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Autismus und Trauma – Interview mit Psychologe und Autor Philippe Stöckli

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im April 2026


Das Thema „Autismus und Trauma“ taucht immer häufiger auf….

… gleichzeitig bleiben viele Fragen offen.
Was ist eigentlich ein Trauma und wie zeigt es sich bei Autistinnen und Autisten?
Welche Rolle spielen Stress, Wahrnehmung und das Umfeld im Alltag?
Und was bedeutet das alles für Familien, die Autistinnen und Autisten mit hohem Unterstützungsbedarf begleiten?

Über diese Fragen habe ich mit dem Psychologen und Psychotherapeuten Philippe Stöckli gesprochen. Ausgangspunkt war sein neues Buch, das sich intensiv mit den Zusammenhängen zwischen Autismus, Stressregulation und traumabezogenen Prozessen beschäftigt.

Cover des Buche "Autismus, Trauma und Bindung" von Philippe Stöckli

©Cover von „Autismus, Trauma und Bindung“, Autor: Philippe Stöckli (Verlag Kohlhammer)

Die Begriffe „Trauma“ oder „traumatisierend“ werden immer häufiger verwendet. Sehen Sie eine Gefahr der Bagatellisierung? Was muss gegeben sein, um wirklich von einem Trauma sprechen zu können?

In der Tat besteht das Risiko einer Bagatellisierung, wenn inflationär von ‚Trauma‘ gesprochen wird.

Klinisch gesehen erfordert eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) eine klare Symptom-Trias: das belastende Wiedererleben (Flashbacks, Alpträume), die konsequente Vermeidung von Triggern sowie eine chronische Über- oder Unteraktivierung (Hyper-/Hypoarousal).
Der wohl kritischste Punkt ist jedoch das A-Kriterium: Ein Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen, die „extrem bedrohlich oder schrecklich“ waren und bei denen weder Widerstand noch Entkommen möglich war.

Meiner Meinung nach ist einer der Hauptgründe, weshalb Trauma bei Autisten so wenig (an)erkannt wird:
in vielen Fällen können sie kein eindeutiges traumatisierendes Ereignis nennen, denn ihr Leiden ist oft eher das Resultat einer konstanten, kumulativen Überforderung, nämlich in eine Welt geboren zu sein, die nicht für sie konzipiert wurde.
Gleichzeitig erfüllen viele ASS-Betroffene die Diagnosekriterien einer komplexen PTBS, die zusätzlich durch schwere Probleme der Emotionsregulation, einem negativen, selbstabwertenden Selbstbild und durch schwerwiegende Beziehungsprobleme gekennzeichnet ist.

Diagnostische Präzision darf nicht dazu führen, dass reales Leid bagatellisiert wird. Selbst wenn eine formelle Traumadiagnose nicht erfüllt ist, haben wir als Behandelnde eine Verantwortung, KlientInnen in ihrer subjektiven Erfahrung ernst zu nehmen.
Ein traumasensibler Ansatz bedeutet für mich, Bedürfnisse und Symptome zu validieren, unabhängig davon, ob sie exakt in diagnostischen Raster passen. Denn wir alle tragen unseren Rucksack an Verletzungen – und jede dieser Verletzungen verdient es, gehört und fachgerecht begleitet zu werden.

Wie sind Sie persönlich auf das Thema Autismus und Trauma aufmerksam geworden?

Ich beschäftige mich schon seit über zehn Jahren mit Trauma und habe viele verschiedene Weiterbildungen und viel Selbsterfahrung durchlaufen.
Zum Autismus kam ich eher zufällig über eine Stelle, bei der ich Psychotherapie für Google MitarbeiterInnen angeboten habe. Plötzlich war ich mit einer komplett andersartigen Thematik konfrontiert. Da mir die Menschen sympathisch waren und mich das Thema Autismus interessiert hat, habe ich mich intensiv eingearbeitet, viele Fragen gestellt und auch begonnen, Abklärungen zu machen.

Durch Weiterbildungen wie Somatic Experiencing und NARM – beides körper- und regulationsorientierte Traumatherapiemethoden – hat sich mir eine neue Welt eröffnet: ich habe am eigenen Leib erlebt, dass es möglich ist, als Kopfmensch den Zugang zum Körper und den Gefühlen zu finden. Und dass dies eine ganzheitlichere und natürlichere Integration bedeutet als ein rein kognitiver Ansatz.
In den folgenden Jahren habe ich diesen Ansatz mit autistischen PatientInnen angewandt und war überrascht, was möglich war an Veränderungen in Bezug auf Selbstkontakt, Selbstakzeptanz und Regulation. Zudem war mir klar, dass ich diese Erkenntnisse mit möglichst vielen Betroffenen teilen wollte und ein Buch darüber schreiben musste!

Autismus und Trauma weisen laut Ihrer Darstellung einige Gemeinsamkeiten auf. Woran lässt sich erkennen, ob etwas eher mit autistischer Verarbeitung zu tun hat oder mit traumatischen Erfahrungen?

Für eine sorgfältige Unterscheidung braucht es vertiefte Kenntnisse und Erfahrungen mit vielen Betroffenen. Gewisse autistische Eigenheiten weisen sehr eindeutig auf Autismus hin.
Dazu gehören u.a. Verständnisschwierigkeiten in verbaler und nonverbaler Kommunikation, Theory of Mind oder stereotype Verhaltensweisen, Tics oder Echolalie oder eingeschränkte intensive Interessen.

Umgekehrt gibt es große Überschneidungen von (komplexer) Traumatisierung und Autismussymptomen. Mit anderen Worten: Es ist einfacher zu erkennen, ob eine traumatisierte Person auch autistisch ist als herauszufinden, ob ein Autist traumatisiert ist.
Am besten überlässt man diese komplexe Diagnostik jedoch den Fachleuten.

Sie definieren Trauma weniger über ein einzelnes Ereignis als über die anhaltende Reaktion des Organismus. Was bedeutet dieses Verständnis für den Blick auf Belastung bei Autistinnen und Autisten?

Ich halte mich an die offiziellen Traumakriterien, inklusive das auslösende Ereignis. Gleichzeitig ist diese binäre Herangehensweise in der klinischen Praxis nicht sehr hilfreich: entweder man hat’s oder man hat’s nicht.
Wie bereits erwähnt geht es vielmehr darum, die berichteten Phänomene ernst zu nehmen und für sich einordnen zu können. Wenn die Volldiagnose für Trauma nicht erfüllt ist, spreche ich beispielsweise von ‚autonomen Stressreaktionen‘ anstatt von ‚Traumareaktionen‘. Denn Trauma und Stress bilden ein Kontinuum.

Die Erkenntnis, dass unser Körper ungefragt Stressreaktionen produziert, wenn eine gefühlte Bedrohung vorliegt, und dass diese nicht vermieden werden können, kann eine entlastende Wirkung haben.
In der Therapie kann auf diese Weise mehr Verständnis für die eigene Situation entstehen: unser implizites Gedächtnis umfasst viel mehr Informationen als jene, an die wir uns explizit erinnern können.

Die autonomen Stressreaktionen, mit denen unser Körper reagiert, haben also immer einen guten Grund in der persönlichen Geschichte. Nur weil wir keinen Zugang dazu besitzen, brauchen wir unsere Reaktionen nicht als ‚irrational‘, ‚unsinnig‘ oder ‚übertrieben‘ abzutun. Dies ist faktisch inkorrekt und entspricht einer Selbstabwertung und Weglassung des relevanten Entstehungskontextes. So behalte man sich beispielsweise im Hinterkopf, dass viele solche Triggerthemen auf überfordernde Erfahrungen in der frühen Kindheit zurückgehen können. Und wir wissen, dass für Kleinkinder gewisse Situationen existentiell bedrohlich sind, die für Erwachsene komplett unproblematisch sind. Wiederum ist es in dem Fall die subjektive Perspektive (des Kindes), die ausschlaggebend ist. 

Sie deuten autistische Verhaltensweisen (u.a. auch Stimming) als Versuche, Orientierung und Sicherheit herzustellen. Welche Konsequenzen hat diese Sichtweise für den Alltag? Und welche Rolle spielt der Körper bei der Regulation von Stress und Trauma – gerade bei Autistinnen und Autisten?

Einerseits finde ich, dass kompensatorische Verhaltensweisen wie Stimmung, Rocking oder Routinen ohne schlechtes Gewissen eingesetzt werden können sollten. Alle Menschen kompensieren. Das ist normal und hilfreich.
Ein verstärkter Blick auf das subjektive Sicherheitsempfinden kann dazu beitragen, dass Betroffene sich bewusster werden, dass sie sich oft weit außerhalb ihrer persönlichen Komfortzone bewegen.
Unter Komfortzone verstehe ich jenen Bereich, in dem sich unsere Batterien wieder aufladen – für Autisten oft alleine zuhause mit einem Mindestmaß an Reizen. Es lohnt sich, den eigenen Alltag in dieser Hinsicht durchzudenken und sich die Frage zu stellen: Wie könnte ich diese oder jene ermüdende Situation verträglicher gestalten?

Für die Frage zur Rolle des Körpers bei Trauma und Autismus müsste ich viel weiter ausholen, werde mich hier aber auf das Wesentliche beschränken.
Ohne Körperbezug wird man sich früher oder später unverbunden, orientierungslos, leer und ängstlich fühlen. Positiv ausgedrückt: Der Körper gibt uns Form, Halt, Sensorik, Empfinden und damit Orientierung in einer oft verwirrenden Welt.
Auch wenn die Signale aus dem Körper manchmal diffus sind, so geben sie eine klarere Orientierung als Gedanken, die schnell ins Gegenteil gedeutet werden können, je nach Rationalisierung. Körpersensationen und Gefühle sind da eher träge und eindeutiger – doch Umgang und Interpretation wollen geübt sein.

Bei einer Traumatisierung kommt erschwerend hinzu, dass der Körper auch Quelle vieler unangenehmer Sensationen darstellt. Der Wunsch, diese nicht spüren zu wollen, ist verständlich, führt jedoch in einen Teufelskreis: Ohne Körpersensationen fehlt die Orientierung und damit die Sicherheit.
Meiner Meinung nach ist genau dieses Thema sowohl für Menschen mit Autismus und Trauma sehr zentral. Daher bin ich überzeugt, dass ein körperorientierter und traumasensibler Behandlungsansatz viele Betroffene unterstützen kann, sich nicht nur kognitiv zu orientieren, sondern mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. 

Viele Erkenntnisse über Trauma beruhen auf Selbstberichten. Wie kann man traumatische Erfahrungen bei Autistinnen und Autisten erkennen, die nicht sprechen oder ihre inneren Zustände nicht verbal ausdrücken können?

Das ist eine sehr schwierige Frage, über die ich noch nicht wirklich nachgedacht habe, da ich nur mit hochfunktionalen Autistinnen arbeite.
Wenn die Sprache nicht verfügbar ist, verbleibt das Nonverbale: Körperhaltung, Mimik, Gestik oder jegliche andere Art sich auszudrücken, durch Musik, Bilder oder andere Darstellungsformen können viele Informationen transportiert werden – manchmal vielleicht sogar mehr als durch Worte.

Meiner Meinung nach sollte jede Psychotherapeutin geschult sein in der sorgfältigen Beobachtung der Zeichen des autonomen Nervensystems.
Wie ist der Muskeltonus, die Atemfrequenz und -tiefe, der innere Rhythmus?
Wie verändert sich die Hautfarbe während der Interaktion?
Mit etwas Übung erkennt man Stress-, Entspannungs- oder dissoziative Zustände recht schnell und kann sie als Richtlinie für therapeutische Interventionen nutzen.

In der öffentlichen Diskussion wird häufig über Masking gesprochen. Gleichzeitig gibt es viele Autistinnen und Autisten mit stärkerer Ausprägung, die gar nicht maskieren können und deren Stressreaktionen unmittelbar sichtbar sind. Wo ordnet sich diese Realität in Ihr Modell ein?

Autisten ohne Maskierungsmöglichkeiten sind natürlich exponierter und besitzen dadurch ein erhöhtes Risiko für Ausgrenzung, Stigmatisierung und Traumatisierung.

Das Vier-Komponenten-Modell, das ich in meinem Buch präsentiere, ist ein Vorschlag für eine Einteilung von Autismussymptomen. Ich unterscheide eine (I) angeborene autistische Komponente, eine (II) Stress- und Traumakomponente, eine (III) Bindungskomponente und eine (IV) Kompensationskomponente.
In diesem Modell würde sich das Thema Masking in die Kompensationskomponente einreihen, da es sich oft um eine bewusste Anpassungsleistung handelt. Es wäre auch möglich, Masking als eine unbewusste Fawn-Traumareaktion zu betrachten, im Sinne der unterwerfenden Anpassung (people pleasing).

So oder so stellt Masking eine Reaktion auf eine erwartete Ablehnung dar. Das Vier-Komponenten-Modell soll dazu beitragen, die primären, ursächlichen Mechanismen zu identifizieren und von sekundären Folgeerscheinungen zu unterscheiden. Denn während angeborene autistische Eigenschaften meist unveränderlichen Charakter haben, besitzen Folgeerscheinungen wie Stress, Trauma oder Kompensationsstrategien oft ein deutliches Veränderungspotenzial.

Das Modell dient einerseits dem Selbstverständnis Betroffener: Wenn man realisiert, dass gewisse Eigenschaften (wie die Art der Wahrnehmung oder die sensorische Reizempfindlichkeit) unveränderlich sind, ist es eher möglich, diese zu akzeptieren, anstatt sich deswegen abzuwerten.
Andererseits bietet das Modell Orientierung für Behandlerinnen, akzeptanz- und veränderungsorientierte Interventionen treffsicher einzusetzen und so eine stärker ursachenorientierte Behandlung anbieten zu können.

Sie greifen auch Kritik an ABA auf. Viele Betroffene berichten von belastenden und traumatisierenden Erfahrungen mit solchen Ansätzen. Wo sehen Sie das Problem dieser verhaltensorientierten Methoden und welche Alternativen erscheinen Ihnen hilfreicher?

Verhaltensorientierte Ansätze sind wertvoll, wenn sie AutistInnen helfen, Kompetenzen zu erwerben oder lebenspraktische Ziele zu erreichen.
Problematisch und potenziell traumatisierend wird es jedoch dann, wenn das Ziel der Therapie eine Angleichung an die neurotypische Norm ist. Eine Therapie, die darauf abzielt, autistisches Verhalten (wie Stimming, Routinen oder soziale Rückzugstendenzen) lediglich zu unterdrücken, vermittelt die schmerzhafte Botschaft: ‚So wie Du bist, ist es nicht richtig. Du solltest anders sein.‘

Meiner Erfahrung nach brauchen autistische Menschen, die oft schon ein Leben lang Ablehnung und fehlendes Verständnis erfahren haben, in erster Linie Akzeptanz, Interesse und Verständnis, und nicht noch mehr Ablehnung. Denn ständige Anpassung und Masking kosten extrem viel Energie und können einerseits zu einem autistischen Burnout führen, und verstärken andererseits die Selbstentfremdung.
Gewisse Stimmen bezeichnen ABA als eine Konversionstherapie (Bridges, 2015), die darauf abzielt, Menschen von ihrer gefühlten Identität abzubringen. Ich bin jedoch überzeugt, dass sich Kinder und auch Erwachsene dann am besten entwickeln, wenn sie in ihrer wahren Natur gesehen und akzeptiert werden.
Das bedeutet nicht, jegliches Missverhalten zu entschuldigen, sondern vielmehr den guten Kern in jedem Kind zu sehen. Nur so kann wahre Selbstakzeptanz und innerer Frieden entstehen.

Hilfreichere Alternativen sehe ich in Ansätzen, die die Andersartigkeit gemeinsam erkunden und einen Umgang suchen, wie beispielsweise Sensorische Integration oder die hierzulande noch eher unbekannte Therapieform A.R.T. (Anxiety Reframe Technique) der Australierin Holly Bridges, die gute Erfolge bei schweren Formen von Autismus nachgewiesen hat.

Ansätze wie TEACCH werden in vielen Einrichtungen eingesetzt. Wie lässt sich hilfreiche Strukturierung von einer Anpassung unterscheiden, die am Ende eher Druck erzeugt?

Obwohl ich kein TEACCH-Experte bin, ist für mich der entscheidende Gradmesser die Selbstbestimmung.
Jede Strukturierung sollte ein Angebot sein, das die Person selbst wählen oder ablehnen kann.

Meiner Erfahrung nach stehen autistische Menschen bereits unter einem enormen inneren und äußeren Anpassungsdruck. Was sie brauchen, ist nicht noch mehr Disziplinierung von außen, sondern eine Druckentlastung.
Wir kommen hier auch in eine Grundsatzdiskussion über Pädagogik und Erziehung rein: Ich bin fest davon überzeugt, dass echte Entwicklung und Motivation – genau wie das Spiel bei Kindern – natürliche Prozesse sind, die aus einem Gefühl der Sicherheit und von innen heraus entstehen und nicht mit Druck und Disziplin erzeugt werden müssen.  
Wenn Kinder die Möglichkeit und Freiheit haben und sich sicher genug fühlen, werden sie spielen, explorieren und lernen.

Die Aufgabe eineR TherapeutIn sehe ich daher weniger im ‚Formen‘ eines Verhaltens, sondern im Schaffen eines sicheren emotionalen Raums. Er oder sie begleitet die Selbstexploration mit Wohlwollen und gibt ehrliche, wertfreie Resonanz und Orientierung.
Dabei steht der Respekt vor den individuellen Grenzen und der einzigartigen Wahrnehmung des Gegenübers immer an erster Stelle. Therapie sollte kein Umbauprojekt sein, sondern eine Einladung zum Wachsen.

Ein großer Teil meiner Community begleitet Autistinnen und Autisten mit hohem Unterstützungs- und Pflegebedarf im Alltag.
Welche Gedanken aus Ihrem Buch könnten gerade für diese Familien und Begleitenden hilfreich sein?

Im Kapitel über Autismus und frühe Bindung beleuchte ich die elterlichen Herausforderungen der Beziehungsgestaltung, wobei gerade für Familien mit hohem Unterstützungsbedarf das Wissen um die Kraft von Einstimmung und Resonanz wegweisend sein kann.
Einstimmung bedeutet in diesem Kontext, dem Kind wohlgesinnt zu begegnen und seine Perspektive als absolut valide zu betrachten – selbst wenn sein Verhalten von außen betrachtet schwer nachvollziehbar scheint.
Es gilt der Grundsatz, dass jedes Verhalten einen guten Grund hat: Sei es eine noch nicht erworbene Kompetenz zur Selbstberuhigung, eine sensorische Überforderung oder schlicht eine andere Art der Wahrnehmung.
Statt das Verhalten zu bewerten, bemühen wir uns aktiv, die Perspektive des Kindes nachzuvollziehen. Dies signalisiert dem Kind, dass es in seinem Erleben gesehen und respektiert wird.

Da diese Form der Resonanz ein offenes und stabiles Gegenüber erfordert, ist es für Eltern und Begleitende essenziell, auch die Regulation des eigenen Nervensystems zu erlernen. Nur aus einer inneren Sicherheit heraus können wir die nötige Ruhe ausstrahlen, um für das Kind ein sicherer Hafen zu sein und seine individuelle Entwicklung mit echter Akzeptanz zu begleiten.

Was ist Ihnen noch wichtig zu sagen? Worauf kommt es Ihnen besonders an, wenn Sie an das Autismus-Spektrum denken?

Wenn ich an Menschen im Autismus-Spektrum denke, sehe ich vor allem ein unglaubliches Ausmaß an täglicher Anstrengung, an Anpassungsleistung und den tiefen Willen, akzeptierter Teil dieser Gesellschaft zu sein.
Mein Wunsch ist es, dass sich autistische Menschen genauso ‚normal‘ und akzeptiert fühlen können wie alle anderen auch. Und ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Andersartigkeit mit Interesse und Verständnis begegnet wird.

Herzlichen Dank für die Zeit, die ausführlichen Antworten und die Einblicke in Ihre wichtige Arbeit. Ich bin sicher, dass viele Leserinnen und Leser hilfreiche Impulse mitnehmen können.


Philippe Stöckli

Philippe Stöckli
Dr. phil. Philippe Stöckli ist Psychologe und pensionierter Jazzsaxophonist.

Er arbeitet als eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor für Gestalttherapie in eigener Praxis in Zürich.
Als ausgebildeter Gestalttherapeut ist er spezialisiert auf Psychotraumatologie (u. a. EMDR, NARM, Ego-State-Therapie, Somatic Experiencing).

Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit liegen in den Bereichen Autismus, ADHS, Hochsensibilität und Körpertherapie.
Zudem leitet er klinische Seminare und hält Vorträge zu den Themen Autismus und Trauma.


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wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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Es ist immer wieder überwältigend, was wir als Eltern autistischer Kinder bedenken, organisieren und verarbeiten müssen. Neben viel Wissen und Erfahrungen, die du hier im Blog findest, ist eine solidarische Gemeinschaft unglaublich hilfreich. Das Forum plus ist ein geschützter Bereich nur für Eltern autistischer Kinder. Hier findest du außer praktischen Tipps viel Verständnis und Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie Du.

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