Interview mit Ina Eichholz, Leitung eines Autismus-Therapie- und beratungszentrums: „Wir sehen unsere Klienten nicht als Patienten, die krank sind.“

Schild am Haus "Autismus-Therapie-Zentrum"
©Ina Eichholz

Ina Eichholz leitet das Autismus-Therapie- und -beratungszentrum in Netphen und gibt in ihrem Interview Einblick in ihren Berufsalltag, ihre Haltung gegenüber Autist_innen und deren Familien und gibt eine Einschätzung darüber, wo dringend Verbesserungen nötig sind.

Liebe Ina, Du leitest ein Autismus-Therapie- und -beratungszentrum. Wie kann man sich einen typischen Arbeitstag von Dir vorstellen?

Foto von Ina Eichholz
©Ina Eichholz

Einen typischen Arbeitsalltag gibt es nicht. Aktuell kümmere ich mich um die Themen Datenschutz, Versicherung, Vermietungen, Kostenkalkulationen, Angebotserstellung, Personalangelegenheiten, Neueinstellungen, Wartungsverträge…
All solch „langweiliges“ Zeug. Das sage ich mit einem Lächeln, denn das bleibt nicht so. Ich arbeite mich ja gerade noch ein, weil ich erst seit Oktober 2018 das Autismus-Therapiezentrum leite.
Denn neben dem „langweiligen Zeug“ sehe ich es als meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen langfristig gut und zufrieden arbeiten können, um auch unseren Klienten langfristige therapeutische Beziehungen gewährleisten zu können.
Dazu gehört ein regelmäßiger Austausch mit den KollegInnen/ TherapeutInnen und mit den VerwaltungsmitarbeiterInnen, ggf. Anpassungen der Arbeitsorganisation oder der gesamten Organisation in Abstimmung mit den Kostenträgern.

Welche Ausbildung hast Du für diese Aufgaben mitgebracht? Wie kamst Du zur Leitung des ATZ?

Ich bin Diplom-Pädagogin und arbeite seit 20 Jahren mit und für Autisten. Da ich seit etlichen Jahren selbstständig/freiberuflich arbeite, bringe ich das nötige betriebswirtschaftliche Basiswissen für die Position mit.

Wie kamst Du überhaupt mit dem Thema Autismus in Berührung?

Als ich 16 Jahre alt war, habe ich ein Schulpraktikum in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gemacht. In der sog. Tagesförderstätte stellte man mir einen jungen Mann vor, der taub und stumm war.
Während des Praktikums fiel mir aber auf, dass er beispielsweise zur Eingangstür schaute, wenn die sich öffnete und äußerte meinen Anleiterinnen gegenüber, dass ich die Diagnose „taub“ bezweifele. Die Anleiterinnen versuchten sich in haarsträubenden Erklärungen, zum Beispiel dass er den Luftzug spüre, den die sich öffnende Tür verursache…

Der junge Mann hatte mein Interesse geweckt und ich beschäftigte mich mit seiner Akte in der ich zum ersten Mal das Wort „Autismus“ las. Um mehr über Autismus zu lernen, kaufte ich mir mein erstes Buch dazu. Das war in 2000.
Seitdem habe ich meine komplette berufliche Ausrichtung auf die Arbeit mit Autisten konzentriert, habe Erziehungswissenschaft, Psychologie und psychosoz. Medizin in Gießen studiert und bin mit wenigen Ausnahmen ausschließlich autismusspezifischen Tätigkeiten vor, während und auch nach dem Studium nachgegangen.
Mittlerweile habe ich mich mit über 600 Autisten beschäftigt, ihnen zugehört, von ihnen gelernt, ihnen beratend zur Seite gestanden, mich mit ihren Lebensläufen beschäftigt.

Inas Geschichte kann über diesen Link ausführlich nachgelesen werden.

Gibt es Werte, die Dir bei Deiner Arbeit besonders wichtig sind?

Ja, Transparenz.

Wie sieht für Dich eine gute/gelungene Therapie aus? Was muss dabei
unbedingt berücksichtigt werden?

Ich selbst habe noch nie als Therapeutin gearbeitet und überlasse das auch den mitarbeitenden Fachkräften des Autismus-Therapiezentrums.
Wir arbeiten nach dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ – wenn wir mit unserem Angebot dazu beitragen, dass Personen zu mehr Selbstbestimmung kommen, haben wir ein Ziel erreicht.
Was allerdings oftmals unterschätzt wird, ist die Hilfe der Eltern oder nahen Bezugspersonen. Wir ziehen die Eltern (auch wenn manche nicht immer möchten) mit in den Beratungsprozess ein. Die Eltern kennen ihre Kinder, sie sehen ihre Kinder in vielen verschiedenen Situationen und so können wir viel von ihnen lernen. Zu einer gelungenen Therapie gehört also unbedingt das aktive Mitwirken der Eltern oder nahen Bezugspersonen. 

Foto eines Therapieraums
©Ina Eichholz

Wo kommen Du und Deine Kollegen an Grenzen bzw. wo braucht es dringend weitere Unterstützung für AutistInnnen und ihre Familien?

Klare Grenzen müssen wir bei multiplen Komorbiditäten ziehen. Wir sind eine spezialisierte Einrichtung für Autisten. Sobald weitere Diagnosen auftreten oder zu Schwierigkeiten führen, beziehen wir Fachkräfte anderer Professionen mit ein und arbeiten als Kompetenzteams zusammen.
Darüber hinaus wünsche ich mir für die Zukunft der Autismustherapie und –beratung, dass wir schneller auf akute Kristen reagieren können. Sozusagen ein „mitschwimmendes Angebot“ sein können, welches die vielen Übergänge (Kindergarten-Schule; Schule-Beruf) begleiten kann.

Eine weitere Herausforderung sind die vielen Angebote, die nach und nach für Autisten geschaffen werden. Auf der einen Seite ist das natürlich wunderbar, dass sich viele Organisationen und Personen des Themas annehmen, andererseits aber blickt man nicht mehr durch und kann somit auch qualitativ keine Unterscheidung machen. Hier brauchen Autisten und deren Familien verlässliche Berater, die durch den Dschungel an Angeboten hindurchlotsen. Da bin ich froh, dass ich auf knapp 20 Jahre Erfahrung zurückgreifen kann und daher viele Menschen kenne und weiß, welche Angebote gut sind und welchen Personen man vertrauen kann.

Was schätzt Du besonders an Deiner Arbeit?

Die hohe Fachlichkeit der KollegInnen. Ich bin seit 20 Jahren in verschiedenen Projekten eingesetzt, wo ich die Fachlichkeit mitbringe und andere Mitarbeiter berate. Die erste Teamsitzung im Autismus-Therapiezentrum habe ich sehr genossen, weil man bei Fragen oder Erklärungen nicht bei „Null“ anfangen muss, sondern ein gewisses Maß an Wissen über Autismus voraussetzt. Alle sind super geschult oder auch schon über 20 Jahre in der Autismusberatung tätig.
Und ich schätze es, gestalten zu können. Die vielen Projekten, die ich begleitet habe, habe ich an den vom Arbeitgeber vorgegebenen Regeln und Gegebenheiten ausgerichtet. Jetzt kann ich (natürlich auch im Rahmen der Möglichkeiten) gestalten, wie ich es für richtig halte.

Wo siehst Du den größten Aufklärungsbedarf im Bereich Autismus?

Nach wie vor existiert in der Allgemeinbevölkerung eine unrealistische Vorstellung davon, was Autismus bedeutet. Heute erst habe ich mit einem Arbeitgeber telefoniert, der mir zwar versicherte, er habe nur Laienwissen, aber er wisse, dass Autisten über besondere Fähigkeiten verfügen. Das höre ich nicht zum ersten Mal und kläre auch hier immerzu auf. Manche sehen in Autisten den „Einstein“ und erwarten besondere Fähigkeiten und sind sogar enttäuscht, wenn er oder sie keine besonderen Begabungen mitbringt und andere denken über Autisten, sie seien alle wie RainMan und unterschätzen evtl. deren Fähigkeiten.
Also wir haben ein komplex-verzerrtes Bild über Autismus, was in der Gesellschaft vorherrscht und immerzu von aktuellen Bestrebungen unterstützt wird. Das ist sehr ungesund und daher ist es umso wichtiger, dass wir des Aufklärens nicht müde werden!

Was würdest Du Autistinnen und Autisten und deren Familien raten, die erstmalig mit dem Thema in Berührung kommen und viele Fragen haben? Wohin kann man sich wenden?

Definitiv an die Autismus-Therapie- und Beratungszentren. Wir bieten zum Beispiel eine erste Beratung an, wo die Familien sich erstmal orientieren können und ihr ersten Fragen stellen können.

Was ist Dir noch wichtig zu sagen?

Ich möchte etwas zur Autismustherapie im Allgemeinen sagen: Die Autismustherapie hat nicht den Anspruch, Autismus zu heilen und wir sehen unsere Klienten nicht als Patienten, die krank sind.
Die Autismus-Therapie und -beratungszentren sind spezialisierte Einrichtungen, die mitunter auf langjährige Erfahrungen und auf ein entsprechendes Netzwerk zurückgreifen können. Auch neue MitarbeiterInnen bekommen eine lange Einarbeitung und übernehmen nach und nach eigenständig die Tätigkeit der Beratung und Therapie. Hierbei lernen die „Neuen“ von Menschen, die wirklich etwas von Autismus verstehen. Das finde ich sehr wichtig.
Außerdem müssen wir uns ansehen, wo die Therapie- und Beratungszentren herkommen – wie ist deren Geschichte? In Netphen zum Beispiel ist das Angebot entstanden für die Familien vor Ort. Gegründet von Autisten und deren Familien. Hier haben die Experten in eigener Sache ihr eigenes Angebot aufgebaut und wir feiern schon bald 25-jähriges Bestehen.
Nach wie vor sind die Gründer aktiv und so verlieren wir auch nicht den Bezug zu den Menschen vor Ort. Das Angebot bleibt ein persönliches Angebot, welches von Herzen kommt.

Wo siehst Du Dich selbst in 15 Jahren? Hast Du noch berufliche Träume und Ziele?

In 15 Jahren? Das ist noch eine lange Zeit. Doch sehe ich mich in 15 Jahren gerne noch im Autismus-Therapiezentrum Netphen. Wir haben noch einiges vor, was ich gerne begleiten würde. Wir denken über ambulante Therapie und Hilfen zum Wohnen für Autisten nach und der Bereich Autismus und Arbeit wächst gerade sehr stark. Da gibt’s noch einige spannende Tätigkeiten, die auf uns warten.
Wer mich kennt, weiß, dass wir das anpacken und unsere Ziele verfolgen.

Vielen Dank für deine Fragen, liebe Silke, und dafür, dass du mich hier erzählen lässt und somit die Arbeit als Geschäftsführung in einem Autismus-Therapiezentrum transparenter machst.

Ich danke Dir, liebe Ina, und wünsche Dir alles Gute für Deine Arbeit und natürlich auch für Deine Familie! Danke für den Einblick, den Du uns gegeben hast.

Update wegen Nachfragen:
Liebe Ina, was verbirgt sich hinter der autismusspezifischen Verhaltenstherapie und der Verhaltensanalyse. Diese Begrifflichkeiten werden ja auch im Kontext mit ABA verwendet. Praktiziert Ihr ABA?

Nein, wir praktizieren kein ABA. Wir arbeiten interdisziplinär und passen unsere Therapiemethoden individuell an die Klienten an. Da diese Autisten sind, nennen wir es autismusspezifisch.
Eine Verhaltensanalyse meint, dass wir das Verhalten genau anschauen und dies als einen Baustein nehmen, um ein Therapiekonzept für die Klienten zu entwickeln. Mit ABA hat das bei uns nichts zu tun. Aber Du hast Recht, vielleicht sollten wir, um Missverständnisse zu vermeiden, die Begrifflichkeiten ändern.

Vielen Dank.

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