
Bestimmt kennt Ihr diese Situationen auch, in denen andere von außen in die Erziehung reinreden, ihre ungebetenen Ratschläge verteilen und dann zum Beispiel äußern: „Das sollte er jetzt aber mal versuchen.“ Oder „Kann er sich nicht mal überwinden und seine Wohlfühlzone verlassen?“ Oder „Ich finde es schade, dass er dies und das nicht macht. Es würde ihm bestimmt Freude machen, wenn er sich überwindet.“
Wirklich?
Wer bestimmt das?
Wessen Maßstäbe sind das?
Natürlich finde ich es auch schade, dass manches einfach nicht geht. Aber nur weil ich das schade finde, muss ich meinem autistischen Kind nicht meine Sicht von Vergnügen, Erfüllung und Grenzen überwinden aufdrücken.
Und auch andere Menschen sollen das endlich lassen.
Viele Eltern, die ich mittlerweile kennengelernt habe, sehen das ganz genauso und kämpfen ständig dagegen an, dass Außenstehende ihren Kindern Aktivitäten oder das Ausweiten von Grenzen diktieren wollen, die diese aber nicht nur nicht wollen, sondern nicht verkraften können.
Es geht nicht nur darum, dass dazu keine Lust vorhanden wäre, sondern es geht darum, dass manches schlicht nicht geht, weil die Reizüberflutung zu groß wäre und weil der Preis dafür einfach zu hoch ist.
Denn – klar – man könnte manche Unternehmung einfach mal durchziehen, Geschrei, Getrampel, Ohrenschlagen und dergleichen in der Hoffnung ignorieren, dass er sich schon irgendwann ausgetobt und beruhigt haben wird.
Aber dass das ruhiger werden mit Resignation und Erschöpfung zu tun hat und stunden-, tage-, wochenlange Auswirkungen nach sich zieht, das kann sich kein Außenstehender vorstellen. Und dass ein solch ignorantes Verhalten Vertrauen zerstört, das behutsam aufgebaut wurde, das verstehen auch viele nicht.
„Ach, es wird so schlimm schon nicht sein.“
„Sieh doch nicht so schwarz, sowas habe ich noch nie erlebt.“
Ja – genau – weil viele nur einzelne Lebensbereiche sehen und nicht miterleben, wie sich die Verzweiflung und Erschöpfung auf weitere Bereiche überträgt, wie lange es dauert, bis wieder ein Level erreicht ist, auf dem Kind, Eltern und die gesamte Familie einen guten Alltag leben können.
„Manches muss man einfach mal ausprobieren“, höre ich.
Nein – muss man nicht – ich muss auch nicht alles mal ausprobiert haben. Und auch mein autistischer Sohn nicht.
Das habe ich zu respektieren und das haben auch Außenstehende zu respektieren!
Das zu äußern, macht Eltern nicht zu überfürsorglichen Helikoptereltern, sondern zeigt, dass sie verantwortlich handeln, aus Fehlern lernen und die Bedürfnisse ihrer Kinder ernst nehmen.
Ich wünsche mir, dass das erkannt und respektiert wird und nicht immer wieder nichtautistische Maßstäbe an mein Kind und viele andere Autisten herangetragen werden.
Häufig geht es darum, Brücken zu bauen und Alternativen anzubieten. Das sollte gerade in einer inklusiven Gesellschaft etwas sein, um das man nicht extra bitten muss.
Zum Weiterlesen:
Barrierefreiheit für Autistinnen und Autisten