Wie es Autisten in einer reizüberflutenden Schulumgebung gehen kann, zeigt diese eindrücklich beschriebene Innensicht von Fynn. Herzlichen Dank auch nochmal an dieser Stelle, lieber Fynn, für Deine Zeilen. Sie helfen, besser zu verstehen.
Gastbeitrag von Fynn, 16 Jahre alt, Autist und hochbegabt:
„Stell dir vor, dass du in deiner ersten in der Oberstufe relevanten Mathearbeit sitzt. Aufregung macht sich breit und du fängst an zu zittern. Bis hier nicht sehr ungewöhnlich, doch es geht noch weiter. Bevor du überhaupt den Raum betrittst, wurdest du bereits von so unglaublich vielen Reizen aufgewühlt, dass du das Denken abschaltest und nur versuchst, das Schreien hunderter kleiner Kinder, den Gestank von verschwitzten Pausensportlern, den grellen Lichtpegel der vielen Neonröhren und das Ziehen und Dröhnen in den Ohren auszublenden. Das Einzige woran du, abgesehen von den unerträglichen Kopfschmerzen, denken kannst, ist die Tatsache, lieber Hartz -4 -Empfänger werden zu wollen, anstatt sich drei lange Jahre lang tagtäglich durch so eine Qual kämpfen zu müssen. Nachdem sich fünf Minuten wie eine ganze Ewigkeit angefühlt haben, kommt endlich der Mathelehrer, der dich mit einem eklig, verschwitzen Lächeln anstarrt, als ob du ein Alien bist, nur weil du dich auszuklinken versuchst, um nicht zusammenzubrechen.

Die Tür zum Klassenzimmer öffnet sich und alle stürmen hinein, um den besten Platz zu bekommen. Alle außer dir.
Du wartest lieber im lauten Flur, bis sich die Aufregung gelegt hat. Mit schmerzendem Kopf spähst du in den Raum und schaust dich nach einem Einzelplatz um. Wenn es geht an der Wand. Natürlich ist der letzte Platz neben jemandem, den du nicht kennst. Und das macht dich unglaublich nervös, bis du ein zaghaftes „Hallo“ herauspresst.
Die Lautstärke hat sich noch immer nicht gelegt. Die Tür zum Flur steht offen und das Geschrei der Nachbarklasse dringt durch die dünne Wand, wie durch ein Blatt Papier, direkt in deinen Kopf, so dass du dich krümmst, weil es förmlich schmerzt. Plötzlich wird alles still. Scheinbar. Dass der Lehrer bereits die Arbeit ausgeteilt hat, hast du gar nicht mitbekommen. Und was er dazu sagte, erst recht nicht. Rechts siehst du den verschwitzt, stinkenden Lehrer und links viele genervte Schüler. Jetzt versuchst du, die erste Aufgabe in der Arbeit zu lesen. Das gelingt dir auch, bis du von einem immer lauter werdenden Brummen abgelenkt wirst. Es stammt von einer uralten Lichtröhre direkt über deinem Kopf. Du schaust dich um, doch du scheinst der Einzige zu sein, der es überhaupt bemerkt. In diesem Moment spürst du mal wieder, wie sehr einen das Rascheln von Papier und das Klappern von Stiften absolut wahnsinnig machen kann.
Diese Situation ist so überfordernd für dich, dass du 90 Minuten da sitzt, auf dein Blatt starrst, so tust als ob du etwas arbeitest – damit es der Lehrer nicht bemerkt und dich nicht noch in ein unangenehmes Gespräch verwickelt. Gedankenverloren schaust du ab und zu aus dem Fenster und bewunderst die Regentropfen, die den Geräuschpegel wiederum anheben. Du gehst zum Lehrer und gibst ein leeres Blatt ab. Und verlässt den Raum. Du hechtest durch das Schulgebäude, obwohl du gleich noch Unterricht hast. Du willst einfach nur weg. Jetzt fragst du dich, was du hier eigentlich machst. Du hinterfragst, machst dir Sorgen, doch langsam fängst du auch an zu begreifen. Du begreifst, dass das Leben, das du gerade gezwungen bist zu führen, so keinen Sinn macht. Dabei ist alles, was du willst, die Musik. Du strebst weder nach Geld, noch nach Macht. Nur nach Musik und Stille. Denn das ist es, was dich wirklich glücklich machen würde.“
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