Fingerfood und Gedankencrunchy an Weihnachten

veröffentlicht im Dezember 2016


Einige Wochen vor Weihnachten fragten wir Niklas, ob er dieses Jahr wieder alle Verwandten um sich herum haben möchte. Ja, das wollte er. Wieder einmal drückte er aus, dass er seine Familie gern bei sich hat, auch wenn er weiß, dass es laut und anstrengend werden würde.

Eine super Idee hatte meine Schwester, die vorschlug, man könne doch dieses Jahr einfach mal Fingerfood vorbereiten, damit es beim Essen nicht auch noch klappert. Denn das Stresslevel ist ja ohnehin hoch. Wieso also auch noch mit Tellern und Besteck herum klimpern?
Alle fanden die Idee toll und so bereiteten wir allerhand Leckereien vor, die man sich einfach direkt in den Mund schieben konnte.

Der Nachmittag und Abend des 24.12. war dann trotzdem sehr aufregend und Niklas bewegte sich zeitweise nahe an einem Meltdown. Es war, wie erwartet und wie auch mit ihm zuvor besprochen, zu viel. Geschenke, Rascheln, Lichter, ein verlängerter Tisch, mehr Stühle als sonst, Neues, das erstmal entdeckt werden musste.

So wechselten Niklas‘ Papa und ich uns dabei ab, ganz nah bei ihm zu bleiben, uns immer wieder mit ihm zurückzuziehen, wiederzukommen, es erneut zu versuchen, wieder Rückzug, Getrampel, Geschrei, Kneifen, Haareziehen, wieder beruhigen, Rückzug, nochmal versuchen usw.
Die Reihenfolge und das Tempo überließen wir ihm und nach zwei Stunden wurde es besser.
Schließlich saß er sogar mitten im Wohnzimmer, fröhlich, staunend, glücklich, es zu schaffen und dabei sein zu können. Das war dann ein schöner Moment. ♥

Meine eigenen Gedanken streiten bei solchen Gelegenheiten miteinander: Was soll das alles? Wieso machen wir überhaupt den Zirkus „Weihnachten“ mit? … Aber es ist doch schön, wenn die Familie da ist. … Niklas` Schwester ist zuhause ♥… Was soll das ständige Kirchenglockengebimmele (14 Uhr, 15 Uhr, 16.30 Uhr, 18 Uhr, 20 Uhr, 22 Uhr, 23 Uhr, 23.30 Uhr) – es weiß doch jeder, das Weihnachten ist und jedes Mal schmerzt es ihm erneut im Ohr und er schreckte mehrfach beim Einschlafen hoch. … Reg dich nicht auf, das Fingerfood klappt doch super und alle sind aufgeschlossen und finden es gut…. Wieso können wir nicht mal zusammen am Tisch sitzen? … Ich gehe jetzt mit ihm Autofahren, komme später wieder…. Niklas kann ja nichts dafür, er kämpft so tapfer. Und jetzt ist er ruhiger, selber glücklich… Kein Mensch kann sich vorstellen, wie das ist … Muss man es immer allen recht machen? … Ich kann nicht mehr… Niklas geht es jetzt besser, das ist die Hauptsache…. und seine Schwester ist da ♥ Das ist so schön ♥ … und so weiter….immer durcheinander und nochmal und anders und wieder….

Diese Zeilen kann ich jetzt am Morgen des 25.12. schreiben, weil Niklas beim Kirchenglockengebimmele um 10 Uhr mit seinem Papa zu einer Autotour aufgebrochen ist. Dem Lärm entfliehen, ein bisschen zur Ruhe kommen, indem wir uns ein paar Stunden trennen. Dann geht´s weiter mit Mittagessen bei den Großeltern…. Wir haben gesagt, dass wir nicht dahin fahren müssen, aber Niklas möchte das gerne und dann wird es wieder von vorne losgehen und vielleicht wird er dann später wieder glücklich sein, dass er es geschafft hat, „anzukommen“ und sich wohlzufühlen. Nur ist der Weg dorthin, an jenen Zeitpunkt, für alle sehr anstrengend und voller „Auf-und-ab-Gedankenflüsse“. Und danach wird er sich lange erholen müssen.

Das ist jetzt kein üblicher Eideidei-Weihnachtsbeitrag – aber was ist schon üblich in unseren Familien? Und ich wollte ihn, wie immer, ehrlich und authentisch schreiben.
Ahhhh – es bimmelt schon wieder, während ich das hier tippe, unglaublich! Zum Glück ist Niklas im Auto unterwegs… also reg Dich nicht auf, Silke….

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KOMMENTARE

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  1. Danke, danke, danke für diesen Beitrag. Man traut es sich ja fast nicht sagen – aber dieser „Zirkus“, wie Du ihn nennst, ist einfach schrecklich. Ich kann Dein Crunchy so gut nachvollziehen. Danke, dass du es in Worte gefasst hast.
    Melanie

  2. Endlich mal jemand, der schreibt, wie es wirklich ist.
    Diese ständigen Friede-Freude-Eierkuchen-Postings gehen einem ja auf die Nerven. Ich möchte mich auch bedanken.
    Liebe Grüße, Thomas

  3. Ich fühle mit euch.
    Und ich ärgere mich auch. Kirchenglocken an Weihnachten…ok. Aber einmal reicht wirklich aus! Ich frage mich, ob es wohl möglich wäre, an die Zuständigen der Kirche zu schreiben um mitzuteilen, dass es Menschen gibt, die schwer unter dem Läuten zu leiden haben und ob es nicht im christlichen Sinne möglich wäre, dies auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Ich bin mir sicher, dass es dafür eine Menge Unterschriften geben würde, denn ich persönlich kenne viele Leute die eine Abneigung gegen Glocken haben und das sind noch nicht mal Autisten…
    Schicke euch liebe Weihnachtsgrüsse und wünsche euch einen ruhigen Tag!

  4. Liebe Silke, danke das Du diese ehrlichen Gedanken mit uns teilst ! <3 Du sprichst mir aus der Seele !
    Genau dieser " Gedanken Cocktail" ist es der einen immer wieder auf den Boden der Tatsachen holt !
    …..ich frage mich ehrlich warum man nicht wenigstens an " diesen Tagen " in der Familie "sehen " kann , wieviel Mühe und Anstrengung es unsere Kinder kostet und etwas Rücksichtnahme auf ihre Bedürfnisse beim Fest der "Liebe und Familie " , immer wieder zu (vorsichtig Ausgedrückt ….) Maßregelungen und Unverständnis seitens der anderen Familienmitglieder kommt , wenn es darum geht , nicht nur das "Weihnachtsprogramm " abzuspulen , sondern es einmal etwas anders und mit Verständnis füreinander zu verbringen …/ zu gestalten …..
    …..und wenn man schon in der Familie nicht auf Verständnis stößt , – so freue ich mich umso mehr , das bei manchen , uns Fremden Menschen die man so im normalen Alltag trifft immer Mal ( wenn auch rar gesät….. ) , man beim Ein oder Anderen , – ehrliches Interesse bemerkt !
    Ihr habt es für Niklas super gelöst / arrangiert , auch wenn Du wieder an Deine Grenzen stößt …….und "mehr " geht nicht !!!
    Ich wünsche Euch weiterhin ein paar hoffentlich ruhige Weihnachtstage mit schönen und Magischen Momenten für Niklas und Euch !
    ….ihr seid in meinem "Gedanken Cocktail " mit lieben Grüßen <3 ;-)

  5. Vielen Dank für den Weihnachtsbericht. Schön, dass auch andere Weihnachten nicht sooo toll finden. Ist auch bei uns immer schwierig. Unser autistischer Sohn (8, nicht sprechend) hat am 23.12. Magen-Darm bekommen. Nach einer fast schlaflosen Nacht schafften wir es trotzdem am 24. eine einigermaßen passable Bescherung für seine kleine Schwester hinzubekommen. Als wir allerdings gerade unser Abendessen auf dem Teller angerichtet hatten (Forelle blau mit Salzkartoffeln), hörten wir ein herzhaftes Würgen aus dem Wohnzimmer. Die erste Nahrungsaufnahme mit Salzstangen war für unseren Sohn wohl zu früh… Auch kalter Fisch kann schmecken. Viele Grüße an alle die Weihnachten nun mehr oder weniger gut überstanden haben :-)

  6. Hallo Silke,

    auf der Suche nach Reisemöglichkeiten zusammen mit meinem autistischen Sohn bin ich eben per Zufall auf deine Seite gestoßen. Ich möchte gerne wieder einmal mit ihm verreisen. Auch wenn ich zeitweise das Gefühl habe, dass wir beide für unsere Mitmenschen so etwas ähnliches wie „Aliens“ sind, die sie nicht verstehen, die aber aus irgendeinem Grund auf ihrem wunderbaren Planeten gelandet sind.

    In Sachen Weihnachten kann ich dich gut verstehen. Vor dem Weihnachtsfest hatte ich regelrecht Angst. Angst, es nicht zu schaffen, meiner kleinen Familie ein friedliches Weihnachten zu „bescheren“. Mein nicht sprechender Sohn ist ein frühkindlicher Autist, der auf die 50 zugeht, in einer Einrichtung lebt und regelmäßig zu Hause ist. Zu unserer kleinen Familie gehört noch ein weiteres erwachsenes „Kind“. Damit sind wir schon komplett. Ein wenig „neidvoll“ schaue ich auf deine „große“ verständnisvolle Familie. Sei froh. Grüße

    1. Liebe Ilse, ich freue mich, dass Du „Ellas Blog“ gefunden hast. Ja und es ist wirklich schön, eine große, verständnisvolle Familie zu haben, das stimmt. Alles Liebe für Dich und Deine schon sehr großen Kinder :-)

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