Kennt Ihr diese Sätze?
„Ach, so ein bisschen autistisch bin ich auch. Lautstärke kann ich nicht mehr so ertragen wie früher.“
„Mein Kind ist auch manchmal so sonderbar. Vielleicht ist es auch ein bisschen autistisch.“
„Ich glaube, ich bin auch Autistin. Die Probleme, die Niklas mit großen Menschengruppen hat, habe ich auch.“
„Sind wir nicht alle ein bisschen autistisch?“
Ich weiß nicht, wie es Euch damit geht, diese Äußerungen zu hören. Mich macht es ärgerlich und oftmals bin ich auch frustriert, weil ich bei manchen Menschen denke, dass sie es doch besser wissen sollten.
Autismus ist angeboren und darf nicht bagatellisiert werden.
Autismus ist keine Diagnose, die man einfach mal so hinterhergeworfen bekommt oder die man „ein bisschen“ haben kann oder die man gar im Laufe des Lebens erwirbt.
Autismus ist eine angeborene tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich auf alle Lebensbereiche wie soziale Interaktion, Kommunikation, Verhalten und Interessen auswirkt.
In allen Teilbereichen müssen (mehr oder weniger) Besonderheiten und Auffälligkeiten vorliegen, um eine Diagnose zu bekommen. Es reicht nicht aus, wenn man sich eine Sache herauspickt und davon ableitet, ein bisschen autistisch zu sein.
Vieles, was Autismus ausmacht, ist nach außen hin nicht sichtbar, und wird gerne mal vergessen. Nicht jede Autistin und jeder Autist trägt seinen situativen oder dauerhaften Leidensdruck nach außen. Viele passen sich an und kompensieren bis es nicht mehr geht und sie im Stillen hinter verschlossenen Türen zusammenbrechen. Das kann alle Lebensbereiche betreffen: Kindergarten, Schule, Berufsleben – eine Situation wird noch „gemeistert“, man „funktioniert“, aber spätesten beim Übergang zur nächsten, kann die Lage schon ganz anders aussehen.
Eine Besonderheit macht noch keinen Autismus.

„Ich bin auch ein bisschen autistisch“ – wie ignorant klingt das in den Ohren derjenigen, die selbst ihr Leben ständig zwischen Anforderung, Anspruch, Forderung und Überforderung händeln müssen!
Wie bagatellisierend klingt es in den Ohren der Familien und Bezugspersonen, die jeden noch so kleinsten Auslöser für Overloads und Meltdowns berücksichtigen und im besten Fall vorab eliminieren sollten, und sich quasi die ganze Zeit in die Gefühlswelt des zu betreuenden Autisten „einzuklinken“ (rw) versuchen, um zu verstehen.
„Wir haben doch alle was von dem, was Niklas hat.“
Ja genau – vielleicht hat manch einer hier und da auch eine Empfindsamkeit, die zur Belastung und Herausforderung werden kann. Das will ich gar nicht abstreiten.
Aber es ist dann vielleicht ein Mosaiksteinchen in einem Gesamtbild, das Autismus ausmacht und das in seiner Gesamtheit zu einer Diagnose führen würde. Die anderen „Steinchen“ fehlen.
Nun gibt es noch die Möglichkeit, dass sowas auch geäußert wird, um das Gemeinsame, das Verbindende zwischen Menschen zu unterstreichen. So nach dem Motto: Wir sind doch gar nicht so anders. Wir gehören doch trotzdem zusammen. Wir haben doch alle Probleme.
Das ist gut gemeint, konterkariert aber all die Aufklärungsarbeit, die viele Menschen beruflich und ehrenamtlich leisten, um Vorurteile und Missverständnisse aus der Welt zu schaffen und die versuchen zu verdeutlichen, was ein Leben mit Autismus bedeutet.
Ich habe Autistinnen und Autisten gefragt, wie sie es empfinden, wenn gesagt wird, dass wir doch alle irgendwie autistisch sind:
„Ich fühle mich nicht ernst genommen.“
„Ich finde es nicht so schlimm. Ist gut gemeint, auch wenn es natürlich völliger Blödsinn ist.“
„Ich habe das Gefühl, dass mein Gegenüber nichts verstanden hat.“
„Ich glaube, da möchte man Grenzen und Probleme verwischen, die aber einfach da sind.“
„Hm, seltsam. Sowas könnte dazu beitragen, dass Berührungsängste abgebaut werden. Aber es birgt auch die Gefahr, dass man bagatellisiert.“
Autistinnen und Autisten erfüllen Diagnosekriterien in mehrerlei Hinsicht und nicht nur in einem Teilbereich.
Die Kombination dieser Bereiche ist es, die als Gesamtheit dazu führt, dass viele AutistInnen ohne Hilfe nicht zurechtkommen. Und die Qualität, die Dimension, die Ausprägung der Diagnosekriterien ist es, die hinzukommt und berücksichtigt werden muss, wenn man darüber spricht, was denn eigentlich Autismus ist und ein Leben mit Autismus ausmacht.
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