Vielleicht kennst du das: Du hast längst die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung für dein Kind oder befindest dich in der Diagnostik. Du hast dich informiert und kennst die typischen Herausforderungen und Symptome. Du weißt zum Beispiel, wie Reize wirken können und wie schnell Überforderung entstehen kann.
Und trotzdem hast du das Gefühl: Da ist noch etwas.

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- Wenn nichts so richtig passt und doch alles zutrifft
- Was meint AuDHS überhaupt?
- Gibt es diese Diagnose AuDHS?
- Einschub: ICD-10 oder ICE-11 – was gilt denn eigentlich?
- Überschneidungen und Unterschiede von ADHS und Autismus
- Zwischen Orientierung und Vereinfachung
- Was hilfreich sein kann – und wo Vorsicht geboten ist
- Fazit und meine persönliche Einordnung
Wenn nichts so richtig passt und doch alles zutrifft
Dein Kind wirkt gleichzeitig innerlich getrieben, impulsiv oder extrem sprunghaft, auch dann, wenn eigentlich alles vorbereitet ist. Trotz aller Bemühungen, eine feste Tagesstruktur aufzubauen, bleibt die Umsetzung ein täglicher Kraftakt.
Manche Tage sind geprägt von Unruhe, Bewegungsdrang, impulsiven Ausbrüchen oder einem völligen Wechsel der Stimmung, der sich kaum steuern lässt.
Und du fragst dich: Ist das auch Autismus oder kommt da noch etwas dazu?
In vielen Fällen taucht genau an dieser Stelle zum ersten Mal das Wort ADHS auf oder inzwischen auch der Begriff AuDHS.
Oft sind es Eltern, die durch Erfahrung und Austausch für Muster sensibel geworden sind, die so nicht im klassischen Autismusprofil stehen. Und dann beginnt die nächste Phase: die Suche nach einer Sprache für das, was bisher nicht benannt wurde. Du weißt, dass dein Kind autistisch ist, aber du merkst auch: Die Strategien, die eigentlich helfen sollten, greifen nicht durchgängig.
Wenn du dich darin wiederfindest, bist du nicht allein.
Immer mehr Familien mit einer bestehenden Autismus-Diagnose machen die Erfahrung, dass ADHS-Merkmale zusätzlich auftreten oder vielleicht sogar schon lange da waren, aber vom autistischen Verhalten überlagert wurden.
Was meint AuDHS überhaupt?
Der Begriff AuDHS ist in den letzten Jahren in immer mehr Gesprächen, Blogbeiträgen, Workshops und Büchern aufgetaucht. Er steht, einfach gesagt, für die gleichzeitige Ausprägung von Autismus und ADHS bei einer Person.
Dabei ist wichtig zu wissen: AuDHS ist kein offizieller Fachbegriff, sondern eher eine Bezeichnung, die aus der Praxis heraus entstanden ist. Viele benutzen ihn, um etwas zu beschreiben, das in den bisherigen Diagnoserastern oft nicht richtig eingeordnet wurde.
Was mit AuDHS gemeint ist, lässt sich nicht in ein einfaches Schema pressen, aber häufig zeigt sich eine besondere Mischung aus Merkmalen, die man sonst eher getrennt betrachtet:
Das führt oft zu einem inneren Spannungsfeld: Die Welt soll vorhersehbar und ruhig sein, es braucht Struktur, aber sie kann nicht gehalten werden.
Der Wunsch nach Ruhe ist groß, doch das Denken läuft weiter, auch wenn alles schon zu viel ist.
Viele Eltern beschreiben genau diese Gegensätzlichkeit als besonders herausfordernd.
Wenn also von AuDHS die Rede ist, geht es um ein komplexes Zusammenspiel zweier Profile, das mehr ist als die bloße Summe aus Autismus und ADHS.
Es geht um das, was passiert, wenn beides aufeinandertrifft.
Gibt es diese Diagnose AuDHS?
AuDHS ist keine anerkannte medizinische Diagnose.
Du wirst diesen Begriff weder im ICD-10 noch im DSM-5 oder in der ICD-11 als eigenständige Diagnosebezeichnung finden. Es ist ein beschreibender Begriff, der aus aus der Erfahrung enstanden ist, dass eine Diagnose allein manchmal nicht ausreicht, um das Verhalten oder die Bedürfnisse eines Kindes oder Erwachsenen verständlich zu machen.
Was es allerdings inzwischen gibt, ist die Möglichkeit, beide Diagnosen – Autismus und ADHS – offiziell nebeneinander zu stellen.
Das war nicht immer so. In der ICD-10, die in Deutschland bis heute Grundlage für Diagnosen ist, galt: Entweder Autismus oder ADHS. Beides gleichzeitig war nicht vorgesehen. Viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Merkmale für beide Diagnosen zeigten, fielen damit durchs Raster oder anders gesagt: wurden in ihrer gesamten Komplexität nicht wirklich gesehen.
Niklas bekam damals – vor über zwanzig Jahren – von einem erfahrenen Psychiater die Diagnose „frühkindlicher Autismus mit hyperkinetischer Begleitkomponente“. Eine etwas sperrige Formulierung, die im Grunde das meinte, was heute unter AuDHS verstanden wird. Damals war das schon der Versuch, die Realität möglichst genau zu beschreiben.
Mit der ICD-11 ist die gleichzeitige Diagnose von Autismus und ADHS nun ausdrücklich möglich. Auch die bisherige Einteilung in frühkindlichen Autismus oder Asperger oder atypischen Autismus wird im ICD-11 aufgelöst und unter dem Begriff „Autismus-Spektrum-Störung (ASS)“ zusammengefasst.
Einschub: ICD-10 oder ICE-11 – was gilt denn eigentlich?
In vielen Beiträgen und Fachgesprächen wird inzwischen auf die ICD-11 verwiesen – damit ist die neue internationale Klassifikation der Krankheiten gemeint, die von der WHO als Nachfolgerin der ICD-10 entwickelt wurde. Offiziell gültig ist sie weltweit seit 2022, doch in Deutschland ist sie noch nicht eingeführt.
Das bedeutet: Diagnosen werden hier weiterhin nach der ICD-10-GM gestellt, also der deutschen Version der bisherigen Klassifikation. Eine konkrete Umstellung auf die ICD-11 ist zwar geplant, aber ein verbindlicher Zeitpunkt für die Einführung steht bisher nicht fest.
Es gibt erste Pilotprojekte, Fachveranstaltungen und Schulungen, und viele Fachpersonen verfolgen aufmerksam, wie sich die neue Klassifikation auf Diagnostik und Versorgung auswirken könnte. Es gibt viele Argumente, die für oder auch gegen die Novellierung ausgesprochen werden. Das im Detail auszuführen, wäre an dieser Stelle zu ausufernd.
Die meisten Einrichtungen arbeiten weiterhin nach den bisherigen Vorgaben. Das sorgt verständlicherweise für Verwirrung, wenn etwa in einem Fachvortrag bereits über ICD-11-Kriterien gesprochen wird, in der Praxis aber alles beim Alten bleibt.
Entscheidend ist meiner Auffassung nach, dass wir Begriffe wie AuDHS als eine Übergangssprache verstehen, die beschreibt, was schon lange Realität ist, auch wenn das offizielle System noch hinterherhinkt.

Überschneidungen und Unterschiede von ADHS und Autismus
Wenn man ein autistisches Kind über längere Zeit begleitet, merkt man schnell, dass viele Verhaltensweisen nicht eindeutig sind. Verhaltensweisen bei einem Kind, das unkonzentriert, impulsiv, innerlich unruhig oder sehr schnell überfordert wirkt, können sowohl im Autismus-Spektrum als auch bei ADHS vorkommen.
Genau deshalb ist es so wichtig, nicht beim äußeren Verhalten stehenzubleiben, sondern zu fragen, warum dieses Verhalten gerade entsteht.
Die folgenden Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständgkeit und sind nicht als pauschale Aussagen zu verstehen. Es gibt natürlich auch immer die berühmten Ausnahmen von der Regel:
Unaufmerksamkeit wird sowohl Autistinnen und Autisten als auch Menschen mit ADHS zugeschrieben. Der Unterschied liegt weniger im „Ob“, sondern im „Wie“.
Bei autistischen Kindern zeigt sich Unaufmerksamkeit häufig dann, wenn die Situation sensorisch oder sozial zu komplex wird. Das Gehirn ist beschäftigt mit Reizverarbeitung, Orientierung oder innerer Regulation. Für das, was außen erwartet wird, bleibt schlicht keine Kapazität mehr.
Bei ADHS hingegen steht Unaufmerksamkeit oft im Zusammenhang mit Schwierigkeiten der Aufmerksamkeitssteuerung selbst: Der Fokus springt, hält nicht stabil, auch ohne dass zwingend eine Überforderung vorliegt. Nach außen sieht das ähnlich aus, innerlich sind es jedoch unterschiedliche Prozesse.
Ähnlich ist es bei impulsivem Verhalten. Auch hier gibt es Überschneidungen, aber unterschiedliche Hintergründe.
Bei ADHS gehört Impulsivität zu den Kernmerkmalen, Handlungen passieren schnell, ungefiltert, oft bevor eine bewusste Steuerung greifen kann. Bei Autistinnen und Autisten tritt impulsives Verhalten dagegen häufig situationsgebunden auf, zum Beispiel als Reaktion auf Überforderung, Stress oder den Verlust von Kontrolle. Es ist dann weniger Ausdruck eines dauerhaften Impulsniveaus, sondern eher ein Zeichen dafür, dass die innere Belastungsgrenze überschritten ist.
Ein weiterer Punkt ist motorische Unruhe. Autistisches Stimming dient in der Regel der Selbstregulation, es hilft, Reize zu verarbeiten, Spannung abzubauen oder sich zu stabilisieren. Die Bewegung hat eine Funktion. Bei ADHS ist motorische Unruhe häufig weniger zielgerichtet. Sie entsteht aus einem inneren Bewegungsdrang heraus und lässt sich schwer unterbrechen, auch dann, wenn die Situation eigentlich ruhig ist.
Von außen wirkt beides gleich unruhig, für die Person selbst macht es jedoch einen großen Unterschied.
Auch der viel zitierte Hyperfokus ist kein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal, sondern ein Überschneidungsbereich. Sowohl autistische Menschen als auch Menschen mit ADHS können sehr intensiv bei einer Sache bleiben. Der Unterschied liegt eher in der Stabilität und Einbettung.
Bei Autismus sind solche Fokussierungen oft langfristig, thematisch gebunden und strukturierend. Bei ADHS treten sie eher phasenweise auf, oft spontan ausgelöst und nicht immer zuverlässig abrufbar. Beides kann nebeneinander bestehen.
Gerade diese Beispiele machen deutlich, warum einfache Zuordnungen oft nicht weiterhelfen. Zwei Personen können sehr ähnlichs Verhalten zeigen und dennoch aus unterschiedlichen Gründen handeln.
Und es gibt Kinder, bei denen sich diese Gründe überlagern. Sie brauchen Struktur, verlieren sie aber immer wieder. Sie reagieren sensibel auf Reize und sind gleichzeitig ständig in Bewegung. Sie ziehen sich zurück und suchen dennoch Nähe.
Wenn man all das zusammennimmt, wird klar: Es geht nicht darum, Verhalten richtig zu etikettieren, sondern darum, es richtig zu verstehen. Der Blick auf die Ursachen entscheidet darüber, ob Unterstützung passt oder ins Leere läuft. Und genau an dieser Stelle entsteht für viele Familien der Wunsch nach neuen Begriffen, um die Realität abzubilden.
Zwischen Orientierung und Vereinfachung
AuDHS wirkt auf den ersten Blick wie ein fehlendes Bindeglied. Es bringt zusammen, was bisher getrennt gedacht wurde. Es bietet eine Sprache für das, was so viele erleben, aber nirgends richtig einordnen konnten. Und es entlastet, weil es erklärt, warum Strategien aus beiden Welten oft nicht ausreichen. Warum Timer und Bildkarten zwar hilfreich sind, aber den Alltag nicht retten. Warum Therapie manchmal nicht greift, obwohl Konzentrationsprobleme da sind. Warum alles manchmal gleichzeitig zu viel und zu wenig ist.
Für viele ist AuDHS deshalb auch ein Erklärungsmodell, das Raum für Widersprüchlichkeiten lässt. Ein Angebot, sich nicht mehr entscheiden zu müssen, ob etwas jetzt „autistisch“ oder „ADHS-bedingt“ ist. Es fühlt sich wie ein Schritt raus aus der Vereinfachung an.
So entlastend der Begriff auch sein kann, so schnell kann er selbst wieder zur Schublade werden.
Wenn plötzlich überall von AuDHS gesprochen wird, wenn Social Media-Posts, Bücher und Workshops den Eindruck vermitteln, es handle sich um ein ganz neues, eigenständiges Profil, dann wird es schwierig, vor allem für die Familien, deren Kinder nicht in dieses Bild passen, das dabei oft gezeichnet wird.
Denn das, was öffentlich unter AuDHS verstanden wird, orientiert sich häufig an Menschen, die verbal stark sind, ihr Innenleben reflektieren und beschreiben können, sich austauschen und selbst erklären. In dieser Debatte werden wieder einmal genau diejenigen unsichtbar, die deren Realität eine Mischung ist, die von außen schwer zu greifen ist. Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf, die nonverbal sind, die nicht zwischen Reizverarbeitung und Impulsivität unterscheiden können, die keine Diagnosetexte lesen oder Selbsttests machen, sie kommen in diesen Diskussionen nicht vor.
Der Begriff AuDHS kann dabei helfen, Verhaltensweisen besser zu verstehen und das Gefühl vermitteln, mit der Erfahrung nicht allein zu sein, gerade dann, wenn Autismus und ADHS sich überlagern. Was er aber nicht leisten kann, ist eine differenzierte Einschätzung des individuellen Unterstützungsbedarfs, vor allem dann nicht, wenn zusätzlich eine komplexe Behinderung vorliegt, die Sprache, Motorik oder Selbstständigkeit stark beeinflusst. Hier braucht es mehr als Begriffe: nämlich einen genauen Blick auf die alltägliche Realität und darauf, was das einzelne Kind wirklich braucht.
Was hilfreich sein kann – und wo Vorsicht geboten ist
Hilfreich ist:
- dass die Kombination aus Autismus und ADHS endlich sichtbar wird
- dass alte Entweder-oder-Denkmuster aufgebrochen werden
- dass Eltern merken, dass ihr Erleben kein Einzelfall ist
Problematisch wird es dort, wo:
- AuDHS als eigenständige neue Diagnose verstanden wird
- komplexe Lebensrealitäten vereinfacht werden
- Autistinnen und Autisten mit hohem Unterstützungsbedarf aus dem Blick geraten
Gerade diese Gruppe ist nicht einfach „anders“. Sie lebt mit massiven Einschränkungen, hohem Pflege- und Assistenzbedarf und oft lebenslanger Abhängigkeit von Unterstützungssystemen. Diese Realität darf im Neurodiversitätsdiskurs nicht relativiert werden.
Fazit und meine persönliche Einordnung
Ich erinnere mich gut an die Zeit, als wir selbst auf der Suche waren. Niklas bekam damals die Diagnose „frühkindlicher Autismus mit hyperkinetischer Begleitkomponente“, eine Bezeichnung, die im Grunde das meint, was viele inzwischen mit dem Begriff AuDHS beschreiben.
Heute gibt es neue Begriffe, neue Klassifikationen, neue Gesprächsräume. Die ICD-11 bringt vieles zusammen, was vorher getrennt war: das Spektrum wird als Ganzes betrachtet, Komorbiditäten wie ADHS und Autismus dürfen gleichzeitig diagnostiziert werden, funktionale Einschränkungen rücken stärker in den Fokus.
Das ist wichtig und doch wird dabei manchmal übersehen, dass die bisherige Dreiteilung in der ICD-10 gerade im Bereich der komplexen Behinderung für manche Familien hilfreicher war. Wer mit einem stark beeinträchtigten Kind lebt, das nonverbal ist, körperlich eingeschränkt oder auf umfassende Assistenz angewiesen, konnte sich in der alten Einteilung oft konkreter wiederfinden, weil Unterschiede nicht verwischt, sondern benannt wurden.
Was sich also wie ein Fortschritt anfühlt, ist nicht automatisch eine Verbesserung für alle.
Und beim Begriff AuDHS ist es ähnlich: Er kann helfen, ja. Aber er ist nicht eindeutig. Denn AuDHS ist keine neue Diagnose, sondern die Kombination zweier Diagnosen und wie genau sich Autismus und ADHS dabei zeigen, ist höchst individuell.
Ein Kind mit frühkindlichem Autismus (ICD-10) und starkem Unterstützungsbedarf, das zusätzlich eine Aufmerksamkeitsproblematik zeigt, erlebt etwas völlig anderes als ein sprachlich starkes Kind mit Asperger-Mustern und ausgeprägter Hyperaktivität. Auch wenn beides unter „AuDHS“ laufen sollte, das Leben, die Begleitung und der Alltag sehen ganz unterschiedlich aus.
Was letztlich zählt, ist nicht, ob ein Begriff passt oder nicht, sondern ob er uns hilft, das einzelne Kind und den einzelnen Menschen besser zu begleiten.
Vielleicht ist das am Ende die größte Konstante in all dem Wandel, nämlich dass es keine fertige Antwort gibt, sondern nur den nächsten Schritt. Den finden wir in keinem Lehrbuch, sondern im Alltag, in kleinen Momenten, in Krisen, in Erfolgen und im Miteinander verschiedener Lebensbereiche.
Genau dort bewegt sich auch dieser Blog und die Intention dieses Beitrags zu einem Begriff, der heute in aller Munde ist. Was ich hier teile, entsteht aus gelebtem Alltag, aus der Erfahrung, die entsteht, wenn Begleitung, Pflege, Organisation und Beziehung aufeinander treffen.
Dieser Blick ergänzt viele rein fachlich-theoretischen Zugänge.
Zum Weiterlesen:
Autismus und ADHS – Verständnis für den Unterschied und die Möglichkeit von Doppeldiagnosen
Interview mit Kristina Meyer-Estorf über die Diagnosen Autismus und ADHS
Zwischen Forschung und Erfahrung: was neue Studien über Autismus verraten