„Ich rufe dann mal an …“ – Telefonieren mit AutistInnen

Ich rufe Dich am Wochenende dann mal an!“, rufe ich meiner Freundin Klara hinterher. „Ja, ok.“, schallt es zurück und so trennen sich nach dem Sport unsere Wege wieder für eine Weile.

Diese lockere und unverbindliche Verabredung zu einem Telefonat wäre mit meiner Telefonanderen Freundin Susa nicht möglich. Sie ist Autistin und braucht klare Angaben darüber, wann ich anrufen werde. Ein „irgendwann“ oder „vielleicht“ bringt sie vollkommen durcheinander und deshalb mache ich inzwischen nur noch klare Aussagen, wenn wir ein Telefonat verabreden.

Ich fragte neulich einmal näher bei einigen Autistinnen nach, was denn genau das Schwierige am Telefonieren ist. Sie erklärten mir Folgendes:

Das Telefon befindet sich an einem Rückzugsort, dem Zuhause. Wenn es klingelt und man mit jemandem ein Gespräch beginnt, ist es so, als ließe man diese Person in das Privateste ein. Das ist bei Fremden nahezu undenkbar und ohne Vorankündigung auch bei bekannten Personen sehr schwer auszuhalten.
Manchmal ist auch nicht wirklich klar, warum jemand eigentlich anruft. Floskeln wie: „Ich wollte mich mal eben melden“, oder „ich wollte mal eben hören, wie es Dir geht“, erscheinen sinnlos, weil nicht wirklich eine konkrete Absicht hinter dem Anruf zu stecken scheint.

Weiter wurde mir erklärt, dass aufgrund der Tatsache, dass man während eines Telefon2Telefongesprächs sein Gegenüber nicht sehen kann, Vieles noch schlechter einzuschätzen ist als sowieso schon bei normalen Gesprächen. So können zum Beispiel Pausen eintreten, die man schwer deuten kann, weil keine weiteren Signale wie Mimik oder Körperhaltung als Interpretationshilfe hinzukommen.
Nun könnte man einwenden, dass viele Autisten doch sowieso Probleme haben, Mimik und Gestik zu deuten und es daher nicht entscheidend ist, dass diese Faktoren wegfallen. Aber dazu wurde mir schlüssig erklärt, dass man mit der Zeit natürlich dazulernt und dann weiß, wie manche Mimik und Gestik zu deuten ist. Diese Interpretationshilfe fehlt dann komplett, wenn man bei einem Gespräch nur noch die Stimme als Anhaltspunkt hat.

Überschneidungen oder Unterbrechungen im Gesprächsverlauf bringen den Sprachrhythmus dermaßen aus dem Takt, dass der Gesprächsfaden droht, vollkommen abzureißen – das Gespräch verstummt dann vollends.

Dazu kommt, dass Hintergrundgeräusche möglicherweise so sehr stören, dass man den Anderen noch weniger verstehen kann. Missverständnisse und Situationen, in denen immer wieder nachgefragt werden muss, sind dann vorprogrammiert.

Außerdem stellt sich automatisch ein Gefühl der Unterlegenheit ein, weil man als autistischer Gesprächspartner ständig kompensieren muss. Das nimmt die Energie und die Konzentration für das eigentliche Gespräch und kann sehr schnell unangenehm werden.

Besonders schlimm ist es natürlich bei fremden Gesprächspartnern am Telefon, bei denen man keinerlei Erfahrungswerte hat, was Gesprächsverläufe angeht. Zu den zuvor genannten Faktoren kommt dann noch die Ungewissheit hinzu, auf welche Art zu kommunizieren man sich in dem Moment eingelassen hat. Selbst wenn das Gespräch positiv verläuft, hemmt diese Ungewissheit, die eine fremde Person automatisch mit sich bringt, die Fähigkeit Informationen aufzunehmen. Anrufe bei Behörden, die naturgemäß sehr anonym ablaufen, werden damit zu einer nahezu nicht zu bewältigenden Aufgabe.

Ein weiteres Problem ist die Frage, wie man ein Telefongespräch beendet, ohne dabei unhöflich zu sein. Es kommt einer Form von Kontrollverlust gleich, wenn man nicht einschätzen kann, ob der andere fertig ist mit dem, was er sagen wollte oder ob noch etwas Wichtiges zu erwarten ist. Wer beendet das Gespräch und wie stellt man es am besten an? Und dieser Kontrollverlust findet dann auch noch im eigenen geschützten Zuhause statt – das ist ernüchternd und frustrierend.
Bei meinen Gesprächen mit Susa war es anfangs einige Male so, dass sie mir offen sagte: „Ich würde jetzt eigentlich gern aufhören, aber ich weiß nicht, wie ich es Dir sagen soll.“ Wir Nicht-Autisten verwenden dann oft Floskeln wie: „Ich werde dann mal wieder arbeiten.“ Oder „Ich habe noch einen Termin.“, oder wir sagen einfach „na dann…“. Aber selten sagen wir: „Ich möchte jetzt aufhören zu telefonieren.“ Mir wurde das auch erst durch den Kontakt mit Susa wirklich bewusst.

Problematisch ist auch die Tatsache, dass bei einem eigenen Anlauf zu telefonieren der Angerufene eventuell nicht da ist und sein Anrufbeantworter sich meldet. Selbst wenn man dann einfach auflegt, muss man damit rechnen, unerwartet zurückgerufen zu werden, weil der Andere die Nummer in seiner Anruferliste sehen kann. Das Damit-rechnen-müssen, dass irgendwann jemand vielleicht zurückrufen wird, ist dann unerträglich.

Eine Autistin erklärte mir, dass sie schon gefragt wurde, warum sie manchmal telefonieren kann und manchmal nicht. Diese Frage sei ihr sehr unangenehm, weil ihre autistische Behinderung sie nicht jeden Tag gleich beeinträchtigt. Je nach Tagesform schafft sie es manchmal besser, manchmal schlechter, sich auf eine Situation am Telefon einzulassen. Dann wird es schwer, jemandem zu erklären, warum es an einigen Tagen gar nicht geht. Die unsichtbare Behinderung Autismus sei bei diesen Fragen schwer zu vermitteln.

Insgesamt habe ich aus den Erklärungen mitgenommen, dass es mit vertrauten Personen leichter ist zu telefonieren, aber deshalb trotzdem eine anstrengende Art zu kommunizieren bleibt.

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Info

 

Manchmal ist ein Telefonat unumgänglich.
Ich denke, dass wir als Nicht-Autisten (besonders auch Menschen, die beruflich mit Autisten zu tun haben und Telefonate zu diesem Kontakt dazu gehören) es unserem autistischen Gesprächspartner etwas leichter machen können,
wenn wir Folgendes beachten:

 

  • wenn möglich, vorher einen Zeitpunkt für das Telefonat festlegen
    (Vertrauen kann sich nur aufbauen, wenn man wirklich niemals außerhalb dieser Vereinbarungen anruft)
  • den Grund des Anrufs nennen
  • nicht allgemein fragen: „Wie geht`s?“
  • klare Aussagen treffen
  • deutlich sagen, wenn man etwas traurig, lustig, ärgerlich, besonders wichtig usw. findet, weil der autistische Gesprächspartner dies an der Tonlage nicht unbedingt erkennt
  • keine Ironie verwenden
  • kein Smalltalk
  • Hintergrundgeräusche ausstellen (Radio, Fernseher, Küchengeräte, piepsende Drucker o.ä.), (nicht nebenbei die Spülmaschine ausräumen)
  • eventuell beim Beenden des Gespräches helfen und das Ende ankündigen oder deutlich fragen, ob alles Wichtige gesagt ist
  • bei „offiziellen Gesprächen“ anbieten, per Mail noch Informationen nachzureichen, die evtl. im Telefonat vergessen wurden bzw. nicht gesagt werden konnten
  • ggf. einen neuen Termin vereinbaren

7 comments

  • Zarinka

    „sein Gegenüber nicht sehen
    Hintergrundgeräusche
    Tagesform“

    Ich mag es absolut gar nicht wenn mein Festnetz-Telefon mir (durch Klingeln) einen Anrufer ankündigt (egal um welche Tageszeit es sich handelt)…der Klingelton gibt mir ja keine Hinweise darauf um wen es sich bei diesem Anrufer handelt, er sagt mir nur dass es da jemanden gibt der irgend etwas von mir will.

    (Zwar wird oft eine Nummer angezeigt, aber da benötige ich sehr lange Zeit bis ich begreife wessen Nummer da angezeigt wird. Manchmal aber wird auch keine Nummer angezeigt, und dass löst bei mir dann Stress aus.)
    Hinzu kommt dann oft auch noch, dass es sich manchmal um Menschen handelt die sich einfach nur verwählt haben…oder die mir am Telefon irgend etwas andrehen wollen…oder die angeben dass es sich um eine Umfrage handelt…oder was sonst auch immer sich da gerade am anderen Ende der Leitung befindet.

    Beim Handy ist es da schon etwas anders, denn da kann ich zumindest für bestimmte Personen jeweils einen bestimmten Klingelton zuweisen…so weiß ich wenigsten schon mal wer mich da gerade anruft.
    Da ich jedoch (was jetzt die üblichen unterschiedlichen Klingeltöne angeht) große Schwierigkeiten habe einen Unterschied herauszuhören, habe ich für besagte Personen verschiedene Lieder festgelegt…so „Sehe“ ich den Anrufer also quasi schon vor mir.

    Was außerdem für mich auch noch wichtig ist (wenn mich jemand über das Festnetz-Telefon anruft):
    Langsam sprechen und Deutlich sich mit seinem Namen melden. Mit „hallo ich bin es“ fange ich absolut nichts an…denn ich kann das andere ICH ja nicht sehen. Und mit „Ich wollte mich mal schnell hören lassen“ könnte ich nun absolut nichts anfangen. Das würde einfach nur dazu führen dass ich (nachdem ich besagte Person gehört habe) das Telefonat beenden würde. (Habe ja denjenigen gehört…so mit war es dann auch schon für mich.)

    Irgendwelche Späße seitens eines Anrufers könnten ebenfalls dazu führen dass ich das Telefonat sofort beende…erst recht wenn man mich gerade bei einer interessanten Sache oder Beschäftigung stört.

    So ist es mal meinem eigenen Sohn ergangen der mich über Festnetz anrief und etwas spaßig drauf war. Dreimal versuchte er hintereinander mich erneut zu kontaktieren, und dreimal habe ich wortlos wieder aufgelegt. Beim vierten mal sagte er dann: „Warum legst du denn jedes mal wieder auf wenn ICH anrufe?“
    Ich darauf dann zu ihm: „wer ist denn ICH?“ Und er dann: „na ICH, dein Sohn XY“
    Tut mir leid, aber ich habe dich nicht an der Stimme erkannt…hättest du gleich deinen Namen genannt hätte ich nicht aufgelegt.

    Ich bin also schon in der Lage auch zu telefonieren, jedoch muss sich der Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Leitung, möglichst ganz auf mich konzentrieren und sich auf mich einstellen…anders herum klappt das nicht.

    Er darf möglichst keine zusätzlichen Aktivitäten ausführen die mich in irgendeiner Weise zusätzlich belasten. Oder aber er weist mich rechtzeitig darauf hin dass er jetzt eben noch das und dies tut und es dadurch eventuell etwas lauter oder unruhiger werden könnte.

    So habe ich in etwa noch die Möglichkeit rechtzeitig zu reagieren.

    So viel jetzt von meiner Seite was (mich persönlich) das telefonieren angeht.

  • Atti Drehtor

    Exakt.

  • Sarah

    Telefonieren ist für mich ein graus,weil entweder spricht der gegenüber zu leise oder nuschelt oder ich rede zu schnell und man fragt mich ob ich gestresst bin.

    Wie gerne würde ich dem gegenüber sagen,ja klar ich MUSS gerade Telefonieren dass ist streß pur.

  • Marco

    Unerträglich ist auch, wenn es z.B. bei Anrufen aus dem Mobilfunknetz ins Festnetz zu zeitlichen Verzögerungen im Gesprächsfluss kommt. Das führt zwangsläufig zu Unterbrechungen, die den Stresspegel noch zusätzlich erhöhen. Wenn man seine eigene Stimme dann noch als Rückkopplung etwas zeitversetzt im eigenen Telefonhörer hört, ist der Albtraum perfekt.

  • IAn Holler

    Mit dem ich rufe mal am Wochenende an kann ich auch nicht entspannen. ICh bin das ganze Wochenende dann auf LAuerstellung, wenn der ANruf kommen kann, und trau mihc dann oft nicht schnell noch auf Tilette zugehen, weil es ja klingeln könnte, obwohl ich einen AB habe. Dann irritieren mich auch NEbengeräusche sehr, aussre man sagt mir, was da im hIntergrund ist, damit ich es besser einordnen kann. oder, wenn einer auf LAutsprecher spricht, klingt das anders und ist unangenehm. iCh könnte auch verrückt werden, wenn der andere so abgehackt rüberkommt, wie bei eienr tonstörung. Vieles von obigen KOmmentaren, kann ich auch betsätigen.

  • Sonja

    Zitat: Manchmal ist ein Telefonat unumgänglich.
    Ich denke, dass wir als Nicht-Autisten (besonders auch Menschen, die beruflich mit Autisten zu tun haben und Telefonate zu diesem Kontakt dazu gehören)“

    Dem würde ich widersprechen. Telefonate sind absolut unnötig, man kann problemlos alles per Mail klären. Es ist doch nur wieder ein Übergehen der Bedürfnisse des anderen, wenn man meint, man müsse unbedingt telefonieren, und der andere müsse sich dann eben darauf einlassen und sich irgendwie überwinden, egal wie es ihm dabei geht. Es gibt nichts, was man nicht genauso schriftlich klären könnte, es bräuchte nur ein ganz klein wenig Entgegenkommen, auch mal auf die eigene bevorzugte Kommunikationsform zu verzichten, zugunsten von jemandem, der wirklich Schwierigkeiten mit dem Telefonieren hat.

  • Sarah

    Ganz schlimm sind auch Geburtstage.

    Ich liebe es, Karten per Post zu bekommen oder eine liebe Nachricht bei Whatsapp.

    Aber wenn mich jemand anrufen will.. Es ist der Horror. Man könnte mir kein schlimmeres Geschenk zum Geburtstag machen.

    Manchmal schreibe ich gerade selbst etwas am Handy und dann kommt ein Anruf und überlagert alles. Ich warte dann, bis es endlich wieder aufhört, weil ich auch niemanden wegdrücken möchte. Mein Stresslevel wird dann sehr hoch und ich möchte einfach nur weiter an dem Schreiben, was ich gerade getan habe.

    Im Büro versuche ich so viel es geht per E-Mail zu erledigen.

    Als Kind und Jugendliche hat meine Mutter mich oft gebeten, ans Telefon zu gehen. Manchmal war es meine Oma, die dann etwas wollte. Ich habe dann aufgelegt und meiner Mutter berichtet. Sie fragte mich dann oft, ob meine Oma aufgeregt war oder krank klang. Ich konnte mit solchen Fragen nie etwas anfangen. Das hat meine Mutter immer sehr geärgert.. Dadurch war ich dann frustriert, weil ich es noch weniger verstanden habe.

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