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Die Sache mit dem Essen – Autismus und die Gourmetküche

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im Oktober 2016


Das Thema Ernährung und Essen spielt sicher bei vielen Familien mit autistischen Kindern eine große Rolle. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es hier große Unterschiede gibt.

Bei Niklas waren die Probleme im Baby- und Kleinkindalter größer als jetzt: er hatte aufgrund seiner Hypotonie (Mangel an Muskelstärke) eine sehr geringe Würgereizschwelle. Das führte dazu, dass Vieles von dem, was er als Milch oder Brei zu sich nahm, gleich wieder ausgebrochen wurde. Es war nicht einfach, genug Nahrung in ihn hineinzubekommen.
Auf der anderen Seite wirkte sich die Hypotonie auch auf die Tätigkeit des Darms aus, sprich: der Darm war träge und so brauchte Niklas auch beim Stuhlgang Hilfe, z.B. mit Einläufen. Die Gabe von Milchzucker half zeitweise den Stuhlgang zu normalisieren.

Bei uns war es nie großes Thema, was gegessen wird. In der Hinsicht war es schon immer recht unkompliziert und das wissen wir auch sehr zu schätzen, denn ich weiß, dass es in anderen Familien große Diskussionen und Probleme darüber gibt, was gegessen wird, in welcher Konsistenz und Farbe, wann und wie oft usw.
Problematisch war und blieb bei uns immer die Konsistenz, denn Essen wird bis heute geschlungen, selten richtig gekaut und führt dann auch mal zu unangenehmen Schlucksituationen. Andererseits lösen zu breiige Lebensmittel sofort wieder den Würge- und Brechreiz aus. Eine ständige Assistenz und Beaufsichtigung beim Essen ist daher immer noch nötig und wichtig.

Eine Eigenheit, die eigentlich nicht wirklich mit Essen, sondern eher mit der Wahrnehmung über den Mund zu tun hat, ist bei Niklas, dass er alles verspeist: von Pferdeäpfeln, Gras, Erde, Nacktschnecken und Stiften bis hin zur kleinen Glühbirne an Lichterketten. Das ist natürlich weniger witzig und erfordert auch ständiges Beaufsichtigen, denn auch wenn ein verspeister blauer Buntstift abenteuerlich in der Windel anzusehen ist, ist er dennoch ungefährlich.
Ein genüsslich zerkautes Glühbirnchen ist dagegen weniger amüsant. Diese Eigenheit hat leider bis heute nicht nachgelassen. Niklas verspürt offenbar einen unwiderstehlichen Drang, wirklich alles über den Mund zu erspüren und zu erschmecken.

Zurück zum Essen: Ich kenne Familien, in denen jedes, aber wirklich jedes Essen, blau eingefärbt werden muss, von der Kartoffel, über Fisch bis zum Joghurt. Ich kenne Famlien, in denen alles püriert oder die Lebensmittel absolut akkurat verteilt auf dem Teller liegen müssen, und so weiter – wenn das alles nicht passiert, drohen Wutanfälle, Weinkrämpfe oder andere Krisen.
Ihr kennt sicher noch andere Beispiele oder habt selbst besondere Essenssituationen. Denn dieser Beitrag bietet lediglich einen kleinen Einblick in unseren Essensalltag, garniert mit Pferdeapfel und Nacktschnecke.

Guten Appetit, Ella

Auf meiner Pinterest-Seite findet Ihr Sammlungen zu unterschiedlich farbigem Essen :-)

wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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