Ein Thema, das sicher viele Familien mit autistischen Kindern betrifft, ist das besondere Schlafverhalten, bzw. das Nicht-Schlafen.
Niklas machte niemals auch nur einen Mittagsschlaf, er schläft bis heute nicht zuverlässig durch. Bis er vier Jahre alt war, gab es nur die Möglichkeit abzuwarten, bis er doch mal vor Erschöpfung die Augen schloss. Wann das war, war nicht vorherzusehen und auch nicht wie lange er dann schlafen würde.
Man wird sehr dünnhäutig mit dauerndem Schlafentzug (da erzähle ich sicher nichts Neues) und ich reagierte zunehmend gereizt auf Mütter, die sich darüber beklagten, dass ihre Kinder jetzt mit drei Jahren mittags nicht mehr schlafen oder nachts gelegentlich aufwachen. Sicher ist dies aus der Situation der jeweiligen Familie verständlich, aber sehr unschön wird es, wenn ich auf Nachfrage erzählte, wie sich das Schlafverhalten bei uns gestaltet und ich mir mit fetten Ringen unter den Augen immer und immer wieder von denselben Müttern anhören musste, wie entsetzlich es doch ist, dass die Kinder mittags nicht mehr Ruhe geben. Vielleicht kennt Ihr das.
Eine große Hilfe kam dann mit Melatonin in unser Leben. Irgendwo schnappte ich auf, dass manchen Menschen – und Autisten besonders oft – dieses Hormon, das den Kick zum Einschlafen gibt und den Tag-Nacht-Rhythmus steuert, fehlt. Nach ausführlichen Recherchen entschieden wir, die Gabe von Melatonin verantworten zu können und der Versuch startete sofort erfolgreich. Niklas schlief ein, ganz normal. Er schlief zwar nicht durch und das auch bis heute mit 16 Jahren nicht zuverlässig, aber es gab ab sofort einen Zeitpunkt am Abend, an dem wir uns darauf verlassen konnten, dass ein Stück Normalität in den Tag-Nacht-Rhythmus eintrat. Ein Stück Lebensqualität für alle: weniger verzweifelte Erschöpfung bei Niklas vor Übermüdung-und-doch-nicht-schlafen-können und die Sicherheit einer kleinen Ruhe-Oase für den Rest der Familie.
Wie gesagt, bedeutet das Einschlafen mit Melatonin nicht, dass damit auch durchgeschlafen wird. Das Kind schläft nicht tiefer oder länger, es schläft möglicherweise nur besser ein.
Für uns bedeutet das auch heute immer noch, dass Nächte regelmäßig schon ab 2 Uhr nachts zu Ende sein können. Dann ist einer von uns Eltern gefordert, weil Niklas nicht unbeaufsichtigt durchs Haus tigern kann. So ein schlafender Tiger wäre mir da manchmal durchaus lieber.
Einen kleinen Trost für Eltern, denen es mit kleinen Kindern momentan auch noch so geht, habe ich aber trotzdem: die kurzen Nächte sind deutlich seltener geworden, bei uns noch etwa ein bis zwei Mal pro Woche. ;-)
Noch einmal zurück zum Thema Melatonin: Eine Empfehlung möchte ich nicht aussprechen, jeder sollte selbst abwägen, ob der Versuch den Tag-Nacht-Rhythmus mit Hilfe von Melatonin zu regeln angezeigt ist. Ich kenne viele Kinder, bei denen Melatonin gut wirkt, aber auch viele, bei denen keine Wirkung erkennbar ist. Der Wikipedia-Artikel über Melatonin ist gut und informativ, macht Euch am besten selbst ein Bild.
Mir sind auch Familien bekannt, bei denen sich die Eltern in jeder Nacht abwechseln, weil sich kein normaler Rhythmus einstellt und die Kinder nicht unbeaufsichtigt sein können.
In Nächten, in denen wir durchs Haus marschieren, denke ich oft an diese Familien, die das seit Jahrzehnten nahezu jede Nacht haben und – so blöd das klingt – dann lässt es sich für mich ein bisschen besser durchstehen.
Sprecht bitte auf jeden Fall mit Eurem Arzt, bevor Ihr Euch für Melatonin entscheidet.