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Wie unsere autistischen Kinder das Leben anderer Menschen berühren und verändern

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im Mai 2022


Häufig bekommen wir kritische Rückmeldungen zum Verhalten unserer Kinder. Viele Gespräche drehen sich um Herausforderungen, Probleme, die zu überwinden sind und Dinge, die nicht gehen oder mit denen wir halt irgendwie zurechtkommen sollen, weil gerade niemand da ist, der unterstützen kann.

Umso schöner ist es dann, wenn wir hin und wieder Feedback bekommen, das einfach wertschätzend ist. Auch ich habe schon einige Male Gespräche mit Menschen geführt, die mir ganz erstaunliche Dinge verrieten. Das erzeugte wirklich Gänsehaut bei mir und vielleicht kennt ihr das ja auch.

Niklas vor dem Sonnenuntergang
Niklas in Schweden

Neulich zum Beispiel bedankte ich mich bei einem Arzt dafür, dass er immer für Niklas da ist, dass er so viel gibt und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Er freute sich über die Wertschätzung, sagte aber auch, dass es für ihn sehr wohl selbstverständlich sei, für Niklas da zu sein und dass Niklas ihn sehr berühren würde.
Das hatte ich in diesem Moment überhaupt nicht erwartet und ich fühlte mich reich beschenkt, dankbar und hatte das Gefühl, in einem warmen, wohltuenden Regenschauer zu stehen. Ein kleiner Schauer, der Zweifel abwäscht, sich frisch und einfach wunderbar anfühlt.
Ein bisschen machte es mich sprachlos und ein paar Tränchen musste ich auch verdrücken, weil das Gefühl der Einsamkeit, das viele sicherlich kennen, zumindest für diesen Moment komplett verschwunden war.

Eine andere wunderbare Begegnung war mit einer ehemaligen Schulbegleiterin von Niklas, die vor ihrem Job als Schulbegleiterin noch gar nicht so recht wusste, wohin der berufliche Weg für sie danach weitergehen würde. Nach der Zeit mit Niklas war dann für sie klar, dass sie mit autistischen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen weiterarbeiten möchte. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und arbeitet heute tatsächlich mit autistischen Menschen zusammen.

Eine ehemalige FEDlerin sagte mal zu mir: „Niklas hat mein Leben verändert. Ich weiß jetzt, worauf es ankommt und dafür bin ich ihm unendlich dankbar.“
Eine andere Person sagte mir: „Niklas hat mich geerdet. Ich kann nach Begegnungen mit ihm viel klarer über das nachdenken, was mich beschäftigt, so als ob er Knoten in meinem Kopf lösen würde.“


Ich weiß nicht, wie Niklas das immer schafft, die Menschen im Sturm zu erobern, denn es ist keinesfalls so, dass er ständig seinen Charme auspacken würde. Viele Situationen sind wirklich schwierig, aber es gibt immer wieder Menschen, die sich ihm verbunden fühlen, aus den guten Momenten mit ihm Kraft für sich selbst schöpfen können und eine Vertrautheit und Verständnis aufbauen, die etwas ganz Besonderes sind.

Und auch umgekehrt ist es so, dass Niklas Menschen nicht vergisst, die er einmal ins Herz geschlossen hat. Er gebärdet regelmäßig von Personen, die er zum Teil schon mehrere Jahre nicht mehr gesehen hat, an die er aber positive Erinnerungen hat. Er weiß genau, wer ihn akzeptiert, wer ihn in seinem So-Sein wertschätzt, wer ihn respektiert und auf seine Weise lieb gewonnen hat. Und er zeigt es dann wiederum auf seine Weise, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht.

Mich bewegt das sehr – beide Seiten rühren mich, seine und die der Menschen, die sich auf ihn einlassen und ihn in ihr Leben lassen. Und es entlastet mich. Denn Sorgen an die Zukunft lassen uns Eltern häufig nicht los. Zu wissen, dass Niklas wirkliche Verbundenheit schaffen, zulassen und leben kann, bewirkt bei mir große Zuversicht.

Ich schreibe das hier auch, weil ich Mut machen möchte. Ich bin sicher, dass es im Leben unserer Kinder noch viel mehr Menschen gibt, die positiv berührt und bewegt werden, dies aber nicht sagen möchten oder können.
Aber ich glaube ganz fest daran, dass wir davon ausgehen können und das ist ein schönes Gefühl, mit dem ich dich gerne anstecken möchte. ♥

Wenn du auch solche Erlebnisse, Gefühle und Gedanken kennst, schreib gerne in die Kommentare.
Herzlichst, Silke alias Ella ♥

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wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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