Paul sitzt im Wartezimmer und wippt mit dem Oberkörper hin und her. Dabei wedelt er mit den Händen, hält sich die Ohren zu und macht bei jeder Berührung von Rücken mit Stuhllehne ein kurzes „hm“.
Seine Mama Julia sitzt neben ihm und weiß, dass er wegen des Termins beim Arzt nervös ist. Dazu kommen die fremden Menschen im Wartezimmer, die ihn verunsichern und die jetzt erst recht starren, weil Paul sich so komisch verhält.
Aber Julia weiß, dass sie Paul bei seinem Stimming nicht unterbrechen darf. Im Grunde ist sie sogar stolz darauf, dass er sich auf diese Weise selbst regulieren kann und es schafft, diese für ihn belastende Situation durchzustehen.
Vor einigen Wochen waren sie auch beim Arzt gewesen. Dort spielte sich dieselbe Situation im Wartezimmer ab und eine andere Frau sagte: „Kann er das nicht mal lassen?“
Julia hatte geantwortet: „Nein, kann er nicht. Kommt er Ihnen zu nahe oder verletzt er Sie dadurch in irgendeiner Weise?“
„Nein, aber das nervt“, hatte die Frau geantwortet und bevor Julia weitersprechen konnte, hatte ein netter Herr neben ihr zu der fremden Frau gesagt: „Dann gehen Sie doch raus, wenn es Sie stört.“
Julia hatte sich sehr gefreut über die Einmischung des Mannes, denn sowas kommt selten vor.
Was ist Stimming?
„Stimming“ wird abgeleitet aus dem Englischen „Self-stimulating behavior“.
Demnach versteht man darunter ein „sich selbst stimulierendes Verhalten“.
Konkret kann das zum Beispiel das Wiederholen von Bewegungen sein wie hin- und herwippen, auf und ab laufen, sich drehen, mit dem Fuß wippen, mit den Händen flattern, mit dem Kopf vor und zurück wackeln oder auch bestimmte Geräusche und Töne wiederholen, usw.
Aber auch das ständige drehen, klopfen und bewegen mit oder von Gegenständen kann gemeint sein.

Schutz vor Reizüberflutung
Stimming sieht man sehr häufig bei AutistInnen. Sie versuchen zum Beispiel sich damit zu konzentrieren, Reize zu filtern oder zu überlagern, sich zu beruhigen oder Ängste und andere intensive Gefühle auszuhalten bzw. schwierige Situationen zu überstehen.
Stimming ist im DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) auch als ein Symptom bei den Diagnosekriterien für das Autismus-Spektrum aufgeführt.
Vielleicht kennt es auch mancher von sich selbst, wenn man aus Nervosität auf einem Blatt herumkritzelt, mit dem Stuhl wippt oder sich auf der Lippe herumbeißt. Der Unterschied zum Stimming bei AutistInnen ist jedoch meist die Art der Bewegungen, die Intensität und vor allem die Notwendigkeit dieses Verhaltens.
Denn für viele AutistInnen ist es zum Beispiel eine notwendige Schutzfunktion, um nicht in einen Meltdown zu kommen.
Was sagen AutistInnen dazu?
„Überschwengliche positive und negative Gefühle kann ich durch Stimming kanalisieren. Stimming schützt mich und damit auch andere vor impulsiven Reaktionen.“
„Es hilft mir, die vielen Sinneseindrücke, die täglich auf mich einwirken, zu regulieren.“
„Manchmal wirken so viel Geräusche und Gerüche auf mich ein, dass ich mich nicht mehr orientieren kann. Stimming hilft mir dabei, ruhiger zu werden.“
„Vielleicht kann man es mit dem Füßewippen oder Fingernägelkauen oder Mit-dem-Kugelschreiber-klicken bei neurotypischen Menschen vergleichen. Ich weiß es nicht, da ich Autistin bin. Für uns Autisten sind diese Dinge absolut notwendig und nicht nur ein Tick.“
„Stimming ist für mich wie Essen und Trinken. Man darf es mir nicht wegnehmen.“
„Ich stimuliere mich selbst, wenn ich erleichtert bin, eine Situation überstanden zu haben.“
🌿10 Gedanken, die dir nach der Autismus-Diagnose deines Kindes helfen können.🌿
Mit deiner Anmeldung schenke ich dir den Zugang zu einer besonderen Seite.
Und weil niemand alles allein schaffen muss, erhältst du von mir regelmäßig
Blog-Post mit neuen Beiträgen, Impulsen und Angeboten
(Du kannst dich jederzeit mit nur einem Klick wieder abmelden.)
Deine Anmeldedaten, deren Protokollierung, der Mailversand, sowie statistische Auswertungen des Leseverhaltens, werden über Active Campaign verarbeitet. Mehr Informationen dazu erhältst du auch in meiner Datenschutzerklärung. Am Ende von jedem Newsletter besteht die Möglichkeit, sich von diesem wieder abzumelden.
Selbstverletzendes Verhalten umleiten und verhindern
Stimming kann allerdings auch aus einer sogenannten Reizunterforderung entstehen. Manche AutistInnen versuchen dann über heftige Eigenimpulse den eigenen Körper wahrzunehmen. Manchmal entsteht selbstverletzendes Stimming aus unterdrückter Wut oder wegen Missverständnissen, die den/die AutistIn verzweifeln lassen.
Oder das sensorische Empfinden ist so gering ausgeprägt, dass es deutlich stärkere Impulse braucht, um sich überhaupt wahrzunehmen. Dabei kann das Schmerzempfinden deutlich herabgesetzt sein, so dass ein möglicher Schmerz erst zu spät vor einer Verletzung warnt.
Dieses selbstverletztende Verhalten (Kopf gegen die Wand schlagen, sich beißen, Haare rausreißen, in den Augen bohren, …) sollte im besten Fall bereits im Vorfeld verhindert und/oder umgeleitet werden.
Hier sind dann vor allem die Bezugspersonen gefragt, die möglichst schon vorab erkennen sollten, wann eine Situation einzutreten droht, aus der eine Reizüberflutung und daraus wiederum selbststimulierendes Verhalten resultieren könnte, das aufgrund des Overloads so heftig ist, dass Selbstverletzungen die Folge wären.
Anregungen für diese „Vorarbeit von Bezugspersonen“ findet Ihr im Artikel Overlaod / Meltdown / Shutdown – was ist das?
Verhalten umzulenken, ist etwas, für das man gute Ideen und Geschick benötigt. Wenn man den/die AutistIn gut kennt, wird man aber sicherlich Strategien entwickeln können, die greifen.
Niklas bohrt zum Beispiel in seinen Augen, wenn er aufgeregt ist. Manchmal hilft es und es bringt ihn sogar ab und zu zum Lachen, wenn ich dann sage: „Ach nein, doch nicht schon wieder die armen Augen. Steh mal auf und hüpf so hoch Du kannst.“ Damit sind wir bei einem anderen Thema, einem anderen Reizkanal, einer anderen Bewegung und oftmals (nicht immer) weg vom Augen bohren.
Dann gibt es noch das, was wir zuhause seit 15 Jahren „Popokreiseln“ nennen. Andere würden wohl „Breakdance“ sagen ;-) Niklas praktiziert das seit seinem zweiten Lebensjahr und hat mit diesem „Talent“ schon einige Ärzte dazu gebracht, zur Videokamera zu greifen. Er kreiselt und kreiselt und kreiselt und steht dann einfach auf und läuft geradeaus. Unfassbar! Und für ihn eine Selbststimulation, die ihm hilft Reize zu verarbeiten und ihm meistens gute Laune bringt.
Rahmenbedingungen anpassen
Grundsätzlich hilft es aller Erfahrung nach nicht und ist auch nicht ratsam, Stimming einfach zu verbieten oder abzutrainieren.
Bei den meisten AutistInnen ist Stimming Bestandteil ihres gesunden autistischen Verhaltens, das meiner Meinung nach von der Außenwelt als solches akzeptiert werden sollte.
Wenn es zu intensiv stattfindet und andere funktionale Handlungen nicht mehr ermöglicht, kann man versuchen, es Stück für Stück umzulenken, ohne dieses Umlenken jedoch an Bedingungen und Konsequenzen zu knüpfen.
Wenn es um bedenkliches und selbstverletzendes Verhalten geht, sollte zunächst das Umfeld die Rahmenbedingungen (Einrichtung, Geräusche, Lautstärken, Abläufe, Kommunikation) so verändern, dass ein Miteinander ohne übermäßige Reizüberflutung möglich wird. Möglicherweise sind auch (zeitweise) Hilfsmittel wie z.b. ein Helm notwendig.
Also bitte akzeptieren, wenn AutistInnnen Stimming brauchen, um Situationen zu überstehen und sich selbst zu regulieren. Es ist notwendiger Bestandteil ihres Verhaltensrepertoirs.
Belege den Basiskurs Autismus
Informationen findest du HIER oder per klick auf das Kurslogo
