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Hier wird nicht gespart. Hier werden Rechte infrage gestellt.

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im April 2026


etwas emotionaler als sonst, aber begründet

Aktuell wird darüber gesprochen, bei Teilhabeleistungen zu sparen.
Also bei einem Bereich, der rechtlich längst als Anspruch festgelegt ist.
Das ist keine normale Haushaltsdebatte.

Es geht darum, Leistungen für Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen deutlich einzuschränken. Wenn man sich die Vorschläge genauer anschaut, dann geht es nicht um kleine Korrekturen, sondern um sehr konkrete Eingriffe in genau die Bereiche, die Teilhabe überhaupt erst möglich machen.

Quelle: Der Paritätische Gesamtverband: Drohender Kahlschlag im Sozialen

Kampagne der Lebenshilfe

©Quelle: Kampagne der Lebenshilfe, lebenshilfe.de


Zur Debatte stehen unter anderem:

– Einschränkungen beim Wunsch- und Wahlrecht
– Kürzungen oder strengere Bewilligung von Assistenzleistungen im Alltag
– Infragestellen von Schulbegleitung
– weniger Unterstützung beim Übergang ins Erwachsenenleben

Es sollen also genau die Leistungen gekürzt werden, die im Bundesteilhabegesetz bewusst gestärkt wurden.
Selbstbestimmung und echte Teilhabe rücken damit wieder in weite Ferne.

Es geht nicht um einfache Sparmaßnahmen, sondern darum geltendes Recht abzusprechen. Recht, für das sich jahrzehntelang eingesetzt wurde und das im Bundesteilhabegesetz festgeschrieben wurde.

Auf den ersten Blick wirkt diese Diskussion sachlich, fast nüchtern, weil sie sich auf Zahlen bezieht, auf Haushalte, auf Begrenzungen, auf das, was angeblich noch finanzierbar ist. Gleichzeitig wird ziemlich schnell klar, dass wir uns mit riesigen Schritten rückwärts bewegen:
zurück in eine Zeit, in der Teilhabe als Luxus galt und in der man für dessen Umsetzung als Bittsteller auftreten musste.

Hier geht es nicht um eine abstrakte Debatte, sondern um den Alltag von Familien, die ohnehin schon jeden Tag damit beschäftigt sind, Dinge zu organisieren, auszuhalten, aufzufangen und möglich zu machen, die für andere selbstverständlich sind.
So oft werden diese Familien misstrauisch beäugt, als wollten sie sich etwas erschleichen oder sich mit etwas bereichern. So oft versteht niemand deren Realität.
Es geht um Würde und um Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, für die wir uns einsetzen.

Das alles sind keine Zahlenspiele, die man ebenso mal in den Raum stellen kann.
Das alles bleibt nicht abstrakt.
Das alles schürt Zukunftsängste und Verzweiflung bei Menschen und Familien, die einfach nur in Würde leben und teilhaben möchten.
Es geht mitnichten um Luxus oder etwas, das man zur Verfügung stellen könnte.

Mit dem Bundesteilhabegesetz wurde festgelegt, dass es nicht mehr um Fürsorge gehen soll, sondern um Teilhabe und Selbstbestimmung, und das bedeutet eben nicht nur eine sprachliche Veränderung, sondern einen echten Perspektivwechsel, der klar sagt, dass Unterstützung nicht davon abhängen darf, wie viel gerade übrig ist, sondern davon, was notwendig ist, damit Menschen ihr Leben gestalten können.

Eltern, die sich ohnehin oft durch Anträge, Gespräche und Abstimmungen kämpfen, die wissen, wie viel Kraft es kostet, überhaupt die Unterstützung zu bekommen, die ihr Kind braucht, müssen sich jetzt wieder fragen, ob das alles noch sicher ist, ob die Schulbegleitung ihres Kindes bestehen bleibt, ob der Platz in einer Einrichtung gehalten werden kann, ob Übergänge ins Erwachsenenleben weiterhin begleitet werden oder ob genau an diesen Stellen gekürzt wird.

Was passiert, wenn die Unterstützung wegfällt?

Was passiert, wenn notwendige Strukturen für das (erwachsene) Kind wegbrechen?

Was passiert, wenn man selbst noch mehr auffangen muss, obwohl man jetzt schon am Limit ist und deshalb womöglich seine Arbeitsstelle verlieren wird?

Ich muss das hier mal so direkt schreiben, normalerweise sage ich den Satz nur im heimischen Wohnzimmer: „Diese Realität kann sich keine Sau vorstellen.“

Und während all das passiert, läuft die öffentliche Diskussion auf einer ganz anderen Ebene, auf der von Milliarden die Rede ist und von Einsparpotenzialen.
Hallo!?
Es geht hier um Menschen mit Behinderung oder bei denen eine Behinderung ohne Unterstützung überhaupt erst entstehen oder sich deutlich verschärfen würde. Sie möchten nichts haben, was sie nicht dringend brauchen und was ihnen per Recht zusteht. Sie wären froh, wenn sie diese Leistungen nicht beantragen müssten.

Liebe Entscheidungsträger, liebe Kosteneinsparer, habt Ihr die Familien, um die es hier geht, mal gefragt, besucht, euch mal einen Tag, ach, was sage ich, einfach mal ein paar Stunden ihre Rolle übernommen?
Aber bitte nicht nur die Vorzeige-Bilderbuch-Familien, sondern die, die es wirklich hart trifft.
Nein?
Es wird höchste Zeit, bevor solche Ansätze überhaupt nur gedacht und Familien in Krisen gestürzt werden.
Es ist unwürdig, wenn man beginnt, Unterstützung gegeneinander aufzurechnen, wenn man anfängt zu überlegen, wo man kürzen kann, ohne sich ehrlich anzuschauen, was das für die Menschen bedeutet, die davon betroffen sind.

Es geht nicht um Dinge. Es geht um Menschen. Es geht um Familien und um pflegende Angehörige, ohne die, dieses System schon längst zusammengebrochen wäre.
Und jetzt? Jetzt sollen sie noch mehr tragen?
Das können sie nicht.
Das können wir nicht.
Dieser Schuss geht nach hinten los. An dieser Stelle zu „sparen“ ist fatal!


Jetzt ist für niemanden der Moment, einfach weiterzugehen, nicht zu denken, das wird sich schon irgendwie regeln, nicht darauf zu vertrauen, dass das schon nicht so schlimm wird, sondern hinzuschauen, zu benennen, zu widersprechen, und sichtbar zu machen, dass das nicht vertretbar ist.
Für niemanden in dieser Gesellschaft.

Ich akzeptiere nicht, dass Teilhabe wieder zur Verhandlungsmasse wird, über die man spricht, als ginge es um einen beliebigen Posten, den man streichen kann, wenn es eng wird.
Wer das nicht sehen kann, hat womöglich das Glück, selbst noch nie in dieser Situation gewesen zu sein – in einer Situation, in der man alles, aber auch alles an Energie und Fürsorge aufbringt, um einem geliebten oder anvertrauten Menschen ein würdiges und teilhabendes Leben zu ermöglichen.

Hier kann niemand neutral bleiben.
Denn auf Unterstützung angewiesen zu sein, kann morgen schon jeden von uns betreffen.
Jeden.


Es gibt eine Petition gegen diese Kürzungsvorschläge.

Zeichne bitte mit.
Ganz gleich, ob du aktuell betroffen bist oder nicht.
Es geht uns alle an.

👉 Petition gegen Kürzungen bei Teilhabeleistungen

Und auch wenn eine einzelne Unterschrift die Situation nicht sofort verändert, ist sie Teil von etwas Größerem, nämlich dem Signal, dass hier eine Grenze verläuft, die nicht stillschweigend überschritten werden darf, dass es Menschen gibt, die genau hinsehen, die verstehen, was auf dem Spiel steht, und die nicht bereit sind, das einfach hinzunehmen, nur weil es in Zahlen verpackt wird und dadurch weniger sichtbar erscheint.

wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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Zum Weiterlesen:

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Es ist immer wieder überwältigend, was wir als Eltern autistischer Kinder bedenken, organisieren und verarbeiten müssen. Neben viel Wissen und Erfahrungen, die du hier im Blog findest, ist eine solidarische Gemeinschaft unglaublich hilfreich. Das Forum plus ist ein geschützter Bereich nur für Eltern autistischer Kinder. Hier findest du außer praktischen Tipps viel Verständnis und Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie Du.

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