Gastbeitrag von Maria: „Das hätte mir als Autistin in der Schule geholfen“

Gastbeitrag von Maria:

Liebe Leser von Ellas Blog,
in letzter Zeit gibt es viele Beiträge über die Schul- und Pubertätsschwierigkeiten von Autistinnen und Autisten. Auf einige würde ich gerne eingehen, habe aber ein Problem, von meinem PC aus einen Kommentar einzugeben, deshalb schreibe ich einen Gastbeitrag.

StifteHier ein Wort vorab: ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem viele „Macken“ toleriert wurden und habe viele Probleme nicht. Deshalb ist es mir sehr wichtig, jeden einzeln zu beurteilen und auf die individuellen Einschränkungen einzugehen. In meiner Schulzeit wusste man nicht, woher meine Schwierigkeiten kamen, deshalb kommt vielleicht vieles aus zum Teil antrainierter NT-Sicht.
Generell wünsche ich mir eine Balance zwischen „so viel Rücksicht wie nötig“ und „so selbstbestimmt wie möglich“. Und ich kann die heutige Schulsituation nur aus Erzählungen beurteilen, vielleicht ist einiges längst überholt.

 

Was hätte mir in der Schule geholfen?

• Anstelle eines Schulbegleiters hätte ich mir eine feststehende Ansprechperson in der Schule gewünscht, etwa einen Vertrauenslehrer, der ausschließlich für die Vermittlung zwischen Schüler, Eltern und Schule zuständig ist.

• Es wäre schön, wenn Sport und die musischen Fächer freiwillig wären und freiwillig benotet würden, inklusive Möglichkeit, die Teilnahme und Benotung in jedem Halbjahr neu zu entscheiden. Wenn es darum geht, die Lust an Bewegung und die Kreativität zu wecken, ist ein wertfreier Raum dafür sinnvoll.

• Ebenso wichtig wäre Freiwilligkeit bei Pausenaktivitäten. Was spricht dagegen, im Klassenzimmer zu bleiben und zu lesen? Was kann dabei passieren? „Inklusion“ sollte nicht mit „Gemeinschaftszwang“ verwechselt werden. Auch wer lieber für sich ist, hat ein Recht, als Person mit Bedürfnissen wahr- und ernstgenommen zu werden.

• Entsprechend sollten Beiträge bei Austauschrunden freiwillig sein und nicht gewertet werden. Bei irritierenden Formulierungen kann man nachfragen, wie sie gemeint sind.

• Wichtig wäre für mich gewesen, nicht darauf herumzureiten, wie ich den Stift in die Hand nahm oder nach welchem System ich mitschrieb, wenn das Ergebnis stimmte. Oder wie „chaotisch“ eine Schultasche gepackt ist, wenn der Schüler alles Nötige sofort findet.

• Oft sind es nur Kleinigkeiten in der Kommunikation, an denen es hängt. Mit dem Lehrer-kommentar „Lebendiger erzählen!“ (einer Bildgeschichte) konnte ich nichts anfangen, ebenso wenig wie mit der Anweisung, einen Auftrag „nicht so lieblos“ auszuführen. Genaue Angaben wären hilfreich gewesen und hätten auch eine pampige Antwort („Meine Gefühle bei der Arbeit sind meine Sache!“) vermieden, wenn ich gewusst hätte, was genau erwartet wird.

• Mitschüler sollten darüber aufgeklärt werden, dass es unterschiedliche Menschentypen gibt und nicht alle den gleichen Geschmack und den gleichen Humor haben und dass das kein Grund ist, sich über den anderen lustig zu machen. Ich habe bis heute nicht verstanden, was an jemanden, der sich ärgert oder weint oder nicht mehr auf den Schulhof traut, so lustig ist, dass man den Zustand absichtlich herbeiführen muss, und kann auch mit Sendungen wie „Verstehen Sie Spaß?“ nichts anfangen.

• Im Biologieunterricht sollte es bei der „Aufklärung“ dazu gehören, dass auch in Sachen Liebe jeder ein anderes Tempo hat und nicht jeder Single unglücklich ist. Auch zweideutige Ausdrücke sollten Thema sein, bevor sich jemand aus Unwissenheit lächerlich macht und gar nicht versteht, warum!

• Bei den meisten Beispielen habe ich es inzwischen gelernt und das Selbstbewusstsein ent-wickelt, „mir die Freiheit zu nehmen“, etwas auf meine Weise zu machen, bzw. nach-zufragen, wenn mich etwas irritiert.

 

Meine Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Nachhinein hätte es mir in den genannten Situationen geholfen, wenn ich gefragt worden wäre, was mir helfen würde, damit sie sich nicht wiederholt. Also fragt am besten Eure Kinder, was ihnen gut tun würde.

Ich hoffe, ich kann etwas zum besseren heutigen Miteinander beitragen.

Alles Gute!

 

Vielen Dank, liebe Maria! Wieder ein sehr hilfreicher und wertvoller Beitrag von Dir. ♥

***

Zum Weiterlesen:

40 Tipps zur Beschulung autistischer Kinder und Jugendlicher

5 comments

  • Bea

    Prima Liste, ich unterschreibe jeden Punkt. Man kann/muss immernoch sagen, so richtig passen Regelschulsystem und Autismus nicht zusammen. Meine Jüngste („Sorte“ Asperger mit Hochbegabung im sprachlichen Bereich) kennt alle oben aufgeführten Probleme.

    Sind jetzt in Klasse 8 angekommen, im Prinzip kann man langsam ein Ende absehen, in weicher Form auch immer. Ich würde sagen, alles kann, nix muss. Es gibt auch jenseits eines Abiturabschlusses gute Möglichkeiten. Es ist wichtiger, ohne seelische Probleme möglichst gut durchs System zu komnen. Dann sehen wir weiter…:)

  • Claudia

    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich erkenne da auch vieles wieder, was meinen Sohn (ebenfalls 8. Klasse) betrifft. Vor allem die Akzeptanz durch die Mitschüler ist ein ständiges Problem. Aufgeklärt wurden sie und es finden immer wieder auch Klassengespräche statt, bei denen seine Besondeheit thematisiert wird. Trotzdem, oder vielleicht auch deshalb, finden sie es lustig, ihn mit Fragen und Sprüchen zu drangsalieren. Gerade weil er in vielerlei Hinsicht so normal wirkt, ist kein Verständnis da (glaube ich). Die alte Krux der Aspies. Da sehe ich es wie Birgit: ich hoffe, er kommt ohne (weitere) seelische Probleme durchs System (denn wir haben da schon schwere Zeiten durchgemacht).
    Liebe Grüße, Claudia

  • Natalie Twardawski

    Vielen lieben Dank! 💖
    Als, wenn die Wünsche für meinen Sohn geäußert wurden…

  • Katharina Letter

    Meine Tochter (9.Klasse Regelschule, Autismus-Spektrum, ADS, erhöhte Intelligenz) hat mitgelesen und bestätigt den größten Teil der Liste. Ich arbeite an einer Förderschule, hauptsächlich mit Autisten, aber auch mit Kindern/Jugendlichen mit anderen Einschränkungen. Wir sind sehr bemüht genau das zu tun. Hingucken, fragen, beobachten, unterstützen… soviel wie nötig aber dennoch so wenig wie möglich.

  • Wolfgang Gaß

    So ein Kommentar spricht mir aus der Seele! Genau so ist es an deutschen Schulen! Schule ist wie ein Gefängnis! Stundenlang sitzen müssen, stundenlang zuhören und dem Lehrer aufmerken müssen und für Zeug, was einem nicht interessiert, wenn man nicht lernt, hagelt es gleich eine schlechte Note! Dann Hausaufgaben. 3/4 vom Tag ist mit der Schule verplant!

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