Gastbeitrag von Maria: „Das hätte mir als Autistin in der Schule geholfen“

veröffentlicht im November 2018


Gastbeitrag von Maria:

Liebe Leser von Ellas Blog,
in letzter Zeit gibt es viele Beiträge über die Schul- und Pubertätsschwierigkeiten von Autistinnen und Autisten. Auf einige würde ich gerne eingehen, habe aber ein Problem, von meinem PC aus einen Kommentar einzugeben, deshalb schreibe ich einen Gastbeitrag.

Stifte

Hier ein Wort vorab: ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem viele „Macken“ toleriert wurden und habe viele Probleme nicht. Deshalb ist es mir sehr wichtig, jeden einzeln zu beurteilen und auf die individuellen Einschränkungen einzugehen. In meiner Schulzeit wusste man nicht, woher meine Schwierigkeiten kamen, deshalb kommt vielleicht vieles aus zum Teil antrainierter NT-Sicht.
Generell wünsche ich mir eine Balance zwischen „so viel Rücksicht wie nötig“ und „so selbstbestimmt wie möglich“. Und ich kann die heutige Schulsituation nur aus Erzählungen beurteilen, vielleicht ist einiges längst überholt.

Was hätte mir in der Schule geholfen?

• Anstelle eines Schulbegleiters hätte ich mir eine feststehende Ansprechperson in der Schule gewünscht, etwa einen Vertrauenslehrer, der ausschließlich für die Vermittlung zwischen Schüler, Eltern und Schule zuständig ist.

• Es wäre schön, wenn Sport und die musischen Fächer freiwillig wären und freiwillig benotet würden, inklusive Möglichkeit, die Teilnahme und Benotung in jedem Halbjahr neu zu entscheiden. Wenn es darum geht, die Lust an Bewegung und die Kreativität zu wecken, ist ein wertfreier Raum dafür sinnvoll.

• Ebenso wichtig wäre Freiwilligkeit bei Pausenaktivitäten. Was spricht dagegen, im Klassenzimmer zu bleiben und zu lesen? Was kann dabei passieren? „Inklusion“ sollte nicht mit „Gemeinschaftszwang“ verwechselt werden. Auch wer lieber für sich ist, hat ein Recht, als Person mit Bedürfnissen wahr- und ernstgenommen zu werden.

• Entsprechend sollten Beiträge bei Austauschrunden freiwillig sein und nicht gewertet werden. Bei irritierenden Formulierungen kann man nachfragen, wie sie gemeint sind.

• Wichtig wäre für mich gewesen, nicht darauf herumzureiten, wie ich den Stift in die Hand nahm oder nach welchem System ich mitschrieb, wenn das Ergebnis stimmte. Oder wie „chaotisch“ eine Schultasche gepackt ist, wenn der Schüler alles Nötige sofort findet.

• Oft sind es nur Kleinigkeiten in der Kommunikation, an denen es hängt. Mit dem Lehrer-kommentar „Lebendiger erzählen!“ (einer Bildgeschichte) konnte ich nichts anfangen, ebenso wenig wie mit der Anweisung, einen Auftrag „nicht so lieblos“ auszuführen. Genaue Angaben wären hilfreich gewesen und hätten auch eine pampige Antwort („Meine Gefühle bei der Arbeit sind meine Sache!“) vermieden, wenn ich gewusst hätte, was genau erwartet wird.

• Mitschüler sollten darüber aufgeklärt werden, dass es unterschiedliche Menschentypen gibt und nicht alle den gleichen Geschmack und den gleichen Humor haben und dass das kein Grund ist, sich über den anderen lustig zu machen. Ich habe bis heute nicht verstanden, was an jemanden, der sich ärgert oder weint oder sich nicht mehr auf den Schulhof traut, so lustig ist, dass man den Zustand absichtlich herbeiführen muss, und kann auch mit Sendungen wie „Verstehen Sie Spaß?“ nichts anfangen.

• Im Biologieunterricht sollte es bei der „Aufklärung“ dazu gehören, dass auch in Sachen Liebe jeder ein anderes Tempo hat und nicht jeder Single unglücklich ist. Auch zweideutige Ausdrücke sollten Thema sein, bevor sich jemand aus Unwissenheit lächerlich macht und gar nicht versteht, warum!

• Bei den meisten Beispielen habe ich es inzwischen gelernt und das Selbstbewusstsein ent-wickelt, „mir die Freiheit zu nehmen“, etwas auf meine Weise zu machen, bzw. nach-zufragen, wenn mich etwas irritiert.

Meine Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Nachhinein hätte es mir in den genannten Situationen geholfen, wenn ich gefragt worden wäre, was mir helfen würde, damit sie sich nicht wiederholen. Also fragt am besten Eure Kinder, was ihnen gut tun würde.

Ich hoffe, ich kann etwas zum besseren heutigen Miteinander beitragen.

Alles Gute!

Vielen Dank, liebe Maria! Wieder ein sehr hilfreicher und wertvoller Beitrag von Dir. ♥

***

Zu den Informationen des Onlinekurses „Autismus und Schule:
für Pädagogen, Schulbegleiter und Familien

Zum Weiterlesen:

KOMMENTARE

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  1. Prima Liste, ich unterschreibe jeden Punkt. Man kann/muss immernoch sagen, so richtig passen Regelschulsystem und Autismus nicht zusammen. Meine Jüngste („Sorte“ Asperger mit Hochbegabung im sprachlichen Bereich) kennt alle oben aufgeführten Probleme.

    Sind jetzt in Klasse 8 angekommen, im Prinzip kann man langsam ein Ende absehen, in weicher Form auch immer. Ich würde sagen, alles kann, nix muss. Es gibt auch jenseits eines Abiturabschlusses gute Möglichkeiten. Es ist wichtiger, ohne seelische Probleme möglichst gut durchs System zu komnen. Dann sehen wir weiter…:)

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich erkenne da auch vieles wieder, was meinen Sohn (ebenfalls 8. Klasse) betrifft. Vor allem die Akzeptanz durch die Mitschüler ist ein ständiges Problem. Aufgeklärt wurden sie und es finden immer wieder auch Klassengespräche statt, bei denen seine Besondeheit thematisiert wird. Trotzdem, oder vielleicht auch deshalb, finden sie es lustig, ihn mit Fragen und Sprüchen zu drangsalieren. Gerade weil er in vielerlei Hinsicht so normal wirkt, ist kein Verständnis da (glaube ich). Die alte Krux der Aspies. Da sehe ich es wie Birgit: ich hoffe, er kommt ohne (weitere) seelische Probleme durchs System (denn wir haben da schon schwere Zeiten durchgemacht).
    Liebe Grüße, Claudia

  3. Meine Tochter (9.Klasse Regelschule, Autismus-Spektrum, ADS, erhöhte Intelligenz) hat mitgelesen und bestätigt den größten Teil der Liste. Ich arbeite an einer Förderschule, hauptsächlich mit Autisten, aber auch mit Kindern/Jugendlichen mit anderen Einschränkungen. Wir sind sehr bemüht genau das zu tun. Hingucken, fragen, beobachten, unterstützen… soviel wie nötig aber dennoch so wenig wie möglich.

  4. So ein Kommentar spricht mir aus der Seele! Genau so ist es an deutschen Schulen! Schule ist wie ein Gefängnis! Stundenlang sitzen müssen, stundenlang zuhören und dem Lehrer aufmerken müssen und für Zeug, was einem nicht interessiert, wenn man nicht lernt, hagelt es gleich eine schlechte Note! Dann Hausaufgaben. 3/4 vom Tag ist mit der Schule verplant!

  5. Diese Liste gilt wohl nicht nur für Autisten… ;).
    Da jedes Kind seine Eigenarten hat, seine Bedürfnisse, seine individuellen Grenzen, ist es an unseren (Regel-) Schulen so wahnsinnig schwierig. Die Klassen sind voll. Inklusion wird erwartet. Ein gewisses Lernniveau aber auch. Ich frage mich immer wie ein Lehrer das Alles schaffen soll. Regelschüler ohne „Baustellen“, aber eben auch mit – AVWS, Hochsensibel, gestörte Körperwahrnehmung, Sprachverständnisstörungen, Körperbehinderungen jeglicher Art, chronische Krankheiten wie Diabetes Typ1, Asthma, diverse Allergien …
    Dazwischen die Heranwachsenden aus dem Förderbereich ESE und die lernschwachen Schüler….
    Auf alle soll und muss eingegangen werden. Aber bitte wie?
    Natürlich ist nicht in jeder Klasse alles vertreten. Aber eben doch vieles.
    Aktuell bin ich in Klasse 1. Wir unterrichten ein geistig behindertes Kind mit Defiziten in der körpermotorischen Entwicklung, ein Kind mit Typ 1 Diabetes (mit Insulinpumpe aber ohne die Fähigkeit selbstständig damit umzugehen, geschweige denn die BE s selber zu errechnen), ein Kind mit ADHS, ein Hochsensibles, ein Kind mit einer Störung der emotional sozialen Entwicklung, noch nicht genauer diagnostiziert, ein Kind mit Mutismus, mehrere Kinder mit Migrationshintergrund und eines mit Brille, welches vorne sitzen soll. Ebenso wie das Kind mit Diabetes, das Kind mit ADHS, das Kind mit der ESE….
    Wir sind eine Klasse mit 27 Kindern im ländlichen Bereich. An anderen Schulen sieht es gewiss nicht besser aus.
    Und alle Eltern plädieren zu Recht darauf, dass man den Bedürfnissen ihres Kindes gerecht wird.
    Nur keiner sagt uns wie….

    1. Hut ab! Hier ist die Politik gefragt! Das KANN keiner auffangen, weil irgendwas, irgendwer bleibt auf der Strecke…

  6. Die gute Nachricht, es gibt Schulen wo das tatsächlich gelingt! Die schlechte, leider viel zu wenige!
    Dazu braucht es ein engagiertes Lehrerteam die nicht nur wissen vermitteln wollen sondern eine Beziehung zu jedem einzelnen Kind. Menschen denen es nicht egal ist ob das Kind nach der Schule mehr Probleme z.B mit dem Miteinander hat als mit dem eigentlichen Lernstoff.
    Jedes Kind hat stärken und Schwächen diese zu erkennen und jeden einzelnen dort abzuholen bedeutet für die Lehrerkräfte ein großes Maß an Mehrarbeit und Empathie. Nach Feierabend Elterngespräche, ständiges auseinandersetzen mit Kollegen, entwickeln von neuen Strategien fern ab von dem, wie die meisten von uns Schule kennen. Weg von dem starren System das heute eh nicht mehr zeitgemäß und durchführbar ist.
    Einsetzen von Hilfen und Möglichkeiten, angefangen bei Kopfhörern und Lesestiften bis hin zur Zusammenarbeit mit Verbänden und Jugendämtern.
    Nachteilsausgleiche nutzen, Profis auf ihrem Gebiet in die Schule holen u.v.m.. Inklusion leben anstatt nur auf dem Papier zu lesen.
    Tun ist das Zauberwort!

    1. Sehr schön geschrieben. Und wir hatten das große Glück, dass unser Sohn genauso eine Grundschule besuchen durfte. Ich bin den Lehrerinnen dort heute noch sehr dankbar.

  7. Sehr gut geschrieben, spricht mir wirklich aus der Seele!
    Am liebsten würde ich die Liste mit einer Unterschriftenliste zur Umsetzung für unsere Schule versehen ? vielen Dank!

  8. Ich kann jeden Punkt bestätigen und den Kommentar von Sani bejahen. Es gibt tatsächlich Schulen in denen es funktioniert. 10Jahre hat es bei uns gut geklappt und wir hatten Glück mit den Lehrern,. Es ist absolut Abhängig von den Lehrern. Seit letztem Jahr( Neue Schule, neue Klassenlehrerin) läuft einiges schief obwohl die Noten stimmen
    Das mit den Mitschülern aufklären ist so eine Sache. Unser Sohn will es nicht den Schülern mitteilen da er miterlebt wie die Schüler über einen Jungen reden der es mitgeteilt hat und zwar schon seit der ersten Klasse und da kommen schlimme Bemerkungen und die meisten NT Schüler sind gegen Inklusion. Das ist für ihn nicht gerade förderlich darum möchte er es nicht mitgeteilt haben.
    Hatte er bisher Freunde in der Klasse und der Schule hat sich das geändert und ich sehe dass ihm einfach das Vertrauen fehlt . Für mich ist klar dass er kein Vertrauen in seine Mitschüler entwickeln kann wenn er kein Vertrauen in die Klassenlehrerin haben kann. Und ich leider auch nicht. Dann kommt noch die Pubertät dazu und so sind wir im Moment bei Angstzuständen und Episoden mit visuellen Wahrnehmungsstörungen ( Gesichter sind verzerrt/ verschwommen) und innerer Unruhe angekommen.
    Er leidet und ich leide mit.

  9. Vielen Dank für deinen Beitrag ! Genau diese Dinge haben bei unserem Sohn dazu geführt das er jetzt mit Hochbegabung eine Förderschule besucht. Dort haben die Lehrer verstanden was er braucht.
    Ich hoffe das bald alle Lehrer geschulter sind und es dann für die Kinder leichter wird.

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