Autismus und Homeschooling: „Die Bedürfnisse behinderter Kinder wurden in der Pandemie nicht wirklich gesehen.“

Erfahrungsbericht von Paulina:

Ich bin Paulina und möchte in meinem Beitrag über meine Erfahrungen mit meinem Sohn Kacper im Homeschooling schreiben.

Kacper wird im August sieben Jahre alt. Er besucht eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung.
Bis etwa Mitte August 2020 wurde Kacper fast normal beschult, zwar mit Coronaregeln, aber konstant. Es war eine angenehme Zeit. Kurz vor den Weihnachtsferien hat sich vieles verändert, die Schulferien verlängerten sich, so dass ich Kacper bei der Notbetreuung an der Schule anmelden musste.
Direkt vor den Weihnachtsferien blieb er zu Hause, da er krank war.  Es schien eine unruhige Zeit für ihn zu sein. Dann nach den Weihnachtsferien wurde ein harter Lockdown angekündigt und ich musste vieles auf den Kopf stellen.
Mit Kacper war ich zuhause und bearbeitete das gesamte Material von der Schule mit ihm.
Die Strukturen aus dem Schulalltag waren anfangs nicht so leicht reinzubringen, vor allem, weil wir uns ja nur zuhause befanden.

Auf das erstes Materialpaket mussten wir bis zum Dienstag warten, inzwischen hatte ich irgendetwas aus der Schulinternetseite zum Ausdrucken gefunden und ihm zum Bearbeiten gegeben. Dann am zweiten Tag – Dienstag – waren seine Materialien endlich angekommen und wir konnten am Mittwoch loslegen.

Das war für ihn natürlich anders als im Schulalltag. Wir standen später als sonst auf. Einen Tag vorher musste ich alle Materialien sortieren und kopieren, sodass er diese auch zu Hause wiederverwenden kann. Was uns geholfen hatte, den Alltag bisschen zu strukturieren, waren verschiedene Hilfen, wie vor allem Padlet, wo er die Alltagsstrukturen und Abläufe abrufen konnte, wie z. B. Morgenkreis, Begrüßungslied, die Namen von ihm und seinen Klassenkameraden. Da konnte er auch Bilderbücher anschauen, Lieder singen, interaktive Aufgaben machen und auf Wunsch zusätzliches Material bekommen.

Zudem war dort ein Video mit seinem Klassenzimmer hochgeladen, das er abrufen konnte. Er hatte sich darüber gefreut nach den langen Ferien sein Klassenzimmer nun online zu sehen…

Die zweite Sache, die uns geholfen hatte, waren die Metacomablaufkarten, die Schulaufgaben beinhalteten.
Also wir fingen unsere Arbeit mit dem Padlet an – mit dem Morgenkreis, und Begrüßung, dann schauten wir, was im Tagesplan stand, also, was für ein Fach, oder welche Aktivitäten.
Am Ende durfte er ein Kleeblatt auf den Plan aufkleben.

Quelle: Paulina

Unsere Wochenstruktur:

Also Montag war ein Schreibtag, wo wir verschiedene Schreibübungen machten.

Dienstag war ein Klettmappentag, wo wir Klettmappen machten.

Mittwoch war ein Tag mit Schneiden, Kleben und Malen.

Donnerstag war Mathetag.

Freitag war vorerst ein Tag mit lebenspraktischen Aufgaben,
danach als Sachunterrichttag vorgesehen.

Manchmal war es schwierig, Kacper zu ermutigen, seine Aufgaben zu machen, deshalb hatte ich zwischendurch seine Pausen geregelt oder auch ein Zelt im Wohnzimmer gestellt, sodass sich er selbst regulieren konnte.
Das hat ihm gut gefallen und motivierte ihn. Auch die Mittagspause war dann etwas länger.
Zwischendurch brauchte Kacper auch Ausgleich, Entspannung und Bewegung. Daher gingen wir relativ oft in den Wald

Das Homeschooling war eine große Herausforderung für unsere Familie und vor allem für mich als berufstätige Mutter.
Der Distanzunterricht dauerte von Ende Dezember 2020 bis zum März 2021 und dann war Wechselunterricht mit Präsenzanteilen, was mich gefreut hat. Vor allem war die Normalität gut für Kacper, er freute sich wieder über das Fahren mit dem Bus und vor allem über die Schule.

Das Gute an Distanzunterricht war, dass ich ihm etwas beibringen konnte und es mehr Struktur gab. Wir konnten auch langsam alle Stoffinhalte üben, mit denen Kacper nicht so gut klar kam, wie z.B. Schreiben oder Schneiden, wo ich am Anfang seine Hand führen musste. Er wurde deutlich selbständiger und dabei hatten wir auch geübt einzelne Wörter sowohl mit dem Talker, als auch verbal auszusprechen.
Im Wechselunterricht haben sich seine Fortschritte dann deutlicher gezeigt, dafür wurde Kacper von seiner Klassenlehrerin gelobt.
Seitdem ich wieder arbeiten musste, musste auch Kacper wieder in eine Notbetreuung. Anfangs Wechselunterricht war für ihn wöchentlich festgelegt (5-Tage komplett), dann in allen 2 Tagen (Montag- Notgruppe, Dienstag – Präsenz, oder andersrum).

Trotz der schwierigen Corona-Zeit hatte sich Kacper sehr gut entwickelt, da er langsam seine Bedürfnisse auch schon verbal äußern kann oder über die Metacom-Karten, oder seinen Talker, oder auch über seine Gestik, wie Gebärden. Dank dieser unterschiedlichen Kommunikationsmittel und -formen kann Kacper mittlerweile den Alltag mit unserer Hilfe bewältigen. Früher kam es öfter zum Overload als jetzt.
Ich bin nicht sicher, ob Kacper das Corona-Thema verstanden hat, obwohl ich es ihm immer erklärt habe. Die Maske trug er mal mehr, mal weniger.

Was mich von Anfang an schockiert hat, dass die Regierung nicht sieht, was die Kinder mit Einschränkungen brauchen und behandeln diese gleich, wie die gesunden Kinder.
Mein Sohn ist in dieser Zeit sehr sensibel und verletzlich geworden, was man in verschiedenen alltäglichen Situationen beobachten kann, z. B. wenn es um Regeln geht oder wenn ich versuche ihn von etwas abzuhalten, dann kommen die Tränen… Wenn zu solchen Situationen kommen, versuche ich ihn abzulenken und mit etwas anderem zu beschäftigen.

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Bedürfnisse von Familien mit behinderten Kindern in der Pandemie ausreichend gesehen werden, wir wurden allein gelassen. Im Homeschooling hatten nur solche Kinder Glück, die einen eigenen Schulbegleiter haben und diese auch zu dem betreuten Kind nach Hause kommen konnte, was ich sehr wertvoll finde. Zurzeit hat Kacper leider keine solche Person, aber ab dem nächsten Schuljahr sollte es sich wahrscheinlich ändern.

Mir geht es gut, obwohl man sich manchmal überfordert und überlastet fühlt und immer auf Neues umstellen muss, was das Leben sehr unsicher macht. Dann bleibt nur Frust, Stress und Angst, dass das Ganze nie enden wird. Ich schaue immer in die Zukunft mit der Hoffnung, dass es irgendwann besser wird, da die Hoffnung stirbt zuletzt.

Liebe Grüße
Paulina

Weitere Gastbeiträge von Paulina:
Bei uns hat sich viel verändert
Paulina über die ersten Jahre mit ihrem autistischen Sohn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.