Manchmal ist man einfach traurig – und darf es auch sein

Dieser Brief von Lisa erreichte mich. Ich bin sicher, dass sie mit ihren Gefühlen und Gedanken nicht alleine ist.

***

Ich bin manchmal so unendlich traurig, weil die Möglichkeiten meines Sohnes so eingeschränkt sind.
Wenn ich davon lese, dass andere mit ihren Kindern ins Kino gehen, Eis essen, dass sie Computer spielen, Bücher lesen, spazieren gehen, gemeinsam am Tisch essen…. Das alles geht bei uns nicht. Mein Sohn macht nichts von alledem. Wir sind die ganze  Zeit nah an ihm dran, um zu verhindern, dass er Dinge kaputt macht, anbeißt, aus der Haustür rennt, es gibt kein Hobby, keine Beschäftigung. Jede Minute sind wir bei ihm, bieten ihm immer wieder etwas an, unterhalten uns mit ihm, haben auch Spaß dabei und lachen und beschäftigen uns mit Materialien, die uns begegnen, usw.
Aber es ist so zermürbend, wenn ich höre, dass andere ein Instrument spielen, etwas malen, schreiben, sich mit einem IPad beschäftigen usw. Das alles geht bei uns nicht und manchmal wünsche ich mir, dass es diesen Autismus nicht gäbe.
Und da höre ich schon die Aufschreie, dass man sowas nicht denken, geschweige denn sagen darf, denn der Autismus sei von der Persönlichkeit des Kindes nicht zu trennen. Wirklich nicht? Wissen diejenigen, die so eine Haltung haben, denn, was es bedeutet als Autist zu leben, der für alles Hilfe braucht? Angefangen beim Po abwischen übers Essen bis hin zur Möglichkeit, sich zu beschäftigen? Wissen sie, was es heißt, dass man ständig begleitet ist und es ein Leben lang bleiben wird? Ich glaube nicht, dass das irgendjemand von uns (inklusive meiner selbst) beurteilen kann, wie man sich da fühlt.

Mein Sohn schrieb einmal auf – sprechen kann er nicht: „Ich wäre gerne wie ihr alle, ich bin nicht nur anders, ich bin traurig, ich bin in mir gefangen.“

Ich kann nur sagen, wie man sich als Mutter fühlt. Ich weine manchmal am Wochenende, weil wir von morgens um sieben Uhr (manchmal auch schon ab vier Uhr) bis abends um 22 Uhr an unserem Kind dran sind. Mal hinsetzen, ein Buch lesen, Mittagsschläfchen halten, Spazierengehen, das geht alles nicht. Und ich weiß, man soll sich nicht vergleichen, und in der Theorie verstehe ich auch, warum man das nicht sollte, aber trotzdem kommen diese Gedanken manchmal hoch, wenn ich mir einfach ein Familienleben wünsche, bei dem man gemeinsam am Tisch frühstückt, etwas unternimmt und Zeit miteinander verbringt, die unbeschwert und fröhlich ist. Ich bin deshalb oft äußerst erschöpft, aber in erster Linie geht es mir dabei darum, dass es meinem Sohn gut geht. Wenn es ihm gut geht, geht es mir auch gut. Ist das ein Verbrechen, so etwas zu denken? Ich glaube nicht. Ich liebe mein Kind, aber ich wünsche ihm mehr Selbständigkeit, mehr Selbstbestimmung, mehr Freiheit, mehr Abnabelung von uns Eltern, mehr Freude, mehr Perspektive. Ich wünsche ihm, dass er sich nicht selbst verletzt und auch anderen nicht weh tut. Ich wünsche mir, dass er gesund ist, aber nie bin ich sicher, ob er nicht irgendetwas hat, ob ihn etwas schmerzt, das er mir nicht sagen kann.
Es ist doch sowas von egal, ob es Autismus heißt oder sonst irgendwie, Eltern wünschen sich für ihre Kinder immer das Allerbeste und ich wünsche mir das auch sehnlicher als alles andere.

Danke, liebe Ella, dass ich das hier schreiben darf. Vielleicht fühlen sich andere auch so. Andere, deren Kinder auch keine Hobbys haben, die nicht alleine das Haus verlassen können, die sich im Sommer im Keller verkriechen, weil es zu hell ist und zu laut. Ich würde mir wünschen, dass solche Eltern sich zeigen, mir schreiben, Eltern, die wissen, von was ich hier schreibe.
Wenn ich das noch sagen darf – was ich mir nicht wünsche, sind Ratschläge in Hinblick auf Therapien, die man verpasst haben könnte oder was man alles falsch gemacht haben könnte. Ich werde mich hier nicht rechtfertigen, denn wir haben alles Erdenkliche für unseren Sohn getan.

Ich möchte unbedingt noch anfügen, dass ich insgesamt eine positive Einstellung habe, dass ich mein Kind liebe, wie es ist, natürlich tue ich das. Den Großteil des Tages bin ich voller Energie und tobe mit meinem Kind durch die Gegend. Aber ich habe eben auch immer mal wieder diese Gedanken und ich bin froh, sie äußern zu dürfen und damit vielleicht Eltern, die auch solche Momente haben, zeigen zu dürfen: ihr seid nicht allein.
Ich liebe meinen Sohn, aber ich wünsche ihm ein selbstbestimmtes, selbständiges Leben – und das wird er niemals haben können – und das macht mich an manchen Tagen unendlich traurig.

Danke für diesen Blog, der dem Thema Autismus mit extrem hohem Pflege- und Betreuungsbedarf so viel Raum gibt, wie sonst keiner (jedenfalls keiner, den ich kenne). Ich mag es sehr, wie ehrlich und offen und positiv die Themen hier angegangen werden, ohne zu beschönigen.

Lisa

***

Liebe Lisa,
ich könnte meine Zeilen an Dich in einen Kommentar schreiben, aber ich möchte Deinen Worten Nachdruck verleihen, indem ich Dir gleich hier an dieser Stelle versichere, dass ich Dich sehr gut verstehen kann.
Dieser Blog ist vor etwa drei Jahren als persönlicher Blog gestartet und beinhaltete damals ausschließlich Erlebnisse aus unserem Familienleben mit frühkindlichem Autismus, eben deshalb, weil ich bis dahin keinen anderen Blog kannte, der diesen Teil des Spektrums thematisierte. Inzwischen ist er gewachsen und deckt mit seinen Beiträgen nahezu das ganze Spektrum ab – natürlich nicht nahtlos, denn das geht auch gar nicht.
Ich möchte aber – schon allein aus eigener Betroffenheit – genau solchen Briefen und Wortmeldungen wie den Deinen, ganz bewusst Raum geben. Denn bei aller positiven Einstellung und Botschaft hat das Leben mit Autismus auch seine ganz speziellen Seiten, die AutistInnen und ihre Familien verzweifeln und sehr traurig machen können. Mir geht es auch oft so, dass ich sehr traurig werde, wenn ich realisiere, was Niklas alles nicht kann. Da ist kein einziges Hobby und keine einzige Minute, die unbeaufsichtigt sein kann – ähnlich, wie Du es beschreibst. Und Deine Muttergefühle dazu kann ich gut nachempfinden. Es gibt nichts, für das Du Dich schämen müsstest.

Autismus ist nicht gleich Autismus und es gibt Facetten, auf die man gut verzichten kann. Ich glaube auch, dass man das sagen darf, obwohl oder gerade weil man sein Kind von Herzen liebt.

Danke für Deinen Beitrag, liebe Lisa,
herzlich Silke

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18 comments

  • Verena Reps

    Liebe Lisa , ich weiß genau was du meinst . Wenn du Lust hast , kannst du mir auch privat schreiben . Ich habe auch einen Sohn von fünf Jahren , er ist auch frühkindlicher Autist .

  • Monika

    Liebe Lisa,
    du hast mit allem, was du geschrieben hast, vollkommen Recht.
    Auch mir geht es so wie dir. Und dein Text ist so schön zu lesen.
    Vielen DANK dafür 🤗🤗🤗

  • Noemi Opitz

    Liebe Lisa, ich schäme mich, wenn ich manchmal nachts still und unter Tränen Gebete in den Himmel schicke und mir wünsche mein Sohn wäre „normal“, weil ich ihn ja so liebe wie er ist! Dieser Widerspruch in mir zerreißt mich innerlich und dann gibt es immer wieder Tage, an denen ich die „Normalität“ der anderen verabscheue und froh bin, dass er so anders und so besonders ist…
    Du bist nicht allein!

  • Annett Gille

    Liebe Lisa….du sprichst mir aus der Seele so als wären es meine Gedanken.Unser Erik ist jetzt 22 und atypischer Autist und nonverbal.Wenn du möchtest würde ich mich freuen wenn du mir privat schreibst.Fühl dich ubkw.lieb gedrückt.💞 Annett aus Kassel

  • Auch ich kann dich gut verstehen und dein Text spricht mir aus der Seele. Danke, dass du ihn mit uns geteilt hast.
    Meine letzte große Krise hatte ich an dem 5.Geburtstag meiner Tochter. Sie ist frühkindliche Autistin und kann nicht sprechen. Noch haben wir keine wirkliche Alternative gefunden mit ihr zu kommunizieren. Ich bemühe mich stetig unsere Situation nicht mit der anderer zu vergleichen, aber manchmal wird man so mit der Nase darauf gestoßen, dass man schon bewusst wegsehen müsste um nicht darüber nachzudenken oder den Schmerz nicht zu spüren. L. ist mein drittes Kind. Ich war „gemeinsam“ mit einer Freundin schwanger, die auch ihr drittes Kind erwartete und ihren Sohn genau einen Tag bevor ich meine Tochter geboren habe bekommen hat. Ich wusste von ihr, dass ihr Sohn die Tage bis zu seinem Geburtstag gezählt hat, genau gewusst hat was er sich wünscht und seinen Geburtstag mit einer Stadtrallye inklusive Schatzsuche und vielen Freunden gefeiert hat.
    Wir waren auch sehr bemüht unsere Tochter einen schönen Geburtstag zu bereiten, aber wir mussten selbst überlegen, welche Geschenke ihr gefallen könnten. Die Bescherung musste am Geburtstag erstmal warten, weil sie in der Nacht zuvor, wie so oft, schlecht geschlafen hatte und noch vor dem Frühstück auf meinem Arm wieder eingeschlafen war. Als sie wach wurde war sie erstmal irritiert darüber, dass der Tagesablauf, durch den Vormittagsschlaf nun verändert war. Über die Geschenke hat sie sich später sichtlich gefreut, aber selber auspacken wollte sie sie nicht. Das mussten die großen Geschwister übernehmen. Als Geburtstags-Aktionen hatten wir einen riesen Berg selbstgemachte Knete und Fingerfarben vorbereitet. Dinge, die sie sehr liebt, sie an diesem Tag aber so überhaupt nicht begeistern konnten. Ich hatte, so dachte ich, ihren Lieblingskuchen gebacken, aber wohl irgendetwas falsch gemacht, denn essen wollte sie nichts davon. Oma und Opa, Tanten und Onkel wohnen zu weit weg um an einem Wochentag einfach mal so zu Kaffee zukommen und im Kindergarten gibt es kaum Kinder, die viel mit L.`s Eigenheiten anfangen können (an eine spannende Party für fünfjährige war eh nicht zu denken), also blieben wir an diesem Geburtstag unter uns. Sie war den ganzen Tag über ziemlich quengelig und unzufrieden und wir mussten an diesem Tag , genau wie an jedem anderen dicht an unserer Tochter dran bleiben, versuchen zu verstehen, was sie braucht und will. Der Tag war anstregend und ich wusste am Ende nicht genau, ob wir es geschafft haben ihr zu zeigen, wie lieb wir sie haben, dass sie uns wichtig ist und dass wir froh sind, dass es sie gibt. Als mir das bewusst wurde liefen die Tränen und ich habe mir so gewünscht, dass wir wenigstes die Möglichkeit hätten etwas von ihren Gedanken zu erfahren.
    Mir darfst Du, wenn Du möchtest auch gerne privat schreiben – ich würde mich freuen!

    • Liebe Tabea,
      soeben habe ich Deinen Text auf Ellas Blog vom Januar gelesen und bin in Tränen ausgebrochen. Zwar liegt der fünfte Geburtstag meines autistischen Sohnes schon eine Weile zurück, aber er verlief ähnlich wie der Deiner Tochter. In mein Tagebuch schrieb ich damals: „Wieder wurde es Herbst, wieder war ein Geburtstag ohne Wünsche verstrichen …“ Auch ich war mit einer Freundin „gemeinsam“ schwanger (beim zweiten Kind), deren Tochter ebenso die Tage bis zu Ihrem fünften Geburtstag zählte. Sehr lange hatte ich das Gefühl, mit diesen Erlebnissen allein auf dieser Welt zu sein, denn damals kannte ich noch keine Eltern autistischer Kinder.
      Du schreibst: „Der Tag war anstrengend und ich wusste am Ende nicht genau, ob wir es geschafft haben ihr zu zeigen, wie lieb wir sie haben, dass sie uns wichtig ist und dass wir froh sind, dass es sie gibt.“ Ich denke, Deine Tochter spürt sehr genau, dass sie von Euch geliebt wird und wie viel sie Euch bedeutet. Von meinem Sohn habe ich Jahre später erfahren, wie sehr ihm die Torte zu seinem fünften Geburtstag gefallen hatte. Ich wünsche Dir viel Kraft und hoffe, dass die positiven Gedanken und die Freude an den schönen Momenten immer überwiegen werden.

  • Susi

    Liebe Lisa,

    danke für diesen Text, es tut immer gut wenn man in seiner Traurigkeit merkt, das man nicht alleine ist und das es Menschen gibt denen es ähnlich geht und die einen verstehen. Wir haben „nur“ einen kleinen Aspi zuhause der spricht und eigentlich für viele „normal“ wirkt, aber eben nur wenn man ihn nicht wirklich erlebt. Denn gemeinsam am Tisch sitzen oder sich selbst beschäftigen geht auch bei uns nicht, er läuft während den Mahlzeiten wie ein Tiger um den Tisch herum, geht dann kurz hin und isst etwas (meist im stehen) und rennt dann weiter ……. und wenn er nicht mit seinem Lego spielt (was er gottseidank manchmal schafft) dann muß man ihn immer beschäftigen und um ihn herum sein und wenn der Tag vorbei ist, und die Schlafenszeit gekommen ist, auch dann ist nicht mal ein wenig ruhig hinsitzen möglich, denn dann kommt er alle 5 Mintuen wieder angelaufen und das geht solange bis sich einer von uns mit ihm hinlegt, erst dann kommt er ein wenig zur Ruhe….. und selbst Ding die eine Zeitlang ok und gut waren sind an manchen Tagen überhaupt nicht möglich …. aber ich liebe meinen kleinen Käfer wie verrückt und möchte ihn nicht missen, auch wenn der Gedanke da ist wenn er doch normal wäre……….

  • Tina

    Liebe Lisa, ich würde mich auch über Austausch freuen. Es tut gut, sich nicht allein zu fühlen. Freue mich auf dein Mail.

    Danke für den tollen Beitrag! <3

  • Jan294

    Liebe Lisa,
    jeder Tag ist anders. Natürlich darf man sich auch mal vergleichen und traurig sein. Denke ich. Manchmal sieht man, was andere Kinder so machen. Und wie einfach und entspannt andere Eltern es haben. Will sagen: ja, ich verstehe, wovon du schreibst!
    Sehr traurig macht mich, was du schreibst, was dein Sohn kommuniziert hat. Hoffentlich versteht er eines Tages, daß es schön sein kann, anders zu sein. Man muß nicht „wie alle“ sein, um Glück finden zu können. :-)

  • Zarinka

    „Vielleicht fühlen sich andere auch so. Andere, deren Kinder auch keine Hobbys haben, die nicht alleine das Haus verlassen können, die sich im Sommer im Keller verkriechen, weil es zu hell ist und zu laut. Ich würde mir wünschen, dass solche Eltern sich zeigen, mir schreiben, Eltern, die wissen, von was ich hier schreibe.“

    Ich bin mir jetzt zwar nicht ganz sicher ob ich wirklich erfasse worum es hier in diesen Zeilen geht, aber dennoch kann ich in etwa nachempfinden was es bedeutet einen Menschen in der Familie zu haben, der einen hohen Pflegeaufwand hat.

    (Bei mir fordert zur Zeit mein Mann meinen ganzen Einsatz…und somit beginnt auch mein Tag oft schon um 4 Uhr in der Früh und endet um 22 Uhr am Abend. Und alles was er ansonsten so gemacht hat, muss nun ich völlig alleine bewältigen und erledigen.)

    Das schafft einen wirklich gewaltig und fordert sehr viel Kraft.

    Da ich als Asperger Autist ja selbst schon mit mir alleine (und meiner Umwelt) ziemlich gefordert bin und auch der Umgang mit meinem Asperger Sohn nicht einfach ist, komme ich ebenfalls recht oft an meine Grenzen.

    Hobbys hatte mein Sohn früher auch keine…ging nie ins Kino…hatte keine Freunde…keine Spielgefährten und dergleichen. Er spricht und redet zwar, aber dennoch fühlt er sich stets unverstanden…kann daher manchmal nicht (mehr) sprechen/reden. (Gerät regelrecht in „Panik“ und sagt dann nur noch: „ich kann nicht mehr sprechen“. Und dann schweigt er für eine ganze Weile.

    Obwohl er einen hohen IQ hat und zu den Hochbegabten zählt, fühlt er sich immer als Versager und hält sich für dumm. (Er scheint leider auch so zu empfinden.)

    „Mein Sohn schrieb einmal auf – sprechen kann er nicht: „Ich wäre gerne wie ihr alle, ich bin nicht nur anders, ich bin traurig, ich bin in mir gefangen.“ „

    Ich selbst wünsche mir oft, nicht sprechen zu müssen…und manchmal kann ich es auch nicht. Sprechen empfinde ich als sehr, sehr anstrengend. (Selbst das Schreiben fällt mir ungemein schwer…da brauche ich Stunden für, bis ich da was zustande gebracht habe.)

    Aber sicherlich kann man das jetzt nicht mit jenen Menschen vergleichen, die zwar gerne sprechen können möchten es aber leider nicht können. Da fehlt mir persönlich dann wohl doch das Einfühlungsvermögen.

    Dieses „in mir Gefangen sein“ Gefühl kenne ich jedoch hier und da ebenfalls…“gefangen“ weil ich mich nicht so äußern kann dass ich von anderen richtig verstanden werde. Leider ist das, was andere oft glauben zu verstehen nicht das was ich auch sagen und zum Ausdruck bringen wollte. Und das ist schon oft frustrierend.

    Dennoch möchte ich persönlich niemals sein wie alle Anderen…denn dann wäre ich ja nicht mehr Ich. :)

  • Tessa

    Liebe Lisa,
    vielen Dank für Deinen Text, den ich total nachempfinden kann. Auch wir haben einen nichtsprechenden frühkindlichen Autisten. Es steht außer Frage, daß ich ihn genauso liebe wie meine gesunde Tochter, trotzdem kommen auch mir regelmäßig Tränen, wenn ich gleichaltrige Kinder sehe, die soviel mehr können, die Radfahren oder Fußballspielen o.ä.. Auch dieses Gefühl, wenn ich gelegentlich sonntags mit meiner Tochter unterwegs bin und komplette Familien bei Ihren Ausflügen beobachte. Auch unser Sohn verbringt die meisten Wochenenden komplett daheim, da alles andere nicht klappen würde. Es tut aber unwahrscheinlich gut immer wieder zu lesen, daß es anderen Familien genauso ergeht..

  • Melina

    Hallo Lisa.

    Ich habe heute deinen Brief gelesen und war tief berührt.
    Unser Sohn ist ein Asperger bei dem nicht alles so stark ausgeprägt ist und dadurch wird ihm von seinen Mitmenschen oft falsches unterstellt. Aber trotzdem bereitet ihm sein Leben oft große Schwierigkeiten. Er versucht immer wieder am Leben der normalen Kinder teilzunehmen und stößt dabei oft an seine Grenzen, er sagt ganz oft das er doch einfach nur so sein will wie alle anderen.
    Diese Gedanken und Gefühle bei dir kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe mich oft dafür geschämt das ich sehr ähnlich Gedanken habe. Ich hatte einen inneren Plan für mein Kind und der funktioniert nicht, der Blick in die Zukunft macht mir oft Angst. Unsere Tochter ist ein ganz normaler teenie mit allem was während der Pubertät dazu gehört. Ich wünsche mir ganz oft das unser Sohn genau so ist! Aber dann wieder bin ich dankbar dafür das ich durch ihn einen anderen Blick auf das Leben bekommen habe.
    Mir fällt es unheimlich schwer genug das zu schreiben was ich fühle und denke, denn für andere hört es sich bestimmt befremdlich an.

    Liebe Grüße,
    Melina

  • Katja Gecius

    Hallo Lisa!
    Ja man darf traurig sein!
    Ich würde mir manchmal auch wünschen es wäre alles anders! Bei uns ist es zwar nicht ganz so schlimm, aber zu sehen, wie das Kind sich bemüht Freunde zufinden und doch immer nur geärgert wird. Oder er einen Overload hat und er rümbrüllt und schreit , aggressiv wird mir gegenüber oder auch was kaputt macht!Man realisiert, dass wenn du von deinen Freunden die Kinder siehst wie sich entwickeln
    und du weißt, es wird nie so werden! Da werde ich sehr traurig, aber dann kommen wieder so kleine Momente, kleine Erfolge wo ich unglaublich stolz binauf mein Kind!

  • Claudia Böttin

    Hallo Lisa,
    auch ich fühle mit dir und weiß, wovon du sprichst. Mein Sohn ist 14 Jahre auch Autist und geistig Behindert. Er spricht nicht hat zusätzlich noch epileptische Anfälle und schreit fast den ganzen Tag in schrillen Tönen oder macht nonstop wie ein Papagei. Ich bin seit 4 Jahren alleinerziehend, gehe arbeiten wenn er in der Schule ist und habe schon Ewigkeiten kein Urlaub gehabt. Den Alltag mit ihm ertrage ich nur mit Gehörschütz. Die Ferien sind sehr belastend da ich wenig Unterstützung habe und mich zweiteilen müsste. Seit dem Sommer übernachtet er 1x in der Woche in einem Wohnheim was für mich ein ganz tolles Lebensgefühl ist.
    Ich wünsche dir und allen Betroffenen hier viel Kraft und Ausdauer und ja man darf auch mal weinen…..
    Lg Claudia

  • Jasmin Kox-Brötz

    Liebe Lisa…
    Erstmal ein dicken Knuddler unbekannter Weise für die offenen und ehrlichen Worte… Ich glaube, nein ich weiß, das du damit definitiv nicht allein bist… Es geht mir auch oft so, daß ich einfach hysterisch losweinen will,man selbst stellt sich immer wieder hinten an, man achtet oft zu wenig auf sich selbst. Und irgendwann bekommt man ne Klatsche dafür (RW), die sich gewaschen hat und zack, sitzt man dort und weint. Das schlimmste daran ist, daß man sich oft fälschlicherweise dafür schämt… Aber das muss man nicht, auch wenn es ein immer wieder kehrendes Gefühl ist und man es weiß, aber es wiederholt sich ständig… Das allerdings zeigt eigentlich nur, daß man gottseidank noch Mensch ist, mit all seinen Gefühlen, Emotionen, Gedanken und auch Fehlern… Und das ist auch gut so… Das sollte man sich eigentlich auf die Hand tattoowieren, damit man gerade in solchen Momenten auch daran erinnert wird 😉
    Also… Um zum Schluss zu kommen, ich finde es nur gut, richtig und wichtig, seinen Gefühlen auch mal freien Lauf lassen zu können, egal ob mit autistischen, geistig oder körperlich behinderten, nt-kindern, oder oder oder…
    Nach dem Regen kommt auch wieder Sonne ❤️

  • Mario

    Hallo Lisa,
    ich durchstöbere grad den Blog und bin auf deinen Brief aufmerksam geworden.
    Ich finde deine Worte ehrlich und kann diese zu hundert Prozent nachempfinden.
    Ich habe einen 5 Jahre alten Sohn bei dem vor 3 Monaten frühkindlicher Autismus diagnostiziert wurde.
    Bis zur Diagnose war es schon ein steiniger Weg und als diese dann diagnostiziert wurde, fielen wir erstmal in ein Loch obwohl wir es natürlich erwartet haben.
    Niklas versteht vieles nicht auch wenn er es nachsprechen kann würde ich sagen kennt er nicht die Bedeutung.
    Ich glaube es geht ihm gut dabei , zumindest hoffe ich das!
    Ich, als Vater, habe immer die Einstellung gehabt das wird schon , aber so langsam und so mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetze, befürchte ich dass er es schwer haben wird in seinem weiteren Leben.
    Er wird immer auf Hilfe angewiesen sein und das macht einen traurig.
    Und wenn man dann hört : Endlich Wochenende , dann fängt bei uns das überlegen an wie wir das WE irgendwie rumbekommen sollen.
    Niklas hat auch keine Hobbies , malt nicht, fährt kein Rad oder Dreirad ect….
    Das sind nur ein paar wenige Gedanken von mir , musste ich grad mal loswerden.

    Dein Beitrag ist jett 2 Jahre alt , wie geht es euch Heute ?

    Viele Grüße

  • Chris

    Hallo Lisa,
    auch ich bin beim Stöbern auf Deinen Brief aufmerksam geworden.
    Meine Tochter ist 30 Jahre alt, gehörlos, mit frühkindlichem Autismus. Die Traurigkeit von der Du schreibst, begleitet mich schon die ganzen Jahre. Aber meine Tochter ist es auch immer wieder, die mir diese Traurigkeit nimmt – durch Fortschritte, die sie macht, Erlebnissen mit ihr, oder aber Reaktionen von ihr. Daraus ziehe ich Energie und Kraft. Ein kleines Beispiel:
    Mein Sohn wird demnächst Vater. Meine Tochter sitzt vor mir und fragt, wann sie ein Baby bekommen wird. Aus dem Stand fing ich an zu weinen. Nach einer Weile ist SIE zu mir gekommen, hat mich in den Arm genommen, eine Hand an meine Wange gelegt und gebärdet: Mama, nicht weinen, alles gut!
    Das erste Mal in 30 Jahren…
    Liebe Grüße

  • Peter

    Hallo Lisa,

    danke für deinen Brief, Du hast mir aus der Seele gesprochen und ja, ich denke man darf traurig sein und sich fragen, warum das eigene Kind das durchmachen muss.
    Mir geht es heute, wo mein Sohn bei seiner Mutter ist und ich Zeit zum Nachdenken habe, auch sehr schlecht und manchmal kriege ich auch einen Heulanfall.
    Es ist alles so zermürbend, der Kampf beim Jugendamt um eine Schulbegleitung und mit der Mutter um die Betreuungszeiten; die Einsamkeit, weil viele die Situation nicht verstehen; die große Angst was passiert, wenn man nicht mehr da ist; die Traurigkeit, weil der Traum, wie man leben wollte (ich wollte immer eine große Familie) zerplatzt ist und vor allem die „Aussetzer“ von meinem Sohn, wenn er wegen Kleinigkeiten ausrastet und mich beschimpft und Sachen nach mir schmeißt.
    Dann wünsche ich mir manchmal ein „normales Kind“ oder auch eins mit einer körperlichen Behinderung.
    Ja, ich schäme mich dann, aber die Gedanken kommen trotzdem hoch.

    Liebe Grüße
    Peter

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