„Es ist manchmal hart mit den schlaflosen Nächten, wenn die Kinder klein sind. Aber irgendwann ist es vorbei und alle Kinder schlafen durch.“
Diesen Satz lese ich als Kommentar unter einem Beitrag auf einer anderen Seite und wieder mal ärgere ich mich darüber – darüber, dass andere Mütter, Eltern, quasi die Gesellschaft davon ausgeht, dass man da einfach durch muss und irgendwann alles normal sein wird.
Das Thema „Schlaf“ ist dabei nur symptomatisch für noch weitere Themen wie Sauberkeitserziehung, Selbstständigkeit beim Essen, Umgang mit Medien, Knüpfen von Freundschaften oder der Möglichkeit, ohne Unterstützung eine Schule zu besuchen.
„Das geht vorbei. Irgendwann ist alles normal“, bekommt man so oft zu hören und in mir sträubt sich dann immer alles.
Manche wissen es einfach nicht besser.
Manche sagen sowas unbedarft vor sich hin.
Manche verschließen wissentlich die Augen.
Manche wollen einfach nur trösten.
Ja, so könnte man über solche Äußerungen denken und hinweg gehen und vielleicht sogar noch darüber lächeln. An manchen Tagen gelingt mir das auch und dann denke ich einfach nur „wenn Du wüsstest…“, aber an anderen Tagen gelingt es mir nicht und ich werde sauer darüber, dass die meisten Menschen ganz automatisch davon auszugehen scheinen, dass sich alle Probleme und Herausforderungen mit der Zeit lösen werden und einpendeln.
Nein, so ist das nicht. Manches bleibt und Eltern autistischer Kinder müssen damit zurechtkommen, möglichst eine gelassene Haltung entwickeln, um nicht zu viel Energie darauf zu verschwenden, mit Situationen zu hadern, die sich nicht ändern lassen.
Und bis hierher gelingt es auch vielen, sich ihr Leben so einzurichten, dass sie mit den besonderen Umständen, die ein Leben mit autistischem Kind mit sich bringen kann, zurechtkommen.
Aber dann ist es oftmals so, dass von außen interveniert wird – man mache etwas falsch, man müsse konsequenter erziehen, jeder könne dies und das lernen, … und das ist der Punkt der wütend macht, denn viele Eltern autistischer oder behinderter Kinder empfinden das als äußerst übergriffig.
Zurück zum Kommentar, den ich lesen durfte: „Irgenwann ist es vorbei und alle Kinder schlafen durch.“
Nein – ist es nicht!
Es gibt Familien mit autistischen Kindern, die auch noch mit ihren Teenagern und erwachsenen Kindern nachts wach sind, durchs Haus marschieren, wickeln, pflegen und manches Mal nicht mehr wissen, wie sie das auf Dauer schaffen sollen. Solche Kommentare wirken dann sehr ignorant, auch wenn sie nicht persönlich gemeint sind und man natürlich nicht alles auf sich beziehen sollte. Es trifft dann trotzdem in einem solchen Moment, weil diese Lebenssituationen in der Gesellschaft überhaupt nicht präsent zu sein scheinen und man sich nicht gesehen fühlt.
So schrieb es mir auch neulich eine Mutter: „Ich will nicht ständig darüber erzählen, was bei uns schwierig ist, denn ich will keine Jammerliese sein und es gibt ja auch so viel Schönes in unserem Leben. Aber manchmal regt mich dieser normale Jammermodus der anderen total auf. Sie haben einfach keine Ahnung.“
Oder ein Vater, der mir bei einer Lesung erzählte: „Meine Kollegen machen manchmal ihre Witze, weil ich so müde bei der Arbeit erscheine, obwohl ich doch gar kein Baby mehr habe. Wenn ich dann erkläre, wie unsere Nächte auch mit einem Zwölfjährigen aussehen, wechseln sie das Thema. Total ignorant ist das.“
Ich stehe nachts nicht mehr so häufig auf, wie das noch vor zwei Jahren der Fall war. Inzwischen ist Niklas 17 Jahre alt und etwa zwei bis drei Nächte in der Woche sind um drei Uhr zu Ende. Dann heißt es, mit ihm aufstehen, ihn beaufsichtigen und ihn beschäftigen, da er das nicht alleine kann und sich selbst gefährden würde.
Über jammernde Mütter mit Kleinkindern kann ich manchmal nur lächeln, obwohl ich ihre Belastung natürlich verstehe und sie verständlicherweise als solche empfunden wird.
Wenn meine Tagesform es nicht zulässt, gelassen zu reagieren, dann bin ich diejenige, die das Thema wechselt oder einfach weggeht, sofern es die Situation erlaubt.
Ihr lieben Eltern, die Ihr nachts immer noch mit größeren autistischen Kindern aufstehen müsst – es könnte sein, dass es nicht vorüber geht, da möchte ich Euch nichts vormachen. Bei uns ist es weniger geworden, hat sich auf zwei bis drei Nächte pro Woche reduziert, vielleicht ist das ein kleines Trostpflaster.
Viel Kraft Euch und alles Gute ♥
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Zum Weiterlesen:
Mit der Zeit wird alles einfacher – ist das wirklich so?
Dazu kann ich nur sagen: wie wahr….. bei uns ist es auch etwas weniger geworden (beide sind fast 8 und 9) aber trotzdem ist es so, dass ich seit 9 Jahren fast keine Nacht durchgeschlafen habe…
Ich könnte jetzt wieder ellenlang was schreiben dazu…ich kürze es ab und sag einfach DANKE für den Text. Wie immer spricht mir vieles, was ich da lese, aus der Seele. Diesmal besonders der Absatz, der von übergriffigen Interventionen von „aussen“ spricht, im Sinne von „man mache etwas falsch, man müsse konsequenter erziehen, jeder könne dies und das lernen“. Das ist etwas, diese Interventionen, davon ist man nie frei, das kommt ständig…wie unsagbar ermüüüüdend!!!!! Selbstverständlich haben die allerwenigsten dieser „Rartgeber“ davon selbst einen autistischen Menschen um sich. Oder sie befassen sich halt zB sonderpädagogisch rein beruflich damit und haben demzufolge „die Weisheit sowieso mit allen Löffeln“ ge….ach, sorry. Ich wollte mich gar nicht aufregen.
Und wenn dann auch noch wieder so eine schlaflosere Phase dazukommt…dann…O_o
Liebe Ella, vielen Dank für diesen Blog. Mein Sohn ist 3,5, noch nicht diagnostiziert, aber es wird eine ASS vermutet. Schlafen ist ein großes Thema für uns. Ich suche gerade nach Hilfe und Anregungen. Vielleicht hast du eine Idee für mich wo ich diese finden kann? Wir liegen bei unserem Sohn bis er einschläft (das kann lange dauern); Er schläft besser bzw. eher wieder ein wenn ich bei ihm schlafe und direkt reagieren kann wenn er wach wird (machen das Andere auch so oder muss mein Sohn lernen alleine zu schlafen – was auf meine Kosten geht da wir dann Nachts wach sind). Ich suche hier mal weiter nach Antworten. Vielen DAnk!
Liebe Sabine, vielen Dank für Deinen Kommentar. Auf Deine Frage gibt es keine pauschale Antwort, ich denke auch nicht, dass Dein Sohn irgendetwas „muss“. Handele nach Deinem Bauchgefühl und wenn Du das Gefühl hast, dass ihm möglicherweise Melatonin fehlen könnte, versuche es vielleicht damit. Gib doch bitte im Suchfeld auf Ellas Blog „Melatonin“ ein, da bekommst Du Beiträge angezeigt, es lohnt sich auch die Kommentare zu lesen, dann bekommst Du viele weitere Erfahrungen von Eltern zum Thema Schlafen zu lesen. Alles Gute und liebe Grüße :-)
Unsre Sohn, fast 27 Jahre, schläft z.Z. wieder mal sehr schlecht. Ich hab das Gefühl, ihm fehlt die Ruhe. Abends schläft er erst, wenn wir ins Bett gehen ein in dann ist er morgens schon ab 2, 3 oder4 Uhr munter. Zum Glück bleibt er im Bett, erzählt lacht und schaukelt manchmal. So können wir wenigstens noch ein wenig Füsse in, ein erholsamer Schlaf ist es nicht, aber besser als nichts. Auch tagsüber kommt er nicht zur Ruhe und ist dementsprechend unausgeglichen und aggressiv . Diese Zeiten hat er Meier wieder mal. Als Kleinkind schlief er dann nur in meinem Bett, wie ein Koalabär an meinen Rücken gekuschelt. Es ging aber immer wieder vorbei. Ich glaube, es wird im Moment auch wieder besser. Da müssen wir halt durch. Ich hab es auf seine Verlustängste geschoben, da er mit 3 Jahren erst zu uns kam. Hab es gar nicht so sehr mit seinem Autismus in Verbindung gebracht ( der ist ja sowieso erst mit 18 diagnostiziert worden).
Bei uns ist es genauso. Seit zwölf Jahren haben wir nicht durchgeschlafen und wie oft haben wir von, sogar Ärzten, die Leandra von Klein auf kennen zu hören bekommen, „sie müssen konsequenter sein“. Einen kleinen Moment zweifle ich dann an mir selber und dann denke ich „ihr habt überhaupt keine Ahnung“.
Genauso war es am Wochenende von Verwandten: Was? Sie schläft noch nicht durch? Seit wann? “
Äh…..seit 12 Jahren!
Ich hab dann oft keine Lust mehr mich weiter zu erklären. Leandra ist ein tolles Mädchen, gibt uns sooo viel, wir können so viel von ihr lernen. Richtig verstehen können uns eh nur gute Freunde oder andere betroffene Eltern, die sowas auch mitmachen.