In letzter Zeit kam es einige Mal vor, dass Niklas aus heiterem Himmel einen Zusammenbruch hatte, schrie und aus einer Spirale von Schreien, herumlaufen und seinen Kopf unter meinen Arm stecken wollen lange nicht mehr herauskam.
Er schien völlig am Ende und verzweifelt.
Und wir verstanden zum Teil die Welt nicht mehr, weil der Tag bis dahin doch so schön gewesen war, weil Dinge geklappt hatten, die noch nie zuvor möglich gewesen waren und weil uns nicht immer ein wirklicher Auslöser einfiel.
Das Gespräch mit einer Autistin brachte mich auf eine neue Denkweise, was diese Zusammenbrüche anbelangt.
Auch positive Entwicklungen, gelungene Ausflüge und schöne Begegnungen kosten Kraft.

Die Tatsache, dass Niklas lieber als alle Jahre zuvor in den Garten geht, Vogelgezwitscher, Flugzeuggeräusche und Rasenmäher im Nachbarsgarten besser kompensieren kann, bedeutet nicht, dass es ihm nichts mehr ausmachen würde.
Diese Kompensation, das „dealen“ mit der Situation kostet Kraft.
Die Tatsache, dass er seit etwa einem Jahr immer öfter auf Toilette geht, er kaum noch Windeln braucht und sich mächtig freut, wenn die Klogänge klappen, bedeutet nicht, dass es ihn nicht Kraft kostet, aufmerksam zu sein und diese Entwicklung anzunehmen.
Fortschritte kosten Kraft auch noch nachträglich, weil sich etwas verändert hat, das verarbeitet werden muss und weil mit diesem Fortschritt auch eine neue Erwartungshaltung an ihn herangetragen wird.
Die Tatsache, dass er super gerne beim Geburtstag seiner Schwester dabei ist, sich freut, dass die Familie da ist und er ganz lange Zeit mittendrin lachend dabei ist, bedeutet nicht, dass es ihm nichts ausmachen würde.
Die Anpassung an die Situation und das Ertragen der Geräuschkulisse kosten Kraft.
Das sind nur ein paar Beispiele dafür, die zeigen, dass absolut positive Dinge trotzdem Energiefresser sein können. Andere Faktoren können zum Beispiel die Gegenwart von Menschen sein, die als unangenehm empfunden werden, Erfahrungen, die mit Ausgrenzung zu tun haben, Situationen, die als ungerecht empfunden werden, oder auch das Mitempfinden von Traurigkeit, Wut und allgemein intensiven Gefühlen anderer. Denn im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen können AutistInnen natürlich auch mitfühlen, wenn jemand traurig, gestresst oder verärgert ist.
Zusammenbrüche nach positiven Erlebnissen und guten Tagen sind möglich.
Wenn sich nun nach einem solchen Tag, an dem doch alles so gut geklappt hat, eine Situation anschließt, in der schon eine Kleinigkeit ärgerlich oder frustrierend ist, kann das ausreichen, um einen Zusammenbruch nach sich zu ziehen.
Wie ein großes Fragezeichen stehe ich dann vor Niklas, weil ich nicht begreife, was genau nun so schlimm war, aber dieses „was genau“ gibt es vielleicht gar nicht immer, sondern das Zusammenwirken von allem muss dann gesehen werden: Viele durchaus auch positive Aktionen, Begegungen und Entwicklungen, die Energie verbrauchen und nicht mehr genug übrig gelassen haben, um mit etwas Unerwartetem zurechtzukommen.
Mir hat es sehr geholfen, mir dies zu vergegenwärtigen, weil ich nun achtsamer mit Niklas´ Ressourcen umgehen kann. Wenn ein Tag super war, bedeutet es nicht, dass man noch etwas und noch etwas und noch etwas dazu planen und ausprobieren sollte, sondern dass man es auch einfach mal gut sein lässt. Es war genau so gut, wie es war. Und morgen ist ein neuer Tag für neue Dinge.
Für eine Reizüberflutung kann also neben ganz konkreten und klar zu identifizierenden auslösenden Faktoren auch eine Entwicklung und ein (durchaus positiver) Prozess verantwortlich sein.
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