Es ist manchmal schon nicht einfach, die Herausforderungen mit einem autistischen Kind im Doppelpack mit Partner/in zu bewältigen.
Wie schafft man das als Alleinerziehende/r?
Ich habe bei drei Müttern nachgefragt.
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Die Lebenssituationen meiner Interviewpartnerinnen
Sabines Partner hat sich getrennt, als ihr gemeinsamer Sohn fünfeinhalb Jahre alt war. Seitdem ist sie alleinerziehend. Ihr Sohn Tom ist jetzt elf Jahre alt.
Zum Unterschied zu Eltern, die Paare sind, meint sie: „Ich glaube, dass mehr Verantwortung auf mir lastet. Ich muss alle Entscheidungen allein treffen, das ist nicht immer einfach. Außerdem habe ich keinen Rückhalt.“ Auch andere Menschen sagen manchmal zu mir: „Du hast es bestimmt nicht leicht, so allein.“
„Niemand kann mich ablösen, so dass ich oft keine Gelegenheit hatte Kraft zu tanken“, erzählt Sabine. „Jetzt hat Tom den PC für sich entdeckt und ich kann dann durchatmen, wenn er am PC sitzt.“
Isabella wurde bereits während der Schwangerschaft mit ihrem Sohn Simon verlassen. Sie sagt: „Im Unterschied zu Eltern, die Paare sind, habe ich niemanden zum Austausch oder um etwas abzugeben, ob finanziell oder emotional – ich muss Dinge alleine bewerkstelligen. In meiner Situation fühle ich mich von anderen Eltern auch nicht respektiert.“
Kris hat einen erwachsenen Sohn, der inzwischen im betreuten Wohnen lebt. Alleinerziehend ist sie seit Silvio etwa eineinhalb Jahre alt war. Ihr damaliger Mann verließ sie, weil er mit einer anderen Frau ein Kind bekam. Silvios Entwicklung wurde auffällig, als er etwa ein Jahr alt war und kurz nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, begann die Diagnostik mit dem Ergebnis „frühkindlicher Autismus“. „Ich war mit meinem Sohn allein und so gingen wir unseren Weg. Er ging in die Frühförderung und in die Autismusambulanz. Zu dieser Zeit hätte ich gerne jemanden an meiner Seite gehabt, fühlte mich oft einsam und verlassen, denn von meiner Familie verstand mich niemand. Mit einem Partner hätte ich nicht alles alleine entscheiden müssen. Und dann immer dieses ungute Gefühl, ob man es richtig macht oder nicht“, sagt Kris.
Vom Umgang mit Pädagogen, Ärzten und Therapeuten
Sabine hat das Gefühl, von den Pädagogen in der Schule als „als sogenannte Helikopter-Mutter abgestempelt zu werden.“ Sie erklärt, dass es vor allem im schulischen Bereich schwer für sie ist, da sie nicht wirklich ernst genommen wird und „meine Worte nicht so viel Gewicht haben.“ Oft wird ihr einfach nicht geglaubt. „Allein gegen Schulleiter und Lehrerin ist es schwer anzukommen und sich Gehör zu verschaffen.“
Von Ärzten und Therapeuten, Jugendamt und Jobcenter bekommt Sabine Verständnis.
Isabella und Kris hingegen fühlten sich von Pädagogen, Ärzten und Therapeuten in ihrer besonderen Situation „überhaupt nicht wahrgenommen“.
Kris erklärt: „Ich kämpfte schon immer, damit wir das bekamen, was uns zustand.“
Und wo findet man „Verbündete“?
Eine besondere Solidarität gibt es unter Alleinerziehenden, „weil man im selben Boot sitzt“, erzählt Isabella. Die gemeinsame Basis für Verständnis sieht Sabine eher in der Tatsache, dass andere womöglich auch ein autistisches Kind haben.
Und auch Kris betont in diesem Zusammenhang: „Zuerst brauchte ich Tipps und Ratschläge von anderen, vor allem weil es anfangs noch kein Internet gab.“
Direkt nach der Trennung hatte Sabine noch guten Kontakt zu Toms Vater, aber seit dieser eine neue Beziehung hat, beschränken sich die gemeinsamen Stunden von Vater und Sohn auf etwa fünf Stunden im Monat. „Er fragt nicht mal nach, wie es in der Schule läuft oder ob es sonst Probleme gibt. Es interessiert ihn nicht.“
Auch bei Isabella gibt es keinen Kontakt: „Nein. Er lebt sein Leben. Wir bekommen keinerlei Unterstützung.“
Worüber macht Ihr Euch die größten Sorgen?
Sabine antwortet wie die meisten alleinerziehenden Elternteile: „Meine Sorgen sind, was passiert, wenn ich ins Krankenhaus muss, was wenn ich sterben sollte. Wer ist dann für mein Kind da? Diese Sorgen verdränge ich, ich mag darüber nicht nachdenken, weil ich keine Lösung gefunden habe.“
Auch Kris teilt diese Sorgen: „Ängste sind, wenn ich einmal nicht mehr da sein sollte, wer dann für meinen Sohn da ist, denn so lang er jetzt im Heim ist, bin ich die einzige die ihn besucht und ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe und ihn noch recht lange begleiten kann.“
Isabella meint zu den größten Sorgen: „Das liebe Geld. Als Alleinerziehende nicht anerkannt zu werden. Sorgen dass ich es nicht schaffe, meinem Sohn die Unterstützung geben zu können, die er benötigt!“
Seid Ihr berufstätig?
Das Thema Berufstätigkeit ist außerordentlich schwierig für viele Alleinerziehende.
„Ich bin nicht berufstätig, da mein Sohn nicht hortfähig ist.“, meint Sabine. „Ich habe nachmittags und in den Ferien keine Betreuung für ihn. Es war eigentlich geplant, dass mein damaliger Partner und ich uns abwechseln und so jeder halbtags arbeitet. Aber das geht ja jetzt nicht mehr.“
Auch Isabella kann nicht mehr arbeiten. „Ich musste meinen Beruf im Verkauf aufgeben. Mir fehlt es an Flexibilität. Durch die jahrelangen Kämpfe mit Behörden und Schule hat meine Psyche nicht mehr mitgespielt und ich bekomme momentan Erwerbsminderungsrente.“
In einer ähnlichen Lebenssituation ist auch Kris: „Ich bin leider nicht berufstätig und komme gerade so aus mit dem Geld. Mein Ex hat bis heute noch nie gezahlt.“
Wann fehlt ein Partner besonders?
Sabine meint: „Ein Partner fehlt mir, wenn es Probleme gibt. Mir fehlt dann die moralische Unterstützung. Es ist sehr schwer, für alles allein zu kämpfen, das zerrt sehr an meiner Kraft.“
Trotzdem sieht sie auch Vorteile: „Ich kann mich ausschließlich um meinen Sohn kümmern und muss nicht zusätzlich auf einen Partner Rücksicht nehmen. Für Tom ist es auch einfacher, da er nur eine Person hat, auf die er sich einlassen muss. Er weiß, woran er ist und wie ich in gewissen Situationen reagiere. Ich empfinde es als harmonischeres Zusammenleben und ich fühle mich weniger eingeschränkt.“
Auch Isabella erzählt, dass es schwer wird, wenn man alleine Entscheidungen treffen muss, zum Beispiel bem Arzt/ Psychologen und Gesprächen in der Schule.
Außerdem meint sie: „So schön es wäre, jemanden an seiner Seite zu haben, so schön ist es aber auch alleine zu sein. Die Zeit für einen Partner würde mir schon fehlen…er müsste viel zurückstecken.“
Kris dazu: „Ich bin es schon so gewohnt, alleine zu sein. Ein Vorteil ist, keine Rechenschaft ablegen zu müssen und das frei sein. Trotzdem fehlt mir ein Partner für schöne und romantische Stunden.“
Was wünscht Ihr Euch von Euren Mitmenschen?
Von ihren Mitmenschen wünschen sich meine Interviewpartnerinnen „Verständnis und Unterstützung“.
Sabine betont außerdem: „Ich möchte nicht als Übermutter abgestempelt werden. Ich möchte ernst genommen werden.“
Und Kris sagt: „Von den Menschen wünsche ich mir mehr Respekt, Verständnis und Toleranz und dass sie uns Alleinerziehende und Hartz IV-Empfänger wie mich nicht in die unterste Schublade stopfen.“
Was ist Euch noch besonders wichtig zu sagen?
Kris wünscht sich eine Vertrauensperson, die sich gut mit Autismus auskennt und auch unabhängig von ihr beurteilen kann und darauf achtet, dass es ihrem Sohn in seiner Einrichtung gut geht. „Er spricht nicht, er kann mir nichts erzählen. Und ich bin manchmal skeptisch, ob es das Richtige ist. Ich brauche jemanden, der vom Fach ist, und das beurteilen kann.“
„Ich bin mit meiner jetzigen Situation zufrieden“, sagt Sabine. „Tom und ich sind ein eingespieltes Team. Wir haben unsere Rituale und scherzen sehr viel. Ich kann mir nicht vorstellen, einen Partner zu haben, denn eigentlich ist es so, wie es jetzt ist, perfekt.“
„Alleinerziehende haben noch die Rolle der früheren Verpönten in der Gesellschaft“, sagt Isabella. „Dies müsste sich grundsätzlich ändern. Gerade Alleinerziehende mit behinderten Kindern haben es doppelt schwer.“
Vielen Dank Euch Dreien für Eure Offenheit. Alles alles Gute für Euch und Eure Kinder.
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Zum Weiterlesen:
Informationsseite des Bundes für Alleinerziehende
Familienratgeber: Alleinerziehende von Kindern mit Behinderungen
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Bist Du alleinerziehender Vater mit einem autistischen Kind? Und möchtest Du gerne von Euch erzählen? Dann nimm gerne Kontakt zu mir auf. Ich würde mich freuen.