Schule ist heutzutage multikulti, herausfordernd und inklusiv – und braucht deshalb für fast jeden eine Extrawurst!?
Wirklich?
Wie wäre es mit einer anderen Haltung?
Zum Beispiel:
Schule kann heutzutage Horizont erweiternd, soziale Kompetenzen fördernd und didaktisch vielseitig sein.

Soziale Kontakte knüpfen und Leistungen abrufen können autistische Schüler meistens nur dann, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind.
Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Rahmenbedingungen auch vielen anderen Schülerinnen und Schülern zugute kommen. Denn wir leben in einer Zeit, in der wir generell mit Reizen und Informationen überschüttet werden, so dass die Konzentration auf das Wesentliche zunehmend mehr Kindern und Jugendlichen schwerfällt.
Auch wenn es nicht mit dem Leidensdruck eines Autisten, der in einen Overload oder Meltdown rutscht, zu vergleichen ist, brauchen auch andere Kinder sensorische Auszeiten und grundsätzlich das Herabsetzen von gleichzeitigem Input von allen Seiten.
Rahmenbedingungen, die autistischen und auch den meisten anderen Schülern helfen
Herabsetzen von Hintergrundgeräuschen und anderen Reizquellen
Für eine optimale Lernatmosphäre sollten unnötige Hintergrundgeräusche minimiert werden. Zumindest bei Klassenarbeiten könnten die Fenster geschlossen werden, um ablenkende Geräusche von draußen möglichst auszuschließen.
Ebenfalls sollte man für flackernde Leuchtmittel, die ablenken und autistischen Schülern sogar Schmerz verursachen können, aufmerksam sein und sie beseitigen.
beruhigte Pausenbereiche, Rückzugsmöglichkeiten / Ruheräume
Viele Schüler brauchen in der Pause Ruhe. Das Bedürfnis nach Rückzug sollte unbedingt respektiert und Schüler nicht in die turbulente Pausensituation gezwungen werden. Gerade autistische Schüler empfinden es als äußerst belastend, eine unstrukturierte Pausensituation bewältigen zu müssen. Hierfür braucht es für alle Kinder Alternativen, die ohne Sondergenehmigung aufgesucht werden können.
mündliche durch schriftliche Prüfungen ersetzen oder umgekehrt
Autistische Schüler können ihr Potential in mündlichen Prüfungen meist nicht so gut abrufen wie in schriftlichen Tests. Sie brauchen bezüglich der Prüfungsform häufiger die Wahl. Umgekehrt sollten auch Schüler, die lieber mündlich geprüft werden, ebenfalls verstärkt wählen dürfen. Das käme allen Schülerinnen und Schülern entgegen.
Verwenden klarer Sprache
Das Einbinden von Floskeln, Ironie und Metaphern geschieht oftmals unbewusst. Gerade beim Vermitteln von Lehrinhalten wäre es sehr wünschenswert, dass klar kommuniziert wird. So muss neben der Aufnahme des Gelernten vom Schüler nicht noch zusätzlich decodiert werden, was davon ernst gemeint war bzw. wörtlich zu nehmen ist oder auch nicht.
Visualisieren von Aufgaben und Abläufen
Ganz gleich, ob es um Aufgaben geht, erklärte Abläufe oder Veränderungen im Stundenplan. Es wäre gut, diese Bereiche zu visualisieren, also nicht nur verbal zu erklären oder anzukündigen, sondern auch aufzuschreiben oder mit Bildsymbolen zu unterstreichen. Das gesprochene Wort verhallt, ein Bild bleibt dauerhaft sichtbar, so dass man darauf leichter zurückkommen kann. Das Lernen über mehrere Sinneskanäle ist für alle Schüler ein Gewinn.
Sichtbarmachen von Zusammenhängen
In der Schule wird viel Detailwissen vermittelt. Der sprichwörtlich rote Faden geht dabei für manche Schüler verloren. Die Zusammenhänge von komplexen Lerninhalten sollten visualisiert werden, zum Beispiel mit Grafiken oder Mindmaps. Um auf diese jederzeit gedanklich zurückgreifen zu können, wenn zum Beispiel weitere Lerninhalte vermittelt werden, könnten die visualisierten Kontexte an die Wand gepinnt werden.
Checklisten für das Bearbeiten von Aufgaben anbieten
Schüler sind meist auf die Vorgabe von Strukturen angewiesen. Gerade wenn eine hohe Anforderung in Form von Klassenarbeiten an sie gestellt wird, wäre es hilfreich, bewährte Strukturen vorzugeben. Das könnte zum Beispiel durch die Zugabe einer Checkliste geschehen, auf der man Teilbereiche von Aufgaben nacheinander abhaken kann. Ebenso könnte man den Zusammenhang, in dem der abgefragte Teilbereich steht, visualisieren. So verlieren Schüler, die sich wie Autisten eher auf Details fokussieren, nicht so schnell den Überblick.
Übergänge bewusst gestalten und transparent halten
Unsere Zeit ist hektisch. In der Schule wird schnell von einem Fach zum nächsten gewechselt. Es wäre wünschenswert, dass diese Übergänge mehr begleitet werden. Hilfreich wäre zum Beispiel verstärktes projektorientiertes Lernen, das Zusammenhänge automatisch sichtbarer macht.
Auch Übergänge von einer Situation in die nächste (Unterricht – Pause, Schule – zuhause) sind manchmal problematisch, weil sie mit unterschiedlichen Einflüssen und Erwartungen verbunden sind, an die sich der Schüler erst wieder gewöhnen muss. Autistische Schüler müssen sich immer neu justieren und orientieren, was enorm viel Kraft kostet.
weniger Wechsel der Klassenzimmer
Häufige Wechsel von Klassenzimmern kosten Energie. Auch damit ist die Anforderung verbunden, wieder einen Übergang zu bewältigen, sich möglicherweise an einen anderen Sitznachbarn zu gewöhnen und mit einer neuen Akustik in einem anderen Klassenzimmer klarzukommen. Weniger Wechsel würden allen Schülern zugute kommen, da sie sich auf gewohnte Strukturen verlassen können. Außerdem könnten Schülerinnen und Schüler sich in ihrem festen Klassenzimmer fächerübergreifend an den visualisierten Zusammenhängen, die an die Wand gepinnt wurden (siehe Anregung oben), orientieren und komplexes Wissen aufbauen.
rechtzeitiges Ankündigungen von Veränderungen
Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Zimmer getauscht werden oder Lehrer sich gegenseitig vertreten. Solche Veränderungen sollten sofort mitgeteilt werden, wenn sie bekannt sind, um Schülern zu ermöglichen, sich auf die neue Situation rechtzeitig einzustellen. Es wäre sehr wünschenswert, dass diese Veränderungen nicht nur mündlich, sondern immer auch schriftlich bzw. bildhaft erfolgen, damit sie leichter wahrgenommen und verinnerlicht werden können. So werden Missverständniss vermieden.
So viel Anleitung wie nötig geben
Selbstbestimmtes Lernen steht hoch im Kurs, bedeutet aber für viele Kinder eine Überforderung. Als Schüler quasi selbst didaktisch tätig werden zu müssen, um den Stoff in Eigenregie zu lernen, sollte nicht die Regel sein. Denn nicht alle Kinder können diese Verantwortung bereits selbst tragen – dafür brauchen sie Personen und Materialien, die sie so viel wie nötig und so wenig wie möglich anleiten. Bei manchen Schülern ist hierzu personelle Unterstützung in Form eines Schulbegleiters nötig, so z.B. auch bei vielen autistischen Schülern.
sensibilisieren für alternative Kommunikationsmethoden
Zur Kommunikation gehört mehr als schreiben oder sprechen. Manche Schüler drücken sich über Talker, Gebärden oder das Zeigen auf Symbole aus. Diesen Kommunikationsmethoden sollte unbedingt mehr Offenheit entgegen gebracht werden. Auch Schülern, die diese Methoden nicht brauchen, kommen sie zugute, da sie bereichern und weitere Ebenen zum Vermitteln von zwischenmenschlichen Botschaften eröffnen.
bei Gruppenarbeit auf soziale Kompetenz setzen
Einigen Schülern fallen Gruppenarbeiten schwer, autistischen Kindern und Jugendlichen besonders. Die Anzahl dieser Lernformate sollte dann minimiert werden. Es wäre sehr hilfreich, wenn Schwierigkeiten, die manche Schüler mit Gruppensituationen haben, offen besprochen werden. So wird soziale Kompetenz und Rücksichtnahme gefördert sowie Mobbing und Ausgrenzung entgegengewirkt.
offener Austausch zwischen Schule und Eltern
Dieser Punkt ist enorm wichtig für Schülerinnen und Schüler, die einem hohen Anpassungsdruck unterliegen. Viele wollen in der Schule nicht negativ auffallen und funktionieren solange sie können. Dabei kompensieren sie viele Reize und Erlebnisse und brechen zuhause in den geschützen vier Wänden manchmal zusammen.
Hier helfen keine Schuldzuweisungen nach dem Motto: die Schule ist schuld oder die Eltern sind schuld. Es muss transparent gehalten werden, wie der Anforderungslevel ist. Aufmerksamkeit hinsichtlich Kompensations- und Anpassungsstrategien ist unbedingt notwendig, um Überforderung entgegenzuwirken – bei allen Schülern, die heutzutage einem hohen Druck unterliegen.
Häufige Vorurteile gegenüber autistischen Schülern
Einige Beispiele für hilfreiche Rahmenbedingungen wurden in diesem Beitrag genannt. Die Notwendigkeit für autistische Schüler zum Beispiel für mehr Struktur, Begleitung bei Übergängen und reizarme Umgebung zu sorgen, geht häufig über die genannten Maßnahmen, die auch der Allgemeinheit dienen, hinaus. Dann greift der sogenannte Nachteilsaugleich.
Manchmal wird deshalb angenommen, dass nicht behinderten und nicht autistischen Kindern Hilfestellungen und Erleichterungen vorenthalten bleiben. Beim Nachteilsausgleich, der einigen autistischen Schülern gewährt wird, geht es aber eben genau nicht darum, das Niveau einer Aufgabe herabzusetzen, sondern zum Beispiel die organisatorischen Rahmenbedingungen einer Klassenarbeit oder die methodische Herangehensweise an Fragestellungen so anzupassen, dass auch der autistische Schüler gut damit zurechtkommen kann.
Das System muss sich an die Schüler anpassen, nicht umgekehrt
Genau das bedeutet unter anderem Inklusion, nämlich die Schullandschaft so zu gestalten, dass sich alle Schüler darin zurechtfinden und nicht zu erwarten, dass sich einzelne Schüler anzupassen haben.
Ich würde mir daher sehr wünschen, dass Rahmenbedingungen generell und darüber hinaus individuell angepasst werden, egal ob ein Kind eine Förder- oder Regelschule besucht, egal ob inklusiv beschult wird oder nicht.
Es muss immer um das einzelne Kind gehen und nicht um ein Ideal oder die Anpassung an ein System.
Bitte auf das Bild zum Kurs klicken, um mehr zu erfahren:
