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Behinderte Kinder nonstop zuhause bedeutet Aufsicht, Betreuung, Beschäftigung, Pflege und Nachtdienste

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im März 2020


Familien organisieren sich neu. Linktipps für Homeschooling gibt es in Hülle und Fülle. Was viele Eltern und auch ich vermisse, sind Tipps für die Nonstop-Betreuung unserer behinderten Kinder zuhause.
Diese Klientel steht eindeutig nicht im Fokus. Vielen ist auch nicht bewusst, dass es dabei nicht nur um eine Beaufsichtigung und das Vermitteln von Lehrstoff geht, sondern um Pflege, Füttern, Windeln, Nachtdienst und Freizeitassistenz, weil sich viele unserer Kinder nicht selbst beschäftigen können.

Wir Eltern, die wir rund um die Uhr gefragt sind, kennen es nicht anders. Auch die soziale Isolation, die für viele Familien dieser Tage neu ist, ist für uns Alltag. Aber einen erheblichen Unterschied macht natürlich, dass wir die Betreuung und Pflege unserer Kinder nun 24 Stunden selbst ohne Pause bewältigen müssen.
Genau für diese Familien ist dieser Beitrag gedacht, denn durch Kita-, Schul- und Förderstättenschließungen tun sich hier noch ganz andere Herausforderungen auf.

Sandeimer

Hier findest Du einige Anregungen, wie Du Dein Kind fördern, aber auch unbeschwerte Zeit mit ihm verbringen kannst. Dabei ist es ganz wichtig, dass Du auch an Dich denkst, weil niemand ohne Pausen über mehrere Wochen hinweg einen 24-Stunden-Job leisten kann.
Wahrscheinlich ist es Dir nicht so leicht möglich, mit Deinem Kind zu „verhandeln“, wer wann was in welcher Reihenfolge tut und wann Du zwischendurch Zeiten nur für Dich hast. Versuche es trotzdem hin und wieder einzufordern und unterstütze Eure gemeinsam Zeit mit einem Plan, der sichtbar ander Wand hängt. Etwas, das man immer wieder anschauen kann, ist präsenter und vermittelt mehr Struktur und Sicherheit, als wenn Ihr über Eure Pläne nur sprecht. Mache auch Pausen für Dich darin sichtbar.

Wahrnehmungsblöcke einbauen

Unser Kinder mögen es häufig, wenn sie basal stimuliert werden. Die Vorlieben können dabei natürlich ganz unterschiedlich gelagert sein. Aber häufig tragen solche Zeiteinheiten dazu bei, dass sie und auch wir selbst zur Ruhe kommen können.
Möglichkeiten sind zum Beispiel:

  • Hand- oder Fußmassagen
  • Streicheleinheiten an Armen oder Beinen (je nach Vorliebe fester oder auch sanft)
  • gemeinsames Ertasten verschiedener Materialien (Holz, Plastik, Stoff, Papier,….)
  • gemeinsames Erschmecken verschiedener Stoffe (Süße, Saures, Bitteres, …)
  • Mit essbaren Farben in der Badewanne spielen lassen
  • Bilder auf den Rücken malen und raten lassen
  • Seifenblasen pusten und fangen
  • Lichtspiele
  • Höhlen und Tunnel bauen

Kreatives ausprobieren

Je nachdem, ob dein Kind Materialien sofort in den Mund steckt oder nicht, kannst Du zum Beispiel wählen zwischen:

  • Kneten (auch evtl. ein Thema vorgeben, Menschen, Tiere, Spielplatz,…)
  • auf der Terrasse, im Sandkasten etwas bauen
  • Stoff batiken
  • etwas zusammenschrauben, bauen
  • basteln
  • T-Shirts anmalen
  • Tisch-Sets anmalen
  • Blumen pflanzen

Backen und Kochen

Auch das ist sehr davon abhängig, wie stark das Gefahrenbewusstsein bei Deinem Kind ausgeprägt ist. Bei Niklas, der ja schon 20 Jahre alt ist, muss ich bei jedem Schritt dabei sein. Aber vielleicht ist etwas für Euch dabei:

  • Kuchen backen und verzieren
  • Spaghetti mit Soße kochen
  • Pudding kochen
  • Figuren mit Blätterteig formen
  • Brezeln mit Teig formen
  • alkoholfreie Cocktails oder Milchshakes mixen
  • aber auch: Küchenutensilien untersuchen, sie ertasten und schmecken

Was Ihr sonst noch ausprobieren könnt:

  • Kleiderschrank ausmisten und dabei das Kind im Schrank verstecken und spielen lassen. Gerade Autisten lieben dieses Höhlenerlebnis häufig.
  • Schuhe sortieren und anprobieren, mit Fussmassagen verbinden
  • Küchenschränke umsortieren, dabei die Materialien erkunden
  • Kühlschrank ausmisten und dabei Leckeres entdecken und gleich zu einer bunten Pizza verarbeiten
  • Lachen, ganz viel gemeinsam lachen
  • Grimassen ziehen und im Spiegel ansehen
  • Euch gegenseitig frisieren
  • mit einem lieben Menschen skypen
  • ein Bild malen und Oma und Opa per Skype zeigen
  • Sprachnachrichten von lieben Menschen abspielen und ggf. verschicken, wenn Dein Kind spricht
  • Hörbücher, Traumreisen
  • erstellt einen Plan für Eure Aktivitäten – mit Bildern, Grafiken, Fotos (Anregungen findest Du hier)

Was Du nur für Dich tun kannst:

Du wirst wahrscheinlich keine großen Zeitfenster für Dich haben. Viele unserer Kinder lassen sich schwer mit einem Film oder vor dem PC beschäftigen. Es sind wirklich nur die kleinen Momente, die sich auftun. Versuche sie ganz bewusst zu sehen und zu nutzen:

  • mit jemandem telefonieren, mit dem Du über nichtpflegerische und nichtbetreuerische Themen sprechen kannst
  • Mini-Meditationen einbauen
  • 5 Minuten-Kaffee oder Tee genießen
  • iss in Ruhe alleine, nachdem Du Deinem Kind beim Essen assistiert hast
  • öfter mal tief durchatmen (5-10 Mal und sage Dir dabei: es wird alles gut, es ist nur eine Phase)
  • wenn möglich, Dich mit Deinem Partner/Deiner Partnerin abwechseln und Dich dann ganz klar ausklinken
  • geh früh schlafen (Deine Nächte sind womöglich ohnehin unterbrochen)
  • wertschätze Deine eigene Leistung und mache Dir bewusst, dass dies für andere sonst ein bezahlter Job in mehreren Schichten ist

Und was mir gerade noch einfällt:

Versuche trotz aller Anstrengung auch das Positive zu sehen. Natürlich meine ich damit nicht das Coronavirus und die große Gefahr, die sich für viele dahinter verbirgt.

Nimm die Situation an, wie sie ist. Kämpfe nicht dagegen an und sieh einen Tag nach dem nächsten. Vielleicht hilft Dir ein Plan mit Tagesvorhaben oder -ideen nicht den ganzen großen Berg vor Dir zu sehen.

Sprich mit Menschen, die Dich und Eure Situation verstehen und sich nicht über Einschränkungen beklagen, die für Dich alltäglich sind.

Genieße auch die viele Zeit mit Deinem Kind. Vielleicht könnt Ihr etwas Neues gemeinsam lernen: viel gebärden, viel sprechen, motorische Übungen, gemeinsam Sport, z.B. Yoga über Online-Anleitungen oder ein Musikinstrument.

Stell Dir vor, wie es sein wird, wenn diese Zeit überstanden sein wird und was Du dann unternehmen möchtest. Stell Dir vor, wie Du Dich dann fühlen wirst und hole einen Teil dieses guten Gefühls in Deine aktuelle Situation.

Linktipps:

Unterrichtsmaterialien auch für Förderschulen

Ariadne Ideenshop – vielleicht möchtet Ihr Euch ein neues Spielzeug leisten

Es gibt bestimmt noch viele andere Ideen. Das ist nur der Beginn eines Brainstromings, das ich hier angefangen habe. Bitte schreibt gerne in die Kommentare oder per Mail, was Euch noch einfällt, ich kann es dann auch oben im Text ergänzen. Andere Familien werden davon profitieren.

Ich bin gespannt auf Eure Kommentare.
Alles Liebe, herzliche Grüße und bleibt gesund
Silke alias Ella

Update am 19.03.:
Erfahrungswerte dreier Familien, die inzwischen an mich herangetragen wurden:
Da das jeweilige Kind einen erhöhten Betreuungsbedarf hat, nicht zuhause per Homeschooling zu betreuen ist und behinderungsbedingt die Struktur der Bildungseinrichtung braucht, wurde eine Notfallbetreuung angeboten.
Die Schulen kamen von sich aus auf die Familien zu und boten an, in einer Kleinstgruppe weiter zu betreuen oder sogar zur Familie nach Hause zu kommen. Auch sei es möglich, dass die Schulbegleitung zuhause unterstützt.
Eine rechtliche Grundlage dafür kann ich Euch leider nicht nennen. Familien, die mir davon berichteten, kommen aus unterschiedlichen Bundesländern.
Bitte sprecht Eure Schulen und Gesundheitsämter darauf an, wenn es aufgrund der aktuellen Situation zu Überforderung und verstärkten Meltdowns kommt und Ihr einen Betreuungsnotstand habt. Es gibt offenbar Lösungsansätze.

wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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Zum Weiterlesen:

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Es ist immer wieder überwältigend, was wir als Eltern autistischer Kinder bedenken, organisieren und verarbeiten müssen. Neben viel Wissen und Erfahrungen, die du hier im Blog findest, ist eine solidarische Gemeinschaft unglaublich hilfreich. Das Forum plus ist ein geschützter Bereich nur für Eltern autistischer Kinder. Hier findest du außer praktischen Tipps viel Verständnis und Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie Du.

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