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Autismus und Masking: der Preis von Anpassung und die Realität des Nicht-Maskieren-Könnens

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im April 2024


Viele Eltern und Fachleute beginnen erst durch das Verständnis des Maskings bestimmte Verhaltensweisen autistischer Kinder und Erwachsener zu verstehen. Ich durfte schon etliche solcher Aha-Momente miterleben, die zeigen, wie aufschlussreich und hilfreich dieses Wissen sein kann.
Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Aspekt oft außer Acht: Diejenigen, die nicht in der Lage sind zu maskieren. Diese Gruppe von Autistinnen und Autisten reagiert häufig impulsiv und unmittelbar, was ihnen die Möglichkeiten zur Teilhabe oft von vornherein unmöglich macht.

In diesem Beitrag möchte ich beide Seiten berücksichtigen: die verborgenen Kämpfe derer, die maskieren, und die offenen Schwierigkeiten derer, die es nicht können. Jede dieser Personen steht vor erheblichen Herausforderungen, und es ist wichtig, dass wir alle verstehen, unterstützen und damit Lebensqualität verbessern.

©Quelle: pixabay, User Villlkass, Inhaltslizenz, vielen Dank

Was bedeutet Masking?

Beim Masking unternehmen Autistinnen und Autisten bewusst oder unbewusst große Anstrengungen, um ihre Verhaltensweisen, Emotionen und Reaktionen so zu unterdrücken oder zu verändern, dass sie den sozialen Normen und Erwartungen ihrer Umgebung entsprechen.
Diese Kompensationen und Anpassungen können vielfältig sein. Nun bin ich selbst keine Autistin, erlaube mir aber dennoch hier einige Masking-Strategien zu beschreiben, um dafür zu sensibiliseren. Sie wurden mir von Autistinnen und Autisten geschildert oder ich habe sie beobachet bzw. miterlebt.

Vielleicht hast du selbst schon einmal gesehen, wie jemand in deinem Umfeld bestimmte Gesten, Mimik oder die Art zu sprechen anderer nachahmt. Dies geschieht oft in der Hoffnung, besser dazuzugehören oder einfach „normal“ zu wirken, z.B. indem bestimmte Floskeln verwendet werden. Es ist wie ein stilles Theaterstück, in dem autistische Personen die ungeschriebenen Skripte ihrer Umgebung sorgfältig studieren und wiedergeben.

Ein anderes Bild ergibt sich beim Unterdrücken von Stimming. Stell dir vor, du hast eine beruhigende Gewohnheit, die dir hilft, dich zu konzentrieren oder Stress abzubauen, wie Schaukeln oder das Spielen mit einem kleinen Objekt in der Hand. Für viele Autistinnen und Autisten sind solche Verhaltensweisen unverzichtbar (hier genauer beschrieben). Doch in der Öffentlichkeit, in Schulen oder am Arbeitsplatz werden diese oft verborgen, aus Angst, als unpassend oder störend wahrgenommen zu werden. Das kann sehr belastend sein, weil es eine wichtige Strategie zur Selbstregulierung nimmt.

Die Anpassung der Sprache ist ebenfalls ein gutes Beispiel für Masking. Vielleicht kennst du eine Person, die bewusst versucht, ihre Art zu sprechen zu ändern, um nicht aufzufallen. Oder jemanden, der lernt, Smalltalk zu machen, weil es von ihm erwartet wird. Es fällt ihm schwer und wirkt dadurch womöglich recht unbeholfen. Es kann auch sein, dass Autistinnen und Autisten ihre Lieblings- bzw. Spezialthemen bewusst meiden, weil sie nicht Gefahr laufen wollen, als seltsam zu gelten.

Manche Autistinnen und Autisten passen ihre Kleidung an, um weniger aufzufallen, auch wenn diese vielleicht unbequem ist oder ihren sensorischen Sensibilitäten widerspricht. Sie könnten beispielsweise enge oder kratzige Kleidung tragen, weil diese als modisch oder der Situation angemessener gilt, obwohl andere Stoffe viel angenehmer für sie wären und keine Reizüberflutung zur Folge hätten.

Und dann gibt es noch die Kontrolle emotionaler Reaktionen. Dies kann das Verbergen von Gefühlen bedeuten, die vielleicht als unangebracht angesehen werden, oder das übertriebene Zeigen von Freude oder Begeisterung, um Zustimmung zu gewinnen. Es ist wie eine innere Diskussion um Verhaltensweisen, die ständig aktiv ist, um sozial akzeptabel zu erscheinen.

Einige Autistinnen und Autisten kontrollieren bewusst ihre Körperhaltung oder Mimik, um nicht desinteressiert oder unhöflich zu wirken. Sie erinnern sich vielleicht daran, öfter zu lächeln, Augenkontakt zu halten oder bestimmte Gesten zu vermeiden, die von anderen falsch interpretiert werden könnten. Es ist enorm anstrengend, das umzusetzen.

Diese Beispiele, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, verdeutlichen, wie anstrengend und komplex das Masking sein kann, zumal häufig mehrere Methoden bzw. Strategien gleichzeitig ablaufen. Es ist mehr als nur ein soziales Manöver; es ist eine extreme Anstrengung, die die mentale Gesundheit auf Dauer stark beeinflussen kann.

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Der Preis von Kompensation und Anpassung

Obwohl Masking kurzfristig als nützliches Werkzeug dienen kann, um sich besser in soziale Gruppen zu integrieren und akzeptiert zu werden, birgt es langfristig oft schwerwiegende psychische Belastungen. Dieser fortwährende Akt, sich selbst zu überwachen und das eigene Verhalten ständig anzupassen, erfordert eine enorme Menge an mentaler Energie und ständiger Wachsamkeit. Viele berichten, dass sie am Ende des Tages völlig erschöpft sind, als hätten sie einen Marathon im Kopf gelaufen. Oft führt es auch zu tiefer Verzweiflung.

Zudem führt das anhaltende Bestreben, „normal“ zu wirken, oft zu Gefühlen der Entfremdung und des Identitätsverlusts. Es ist, als würde man ständig eine Maske tragen, die nicht wirklich zu einem passt, und hinter dieser Maske verliert man langsam den Kontakt zu dem, was einen eigentlich ausmacht.

Langfristiges Masking kann darüber hinaus zu erhöhtem Stress, Angstzuständen und Depressionen führen. Die ständige Angst, die eigene „Tarnung“ könnte auffliegen und man könnte von anderen als „anders“ oder nicht kompatibel für den entsprechenden Lebensbereich erkannt werden, schafft dauerhafte Anspannung. Diese Angst vor Ablehnung und Missverständnissen verstärkt das Gefühl von Unsicherheit und kann das psychische Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen.

Eine der subtileren, doch gravierenden Konsequenzen ist, dass das Umfeld möglicherweise nie wirklich versteht, was die Autistin bzw. der Autist tatsächlich braucht. Wenn das Masking unbemerkt bleibt, nehmen Familie, Lehrkräfte, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen oft fälschlicherweise an, dass alles in Ordnung ist. Diese Annahme kann dazu führen, dass notwendige Unterstützungen und Anpassungen, die den Alltag erleichtern könnten, unterbleiben.
Ohne die angemessenen Hilfen müssen sich Autistinnen und Autisten dann weiterhin anstrengen, den Erwartungen ihres sozialen und beruflichen Umfelds gerecht zu werden, was den Druck und die psychische Belastung weiter erhöht. Das Gefühl von Isolation und Unverstandenseins verstärkt sich weiter, weil die wirklichen Bedürfnisse gar nicht erst bemerkt werden.

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Nicht alle Autistinnen und Autisten können maskieren

Nicht alle Autistinnen und Autisten sind in der Lage, Masking-Techniken anzuwenden. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die intensivere Ausprägungen der Diagnosekriterien zeigen oder über eingeschränkte Handlungskompetenzen und weniger kognitive Möglichkeiten verfügen.
Eine Autistin sagte mal über meinen Sohn: „Ich kenne niemanden, der so unmittelbar, so direkt, so impulsiv und kompromisslos ehrlich ist, wie Dein Niklas. Von Maskieren keine Spur. Aber dadurch ist die Teilhabe für ihn auch so extrem schwierig.“
Und genauso ist es. Masking ist für ihn und viele andere Autistinnen und Autisten schlichtweg nicht umsetzbar, ob sie es nun wollten oder nicht. Die Anpassung des eigenen Verhaltens an soziale Normen und Erwartungen erfordert ein hohes Maß an Selbstregulierung und sozial-kognitiven Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten sind bei ausgeprägterem Autismus häufig nahezu unmöglich.

Die Anwendung von Masking-Strategien setzt voraus, dass man in der Lage ist, eigene Verhaltensweisen zu analysieren, die Reaktionen anderer darauf zu interpretieren und daraufhin das eigene Verhalten so anzupassen, dass es den erwarteten sozialen Standards entspricht. Für viele Autistinnen und Autisten sind solche Prozesse nicht realisierbar. Sie können die sozialen Signale, die eine Anpassung ihres Verhaltens erfordern würden, oft nicht erkennen oder deuten.
Darüber hinaus erfordert das kontinuierliche Masking eine ständige Kontrolle des eigenen Verhaltens, was absolut überfordernd wäre.

Daher steht eine große Anzahl von Autistinnen und Autisten vor der Situation, dass sie nicht die Wahl haben, ob sie Masking-Strategien einsetzen möchten oder nicht; sie sind schlichtweg nicht in der Lage, diese Strategien zu entwickeln und anzuwenden.
Diese Einschränkung kann zu einer Vielzahl von zusätzlichen sozialen Schwierigkeiten führen, da das unmaskierte Verhalten oft zu Missverständnissen, womöglich übergriffigem Verhalten und sozialer Ausgrenzung führt.

Der Preis des Nicht-Maskieren-Könnens

Autistinnen und Autisten, die nicht maskieren können, erleben die Welt oft langanhaltend intensiver und direkter, da sie kaum Strategien und Techniken einsetzen können, um dies abzumildern oder erträglicher zu machen.
Wenn du ein autistisches Kind hast, das nicht maskieren kann, bist du sicherlich mit den täglichen Herausforderungen vertraut, die das mit sich bringt. Vielleicht hast du schon oft versucht, deinem Kind Erlebnisse wie eine Familienfeier, eine Schulaufführung oder einen Nachmittag im Park zu ermöglichen, nur um zu sehen, wie überwältigend diese Situationen für dein Kind sein können. Oftmals müssen es gar nicht die besonderen Ereignisse sein, bereits ein gemeinsames Mittagessen, Zusammensein mit Mitschülern (ob inklusiv oder nicht) oder ein Aufenthalt im Garten mit Vogelgezwitscher, Rasenmäher usw. sind bereits unmöglich und schränken euren Alltag enorm ein.
Oft sind es die vielen Reize, die eine sensorische Überlastung verursachen – von lauten Geräuschen bis hin zu unerwarteten Menschenmengen, aber eben auch ganz alltägliche Geräusche, die unerträglich werden.
Du hast vielleicht auch festgestellt, dass übliche Hilfsmittel wie zum Beispiel Kopfhörer oder Sonnenbrillen, die Reize abschwächen könnten, von deinem Kind als unangenehm empfunden und abgelehnt werden und daher keine Lösung darstellen.

Aktivitäten, die viele Familien für selbstverständlich halten, wie ein Kinobesuch oder ein Ausflug zum Vergnügungspark, sind für dein Kind unerreichbar. Die lauten Geräusche, die grellen Lichter und die großen Menschenmengen können schnell zu einer Überforderung führen. Selbst Veranstaltungen, die eigentlich für Autistinnen und Autisten und deren Familien von z.B. Vereinen organisiert werden, sind für dein Kind womöglich völlig ungeeignet.
Wenn sie deshalb von vielem ausgeschlossen sind, kann das enorme Auswirkungen haben. Stell dir vor, wie es sich anfühlt, in einer lauten und chaotischen Umgebung zu sein, ohne die Möglichkeit, die eigenen Reaktionen so zu steuern oder Hilfsmittel einzusetzen, dass es zumindest weniger auffällt.

Diese Autistinnen und Autisten verstehen vielleicht nicht, warum sie anders reagieren oder warum ihre spontanen Reaktionen auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen. Sie verstehen und erleben aber sehr wohl die Isolation, die daraus resultiert. Das Selbstwertgefühl leidet, es folgt noch mehr Rückzug und Isolation. Ohne die Möglichkeit, sich durch Masking wenigstens zeitweise anzupassen, fühlen sich diese Autistinnen und Autisten hilflos und ausgeliefert in sozialen Situationen, was zu Angst und noch mehr Rückzug führen kann.

Für Autistinnen und Autisten, die nicht maskieren können, gibt es die Wahl zu maskieren und hinterher ggf. den Preis zu zahlen, oder dies eben nicht zu tun, nicht. Die Wahl ist nicht vorhanden, weil allein der Versuch zur Eskalation führt. Dies bringt unfreiwillige Isolation, die Auswirkungen nicht nur auf dein Kind, sondern auf deine gesamte Familie hat.

Was mich fassungslos macht

Nun gibt es tatsächlich Menschen, die meinen, es sei nicht so schlimm, da diese Personengruppe ohnehin nicht verstehen würde, worum es bei Teilhabe geht. Ich muss sagen, solche Aussagen machen mich fassungslos, sie sind absolut unangebracht und es ist herabwürdigend zu behaupten, dass die Ausgrenzung oder eingeschränkte Teilhabe von Autistinnen und Autisten, die in allen Bereichen der Diagnosekriterien intensiver im Spektrum sind, nicht so schwerwiegend sei, da sie angeblich nicht intelligent genug seien, um ihre Situation zu verstehen.
Derartige Aussagen, die ich leider schon öfter vernommen habe, sind nicht nur verletzend, sondern missachten die grundlegende Würde und das Bewusstsein jeder Person, ganz unabhängig von ihrer neurologischen Beschaffenheit.
Für mich macht es einmal mehr deutlich, wie wichtig auch Aufkärung für und über Autistinnen und Autisten ist, die nicht selbst für sich sprechen können, auch wenn ich dies „nur“ mittelbar als Mutter umsetze. Ich würde mir wünschen, dass auch andere dies in ihre Aufklärungsarbeit integrieren.

Abschlussgedanken für ein breiteres Verständnis

Es ist sehr wichtig, über Masking und dessen Auswirkungen Bescheid zu wissen. Wenn dies mehr berücksichtigt würde, wären mit der Zeit bessere Rahmenbedingungen möglich und ich bin überzeugt, weniger Schuldzuweisungen nötig. Denn diese werden nur allzu oft ausgesprochen, wenn sich die Auswirkungen des Maskings häufig erst in anderen Lebensbereichen zeigen.
Ebenso wichtig war es mir, auf die Realität des Nicht-Maskieren-Könnens einzugehen, ein Thema, das leider häufig übersehen oder sogar vergessen wird. Es war mir nicht zuletzt aus den Erfahrungen mit meinem Sohn ein großes Anliegen, auch diese Perspektive sichtbar zu machen.

Niemand kann das Ausmaß an Herausforderung, mit denen eine andere Person konfrontiert ist, beurteilen oder bewerten, ob sie nun maskiert oder auch nicht.

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wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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Es ist immer wieder überwältigend, was wir als Eltern autistischer Kinder bedenken, organisieren und verarbeiten müssen. Neben viel Wissen und Erfahrungen, die du hier im Blog findest, ist eine solidarische Gemeinschaft unglaublich hilfreich. Das Forum plus ist ein geschützter Bereich nur für Eltern autistischer Kinder. Hier findest du außer praktischen Tipps viel Verständnis und Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie Du.

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