Gastbeitrag von Katrin: „Wie behindert darf man sein, um eine Förderschule besuchen zu können?“

Katrin ist Mutter zweier Kinder mit Diagnosen aus dem Autismus-Spektrum. Mit ihrem Gastbeitrag greift sie ein Thema auf, das von vielen Leserinnen und Lesern an mich herangetragen wird: Autismus und die Probleme in der Schule.

„Ich beneide Dich darum, dass Ihr das Thema Schule bereits abschließen konntet“, schrieb Katrin mir. Und obwohl wir eigentlich sehr viel Glück mit Niklas‘ Beschulung hatten und er sicherlich aus vielen anderen Schulen hochkant rausgeflogen wäre, sind wir auch froh. Denn leider läuft es bei vielen nicht so gut.
Katrin schreibt in ihrem Gastbeitrag frei über ihre Gedanken und Erfahrungen und bringt es auf den Punkt: selbst viele Förderschulen sind mit unseren Kindern überfordert und die betreuungsintensiven und sogenannten herausfordernden Kinder sollen erstmal zuhause bleiben, bis sich ihr Verhalten ändert…. !!?

einzelne Spielfigur als Außenseiter

Gastbeitrag von Katrin: Wie behindert darf man sein, um eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung besuchen zu können?

Ein seltener Gendefekt, a-typischer Autismus, starke geistige Behinderung.
Sprechend. Massive Wahrnehmungsbesonderheiten, Impulsdurchbrüche, stark herausforderndes Verhalten.

Die Wahl der Schulform fiel auch in Zeiten der Inklusion nicht schwer: der geschützte Rahmen der Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung sollte es sein. Ein Ort vermeintlicher Kenntnis der Besonderheiten von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung.
Ein Ort, an dem gemeinsames Lernen nach individuellen Förderplänen ermöglicht wird.
Ein Ort, der Teilhabe zum Ziel hat, der Selbständigkeit fördert, der Ressourcen aufspürt.
Ein Ort, an dem Verständnis und Respekt für die individuelle Besonderheit jeder Schülerin und jeden Schülers herrscht.

*** fügen Sie hier ein unangenehmes, quietschendes Geräusch ein***

In der Realität erhalten wir Briefe zur Benachrichtigung über den „Ausschluss vom Unterricht“.
In der Realität können wir zu jeder Zeit unseres (Erwerbsarbeits)Tages angerufen werden, um umgehend das Kind aus der Schule abzuholen.
In der Realität wird uns von tätlichen Angriffen auf Lehrpersonen und Gewaltandrohungen gegenüber Mitschülern berichtet.
In der Realität ist diese Schule ein Ort der Stigmatisierung und der Ausgrenzung für ein Kind, das mit den Herausforderungen des schulischen Umfeldes überfordert ist.

Das Verhalten des Kindes muss sich ändern. Das Kind muss sich anpassen. Seine Behinderung? Lassen wir den Autismus jetzt doch bitte einmal weg. Lediglich 20 % der gezeigten Verhaltensweisen lassen sich mit den fachärztlichen Diagnosen erklären – so die Lehrerschaft.
Nein, die anderen 80% lassen sich nicht mit … nennen wir es … pädagogischen Unsicherheiten erklären, wie könnte man!

Ein Anruf.
Das Kind möge bitte von der Landstraße abgeholt werden. Es sei von der Schwimm-AG weggelaufen. Das geht so nicht! Wie das Kind sich verhält, ist keinem zuzumuten!!
Der Zusammenhang: das Kind wurde erstmalig zwei fremden Lehrern in einer neuen Gruppenzusammenstellung übergeben. Vorbereitung auf diese Situation: geh mal mit dem Herrn X mit, ihr fahrt jetzt ins Schwimmbad. Ein fremdes Schwimmbad, da das schuleigene Bad kernsaniert wird. Ein neuer Bus, der falsche Sitzplatz. Das Handy mit Kopfhörern und Musik zur Reizabschirmung wurde vergessen. Ebenfalls wurde die Gabe des reizabschirmenden Medikamentes vergessen.
Das Kind kompensiert. Sitzt am falschen Platz, mit fremden Kindern neben sich, ohne Kopfhörer. Es zieht sich um, schwimmt viele Bahnen, ist erschöpft und reizüberflutet. Als das Kind wieder in den Bus einsteigen soll, weigert es sich, kann seine Überforderung nicht artikulieren, läuft weg. Wird von der Schwimm-AG ausgeschlossen. Logisch. Denn wer sich hier „falsch“ verhalten hat, ist sonnenklar: das Kind.

Im Klassenverbund ist das Kind quasi nicht zu beschulen. Einen Einzelfallhelfer mit fachlichem Hintergrund empfiehlt der behandelnde Kinder- und Jugendpsychiater.
Das machen wir an unserer Schule nicht, hier gibt es die „Pool-Lösung“.
Zu Deutsch: Pech gehabt, eine Sonderregelung wird es nicht geben, auch wenn das die Gesamtsituation deutlich verbessern würde.
Eine andere Schule? In der ländlichen Gegend, in der das Kind wohnt, gibt es keine Alternative. Die Schule ist zuständig für 9 Gemeinden.
Die Perspektive? Ja, das Verhalten des Kindes muss sich ändern. Eine autismusfreundliche Umgebung? Jetzt lassen wir doch diese Diagnose bitte einmal weg! Wir müssen da auch an die anderen Schüler denken. Jeder hat ein Recht auf Unterricht!

Jeder?!? Scheinbar nicht. Das Kind, das sehr lustig, begeisterungsfähig und interessiert an alltagspraktischen Tätigkeiten ist, dieses Kind hat scheinbar kein Recht auf Unterricht. Dieses Kind fordert zu viel, stört, verlangt nach kreativen Lösungen, die in das bestehende Förderschulkonzept nicht hineinpassen. Es gibt schwarz oder weiß, anpassen oder aussterben.
Ein anderes Kind aus der Nachbarschaft (Diagnose frühkindlicher Autismus) wird nur an drei Tagen für 1,5h beschult. Ist das die Lösung?? Die „schwierigen“, betreuungsintensiven Kinder erhalten die Minimalbeschulung? Der Mutter wurde sehr deutlich gesagt, sie könne sich schon einmal darauf einstellen, dass dieses Kind niemals einen Platz in einer Werkstatt erhalten wird. Ist dann halt so. Irgendwie nicht das Problem der Schule. Das Wohl der Allgemeinheit, das Recht auf reibungslosen Unterricht für Mitschüler und Lehrkräfte steht über dem Wohl des einzelnen Kindes.

Was wird aus diesen Kindern? Welchen Platz haben sie in unserer Mitte? Das ist Inklusion? Oder gilt Inklusion an Förderschulen nicht? Gedanken, die Eltern in der Nacht wach halten.
Kaufpreise von Bauernhöfen in Schweden werden gegoogelt. Vielleicht ein eigenes, alternatives Projekt aufbauen. Ein neuer Tab auf dem PC wird geöffnet. Der Cursor gibt den Begriff „Fachanwalt für Schulrecht“ ein. Die Tüte Chips wird im Diätmonat Januar geöffnet. Im Ernst? Wollen wir anwaltlich gegen eine Förderschule vorgehen, um eine behindertengerechte, wertschätzende Pädagogik für unser Kind einzufordern?
***

„Das Verhalten soll sich ändern, dann kann das Kind wiederkommen“ – etwas, das viele Eltern autistischer Kinder zu hören bekommen.
Hier wurde vom Gegenüber leider nicht verstanden, dass unter anderem die Rahmenbedingungen das Verhalten bedingen und der Schlüssel bei den Erwachsenen liegt, die es besser wissen sollten.
Es erreichen mich viele Zuschriften zum Thema Schule und es gibt glücklicherweise auch positive Erfahrungsberichte – schickt mir gerne mehr davon, damit andere Schulen und Familien, bei denen es nicht so gut läuft, davon profitieren und lernen können, wie man es besser machen kann.

Zum Weiterlesen:

Ihr Kind kann nicht mehr in unsere Schule kommen

Anregungen von Susan, Autistin, zum Thema Schule

Anregungen von Maria: das hätte mir als Autistin in der Schule geholfen

12 comments

  • Anke

    Bitter, diese Realität!!! Ich wünsche Dir viel Kraft!!!

  • Thomas

    Auch wenn diese Realität sehr oft Alltag ist, so ist es zum Beispiel in Berlin und Brandenburg zwar gut den Förderschwerpunkt Autismus zu haben, wer aber in Regelschule oder Förderschulen kennt sich explizit damit aus?
    In der Regelschule waren die Lehrer hoffnungslos überfordert, zwar bereit zu helfen und alles möglich zu machen, es scheiterte an den Kleinigkeiten. In der Förderschule sind die Klassen recht klein, man möchte glatt glauben, dass die Lehrer wissen was sie tun. Das Totschlagargument, dass es noch mehr Diagnosen gibt, bringt uns auch nicht weiter. Beleuchten wir jetzt die WfbM, möchte man meinen, dass es dort ausgesprochen besser geht, aber weit gefehlt. Meines Erachtens bracht es Fachkräfte für bestimmte Behinderungsbilder an Schulen und Werkstätten, die sich damit beschäftigen, die anderen Lehrer schulen können usw. Leider wurden Hilfsangebote, Schulungen ausgeschlagen und nicht angenommen.

  • Saskia

    Leider ist es so.
    Gerade am Förderzentrum.
    Aber man darf nicht aufgeben, es geht immer weiter. Und manchmal braucht es, das es in der näheren Umgebung nicht klappt, damit es die Schule weiter weg sein darf.
    Als kleiner Trost, auch immer mehr Kinder ohne Diagnose kommen mit dem Schulsystem nicht zurecht.
    Weiter viel Kraft und Durchhaltevermögen

  • Evelyn

    Solche Geschichten habe ich von der Sonderschule auch gehört, in die man mein Kind mit frühkindlichem Autismus, sprechend, schicken wollte. Ich habe auf unser Recht auf Integration gepocht und die Gemeinde bezahlte die Schulbegleiterin 4 Jahre für die Volksschule und nun das zweite Jahr in der Mittelschule. Mein Kind ist zwar nur in Turnen und Musik echt dabei, in manchen Stunden mit toleranten Lehrerinnen darf es anwesend sein (malt dann was an oder schneidet aus, weil es sich in Wirklichkeit nicht konzentrieren könnte für höhere Aufgaben) aber es lernt, zuzusehen, leise zu sein und dabei zu sein. In allen anderen Stunden ist es mit der Schulbegleiterin entweder im Kopierraum arbeitend oder spielend oder Vorraum am Gang, wo zwei weitere „Integrationskinder“ sitzen und mit der Sonderpädagogin arbeiten. Da die Schulbegleiterin und mein Kind damit zufrieden sind, ärgere ich mich nicht, dass die Sonderpädagogin eigentlich nie mit meinem Kind arbeitet, obwohl die Resourcen, die es ermöglichen, dass sie in Vollzeit an der Schule bleiben kann und nicht pendeln muss nur meinem Kind zu verdanken sind (Lehrplan für Sonderschule mit erhöhtem sonderpädagogischen Förderbedarf) (Österreich).

  • Sara

    Mein Sohn (frühkindlicher Autismus, nicht sprechend) war 12 Jahre lang in einer Förderschule, in der man sich sehr gut mit Autismus auskannte. Ich musste ihn kein einziges Mal wegen seines Verhaltens abholen, obwohl dieses sehr schwierig sein kann. Wenn es Schwierigkeiten gab, fanden Gespräche statt, in denen wir gemeinsam überlegten, wie die Rahmenbedingungen angepasst werden können. Die kleine Klasse mit acht Mitschülern war schon sehr viel für meinen Sohn, niemals hätte er eine Beschulung in der Regelschule geschafft, wahrscheinlich wäre er immer nur separat in einem anderen Raum gewesen bis auf wenige Ausnahmen. Er hat lesen und rechnen auf der Förderschule gelernt, hatte anspruchsvollen Sachunterricht und lernte außerdem Strategien kennen, um mit seinen eigenen Wahrnehmungsbesonderheiten zurecht zu kommen.
    Ich denke, die Schwierigkeit, dass das Verhalten des Kindes nicht verstanden wird und dass den Eltern die Schuld in die Schuhe geschoben wird, liegt nicht an einer Schulart wie Förderschule oder Regelschule, sondern ist bedingt durch die Lehrer und Mitarbeiter, mit denen man zu tun hat. Es liegt immer an den einzelnen Menschen, wie gut oder schlecht sie aufgeklärt sind.
    Viele Grüße aus Norddeutschland von Sara

    • Cornelia

      Das erscheint mir auch so. Wir haben bisher sehr viele positive Erfahrungen gemacht in der Sonderschule und im Förderbereich der Werkstatt, aber es hing doch immer sehr von den einzelnen Personen ab. Zwischendrin gab es ein paar sehr schwierige Zeiten, ausschließlich in der Schule. Dabei stellte sich dann jeweils heraus, dass die Bezugspersonen entweder noch sehr wenig Erfahrung hatten oder sogar überhaupt keine Ausbildung speziell für die Sonderschule absolviert hatten, nur für das allgemeine Lehramt. Da kann dann ganz schnell sehr viel schief laufen.

  • Ingrid

    Wir hatten das gleiche Problem. Schulausschluss, 6 Monate ohne eine Lösung seitens Bezirk oder Regierung. Danach 16 Monate Hausbeschulung (an 3 Tagen in der Woche für 90 min) selbstverständlich musste ich auch hier in der Wohnung anwesend sein. Das waren 2 Jahre eine Rundumbetreuung ( Pflegegrad 4, 15 männlich) seit 18 Monaten Minimalbeschulung von 10 Wochenstunden. In dieser Zeit konnte ich nicht arbeiten. In dieser Zeit hat sich unser Kind wieder erholen können. Uns geht’s gut, wenn es unseren Kindern gut geht 😀, was sind schon 30.000 € Ausfallkosten, zusätzliche Abgaben (Krankenkasse) und die vielen Fahrten zu Ärzten, die wir in diesen 3 Jahren hatten.

  • Hiller

    Gleiches erleben wir auch. Unser Sohn (frühkindlicher Autismus, high functioning) ist 8 und in der zweiten Klasse. Die erste Klasse wollte ihn keine Schule aufnehmen und so sah’s er zu Hause! Auch das Jahr danach gab es riesige Kämpfe, nur unsere Grundschule vor Ort musste ihn dann nehmen, obwohl sie nicht wollten. Er hatte eine tolle Einzelfallhelferin, wurde nur 1-2 Stunden pro Tag beschult. Den Rest machte man in einem extra Raum, weit weg von den Klassen, oder eben zu Hause. Nun nach den Sommerferien gab es einen neuen Direktor und die Sache eskalierte. Jeden Tag durfte ich ihn abholen, oft schon um 8.20 Uhr morgends. Er hat keinen Rückzugsraum, der Direktor rief den Notarzt, obwohl die auch nichts machen können, wenn er nicht ansprechbar am Boden liegt. Dann Gespräch, das können so nicht sein, andere Kinder haben auch ein Anrecht auf Beschulung und er ist raus! Dabei ist er genau deshalb nur 1-2 Stunden pro Tag im Klassenverband, damit die anderen auch mal ganz in ruhe ohne ihn lernen können. Aber wie im Bericht schon deutlich wird, die mit der Beeinträchtigung sollen sich anpassen, nicht die anderen, dabei hat er ja nun nicht ständig gestört. War ja kaum da…Direktor: Wenn er seine störenden, autistischen Verhaltensweisen ablegt, kann er jederzeit wieder kommen, stehen die Türen der Schule wieder für ihn offen! Er schreit bei großer Überforderung, aber einen Rückzugsraum geben sie ihm nicht.

  • Sandra

    Ja und am Ende weiss die Schule nicht mehr was Sie machen soll, da es bei uns in Schleswig Holstein keine Förderschulen mehr für Förderschwerpunkt Lernen oder Sozial/Emotional gibt und mein Sohn für die GB Schule zu intelligent ist.
    Dann kommt die nette Frau vom Jugendamt um die Ecke und möchte das Kind im Heim unterbringen mit Beschulung in der Heimschule, da die Mutter ja nicht in der Lage sei Ihren Sohn fit für die Regelschule zu machen.
    Huhu wo wird da bitte Rücksicht genommen. Mein Sohn hat doch nicht umsonst einen GB von 80% mit HB bekommen

  • Claudia

    Ich kann diesen Bericht in jeder einzelnen Silbe unterstreichen. Es gibt nur in drei Bundesländern den Förderschwerpunkt Autismus. In den anderen Bundesländern werden Autisten irgendwo reingepackt, wo es irgendwie am besten passt. Bei uns hat es nicht geklappt. Weil die eigentlich gut personell aufgestellten Lehrer nicht gewillt waren, sich den individuellen Bedürfnissen und Tagesformen meines Kindes gänzlich anzupassen. Auszeiten mit der Stoppuhr und nicht nach dem Zustand des Kindes bewilligt, Misstrauen („Autisten tricksen uns ja gerne aus“), herausforderndes Verhalten nicht als Notsignal eingeordnet, sondern als Unfähigkeit zur Erziehung und damit ständige Forderung nach Konsequenzen, ständiges frühzeitiges Abholen („Ihr Kind hat sich nicht an die Regeln gehalten“) oder die Frage nach mehr Phasen der Erholung mit Dingen, die meinem Kind Freude bereiten, damit er seine Energiereserven wieder aufladen kann mit „Wir sind nicht dazu da, ihr Kind zu bespaßen“ abgeschmettert. Es endete mit einem Rausschmiss durch die Blume per Förderschwerpunktwechsel.
    Es war eine Förderschule für Körper und Motorische Entwicklung. Niemand hätte dort zu einem Kind im Rollstuhl gesagt, es solle sich mal etwas zusammenreißen, damit es die Treppe hochkommt. Niemand hätte bei einer Barriere nach Konsequenzen geschrien. Bei Autisten ist das anscheinend an der Tagesordnung. Niemand hat gefragt, wie es meinem Kind geht. Sonst hätten wir berichten können, dass unser Kind jeden Morgen geweint und sich selbst die Schuld für das Scheitern gegeben hat. Niemand hat gefragt, wie es uns als Familie geht. Niemand hat gefragt, was an den Rahmenbedingungen verändert werden kann, dass es dem Kind besser geht. Niemand muss Verantwortung für sein Handeln übernehmen, außer das Kind und seine Familie. Mein Kind geht seit fast einem Jahr gar nicht mehr zur Schule.

  • Bärbel

    Oh ja, den Beitrag und die Kommentare kann ich voll und ganz bestätigen! Leider!!! Uns ging es nicht anders, weder vor noch nach der Diagnose (bekamen wir nach haarsträubenden Fehldiagnosen auf mein Betreiben hin mit 11 3/4 Jahren). Vor der Diagnose waren allein wir Eltern, besonders ich als Mutter, schuld am herausfordernden Verhalten des Sohnes. Und danach war das Kind schuld. Und dass zu Hause das Familienleben mit 3 Kindern und beiden Elternteilen funktionierte, wurde als glatte Lüge unsererseits hingestellt. Und selbstverständlich hat die Schulsozialarbeiterin in der Grundschulstufe der Förderschule das Jugendamt eingeschaltet mit allen negativen Folgen und jeder Menge Ärger und Belastungen für die ganze Familie etc. etc. etc.
    Mittlerweile ist unser Sohn 18 Jahre alt, hat durch ein Jahr BVJ seine Schulpflicht erfüllt. Die Schäden, die er durch die Schule davongetragen hat, halten sich in Grenzen. Gott sei Dank.
    Aber jetzt gehen die Probleme weiter mit der Ausbildung. Die Amtsärztin vom Arbeitsamt hält ihn für nicht ausbildungsreif und will ihn in eine medizinische Reha stecken, damit er “normal” wird (Vollzeit einsatzfähig, Busfahren alleine, Einkaufen alleine, leben alleine etc. ohne Rücksicht auf die Gründe dafür) – jeder Aussage von ihr merkt man deutlich das absolute Nichtwissen über Autismus an und ihr Desinteresse an dem Thema (z B “ich mag auch keine vollen Busse” 🙄). Der zuständige Rehaberater will uns ständig ein BBW (=Berufsbildungswerk) mit Vollstationärer Unterbringung und täglichen Therapien und max. alle 14 Tage ein Besuch daheim, verkaufen.
    Dass mein Asperger NEIN dazu sagt, interessiert niemanden. Dass er aber unbedingt eine Ausbildung machen will, aber zu Hause wohnen bleiben will (da fühlt er sicher sicher und wohl und wird passend gefördert), versteht niemand. Es heißt dann: zu Hause wird er ja nie selbständig.
    Es ist in Bayern und noch dazu in ländlicher Umgebung zum 🤮!
    Und was mich besonders aufregt ist, dass nicht mal meine Fachkompetenz im Bereich Autismus zur Kenntnis genommen wird, obwohl ich beruflich seit vielen Jahren Eltern und erwachsene Autisten psychotherapeutisch begleite.

  • Heike

    Puh! Es tut mir so leid, dass es so viele so derart schreckliche Schulerfahrungen gibt.
    In meiner Klasse hab ich nun zum zweiten Mal ein Kind mit frühkindlichem Autismus- es geht uns allen ganz gut damit.
    Die I-Hilfe muss sich mit dem Thema immer noch mehr vertraut machen und es ist eben auch wieder ein sehr kompatibles Kind. Vielleicht gab ich einfach nur Glück? Aber diese Häufung von Fehlern auf Lehrerseite, die oben beschrieben werden- das macht mich sprachlos!

    Eines meiner eigenen Kinder ist an einer G-Schule und mein Eindruck ist, dass es dort auch für Kinder im Spektrum gut läuft. Als das Schwimmbad renoviert werden musste, fiel der Schwimmunterricht natürlich aus. Das war dann doch schon herausfordernd genug.. .. Es gibt Räume und Verständnis für Auszeiten.
    Und in meiner eigenen Klasse orientieren sich Auszeiten an den Bedürfnissen des Kindes. Allerdings muss ich dazu die I-Hilfen auch immer wieder ermuntern. Die meinen immer, sie müssten das Kind kompatibel für meinen Unterricht machen und ich versuche ihnen einzubläuen, dass ihre Hauptaufgabe ist, dass es dem Kind gut geht.

    Was mir auffällt in den Kommentaren , ist die Sicht – mein Kind wird ausgeschlossen, damit die ihre Ruhe haben. Diese Ruhe ist echt sehr relativ. Neben dem diagnostizierten Autisten habe ich ein weiteres G-Kind mit Begleitung, zwei deutliche, sehr unruhige ADHS-ler, drei Kinder, die wir für im Spektrum befindlich halten und 16 weitere Kinder auf allen Niveaus.
    Auch in einer G-Klasse mit vielleicht 8 Kindern ist es nicht einfach „reibungsloses Arbeiten“, wenn ein Kind weniger ist.
    Ich verstehe beide Seiten – und natürlich sehe ich als Mutter auch, dass mein Kind nicht jeden Tag zwei Stunden lang spielen soll, weil die Lehrkräfte in der Zeit vollauf damit beschäftigt sind, ein anderes Kind zu bändigen. Ein solches Kind ist jetzt in unserer Klasse neu – und ja, das Recht aller auf Unterricht muss im Kompromiss befriedigt werden. Wenn ein Kind das für sieben andere unmöglich macht – dann brauchen wir andere Möglichkeiten, dieses Kind aufzufangen. Um das Geld dafür in die Hand zu nehmen, muss die Gesellschaft erst noch einige Schritte gehen. Und bis dahin müssen diese Probleme in die Welt getragen werden.
    Deshalb ist dieser Blog so wichtig!
    Ich wünsch euch allen sehr, dass ihr auf verständnisvolle Lehrkräfte trefft, die mit euch gemeinsam Wege finden.
    Es muss eben auch für die Menschen in der Schule leistbar sein.

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