Wie viele Autistinnen und Autisten auf Reizüberflutung reagieren

Das Thema „Reizüberflutung“ ist eines der Wichtigsten im Zusammenhang mit Autismus. Die meisten von uns wissen, dass der Auslöser für impulsives oder herausforderndes Verhalten meist im Bereich der Wahrnehmung oder auch misslingender Kommunikation zu suchen ist. Auch die Unfähigkeit, eigentlich vorhandenes Potential abzurufen, liegt häufig im Thema Reizüberflutung begründet.

Bei Niklas frage ich immer mal wieder nach, ob er mir erklären kann, wie sich eine schlimme Situation für ihn anfühlte. Meistens hängt dies bei ihm mit für ihn unangenehmen Geräuschen oder Frust wegen zu langer Wartzeiten, allgemeiner Ungeduld oder Nichterkennen seiner Bedürfnisse zusammen.
Seine Erklärung dazu ist „Schmerz“ – „Schmerz in den Ohren und im Kopf, weil alles laut und durcheinander ist.“ (Gebärdenzitat).

Collage auf Leinwand
©Silke Bauerfeind, Collage auf Leinwand

Mich interessierte, wie andere Autistinnen und Autisten beschreiben, wie sie sich in solchen Momenten fühlen, denn ich denke, dass es unser Verständnis für diese schwierigen Situationen verbessern kann, wenn wir versuchen zu verstehen. Im Laufe der Zeit habe ich dazu einige Erfahrungswerte sammeln können und darf sie mit Einverständnis und anonymisiert (veränderte Namen) veröffentlichen.

Beispiele für Reizüberflutung

Andrea ist Autistin und erzählte mir darüber, dass sich wahrscheinlich niemand vorstellen kann, welche Reizüberflutung ein Besuch im Supermarkt bedeutet. Alleine schon das Ankommen auf dem Parkplatz, das in Augenschein nehmen der vielen Autos, in denen ja mindestens ebenso viele Menschen gesessen haben, die sich nun im Supermarkt tummeln, löst schon Stress aus.
Wenn man dann den Markt betritt, öffnen sich meistens Schiebetüren – hinter der ersten schlägt einem möglicherweise Bäckerduft entgegen und wenn man die zweite durchquert, steht man in der großen Halle mit Obst, Gemüse, später Fleisch, Käse und den vielen Menschengerüchen der Einkaufenden und Mitarbeitenden. „Gerüche ohne Ende, das ist wie eine Explosion in meiner Nase“, beschreibt Andrea.

Wenn man durch die Gänge geht, begegnet man bunten Schildern, die häufig in grellen Farben auf Angebote aufmerksam machen. In manchen Supermärkten laufen ständig wechselnde Werbebanner über Flächen. „Das macht mich manchmal regelrecht schwindelig“, beschreibt Andrea.
An der Kasse ist es dann eine der größten Herausforderungen. Man muss meistens anstehen, hat vor sich und nach sich jemanden stehen und nicht jeder hält es mit einem angenehmen, diskreten Abstand so, wie man es sich wünschen würde.
Viele Menschen werden an der Kasse ungeduldig und erwarten, dass man möglichst schnell seinen Einkauf erledigt, die Dinge zügig aufs Band legt und schnell wieder einpackt, zügig bezahlt und dann den Weg frei macht für den nächsten. „Dieser Druck verursacht manchmal Panik bei mir“, erklärt Andrea. „Ich warte daher manchmal bei den Süßigkeitenregalen so lange bis die Kassen frei sind und ich ungehindert als Einzige bei der Kassiererin stehen kann. Das Piepen beim Kassieren versuche ich, soweit es geht, auszublenden. Aber das gelingt mir nicht an jedem Tag.“

Schwierig sind auch die permanenten Hintergrundgeräusche – die Lüftung, Musik, Werbung, eine besonders laut sprechende Verkäuferin und das Reinigungsgerät, das hin und her fährt.
„Ich wünsche mir beruhigte Einkaufszeiten, in denen diese vielen Einflüsse so weit wie möglich minimiert werden“, meint Andrea. „Das gibt es ja schon in manchen Regionen und würde mein Leben und das vieler anderer in diesem Bereich deutlich erleichtern.“

Der Supermarktbesuch ist nur ein Beispiel für mögliche Reizüberflutung, die mehrere Sinneskanäle betrifft. Hier ist es

  • visuell: das Ankommen auf dem Parkplatz und grelle und wechselnde Werbung
  • olfaktorisch: viele verschiedene Gerüche von Menschen und Produkten
  • auditiv: Musik, Werbejingles, Piepsen an der Kasse, Gespräche anderer
  • taktil: Enge an der Kasse

Dieses Beispiel lässt sich natürlich auf viele andere Situationen übertrage: Kindergarten, Schule, Beruf, öffentliche Verkehrsmittel, Arztbesuche, Behördenbesuche,…
„Die meisten Menschen verstehen trotzdem nicht, warum diese Situationen so schwierig für uns sind“, erklärt Andrea. „Oft bekomme ich zu hören, dass ich mich nicht so anstellen und zusammenreißen soll. Was es wirklich bedeutet und welche Folgen solche Situationen noch nachhaltig haben, sehen die Menschen nicht.“

Auswirkung von Reizüberflutung

Tobias ist Autist und sagt mir, dass er in solchen Situationen manchmal erstarrt. Um die vielen Reize auszublenden, fokussiert er sich nur noch auf einen Gegenstand und sieht ihn an. „Ich halte mich irgendwie fest an einer Sache bis ich das Gefühl habe, mich wieder in Bewegung setzen und die Situation verlassen zu können.“
Das beschreiben viele Autistinnen und Autisten und oft ist dem Umfeld die Ursache für dieses Erstarren und Innehalten nicht bewusst. Dann wird von außen insistiert, nachgefragt und angestubst, was alles nur noch schlimmer macht. „Ich möchte, dass man mich dann einfach in Ruhe lässt. Das war schon in der Schule so“, erklärt Tobias weiter. „Wenn man mich einfach in Ruhe lässt, beruhige ich mich auch wieder.“

„Ich kann in solchen Situationen nicht mehr sprechen. Manchmal auch noch Studen danach nicht, weil meine Energie für alles andere aufgebraucht wurde“, beschreibt Andrea.
Tobias sagt, dass er nur noch abgehackt reden kann oder dass ihm dann Wörter nicht mehr einfallen.
Auch das höre ich von vielen anderen Autistinnen und Autisten. Leider wird dann häufig Verweigerung oder Bockigkeit unterstellt, wenn Potential nicht mehr abgerufen werden kann, das eigentlich vorhanden ist.
Auch hier braucht es einfach Zeit, kein zu stakres Insistieren und Verständnis.

„Ich verfalle ins Stimming, wenn ich reizüberflutet bin“, berichtet Simon. „Ich drehe meistens Stifte, Teller oder CDs. Indem ich mich darauf konzentriere, kann ich die anderen Reize besser ausblenden. Ich kann dann auch besser zuhören, obwohl es so aussieht, als wäre ich unaufmerksam. Wenn alles zu viel ist, sehe ich niemanden an, drehe Dinge und kann dann am besten auf das hören, was jemand zu mir sagt.“

Marion ist Autistin und erzählt, dass sie es eigentlich sehr gerne mag, von vertrauten Menschen berührt zu werden. Wenn sie allerdings reizüberflutet ist, möchte sie das auf keinen Fall. „Viele Menschen wollen trösten und dazu gehört es häufig, dass man einander in dern Arm nimmt. Das will ich aber auf keinen Fall. Ich brauche dann Zeit nur für mich und komme von selbst wieder auf die anderen zu, wenn es besser ist.“

Sabine ist Mutter eines nichtsprechenden Autisten mit hohem Betreuungsbedarf. Sie beschreibt, dass ihr Sohn bei Reizüberflutung anfängt, sich selbst in die Hand zu beißen und auf den Kopf zu schlagen. Er schrieb nach einer solchen Situation eines Tages auf: „Ich brauche einen anderen Schmerz, damit der schlimme Schmerz weggeht.“ Auch hier also wieder ein Überdecken oder Fokussieren auf etwas anderes, um die Reizüberflutung auszuhalten.
Sandras Sohn läuft auf und davon, wenn ihn ein Reiz übermannt, der unerträglich für ihn ist. „Er rennt dann ohne nach rechts und links zu sehen. Das is überaus gefährlich. Bei einen Autounfall ist er zum Glück schon glimpflich davon gekommen.“

Weitere Autistinnen und Autisten beschreiben, dass sie weinen oder schreien, wenn sie das Gefühl haben, einer reizüberflutenden Umgebung nicht schnell genug oder gar nicht entkommen zu können. Den meisten hilft ein verständnisvolles und geduldiges Umfeld, das die schwierige Situation erkennt, die Reize minimiert oder hilft, aus der Situation z.B. durch einen Ortswechsel herauszukommen.

„Geduld und Ruhe brauche ich. Ich erkläre später.“ Das schrieb Niklas mal auf und wenn er in einer solchen Ausnahmesituation ist, gebärdet er selbst „Ruhe“, „Geduld“ und wenn er losrennt, bleibt uns nur, hinterherzurennen und die Gefahrenquellen, die ihm dabei in die Quere kommen, zu minimieren. Wenn er ruhiger geworden ist, legt er von selbst seine Füße auf meinen Schoß und ich weiß, dass ich sie massieren soll und es ihm besser geht. Erst eine ganze Weile später beginne ich wieder, mit ihm zu sprechen und seine erste Gebärde ist dann meistens: „Es ist alles ok.“

Viele weitere Beispiele und Lösungsansätze zum Thema Autismus und Reizüberfltung sowie herausforderndes Verhalten, das häufig damit einhergeht, findest Du in meinen beiden Büchern zu Ellas Blog.
Stöbere gerne hier.

Zum Weiterlesen:
Stimming – was ist das eigentlich?

Barrierefreiheit für Autistinnen und Autisten
Franz läuft gerne weg – über Weglauftendenz und fehlendes Gefahrenbewusstsein

One comment

  • Fabian E.

    Das Verhalten von Tobias kenne ich auch von mir. Das Ding ist nur: ich kenne die genauen Ursachen nicht. Im Nachhinein kann ich immer nur sagen, dass es eine stressige Situation war. Dazu kommt, dass ich relativ selten in diese Verhaltensweise rutsche(etwa 1-3* pro Jahr) – es gab aber schon Zeiten, in denen ich andere ‚Überforderungs(?)‘-Verhaltensweisen gezeigt habe, die sowohl für mich, als auch mein Umfeld extrem anstrengend waren(v.a. als ich 11 bis 14 Jahre alt war) .

    Das Problem ist, dass genau dieses Verhalten auch ein Symptom einer anderen psychischen Krankheit ist, bei der man sich genau andersrum verhalten soll.

    Ich spreche hier von Stupor. (Ich weiß das, weil jemand für mich schon Mal den Notarzt wegen dieser Verhaltensweise gerufen hat. War kein toller Abend, auch wenn die ziemlich schnell wieder weg waren.)
    ———-
    (Netdoktor.de)
    Der Begriff Stupor (lateinisch für „Erstarrung“) bezeichnet einen Zustand stärkster Antriebsminderung: Die Betroffenen reagieren gar nicht oder nur minimal auf Umweltreize, obwohl sie die Vorgänge in ihrer Umgebung mit besonderer Empfindlichkeit wahrnehmen – sie können sich nur nicht daran beteiligen oder darauf reagieren. So wenden sie weder den Kopf noch den Blick hin zu Mitmenschen, die beispielsweise auf sie zukommen oder sie berühren.

    Eine Kommunikation oder Kontaktaufnahme mit den Patienten ist aufgrund von sogenanntem Mutismus nur sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich: Die Betroffenen sind verstummt oder zumindest in ihrer sprachlichen Kommunikation stark eingeschränkt.

    [… Jetzt kommt der wichtige Teil…]

    Wichtig bei Stupor ist zudem eine gleichbleibende Zuwendung durch alle an der Behandlung beteiligten Personen – trotz der Teilnahmslosigkeit des Patienten. Dazu gehört auch eine REGELMÄẞIGE Ansprache, auch wenn der Patient nicht oder kaum spricht. Laut der Aussage ehemaliger Stupor-Patienten kann dies vertrauensbildend und entlastend wirken.
    ——

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