigere Gefilde. Nur findet man die nicht so leicht.
Wie muss es erst einer Autistin oder einem Autisten gehen, der aufgrund von Reizüberflutung möglicherweise noch die Orientierung verliert und keine Chance mehr auf einen kontrollierten Rückzug oder Ausgleich hat?

Nachdem es immer mehr Menschen mit Autismus-Diagnosen gibt und darüber hinaus auch Menschen mit anderen Behinderungen oder Krankheiten auf eine reizarme Umgebung angewiesen sind, um sich im Alltag zurechtzufinden, wäre es wünschenswert, wenn solche Bereiche bewusst geschaffen werden:
separate Räume, in denen keine Radios laut im Hintergrund laufen, Bereiche in Kaufhäusern, in denen nicht die Reklame in Neonfarben blinkt, und Zonen, in denen nicht jederzeit Handys mit unterschiedlicher Lautstärke und Melodie loslärmen, Bereiche in Grünanlagen, in denen Stille herrscht, …

Es wäre schön und nicht zuletzt für jeden von uns ein Gewinn, sichere Ruheoasen überall in der Gesellschaft vorzufinden. Diese sollten dann gut ausgewiesen und ohne Überwindung weiterer Barrieren (nachfragen müssen, Schlüssel abholen,…) zu finden und zu nutzen sein.

Gleiches gilt auch für (Programm-)Abläufe und Strukturen von Veranstaltungen und Räumlichkeiten – diese sollten transparent gehalten sein und visualisiert werden.

Für das Einrichten eines beruhigten Rückzugsortes im privaten Bereich habe ich eine kostenlose Vorlage entworfen, die du dir hier anschauen und herunterladen kannst.

Arztbesuche

Für die meisten AutistInnen und ihre Angehörigen bedeutet das Bewältigen von Arztbesuchen eine ganz besondere Herausforderung.
Den Anfang nehmen die Schwierigkeiten bereits bei der Planung eines Termins und setzen sich fort über das Prozedere der Anmeldung vor Ort, das Warten bis hin zur Behandlung selbst.
Gerade für Personen mit einer sogenannten seelischen oder zusätzlich geistigen Behinderung sollte der Zugang zum Gesundheitssystem so leicht wie möglich gestaltet sein. Besonders sie sind es, die oftmals Hilfe benötigen und nicht wissen, wie sie die in unserem Land äußerst bürokratisch organisierten Abläufe bewältigen sollen.

Aus diesem Grund hatte ich bereits in der Vergangenheit eine Checkliste für Arztbesuche (bei den kostenlosen Materialien) erstellt, die Tipps für AutistInnen, Eltern und Ärzte mit Praxisteam enthalten.
Das Berücksichtigen der Anregungen würde ein großes Stück Barrierefreiheit im Bereich Autismus bedeuten.

Kommunikation mit Ämtern und Institutionen

Hier möchte ich den Aspekt des Telefonierens herausgreifen. Für viele AutistInnen ist das Telefonieren eine große Herausforderung, die viel Überwindung und Kraft kostet. Dabei gäbe es oftmals Alternativen zu Aufforderungen wie: „Rufen Sie Herrn soundso an“, oder „Ich rufe Sie dann im Laufe der nächsten Woche zurück.“
Diese für neurotypische Menschen gängigen Sätze sind für AutistInnen häufig viel zu unspezifisch und verwirrend.
Näheres dazu im Blogbeitrag „Ich rufe dann mal an“ – Telefonieren mit AutistInnen“. Dort finden sich weitere Hinweise auf Schwierigkeiten und Lösungsansätze.

Respektieren von Kompetenzen

Ich empfinde es als außerordentliche und völlig unnötige Barriere, dass es immer wieder zu Kompetenzgerangel unter AutistInnen, Eltern und Fachleuten kommt. Da werden Vorwürfe laut, der eine hätte keine Ahnung vom anderen, keine Fachkompetenz zum Thema und überhaupt keinerlei Berechtigung, etwas Qualifiziertes beizutragen. Dabei ist offensichtlich, dass jeder seine ganz eigene Kompetenz mitbringt und nur alle gemeinsam das Bestmögliche für AutistInnen erreichen können.

Wenn AutistInnen auf Assistenz bzw. Begleitung angewiesen sind, schmälert dieser Umstand in keiner Weise ihr Wissen, ihre Lebenserfahrung und ihre Fähigkeit sich zu engagieren und für die eigenen Belange und die Belange anderer Menschen aus dem Autismus-Spektrum einzutreten.

An dieser Stelle möchte ich dazu auf meinen bereits verfassten Beitrag „Autismus und Therapie – wie Eltern zu kompetenten Entscheidern werden“ verweisen. Dort wird das notwendige Zusammenspiel aller Beteiligten näher beleuchtet.

Individuell angepasste Bildungsmöglichkeiten

Über die Kämpfe um Eingliederungshilfe, Schulbegleitung und Nachteilsausgleiche könnte man ganze Bücher schreiben. AutistInnen, Eltern, Bezugspersonen und PädagogInnen sehen sich hier einem System gegenüber, das oftmals skeptisch und misstrauisch agiert, wenn entsprechende Anträge gestellt werden.
Anstatt davon auszugehen, dass sich alle freuen würden, wenn diese Anträge und Hilfen gar nicht erst notwendig wären, wird (subtil) unterstellt, dass Maßnahmen beantragt werden, um einen größtmöglichen Vorteil zu erzielen.

Diese Haltung empfinde ich als Barriere und zwar als eine enorm große.
Sie nimmt Kraft, weil sie bürokratischen Aufwand und Nervenkrieg nach sich zieht. Kraft, die an anderen Stellen viel sinnvoller eingesetzt werden kann.
Sie kostet Zeit und nimmt Kontinuität – qualitativ angemessen betreute Zeit, die unsere Kinder für ihre Entwicklung brauchen, und Kontinuität, die ihnen Stabilität und Vertrauen ermöglicht: Grundlagen für eine nachhaltig positive Entwicklung und damit im Interesse aller Beteiligten, auch der Kostenträger.

Ich wünsche mir sehr, dass diese Barriere verschwindet, und – wie schon an einigen vorbildlichen Stellen praktiziert – insgesamt wohlwollender und individueller auf die Bedürfnisse von autistischen Kindern und Erwachsenen in Bildungseinrichtungen eingegangen wird.
Dabei müssen Entwicklungen in alle Richtungen berücksichtigt und nicht nur Ist-Zustände beurteilt werden, ohne allerdings Betroffene zum Beispiel mit ständig neuen Verifizierungsanforderungen von Diagnosen zu schikanieren.

gesellschaftliche Konventionen

Wie oft benutzen wir das Wörtchen „man“?
Hinter diesem „man“ verbirgt sich meistens das, was wir im Großen und Ganzen innerhalb unseres Kulturkreises als sogenanntes „gutes Benehmen“ oder übereinstimmende Werte begreifen. Eine vermeintliche Mehrheit hat dies irgendwann einmal bewusst oder unbewusst definiert und so werden sie von Generation zu Generation weitergeben – manche Konventionen halten sich stabil, andere verändern sich übereinstimmend mit dem Zeitgeist. Und immer gibt es auch Gruppen, die sich mit bestehenden gesellschaftlichen Regeln nicht wohlfühlen.

Solange niemand Nachteile davon trägt, niemand verletzt oder diskriminiert wird, wenn ein anderer diese „Regeln“ für sich nicht als sinnvoll erachtet, sollten sie nicht zu Barrieren werden.
Wenn mir jemand nicht die Hand geben möchte, sondern mir vielleicht lieber nur freundlich zunickt oder einfach „Guten Tag“ sagt, dann ist das vollkommen in Ordnung (vielleicht setzt es sich seit der Corona-Pandemie durch….)
Wenn mir jemand nicht gerne in die Augen sieht, sondern lieber aus dem Fenster schaut, während er sich mit mir unterhält, dann ist das auch in Ordnung. Die Aufmerksamkeit, die einem von einer Person zuteil wird, hängt von weiteren Faktoren ab und sollte nicht auf diesen Blickkontakt reduziert werden.
Wenn jemand keine Lust hat, sich mit mir über die Wettervorhersage zu unterhalten, sondern es vorzieht, lieber zu schweigen als ein solches Small-Talk-Thema zu bedienen, ist auch das in Ordnung.
Tut es mir weh? Diskriminiert es mich? Beschneidet es meine Freiheit? Drei mal „Nein“.

Ich wünsche mir, dass es hier mehr Toleranz gibt und das Andere als Bereicherung und Möglichkeit angesehen wird, vielleicht sogar eigene Handlungsmuster überdacht werden.

Vollständige Barrierefreiheit gibt es nicht

Viele der genannten Möglichkeiten, Barrieren abzubauen und AutistInnen sowie ihren Familien das Leben innerhalb der Gesellschaft zu erleichtern, bringen einen großen Gewinn an Lebensqualität.

Die pauschale Floskel, dass man generell behindert wird, aber nicht behindert ist, ist meiner Meinung nach jedoch nicht richtig. Es bleiben Einschränkungen, für die kein Mitmensch und keine Gesellschaft etwas kann – nämlich Einschränkungen, die Behinderungen an sich mitbringen.
Zum Beispiel kann niemand etwas dafür und niemand kann etwas daran ändern, dass es meinem Kind bei strahlendem Sonnenschein schlecht geht. Die Sonne wird weiter scheinen, wenn sie am Himmel steht und keine Wolke in Sicht ist.
Auch kann niemand etwas dafür, wenn mein Kind nicht gut in der Lage ist, das Haus zu verlassen, weil im Frühling zu viele Vögel zwitschern. Die Vögel werden weiter ihre Nester bauen und ihren Nachwuchs ausbrüten.
Wenn dann noch dazu kommt, dass Hilfsmittel wie Sonnenbrille und Gehörschutz als Fremdkörper verweigert werden, wird es schwierig, auch im Kleinen (z.B. innerhalb der Familie) Barrierefreiheit zu gewährleisten.

Manche Dinge kann man ändern, manche eben nicht. Und dann kommt die Akzeptanz der eigenen Situation – ob als AutistIn, Eltern oder Familie – ins Spiel.
Das Annehmen einer besonderen Lebenssituation aufgrund einer Behinderung, mit der man sich arrangiert, ohne dem vermeintlichen Idealbild der Normalität hinterherzulaufen und ohne für jedes Detail seine Mitmenschen und die Gesellschaft verantwortlich zu machen. Wenn du dir darüber viele Gedanken machst und dich dazu gerne innerhalb einer geschützten Gemeinschaft austauschen möchtest, schau mal hier.

Aus der Akzeptanz der eigenen Lebenssituation inklusive Chancen und Grenzen folgt das selbstbewusste Einfordern von Barrierefreiheit in Bereichen, die durchaus in gesellschaftlicher Verantwortung liegen und der im Sinne einer inklusiven Gesellschaft unbedingt nachgekommen werden muss.

Belege den Basiskurs Autismus
Informationen findest du HIER oder per klick auf das Kurslogo

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wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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Es ist immer wieder überwältigend, was wir als Eltern autistischer Kinder bedenken, organisieren und verarbeiten müssen. Neben viel Wissen und Erfahrungen, die du hier im Blog findest, ist eine solidarische Gemeinschaft unglaublich hilfreich. Das Forum plus ist ein geschützter Bereich nur für Eltern autistischer Kinder. Hier findest du außer praktischen Tipps viel Verständnis und Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie Du.

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