Alexandra ist Autistin und verarbeitet zwischenmenschliche Situationen und die Diagnose in Gedichten

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Alexandra (Name geändert) ist Anfang 50 und bekam vor etwa einem Jahr die Diagnose Asperger-Syndrom. Sie erzählt mir, dass sie seit ihrer Pubertät kompensiert und sich angepasst habe. „Jetzt konnte ich einfach nicht mehr.“

Die Verdachtsdiagnose Autismus stand schon einige Jahre im Raum, aber da Alexandra ihr Leben lang gut kompensieren konnte und meistens „völlig normal wirkte“ (Zitat), konnten viele die Diagnose zunächst nicht glauben. Familie und Freunden konnte Alexandra inzwischen erklären, was Autismus bedeutet und „sie bemühen sich sehr. Einige Freunde haben sich richtig schlau gemacht und können sich im Nachhinein einige Reaktionen von mir erklären.“

Alexandra outete sich mit der Diagnose und klärte auch bei ihren Kollegen darüber auf, was Autismus bedeutet. Immer wieder kamen diese Reaktionen:
„Reißen Sie sich mal zusammen, früher ging das doch auch!“
„Anderen (gemeint sind NTs) geht es doch auch manchmal so.“
„Red dich nicht ständig auf deinen Autismus raus“.

Alexandra erklärt: „Letzteres bezieht sich darauf, dass ich in den letzten Monaten Verzweiflungsausbrüche nicht mehr aufschieben konnte, bis ich aus dem Bürogebäude war. Ich flippe nicht völlig aus, aber ich fange dann unter Umständen an zu weinen und kann dann nicht mehr aufhören. Ich kann weiter meine Arbeit machen, aber ich wollte einfach, dass die Kollegen wissen, dass das Weinen gerade nichts mit ihnen zu tun hat, dass sie nicht schuld sind. Und dann solche Reaktionen…“

Alexandra spürt, dass ihre Kollegen Schwierigkeiten damit haben, sie als Person, die sie schon lange kennen, nun mit der Diagnose Autismus in Verbindung zu bringen. Die Notwendigkeit des Sich-Outens wird nicht verstanden. „Einige sind der Meinung, ich hätte mich verändert und ich weiß nicht, wie ich ihnen klar machen soll, dass ich einfach nur nicht mehr immer die gewohnte Leistung an Sozialverhalten bringen kann. Einige unterstützen mich aber trotzdem, eben auf ihre Weise, und gemobbt werde ich definitiv nicht.“

Alexandra berichtet, dass es für sie nicht leicht ist, die Diagnose zu verarbeiten:
„Für vieles gibt es jetzt im Nachhinein Erklärungen, es war auch Erleichterung dabei, dass ich doch nicht einfach nur bescheuert, rücksichtslos, naiv, ungeschickt bin. Aber es ist auch bitter, die Hoffnung zu begraben, dass sich einiges noch bessern/ändern wird, wenn ich mich nur genug anstrenge.“
Die Verzweiflungsausbrüche hat Alexandra seit ihrer Kindheit immer wieder, mittlerweile glaubt sie, dass dies sogenannte Meltdowns sind und sie ihr Leben mehr danach einrichten muss.

Eine große Hilfe ist für Alexandra, dass sie regelmäßig eine Gruppe besucht, in der sie andere Antistinnen und Autisten trifft. „Menschen zu treffen, die so sind wie ich, ist eine große Erholung und Erleichterung.“

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Besonders beeindruckend ist, wie Alexandra ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle in Gedichten verarbeitet. Diese hier ist ihr persönliches Lieblingsgedicht:

Wie sich Autismus anfühlt

Euer Reden, Lachen, Schweigen
erscheint mir wie ein Tanz.
Ich sehe Einzelschritte,
doch nie Figuren ganz.

Ich wär so gern dabei und stehe
sehnsuchtsvoll am Rand,
und mich schmerzt Eure Ungeduld
und mein Unverstand.

Ich such in Bibliotheken
nach der Choreografie.
Ich lese und ich übe –
so richtig schaff ich´s nie.

Und hab ich einen Tanz gelernt
und wiege mich im Takt,
wenn mich des Lebens Rhythmus
mit seiner Freude packt,

DANN macht ihr Extraschritte,
ne Drehung hier und da
und ich, ich komm ins Straucheln.
War ich dem Ziel je nah?
—–
Und doch, es stört nicht jeden
mein Stolpern. Und es hält
oft jemand mir die Hand hin
und zeigt mir eure Welt.

Versteh ich auch nicht alles,
wird schwindlig mir beim Drehen,
so muss ich doch nicht immer
nur an der Seite stehen.


©Alexandra

3 comments

  • Hallo Alexandra,

    es tut mir leid, dass du bei deinen Arbeitskollegen nicht überall das Verständnis gefunden hast, dass du bräuchtest.

    Zu überlegen wäre, ob du mit der ASS-Diagnose vielleicht einen Schwerbehindertenausweis beantragst, denn nur dann kann man rechtlich verbindliche Nachteilsausgleiche einfordern. Die Hürden dafür sind mittlerweile leider recht hoch, aber mit gut begründeten Arztberichten könnte es einen Versuch wert sein.

    Ich weiß nicht, wie das in deiner Firma aussieht, aber in größeren Betrieben gibt es einen Betriebsrat oder einen Betriebsarzt, die man um Unterstützung bitten könnte; die vielleicht eine Vermittlerrolle einnehmen können zwischen dir, den Kollegen und deinen Vorgesetzten. Auch da wird es wahrscheinlich sehr darauf ankommen, auf wie viel Verständnis man im Einzelfall trifft. Trotzdem würde ich es als Möglichkeit in Betracht ziehen, denn es ist wichtig, sich in so einer Situation Unterstützung zu holen und nicht alleine dazustehen.

  • Alexandra

    Hallo Dario,
    vielen Dank für dein Verständnis.
    Den SB-Ausweis habe ich seit einigen Monaten, auch unser SB-Mensch hatte viel Verständnis für mich. Ich denke mal, es ist generell nicht einfach für NTs zu begreifen, dass jemand mit normaler Intelligenz und brauchbarer mündlicher Ausdrucksweise immer wieder dieselben Probleme mit Sozialverhalten hat. Die können sich einfach nicht vorstellen, dass man das nicht mit Absicht macht. Und auch wenn es mich belastet, ich kann meinen neurotypischen Mitmenschen nicht ihren Mangel an Fantasie in diesem Punkt vorwerfen. Eine geistige oder körperliche Behinderung wäre für sie wohl leichter zu erfassen. Ich glaube, Menschen mit ADHS oder Depressionen geht es u. U. auch manchmal ähnlich wie mir.
    Richtig übel sind die beschriebenen Meltdowns, aber mit denen werde ich auch noch lernen umzugehen.
    Liebe Grüße, Alexandra

  • Zum Stichwort Meltdown und Überforderungssituationen: Manchmal hilft es mir, wenn ich spontan rausgehe und draußen für eine halbe Stunde spazieren gehe. Ganz in der Nähe gibt es einen ruhigen Weg an einem stillgelegten Bahndamm, da laufe ich auch in der Mittagspause gerne mal entlang.

    Wir haben in unserer Firma eine Gleitzeitregelung ohne Kernarbeitszeit. Jeder kann sich im Pinzip ein- und ausstempeln, wie er will, dadurch ist das problemlos möglich. Das ist sicher nicht in allen Firmen und allen Berufen ohne Weiteres möglich, aber vielleicht kann man auch in anderen Fällen individuelle Abmachungen mit dem Arbeitgeber treffen, wie eine Rückzugsmöglichkeit für den Notfall aussehen kann.

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