Bestimmt kennen einige von euch diese Frage: „Was hat sich denn bei dir durch dein autistisches Kind verändert?“ Spontan denke ich dann: „Unglaublich viel“, aber wenn ich es erzählen möchte, dann weiß ich gar nicht, wo ich anfangen und aufhören soll.
Manches fällt mir auf Anhieb gar nicht ein, weil es so normal und alltäglich geworden ist. Und die Antwort auf diese Frage hat sich bei mir im Laufe der Jahre verändert, weil man einiges erst nach einer gewissen Zeit reflektieren kann.
Prioritäten verschieben sich mehr als ohnehin schon, wenn aus einem Paar eine Familie wird. Diesen Satz, den man werdenden Eltern sagt: „Hauptsache gesund“, sage ich so nicht mehr. Ich sage: „Hauptsache glücklich“. Im Laufe der Jahre habe ich so viele Familien mit Kindern, die sehr unterschiedliche Handicaps haben, kennenlernen dürfen. Es ist äußerst inspirierend für das eigene Leben zu sehen, worin individuelles Glück liegen kann…

Geduld haben und alles etwas langsamer angehen zu lassen, war noch nie meine Stärke. Ob ich wollte oder nicht, musste ich das für Teilbereiche meines Lebens lernen. Es gibt Bereiche, in denen ich mich umso mehr mit Tempo und Zielstrebigkeit austobe, aber was Niklas und das Familienleben angeht, durfte ich etwas mehr Gelassenheit gewinnen.
Kommunikation zu schätzen wissen – und zwar die Tatsache, sich überhaupt adäquat austauschen zu können, aber dabei auch zu überdenken, welche Werte mit Kommunikation vermittelt werden. Das ist etwas, für das ich früher keinen Blick hatte und für das ich nun sehr dankbar bin.
Ebenso habe ich Strukturen und Rituale als wertvoll kennengelernt – und zwar nicht nur für Niklas, sondern auch für mich selbst. Sie tragen dazu bei, die nötige Gelassenheit entwickeln zu können und auch im Denken Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen.
Als Elternteil eines behinderten Kindes hat man häufig das Gefühl, nicht genug zu tun, die Gelassenheit ist an solchen Tagen dahin und die Selbstkritik größer als alles andere. Die Verantwortung wiegt manchmal schwer und sorgt für das stetige Auf und Ab in in unserem Leben. Manchmal wünsche ich mir ein Stückchen von früherer Leichtigkeit zurück.
Ohne Niklas hätte ich Vieles nicht gelernt, nicht kennengelernt, vielen wunderbaren Menschen wäre ich nicht begegnet und ich hätte einige Entscheidungen in meinem Leben nicht getroffen, womit mir auch Vieles vorenthalten geblieben wäre. Ich hätte aber auch viel Schlimmes nicht erleben müssen, viele Tränen nicht geweint, manch Einschränkung nicht hinnehmen müssen, müsste gewisse Zukunftsängste nicht aushalten.
Aber das Wichtigste: ich hätte ihn nicht. Er und seine Schwester sind das Wertvollste in meinem Leben, keinen von beiden möchte ich jemals missen müssen.
Die Frage, was sich mit einem autistischen Kind verändert hat, habe ich in meinem Buch „Ein Kind mit Autismus zu begleiten, ist auch eine Reise zu sich selbst“ ausführlicher beantwortet, denn die Gedanken in diesem Beitrag sind natürlich nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Veränderungen ausmachen.
Außerdem sind im Buch viele Antworten anderer Eltern versammelt, die sich in einer Fragebogenaktion zum Buch einbrachten.
Gerne könnt Ihr auch in den Kommentaren schreiben, was sich bei Euch verändert hat. Das wäre sehr spannend.
Falls Du alles Wichtige zum Thema Autismus wissen möchtest, ist der „Basiskurs Autismus“ sicherlich eine Hilfe für Dich. Du kannst ihn jederzeit beginnen und bist bei diesem Onlinekurs auch örtlich flexibel.
