Corona – Während für die meisten wieder Normalität möglich wird, beginnt bei anderen erst die wirkliche Isolation

Anfangs wurde die Solidarität so hoch gelobt – alle würden zusammenhalten, aufeinander Rücksicht nehmen, sich gegenseitig unterstützen und den Zusammenhalt trotz Ausgangsbeschränkungen hochhalten.
Inzwischen ist aus meiner Perspektive nicht mehr viel davon übrig. Sobald die Einschränkungen zu lange dauerten und die Verschwörungstheoretiker auf den Plan traten, kratzten die Entbehrungen doch zu sehr am Ego und am Freiheitsdrang vieler Menschen – und diese werden immer mehr.

©pixabay, User: congerdesign

Was diese Personen nicht begriffen haben oder es einfach nicht sehen wollen, ist, dass sie ihren Freiheitsdrang und ihre Unbeschwertheit auf dem Rücken anderer austragen. Und zwar auf Kosten derer, die bei erneuten Verschärfungen der Maßnahmen und bei einem möglichen zweiten Lockdown diejenigen sind, die diesem am hilflosesten ausgeliefert sind und am meisten darunter leiden.
Damit meine ich nicht nur, aber in besonderem Maße auch Familien mit behinderten Angehörigen; das können Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder auch Senioren sein.

Während vielerorts in den Urlaub gefahren und Verständnis für dieses Verhalten eingefordert wird, blenden diese Menschen aus, dass andere noch immer isoliert sind, weil sie entweder zur Risikogruppe gehören oder zu einer gemacht werden. Damit meine ich diejenigen, die eigentlich kein erhöhtes Infektionsrisiko haben, aber als „Gruppe der Behinderten“ pauschal über einen Kamm geschoren und von ihren alltäglichen Bildungs-, Beschäftigungs- oder Berufsaktivitäten ausgeschlossen werden. Und das seit vielen Monaten, viel länger schon als diejenigen, die nun wieder fleißig in den Urlaub fahren oder Partys feiern oder eng wo auch immer zusammensitzen, weil es ja nicht zumutbar sei, mal ein Jahr zuhause zu bleiben oder eine Feierlichkeit in kleinem Rahmen zu begehen.

Während viele Kinder schon wieder in die Kindergärten und Schulen kommen dürfen, werden andere Eltern zum Teil aufgefordert, ihre behinderten Kinder zuhause zu lassen. Dabei wird dem Umstand, dass diese Eltern und Kinder wie alle anderen Familien auch selbständig abwägen können sollten, ob das individuelle Risiko zu groß wäre, nicht Rechnung getragen. Nein – es wird bevormundend ausgegrenzt.
Und dabei wird auch noch übersehen, dass es sich meistens um Familien handelt, deren Kindern sich nicht selbst beschäftigen können und einer Rundumpflege bedürfen. Auch hier wird fleißig ausgeblendet, was dieser Teil der Gesellschaft momentan leistet.

Während vor einigen Wochen noch auffiel, wer keine Maske trug, muss man sich nun schon häufig dafür erklären, warum man denn eine trage. „Was, Du trägst noch Maske?“
Manchmal fühle ich mich wie im falschen Film, wenn ich Abstand halte, Maske trage und mich dafür erklären muss, dass ich die Notbetreuung meines Sohnes nicht gefährden möchte. „Notbetreuung? Ach so? Noch immer? Das wusste ich ja gar nicht….“

Kann man das immer damit entschuldigen, dass viele Menschen mit den Themen Alter, chronische Erkrankungen und Behinderung keine Berührungspunkte haben und es deshalb nicht besser wissen können?

Kann man nicht erwarten, dass Menschen über den eigenen Horizont hinaus mal nachdenken?

Und kann man nicht erwarten, dass sich eine Gesellschaft anhaltend solidarisch zeigt, bis die Krise soweit überwunden ist, dass auch diejenigen, die am meisten eingeschränkt werden, auch wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben können?
Wahrscheinlich bin ich wieder mal zu idealistisch…

Als der Lockdown begann, stellten viele fest, dass sie nun isolierter und zurückgezogener als sonst waren – es war eine Erfahrung, die alle machten, egal mit welcher Vorgeschichte. Für Familien mit behinderten Kindern war diese Erfahrung nicht so wahnsinnig neu, denn Zurückgezogenheit und das Aussortieren von Kontakten ist für viele von uns Alltag.
Leider hat dieser gemeinschaftliche Erfahrungswert offenbar nicht dazu geführt, dass man sich nachhaltig in einzelne Personen und Familien hineinversetzt, die nach wie vor auf den Schutz und das rücksichtsvolle Verhalten aller angewiesen sind.

Auch dieser Beitrag ist selbstverständlich wieder nur aus einer Perspektive geschrieben – aus der Perspektive einer Mutter, die einen betreuungs- und pflegeintensiven Sohn hat und viele Familien kennt, die in genau derselben Situation sind und die in der Pandemie nicht so viel Glück mit den Rahmenbedingungen hatten wie wir.
Es gibt andere Stimmen, Gruppierungen und Familien, die weitere Facetten zu diesem Thema beizutragen haben. Warum hören wir ihnen nicht zu? Warum haben sie, warum haben wir alle keine Lobby? Weil es sich nicht lohnt? Oder warum?

Ich muss ehrlich zugeben, dass meine Toleranz hier an Grenzen stößt. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass einige meinen, die Pandemie sei vorüber (oder noch schlimmer, es hätte sie nie gegeben), während andere Menschen umso mehr mit den Folgen dieses rücksichtslosen Verhaltens zu kämpfen haben.

Und ich bin all denen dankbar, die uns seit Monaten unterstützen, die sehr wohl über den eigenen Tellerrand hinausblicken (rw) und sich solidarisch zeigen. Und ich freue mich über all diejenigen, die sich regelmäßig bei uns und anderen Familien erkundigen, wie es geht, wie sich die Situation entwickelt und ob sie helfen können.
Das ist heutzutage etwas ganz Besonderes und keine Selbstverständlichkeit.

Zum Weiterlesen hier weitere Beiträge zum Thema Corona

14 comments

  • Sabine

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Er trifft mit jedem Wort eindeutig zu.

    Unser Kleiner, 8 Jahre, ist seit der Schulschließung im Homeschooling. Er ist Hochrisikopatient. Daher haben wir nicht mal die Möglichkeit zu sagen, er darf wieder in die Schule gehen. Denn eine Infektion könnte die schlimmsten Ausmaße haben. Und somit stecken wir fest.

    Dies ist zum einen gut: Wir haben alle Termine gestrichen, dadurch sind wir alle so entspannt wie schon seit Jahren nicht mehr. Auch das Homeschooling ist für unseren Kleinen so gesehen eine Verbesserung. Seine chronischen extremen Kopfschmerzen sind weg, da er nicht mehr weit mehr als den halben Tag bis aufs Äußerste angespannt ist und versucht, mit Schule usw klar zu kommen.

    Auf der anderen Seite hat es uns jetzt auch extreme Probleme bereitet: Denn da für ihn eine klare Trennung zwischen Schule und zu Hause existiert, funktionierte Homeschooling mit den Schulhelfern nicht. Mit mir als Mama sehr gut. Aber somit besteht jetzt angeblich bis auf weiteres kein Bedarf mehr, die Maßnahme wird beendet. Sollte er dann wieder in die Schule gehen können, muss er nun auf Verlangen des Jugendamtes zunächst eine komplette erneute Diagnostik durchmachen. Dann erst dürfen wir einen neuen Antrag stellen und erst wenn über den entschieden wurde, werden neue Schulhelfer gesucht. Somit wird er selbst wenn er Pandemie-bedingt nicht mehr zu Hause bleiben muss, weiter zu Hause bleiben, da er ohne Schulhelfer in der Schule komplett überfordert ist. Nicht zu vergessen die Wartezeit auf die Termine für die Diagnostik, der Stress der mit diesen Terminen einhergeht.

    Die Folgen sind also auch in dieser Richtung enorm.

    • Moni

      Wenn das Jugendamt diese Diagnostik verlangt, dann würde ich direkt deine Krankenkasse ans Jugendamt durchstellen. Diese muss nämlich die Diagnostik dann bezahlen. Eine Behinderung ist doch nicht heilbar und somit ist diese erneute Diagnostik einfach der Versuch, Geld zu sparen und für dich Schikane. Gibt es dafür eine Rechtsgrundlage? Außerdem kann dein Sohn Prozesskostenhilfe beantragen. So kannst du einen Anwalt hinzuziehen. Viel Glück.

  • Cornelia

    Vielen Dank für diesen Artikel! Er bringt vieles Wesentliche auf den Punkt! Er ist ganz wichtig, und ich finde, er sollte weitere Verbreitung finden, damit ihn viele lesen können, denen es genauso geht, und so mancher andere vielleicht, hoffentlich (!) , zum Nachdenken angeregt wird.
    Ich jedenfalls habe ihn mit großem Interesse gelesen und finde unsere Situation an vielen Stellen wieder.
    Danke und liebe Grüße
    Cornelia

  • Petra

    Vielen Dank für den Artikel. Es ist genauso wie geschrieben. Als die Schulen in Berlin alle zu machten, waren die Behindertenwerkstätten noch offen. Wir haben unseren Sohn der sonst im Förderbereich einer Berliner Werkstatt geht, dann erstmal krankschreiben lassen. Ab dem 16.03. wurde die Werkstatt dann vom Berliner Senat geschlossen. Mittlerweile ist die Werkstatt teilweise wieder geöffnet. Der Förderbereich ist weiterhin geschlossen. Es gibt nur eine Notbetreuung.. Die Betreuer der Werkstatt haben sich regelmäßig bei uns gemeldet. Aber von Seite des Staates kam nichts. Es hat schlichtweg niemanden interessiert. Ab Mitte August darf er für einen Tag in der Woche in seinem Förderbereich. Die Hygieneregeln können von diesen Menschen nicht eingehalten werden. Mein Sohn trägt keine Maske und mit dem Abstand halten wird es auch nichts. Deshalb ist er erstmal wieder zur Probe dort.

    • Martina

      Mein Sohn geht jetzt set Montag wieder in den Förderbereich der Caritas Werkstatt. Sie haben für einen geschützten Bereich in seinem Gruppenbereich gebaut aus Plexi… werde ihn morgen dort besuchen.

  • Rosa

    WOW! Endlich sagt das mal einer. Man kommt sich ja inzwischen wirklich schon wie ein Spießer vor, wenn man sich an Regeln hält. Und die, die es nicht tun, fühlen sich in ihrer Lässigkeit und Ignoranz auch noch besonders cool.
    Diese Pandemie hat viele Schattenseiten. Dass es auch zu Tage fördert, von welchen Menschen man sich grundsätzlich getrost verabschieden kann, weil sie sich als Ignoranten und Egoisten outen, kann man negativ, aber auch äußerst positiv sehen.
    Danke, liebe Ella, für diesen Beitrag! Vielen, vielen Dank.

  • Danke für diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele.

    Ich hatte hier die schwierige Entscheidung, was ich mit meinem asthmatischen Autistenkind mache. Das Kind ist total abgestürzt während der Schulschließung und psychisch ein Schatten seiner selbst. Letztenendes habe ich mich entschlossen, sie psychisch zu stabilisieren und über eine Sonderregelung zum täglichen Schulbesuch zu kriegen. Damit war sie in der Lage doch einigermaßen einen Tagesablauf hinzukriegen.
    Wir werden auch die nächsten 6 Wochen das Haus kaum verlassen können außer zum Einkaufen. Erholsame Ferien? Fehlanzeige. Panikattacken – Hallo.
    Unterstützung? Fehlanzeige.
    Anerkenntnis dessen, was die Kinder aushalten müssen, wie sie über sich hinausgehen müssen, was die Eltern leisten müssen? Fehlanzeige.

    Ganz ehrlich? Ich hab auch keinen Bock mehr auf Corona. Ich würde auch gerne alles mögliche machen. Aber dafür interessiert sich das Virus nicht. Also halten wir doch. Und ich hoffe, dass all diese rücksichtslosen Menschen jetzt nicht dafür sorgen, dass es in 6 Wochen neue Einschränkungen gibt. Meine Kinder freuen sich schon auf die Freiheiten, die ihnen für nach den Ferien angekündigt wurden.

  • Michaela

    Vielen Dank für den Artikel. Ich habe kein behindertes Kind sondern nur eins einfach so. Wir haben hier prinzipiell eine ziemliche Luxussituation und trotzdem sind wir unheimlich an unsere Grenzen gekommen. Und genau deshalb habe ich das Ganze auch so satt und freue mich unheimlich über jede Lockerung der Situation. Insofern ist es gut, wenn du mit deinem Artikel daran erinnerst, dass man evtl. für andere besonders vorsichtig sein muss.
    Ich wünsche allen ganz viel Kraft und auch Glück, Michaela.

  • Viele

    Ein interessanter Artikel der uns zum Nachdenken bringt.

    Mit Menschen mit Behinderung hatten wir beruflich viel zu tun (haben in der Pflege gearbeitet) und seit kurzem sind wir ganz offiziell selbst betroffen.

    Was uns im Zusammenhang mit Corona aufgefallen ist:
    Viele Menschen (für uns gefühlt alle) gehen wieder ihrem ganz normalen Leben wie vor Corona nach. Nur halt mit Mundschutz was allerdings dazu führt das niemand mehr so recht den nötigen Abstand einhalten mag. Für uns ist allerdings dieser Abstand besonders wichtig weil wir aufgrund unserer eigenen Behinderung nicht in der Lage sind selbst einen Mundschutz o. Ä. Zu tragen. Dies führt allerdings immer wieder dazu das wir Probleme mit eben den Menschen bekommen die keinen Abstand einhalten aber uns umgangssprachlich zur Sau machen weil wir keinen Mundschutz tragen. Außerdem die Isolation wird in den Wohnheimen wieder mehr, da aufgrund der Unvorsichtigkeit der „Normalbevölkerung“ die Besuchregeln wieder verschärft werden müssen.
    Es ist frustrierend das zu beobachten und am eigenen Leib zu erleben. Die gegenseitige Rücksichtnahme, das weiter Denken, die Toleranz und der Zusammenhalt scheinen eben doch nur anzuhalten bis der Mensch sich mehr einschränken müsste als er bereit ist oder als es ihm von außen vorgegeben ist.

    Wir wünschen allen Familien und Freunden die die Einschränkungen von Corona noch anders aushalten müssen das der der „Norm“ entsprechende Mensch viel Kraft und Geduld im Umgang mit der Krise die nach wie vor besteht.

    Viele grüße

  • Sylvie

    Dieser Beitrag gehört, meiner Meinungen nach in das Amtsblatt jeder Gemeinde! Was meint Ihr?
    Nicht jeder hat den Nerv und die Zeit so etwas zu verfassen, aber weiter leiten, wäre doch möglich!?
    Was meint die Verfasserin?
    Liebe Grüßle Sylvie

  • Andreas

    Vielen Dank für diesen tollen Blog/Artikel und die Kommentare – die anscheinend alle von Frauen stammen. Was mal wieder zeigt, dass die meiste „Familien- und Erziehungsarbeit“ von Frauen geleistet wird. Ich bin Mann (58) und habe leider keine eigenen Kinder. Ich bin einfach „nur“ schwer körperbehindert und kann die Feststellungen im Blog und in den Kommentaren aus meiner Sicht nur bestätigen. Es macht mir Angst, in welcher Gesellschaft wir leben und wie viele rücksichtslose Menschen es gibt, die anscheinend über kaum Resilienz verfügen, zuhause anscheinend nichts mit sich anzufangen wissen und glauben, dass sie ein „Grundrecht auf Urlaub im Ausland“, auf große Feiern und Parties haben. Es ist so ähnlich wie bei der Klimazerrüttung,,dem Artensterben und der Umweltverschmutzung – manche Menschen haben den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt und wollen „zurück zur (alten) Normalität“. Aber die gibt es nicht mehr und wird es auch nie wieder geben.

  • Philipp

    Liebe Silke,

    Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Du schreibst am Ende: „Ich muss ehrlich zugeben, dass meine Toleranz hier an Grenzen stößt. “
    Das ist vollkommen richtig, berechtigt und notwendig!
    Karl Popper hat es 1945 beschrieben: Um wirklich tolerant zu sein, darf eine Gesellschaft die Intoleranten nicht tolerieren, da diese sonst die Möglichkeit erhalten, die Toleranz zu gefährden. (Toleranz-Paradoxon)

    Liebe Grüße,
    Philipp

  • Elle K.

    Thank you, Ella! Every word you wrote sounded like an anthem, one that needs to be said and heard around the globe. Not only does this situation apply for those in your particular case, but also more broadly to those disabled by chronic illness, the „vulnerable,“ those at the intersectionality of multiple conditions that require some accommodation on the part of society. I couldn’t have said it better myself, so I have shared your link post in hopes that others may become awakened to us „hidden populations“ who suffer by „normal people’s“ excesses.

    Danke, Ella! Jedes Wort, das Sie geschrieben haben, müsste rund um den Globus gesagt und gehört werden. Diese Situation gilt nicht nur für diejenigen in Ihrem speziellen Fall, sondern auch für diejenigen, die durch chronische Krankheiten behindert sind, die „schutzbedürftigen“, die sich an der Schnittstelle mehrerer Zustände befinden, die eine gewisse Anpassung seitens der Gesellschaft erfordern. Ich hätte es selbst nicht besser sagen können, also habe ich Ihren Linkbeitrag in der Hoffnung geteilt, dass andere zu uns „versteckten Bevölkerungsgruppen“ erweckt werden, die unter den Exzessen „normaler Menschen“ leiden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.