Petra im Interview: „Die Werkstatt hat meine Tochter überfordert.“

Bei Petras Tochter stand der Wechsel von Schule in eine neue Einrichtung an. Petra hatte große Bedenken, dass die Werkstatt eine Überforderung für Christine bedeuten würde. Und so kam es leider auch – heute besucht Christine eine Förderstätte und kommt langsam in ihrem neuen Umfeld an.

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Liebe Petra, Deine Tochter ist Autistin. Wie alt ist sie, welche Diagnose hat sie und wie zeigt sich der Autismus in ihrem Leben?

Christine ist 23 Jahre alt. Schon als als Kleinkind hat man gemerkt dass sie autistische Züge hat. Mit sechs Jahren wurde frühkindlicher Autismus diagnostiziert.
Ihr Autismus zeigt sich immer wieder anders. Im Moment räumt sie alles extrem auf. Sie braucht ihre festen Rituale, nur keine Änderungen.
Nähe mag sie nur, wenn es von ihr ausgeht. Menschen die sie nicht kennt ignoriert sie.

Deine Tochter besucht eine Heilpädagogische Förderstätte, war aber nach der Schule zunächst in einer Werkstatt. Wie ging es ihr dort?

Sie war in einer Betreuung innerhalb der Werkstatt. Die Gruppe war sehr groß und es wurden kleine Arbeiten erledigt (Eintüten von Schrauben).
Sie musste in der großen Kantine Mittagessen. Das waren für sie zu viele Menschen, zu laut, zu viele Anforderungen. Glücklicherweise haben die Betreuer sofort reagiert und eine neue Möglichkeit für sie gesucht.

Woran hast Du gemerkt, dass die Werkstatt nicht das Richtige für sie war?

Sie war extrem laut, hat viel geschrien und ich musste bei ihr schlafen. Sie hatte große Ängste.

Wie konntest Du bewirken, dass sie die Werkstatt verlässt und in einer Förderstätte aufgenommen wird?

Die Betreuerinnen haben sehr schnell gemerkt dass Christine da nicht hinpasst und haben sich auf die Suche nach einer anderen Gruppe außerhalb der Werkstatt gemacht. Das ging sehr schnell und ohne Probleme. Dort war gerade ein Platz frei geworden.

Wurdet Ihr als Eltern bzw. Du als Mutter in Entscheidungen miteinbezogen?

Ich hatte schon am Anfang meine Bedenken geäußert, dass die Werkstatt nicht das Richtige für sie ist. Aber erst als es dann darum ging, sie in die neue Gruppe zu integrieren, wurde ich miteinbezogen.

Was ist anders als in der Werkstatt? Welche Strukturen und Rahmenbedingungen kommen ihr entgegen?

Es sind jetzt nur vier Personen in der Gruppe. Sie arbeiten mit einer anderen, etwas größeren Gruppe zusammen, essen aber in den eigenen Räumen.
Es gibt einen Ruheraum. Es wird gebastelt, gemalt und viel gesungen. Hier wird viel mehr auf ihre persönlichen Bedürfnisse eingegangen.

Hat sie sich von der anstrengenden Zeit erholen können? Wie geht es Deiner Tochter jetzt?

Sie ist immer noch extrem unsicher und hat Angst. Morgens rennt sie aber schnell los, wenn ihr Fahrdienst sie abholt. Sie geht nicht mehr gerne in Kurzzeitpflege weil sie immer in meiner Nähe sein möchte und in ihrer Heilpädagogischen Förderstätte.

Was wünschst Du Dir für ihre Zukunft?

Ich wünsche mir, dass sie sich wieder sicher fühlt und weiss, dass wir sie lieben und sie bei uns wohnen bleiben darf . Es wäre auch schön, wenn sie wieder gerne in Kurzzeitpflege gehen könnte, damit ich etwas Freizeit habe.

Ist Dir sonst noch etwas wichtig zu sagen?

Ich finde es sehr schade, dass wir Eltern oft nicht ernst genommen werden und uns nicht zugetraut wird, dass wir nur das Beste für unsere Kinder wollen. Ich glaube, dass wir mehr über Autismus und unsere Kinder wissen als alle Fachkräfte zusammen.

Ich danke Dir sehr herzlich für das Schildern Eurer Erfahrung. Einmal mehr zeigt es, wie gut Du als Mutter wusstest, was Deine Tochter braucht. Alles Gute für Euch.

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Zum Weiterlesen:

Wenn der Weg in die Förderstätte führt

Niklas und sein erstes Praktikum im Erwachsenenbereich der Förderstätte

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