In der letzten Woche wurde viel über das „Recht auf Teilhabe“ gesprochen. In Stellungnahmen, in politischen Beiträgen, in gut gemeinten Worten. Und gleichzeitig weiß ich, dass viele von Euch gerade ganz andere Erfahrungen machen.

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Recht auf Teilhabe im Alltag oft bedeutet
Anträge werden abgelehnt.
Bedarfe werden kleingerechnet.
Gesetzliche Grundlagen werden sehr kreativ ausgelegt.
Das alles passiert manchmal so, dass man sich fragt, ob hier wirklich noch vom gleichen Recht gesprochen wird. Und am Ende sitzt man als Familie da mit einem Gefühl, das schwer zu beschreiben ist: Wut, ja. Aber auch Scham. Erschöpfung. Verunsicherung. Und oft dieses leise, unangenehme Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen.
Wenn ihr das kennt, dann seid ihr nicht überempfindlich. Und ihr seid nicht schwierig. Ihr bewegt euch in einem System, das nicht immer so funktioniert, wie es auf dem Papier versprochen wird.
Während wir die großen Kämpfe ausfechten, an Runden Tischen und viele von uns sogar vor Gericht, können wir versuchen, das Recht auf Teilhabe zumindest im Alltag weiter auszubauen. Dafür habe ich heute ein paar Anregungen mitgebracht und verweise auf bereits bestehende Ressourcen im Blog:
Selbstbestimmung sichtbar machen – auch in kleinen Dingen
Teilhabe beginnt dort, wo Entscheidungen nicht automatisch über den Kopf eines Menschen hinweg getroffen werden. Das kann im Alltag ganz schlicht aussehen:
- Wahlmöglichkeiten anbieten, die realistisch sind und nicht nur formal
- visuelle Unterstützung nutzen, wenn Sprache allein nicht reicht
- Entscheidungen vorbereiten, statt sie spontan zu verlangen
- Zeit geben, auch wenn der Alltag drängt
Gerade bei komplexer Behinderung sind viele Kinder und Erwachsene darauf angewiesen, dass wir für sie mitdenken. Aber mitdenken heißt nicht: alles vorgeben. Es heißt, Möglichkeiten zu schaffen, in denen eigene Vorlieben, Abneigungen und Bedürfnisse erkennbar werden dürfen.
Dazu passt mein Beitrag
👉Selbstbestimmung fördern – Tipps für den Alltag
Schulalltag gestalten
Im Schulkontext wird besonders deutlich, ob Teilhabe ernst gemeint ist oder nur formal existiert.
Konkrete Ansatzpunkte können sein:
- Übergänge (Raumwechsel, Lehrerwechsel, Stundenwechsel) bewusst vorbereiten
- feste Rückzugsorte vereinbaren, nicht nur „bei Bedarf“
- Reizquellen identifizieren und reduzieren
- individuelle Kommunikationsformen akzeptieren
- gemeinsam mit der Schule realistische Ziele formulieren
Teilhabe bedeutet nicht, dass ein Kind alles mitmacht wie alle anderen. Teilhabe bedeutet, dass Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Teilnahme möglich wird.
In meinem Beitrag mit praktischen Tipps für den Schulalltag findest du dazu ausführlichere Anregungen.
👉 Probleme und Lösungsansätze für die Schule
Rechte kennen
Ein besonders sensibler Punkt ist das Wunsch- und Wahlrecht. Viele Eltern wissen theoretisch, dass es existiert, aber im Gespräch mit Kostenträgern oder Einrichtungen fühlt es sich plötzlich sehr relativ an.
Ganz praktisch kann es helfen:
- sich auf Gespräche schriftlich vorzubereiten
- Bedarfe konkret zu formulieren statt allgemein
- Protokolle zu führen und sich Zusagen schriftlich bestätigen zu lassen
- Ablehnungen genau prüfen zu lassen und gegebenenfalls Widerspruch einzulegen
- Beratungsstellen oder andere Eltern einzubeziehen
Das Bundesteilhabegesetz enthält Instrumente, die individuelle Lösungen ermöglichen können, etwa das Persönliche Budget. Aber es entfaltet seine Wirkung nur, wenn man weiß, wie es gedacht ist und wie man es nutzt.
Genau deshalb habe ich den Audiokurs zum BTHG und Persönlichen Budget entwickelt. Nicht als juristischen Fachvortrag, sondern als verständliche Orientierungshilfe, damit ihr in Gesprächen sicherer werdet und eure Argumente klar benennen könnt.
👉Zum BTHG-Kurs
Zum Weiterlesen:
Teilhabe ist kein Geschenk und kein Bonus. Sie ist ein Recht
Neurodivergenz und Neurodiverstitä – wer sich darin wiederfindet und wer nicht