Gastbeitrag: „Franz läuft gerne weg!“ – Über Weglauftendenz und fehlendes Gefahrenbewusstsein

Quelle: pixabay, User: Prawny

Gastbeitrag:

Unser Sohn Franz ist fünf Jahre alt und großartig. Seit Januar 2018 haben wir die Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung (Tendenz momentan: frühkindlicher Autist) mit ADHS.

Franz ist stark sprachverzögert, heißt: erst seit seinem vierten Geburtstag nahm seine sprachliche Entwicklung Fahrt auf (rw). Trotzdem interessiert er sich schon seit seinem zweiten Lebensjahr sehr für Buchstaben, Sprache und Zahlen. Er liebt Musik, singt gerne und viel, mag Licht und unsere Waschmaschine. Aber an oberster Stelle steht für ihn, nicht immer zur Freude seiner Eltern, die digitale Welt in Form von Smartphone und Laptop.
Insgesamt ist Franz ein fröhlicher Geselle, lacht viel und ist sehr aufgeschlossen. Nichtsdestotrotz wird er hin und wieder leider aggressiv und ihn plagen Schlafstörungen.

Ein großes Problem in unserem Alltag sind Franz Weglauftendenzen verbunden mit einem nicht vorhandenen Gefahrenbewusstsein.
Sobald wir vor die Tür treten oder aus dem Auto steigen, möchte er losrennen: den Straßenverkehr, andere Verkehrsteilnehmer oder Gefahren im Gelände beachtet er nicht. Wasser zieht ihn magisch an und er marschiert einfach hinein, egal zu welcher Jahreszeit, egal, welche Temperaturen draußen herrschen.
Auch jedem Hund, der seinen Weg kreuzt, rast er freudig entgegen. Zielgerichtet von A nach B zu laufen, macht für ihn scheinbar keinen Sinn. Das Konzept von Fußwegen hat er auch noch nicht ganz verstanden; Franz läuft dahin, wie ihm der Sinn steht, querfeldein oder auch gerne mal anderen Leuten durch die blühenden Vorgärten.

An die Hand will er auf keinen Fall genommen werden, dann legt er sich sofort auf den Boden und will nicht weiterlaufen.
Darum besitzen wir jetzt seit März 2018 einen Reha-Buggy, ohne den wir uns außerhalb unseres Hauses kaum noch fortbewegen könnten. So recht glücklich ist Franz damit nicht; ein Reha-Buggy korrespondiert halt auch nicht mit seinem Bewegungsdrang. Uns ist auch schon die Idee von einem Assistenzhund in den Sinn gekommen; aus der Sicht des Hundes ist das aber wahrscheinlich nicht die optimale Lösung, da Franz Hunde zwar ungemein spannend findet, sein Umgang mit ihnen allerdings nicht besonders hundefreundlich ist.

Wir würden gerne wissen, welche Erfahrungen andere Eltern diesbezüglich gemacht haben, insbesondere, welche Lösungen sich für sie gefunden haben und ob das Verhalten im Straßenverkehr und im Freien allgemein sich verbessert, je älter die Kinder werden?

Kommentare sind sehr gerne erwünscht – die Mama des Gastbeitrages ist nicht auf Facebook aktiv, daher wäre es schön, wenn Ihr hier kommentiert, damit sie Eure Anregungen lesen kann.
Danke und liebe Grüße, Silke alias Ella

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10 comments

  • Tania

    Hallo,
    Wenn ich das lese, erinnert es mich sehr an meinen Leon. Wir bekommen nächsten Monat unseren Assistenzhund Curt der auf Leons Bedürfnisse ausgebildet wird.
    Ich kann bei deiner Sorge er könne den Hund grob anfassen gut nachvollziehen, jedoch ist es bei uns so gewesen dass Leon bei seinem Curt nicht macht. Auch wenn er uns gegenüber etwas grober ist, ist er ihm gegenüber sehr vorsichtig.
    Er wird durch seinen Hund auch Strassensicherer, da wir mit einer Autismusleine arbeiten. Wir sehen bei unserem Sohn viele Fortschritte.

  • Ulli

    Auch für mich klingt da vieles sehr vertraut. Unser Sohn (frühkindl. Autismus mit Intelligenz-Minderung) wird nun bereits 19 und die Weglauftendenz ist irgendwann fast vollständig verschwunden, es besteht also Hoffnung auf Besserung. Unser Hof war dann irgendwann besser gesichert als Fort Knox und die Haustüren immer Abgeschlossen. Zeitweise kam ich mir mit meinen Schlüsselbund vor wie ein „Schließer“, aber nützte ja nichts, durch das fehlende Gefahrenbewusstsein ging es nicht anders. Ich habe meinem Sohn dann erklärt, dass er sich alles anschauen darf, er jedoch vorher fragen soll und wir dann gemeinsam rüber gehen um es anzuschauen. Wenn nun z.B. eine interessante Lampe auf der anderen Straßenseite zu sehen war, hat er mit „darauf zeigen und Lampe gucken sagen“, sein Ziel erreicht, ich bin mit ihm rüber und er konnte ausgiebig schauen. Nach und nach wurde er weniger hektisch und konnte dann sogar Absprachen akzeptieren wie „morgen habe ich Zeit, wir gehen morgen um 14.00 Uhr in den Keller um dort die Klimaanlage anzusehen“ Tiere interessieren unseren Sohn kaum, er ignoriert sie hauptsächlich, unseren Hund hat er als „der ist eben da, nur doof wenn er von meinem Essen etwas haben will“ eingeordnet“, unsere Hoffnung, dass sich da etwas entwickelt, hat sich leider nicht erfüllt. Unser Hund ist aber ein sehr gutmütiges, gut gelauntes und nicht nachtragendes Tier, mit einem nervöserem Charakter hätte das Zusammenleben in einem Haushalt sicher nicht geklappt. Am besten setzt ihr euch mit einer Assistenzhund-Stelle in Verbindung und frag dort um Rat. Die wissen sicher wie man eine vorsichtige Gewöhnung, Anbahnung vornimmt … einen Versuch wäre es wohl wert.

  • Doris

    Traurig und zugleich tröstlich zu lesen dass es anderen gleich geht. Ich bin jedesmal fix und fertig mit den Nerven wenn wir an einer Straße laufen müssen. Rehabuggy geht auch nicht da er tausendmal rausspringt und wegrennt weil er was sieht. Anschnallen ist ein no go. Dann wird gebrüllt und geschlagen bis er zusammenbricht.
    Leider kann ich auch keine Tipps geben als dass wir seit zwei Jahren versuchen das Geld für eine Autismus Begleithund zusammen zu bekommen.
    Ps: die sind so ausgebildet dass sie mit unseren stürmischen Kindern klar kommen.

  • Melanie Haselberger

    Mein Samuel ist frühkindlicher Autist. Gerade in der Kindergartenzeit war das über die Straße laufen ein großes Problem. Er glaubt , schneller als jedes Auto zu sein. Seit der Schulzeit hat sich das etwas gelegt und es ist um vieles leichter geworden , sich mit ihm draußen zu bewegen.
    Auch das Weglaufen war bei Samuel ein problem das aber nur als letzter Ausweg für ihn in frage kam.
    Viele von seinen Verhaltensweisen sind in der Grundschule anders geworden. Es verschwanden einige sehr Anstrengende fast ganz. Andere kamen dafür dazu…..

  • Rita

    Hallo, uns geht es auch ähnlich bzw. wie Doris die bereits kommentiert hat, da unser Sohn (6) einen Buggy nicht (mehr) akzeptiert (ca. bis er 4 Jahre alt war klappt das ganz gut!). Zusätzlich hat er seit einigen Monaten große Angst vor Vogelgezwitscher, so dass wir leider nur noch selten raus gehen – wenn dann geht es sowieso nur mit zwei Erwachsenen und auch dann sind wir meistens nervlich am Ende danach :-(
    Da die Lebensqualität darunter stark leidet (unsere kleine Tochter wird demnächst 3 Jahre alt) ist unsere große Hoffnung nun ein ausgebildeter Assistenzhund; wir sind überzeugt davon, dass ein Hund einen ganz anderen Zugang findet und dass unser Sohn dann auch das Laufen an der Autismusleine akzeptieren wird. Falls du/ ihr euch für euch selbst vorstellen könnt, einen Hund zu halten, kann ich nur den Tipp geben, dies (doch) mehr in Betracht zu ziehen und geeignete Ausbilder und den richtigen Hundepartner für euren impulsiven Sohn zu suchen, dass er auf Hunde zugeht ist ja grundsätzlich schon ein sehr guter Ansatz! Vielleicht ist vorab eine tiergestützte Therapie mit Hund möglich.
    Alles Gute für euch!
    PS: Wir können uns gerne privat weiter austauschen, Silke darf gerne meine Mailadresse weitergeben. Falls der Hinweis („Werbung“) erlaubt ist, wir werden unseren Hund bei Rehahunde Deutschland e.V. ausbilden lassen – der Hund kommt erst zu uns, wenn er fertig ausgebildet ist.

  • Svenja

    Mein Sohn ist 7 Jahre alt mit der Diagnose Asperger und ADHS und hat die Weglauftendenz sehr ausgeprägt gehabt, seit er 3 Jahre alt war. Ob ihm gerade der Sinn danach stand, mit 5 Jahren alleine 500 m weit zum Bäcker (über eine stark befahrene Straße) zu gehen oder ob er gerade mal Opa und Oma zu Fuß besuchen wollte bis zum Aussteigen und Weglaufen aus dem
    Auto: wir mussten immer in Hab-Acht-Stellung sein und auch zeitweise die Haustür abschließen. Sein Freiheits-und Bewegungsdrang paart sich mit einem fehlenden Gefahrenbewusstsein. Angst vor dem Straßenverkehr hätte er eigentlich noch nie. Ich kann Dir aber Hoffnung machen: seit er in der Schule ist, hat diese Tendenz deutlich abgenommen und er macht es nur noch selten. Irgendwie scheint er kognitiv einen Sprung gemacht zu haben, was auch zusammenfällt mit einer verbesserten Kommunikation. Zwar hat sich das Gefahrenbewusstsein nicht zur Normalität entwickelt, aber er weiß nun, dass fahrende Autos zu beachten sind und hat Respekt davor entwickelt. Und meistens weiß er auch, dass man nicht einfach so wegläuft, weil andere Menschen sich dann Sorgen machen. Es besteht also Grund zur Hoffnung!
    LG
    Svenja

  • Betty

    Hallo,
    vielen Dank für den netten Bericht unser Sohn ist 12 (frühkindlicher Autismus und vermutlich auch ein bisserl ADHS). Nachdem ich mit vielen Hunden aufgewachsen sind (immer 1-3) ist ein Leben ohne Hunde für mich tatsächlich undenkbar. Darum ist unser Sohn auch mit Hunden aufgewachsen. Nachdem man kleinere Kinder (egal ob Autist oder NT) NIEMALS unbeaufsichtigt mit dem Hund lassen darf (nicht wegen der Hunde – die tun nix ;-) ) war das auch nie ein Problem. Ludwig war zwar ein bisserl „betreuungsintensiver“ als seine große Schwester aber es war halt einfach immer das „begreifen“ für ihn wichtig und natürlich wurde dann auch „getestet“ um zu schauen wie der Hund reagiert. Aber das ist halt einfach so. Weglauftendenzen hatten wir auch – jetzt nur noch wenn es ihm nicht gut geht und nicht mehr wirklich weit. Wenn Ihr selbst für Euch auch sehr gern einen Hund haben möchtet, solltet Ihr über einen Assistenzhund weiter nachdenken. Wenn er nur für Euren Sohn sein soll und ihr Hunde nicht wahnsinnig toll findet, solltet Ihr es lieber lassen. Bitte haltet Euch von sogenannten Lieferfirmen (auch wenn sie sich hinter einem eingetragenen und gemeinnützig anerkannten Verein verstecken) fern. In Deutschland gibt es kein Assistenzhundegesetz und es gibt unglaublich viel ganz schlimmer „Trainer“ die am liebsten Eltern von autistischen Kindern (oder Frauen mit einer PTBS) völlig ungeeignete und oft kranke Hunde für zigtausend Euro verkaufen. Diese Personen wissen, dass liebende Eltern nicht so wirklich reklamieren und den Hund den das Kind liebt nicht mehr zurückgeben. Eltern sind in dieser „Szene“ die perfekten Opfer – leider. Wir haben zwei „normale“ Hunde und einen Dritten bilden wir grad mit unserer Trainerin zum Assistenzhund aus. Wichtig ist auch einfach, dass ihr eine „robuste“ Rasse auswählt. Ein Labbi oder Berner Senner ist da viel besser darin, die „Ausprobierphase“ (sind die Pfoten immer noch kitzlig etc) Eures Sohnes gut wegzustecken. Ein sehr sensibler Pudel würde das nicht so gut wegstecken. Auch würde ich einen größeren Hund empfehlen. Wir haben auch eine kleine Havaneserhündin die einfach viel vorsichtiger sein muss weil sie „zerbrechlicher ist“. Der Großspitz oder der Labbi der erschrickt nicht gleich, wenn sich das Kind im Bett schwungvoll umdreht und den Hund drückt. Was ganz wichtig ist, dass ihr lernt die Körpersprache des Hundes zu lesen (die DVD das kleingedruckte in der Körpersprache der Hunde ist super). Hunde sind toll. Unsere kommen auch noch an meinen Sohn ran, wenn er sonst niemanden im Umkreis von 20 Metern oder mit mind. zwei geschlossenen Türen dazwischen ran kommt. Er toleriert sie viel besser und sie haben so ein feines Gespür, dass sie genau wissen wann sie ein paar Meter weiter weg liegen sollten, neben ihm oder sogar mit Körperkontakt. Du kannst Dich gern bei mir melden, wenn Du noch fragen wegen eines Assistenzhundes hast.

  • Betty

    Ach ja, bitte achte ganz genau auf die Verträge. Viele Trainer und Vereine (auch vermeintlich seriöse) nutzen gern als Druckmittel, dass der Hund nicht übereignet wird auch wenn er schon komplett bezahlt wurde. Damit werden sehr viele Assistenzhundeführer gefügig und mundtot gemacht. Weil der Hund sofort weggenommen wird, sollte man ansatzweise Kritik üben. Das Geld bekommt man natürlich nicht zurück. Schau bitte ganz genau. Am Anfang ist die Welt rosarot – wenn der Hund dann erstmal ein paar Monate da ist und es nicht so funktioniert wie versprochen wird es hart und oft sehr unschön. Diese „Knebel-Verträge“ sind zwar meist sittenwidrig und dadurch nichtig aber das muss man halt dann auch erstmal durchstreiten. Ich bin in der Vorstandschaft eines Selbsthilfevereins und hab da leider schon viel erlebt und gesehen und noch viel mehr gehört :-(. Die Autismusleine (damit werden Hund und Kind aneinanderfixiert) ist sehr umstritten und ich persönlich mag sie überhaupt nicht. Zumindest so wie ich sie bisher gesehen hab wie sie eingesetzt wurde. Sehr gern kann Silke auch meine eMail-Adresse weiter geben.

  • Gabi

    Hallo und auch wir/ ich kenne das sehr gut, Tom ist jetzt 26. Jahre. Wir haben eine sehr harte Zeit mit vielen Probieren durch. Er spricht nicht und lebt mehr in seiner Welt als hier, wo alle Gefahren nur drauf warten in zu Zeigen das er trotz Sein Autismus Verletzbar ist. Und das war auch der Grund das ich nie aufgegeben habe Ihn den nötigen Eigenschutz zu suchen. Früher war es der Rehabuggy, dann war Lucky ein Hund unserer Freundin sein Helfer, ein Haltegurt etra angefährtigt von der AOK der war für alle noch der Beste. Und wenn Tom zu sehr in aufregung ist und er weglaufen muß weil es mal wieder zu viel ist (Menschen Geräusche,…) war der Rolli mit Spezial sitzschale gut, denn hat er auch Heute noch und braucht Ihn aber nicht mehr so viel wie früher. Ja auch er hat viel lehrnen müssen. Ich kann Dir nur empfelen viel mit Ihm darüber zu reden und Ihn Hilfsmittel auf verschiedener Ebene an zu bieten. Ich wünsche alles gute und viel erfolg l.g. Gabi

  • Erika L. Henners

    Hallo, auch wir haben einen Begleithund für unseren Autisten. Grund für die Anschaffung waren die Hoffnung, dass er zum einen seine überschäumenden Anfälle von engen Körperkontakt besser in Griffe bekommt, die uns mit Beginn der Pubertät zunehmend in Schwierigkeiten brachten. Zum anderen hatte er große Orientierungsprobleme, die dazu führten, dass er nicht rausgehen mochte.
    Eine Ausbildung zum Assistenzhund haben wir nicht gemacht / machen lassen. Es sollte ein Hund für alle Familienmitglieder sein, der mit den speziellen Situationen nicht überfordert ist. Ich habe hingegen mit dem Hund eine Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam gemacht und davon haben wir alle profitiert. Unser Sohn hat den Hund als Begleiter, Freund und Aufgabe, ich bin für alles Drumherum verantwortlich. Wir haben mittlerweile zwei Hunde – zwei ELO `s – und sind sehr froh über diese Entscheidung. Wir haben uns für diese Rasse entschieden weil wir dort gut beraten worden sind und sehr genau geschaut wurde welche Eigenschaften ein Hund in unsere Familie haben sollte. Es bestand von Anfang an ein enger Kontakt zu den Züchtern, auch nach dem Kauf. Hätte es aus irgend einem Grunde nicht mit dem Hund funktioniert wäre der Hund in die Zuchtgemeinschaft zurückkehrt und würde von dort aus weiter vermittelt. Gerne darf meine E-Mail Adresse für Auskünfte weiter gegeben werden.
    http://www.lottamithund.de

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