Ellas Blog / Blog / Aufklärung & komplexe Behinderung / Was ich eigentlich damit sagen möchte, wenn ich erkläre, dass mein Kind autistisch ist…

Was ich eigentlich damit sagen möchte, wenn ich erkläre, dass mein Kind autistisch ist…

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im Juli 2017


Manchmal erzählt man anderen, dass man ein autistisches Kind hat, weil es sich im Gespräch so ergibt oder weil es eine erklärungsbedürftige Situation mit ungewohntem Verhalten des Kindes gab.
Man erklärt, dass es sich um ein Autismus-Spektrum handelt und dass sich Autismus vor allem in einer anderen Wahrnehmung, zum Teil ungewohnter Kommunikation und Schwierigkeiten im sozialen Miteinandern zeigen kann.

Transparenz: Dieses Bild wurde mit dem KI-Tool DALL·E (OpenAI) erstellt und anschließend nachbearbeitet. Erstellt im März 2025

Ja – alles klar – danke für die Aufklärung. Dann weiß ich ja Bescheid.

Eine Weile später trifft man möglicherweise dieselbe Person und wieder gibt es eine Situation, die nicht verstanden wird. Man beginnt erneut zu erklären.

Ach so ja – stimmt – danke, dass Du es mir nochmal erklärt hast.

Und dann ist es mit manchen Menschen so wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – man trifft sie und wird erneut ungläubig gefragt, warum das Kind denn nun dieses oder jenes mache. Und man erklärt erneut. Innerlich schon etwas genervt.

Richtig! Jetzt habe ich es verstanden. Vielen Dank.

Von wegen…. ich mache immer wieder die Erfahrung, dass diese allgemeinen Erklärungen einfach nicht reichen. Vielleicht sollte man es den Menschen auch nicht übel nehmen, denn woher sollen sie denn wissen, wie sich ein Leben mit Autismus im Alltag gestaltet, zumal es auch individuelle Unterschiede gibt.
Aber schwierig ist es schon, wenn man immer wieder von vorne mit den Erklärungen beginnen muss, weil trotz mehrmaliger Gespräche offenbar bisher wenig bis nichts verstanden wurde. Da spielt – verständlicherweise und von der Tagesform abhängig – nicht die Geduld aller Eltern mit.

Vielleicht überspringen wir Eltern aber auch unbewusst eine Stufe, wenn wir erklärend sagen, dass unser Kind autistisch ist, ohne praktisch aufzuzeigen, was es konkret bedeutet. Möglicherweise braucht es weitere Erläuterungen.

Daher: Wenn Eltern in bestimmen Situationen sagen „mein Kind ist autistisch“, dann wollen sie damit vielleicht Folgendes vermitteln, bzw. könntest du als Elternteil Folgendes sagen:

  • Er ist zwar schon zwölf Jahre alt, aber im Bereich „soziale Kontakte knüpfen“ gehe bitte von einem ungefähren Alter von acht Jahren aus. Bitte hab‘ Verständnis für seine Unbeholfenheit.
  • Wenn er weggeht, während Du mit ihm sprichst, bedeutet das nicht automatisch, dass er Dir nicht mehr zuhört. Für ihn ist es möglicherweise leichter, sich auf das Gesprochene zu konzentrieren, wenn er sich dabei bewegt und Dir nicht zu nahe ist. Bitte hab‘ Verständnis und leg‘ es nicht als Ignoranz aus.
  • Sie regt sich auf, weil Du für sie gewohnte Abläufe, wie zum Beispiel eben gerade das Tischdecken, nicht genauso handhabst, wie sie. Das bringt sie sehr durcheinander und daher wurde sie so aufgeregt und wütend.
  • Sie braucht etwas Zeit, sich Euer Geschenk genauer anzusehen. Sie freut sich darüber, aber das Geschenkpapier ist für sie erstmal interessanter, weil es so schön raschelt. Sei bitte nicht enttäuscht deshalb.
  • Er meint es nicht böse, wenn er Dir nicht die Hand geben möchte. Es ist eine unangenehme Berührung für ihn. Bitte hab‘ Verständnis und leg‘ es ihm nicht als Unhöflichkeit aus.
  • Sie ist aufgesprungen und hat den Stuhl umgeworfen, weil sie der laute Telefonton erschreckt und in den Ohren geschmerzt hat. Bitte sei ihr nicht böse.
  • Er sieht Dich nicht an, weil das für ihn unangenehm ist. Gesichter sind in ständiger Bewegung und er nimmt jedes Detail wahr. Das sind zu viele Reize auf einmal. Bitte nimm es ihm nicht übel, er hört trotzdem zu.
  • Sie ist so wütend, weil das Spiel nicht zu Ende gespielt, sondern einfach ein neues begonnen wurde. Damit kann sie nicht gut umgehen. Es wäre gut, wenn wir das das nächste Mal berücksichtigen könnten.
  • Er ist so unruhig, weil unerwartete Gäste kamen. Er war darauf nicht eingestellt und kennt die Leute nicht. Das ist beunruhigend für ihn. Bitte versuche, das zu verstehen.
  • Sie lacht nicht darüber, weil sie vielleicht hochnäsig wäre, sondern weil sie den Witz nicht verstanden hat. Wenn Du Redewendungen oder Metaphern verwendest, hat sie Schwierigkeiten, gedanklich zu folgen.
  • Er möchte nicht mit in den Garten kommen, weil es ihm dort zu laut ist: die Vögel, der Rasenmäher und die kreischenden Kindern sind ihm zu viel. Bitte leg‘ es ihm nicht als Desinteresse aus, er wäre gerne dabei.

Euch fallen bestimmt noch viele andere Beispiele ein. Erklärt es genauer, wenn nötig.
Und wenn du jemand bist, der das Verhalten autistischer Kinder nicht versteht, dann frage bitte nach. Die meisten Eltern antworten gerne, wenn ehrliches Interesse besteht.

MerkeMerke

wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

Ellas Blog ist aktuell ein Ort zum Lesen und Mitnehmen. Kommentare sind geschlossen.

Zum Weiterlesen:

Das Forum plus ist der Mitgliederbereich von Ellas Blog

Es ist immer wieder überwältigend, was wir als Eltern autistischer Kinder bedenken, organisieren und verarbeiten müssen. Neben viel Wissen und Erfahrungen, die du hier im Blog findest, ist eine solidarische Gemeinschaft unglaublich hilfreich. Das Forum plus ist ein geschützter Bereich nur für Eltern autistischer Kinder. Hier findest du außer praktischen Tipps viel Verständnis und Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie Du.

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner