Über Betten, an denen man nicht klopfen kann, Kuhdecken und Melatonin

Hund mit Kuhdecke Ellas Blog Leben mit Autismus

Huhu mit Kuhdecke

Struktur und Rituale sind für unsere autistischen Kinder enorm wichtig. Das reicht von Morgenritualen über den genauen Ablauf, wie man eine Tasche packt, oder wie man das Essen auf dem Teller sortiert bis hin zum Abendritual.

Niklas ist schon 18 Jahre alt, unser Abendritual hat sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert.

In den ersten vier Jahren gab es eigentlich keinen geregelten Ablauf, weil Niklas nicht schlief. Natürlich schlief er irgendwann ein, aber eher aus Verzweiflung und Erschöpfung.
Von Geburt an gab es weder Mittagsschlaf noch andere geregelte Schlafzeiten, weil er einfach nicht einschlafen konnte. Erst aus äußerster Erschöpfung schloss der Heldentiger irgendwann die Augen, weil sein Körper sich doch mal erholen musste. Aber niemals, weil er aus einer normalen Müdigkeit heraus einschlummerte.

Als Niklas vier Jahre alt war, brachte uns eine Ärztin auf die Idee, es mit Melatonin zu versuchen. Ich habe im Beitrag „Schlaf, Kindlein, schlaf – Autismus und Melatonin“ bereits ausführlich darüber geschrieben, dass manchen Menschen das Schlafhormon Melatonin fehlt und sie deshalb den Übergang vom Wachsein zum Schlafen einfach nicht schaffen – bei Autisten ist das gar nicht so selten. Schön, dass uns das mal einer nach vier Jahren sagte!

Ab da veränderte sich unser Leben. Niklas bekam abends sein Melatonin und konnte zufrieden einschlafen. Wir Eltern hatten plötzlich planbare, freie Abendstunden. Das bedeutete freilich nicht, dass er durchschlief, das tut er bis heute mit seinen 18 Jahren nicht zuverlässig. Aber immerhin konnte er einschlafen und es war etwas mehr wohltuende Struktur vorhanden.

Unsere Abendrituale veränderten sich im Laufe der Jahre.

Im Kleinkindalter liebte Niklas es, als Ausklang des Tages Kinderserien im Fernsehen anzuschauen. Die Filme, die ich selbst schon als Kind gesehen hatte – Wicky, Heidi, Niels Holgersson… – das war eine schöne Zeit und auch dadurch geprägt, dass seine große Schwester mitschaute.
Damals war es auch noch möglich, dass wir gemeinsam an einem Tisch aßen und uns über den Tag unterhielten. Mit fünf Jahren begann Niklas zu gebärden und beteiligte sich dann auch zunehmend an unseren Unterhaltungen, was immer recht schön war.

In diesem Alter hatte er auch ein Pflegebett , in dem er sich sehr wohlfühlte. So kehrte abends durch die Kombination aus Melatonin und Pflegebett eine Zeit lang Ruhe ein. Die nächtlichen Unterbrechungen blieben jedoch.

Sofa Ellas Blog Leben mit Autismus

Das momentane „Einschlaf-Sofa“

Als Niklas etwas älter wurde, nahmen auch seine Empfindlichkeiten gegenüber akustischen Reizen immer mehr zu. Er konnte es nicht mehr gut ertragen, mit uns an einem Tisch zu essen, die Klappergeräusche des Geschirrs und die Kaugeräusche waren zu viel für ihn.
So war das gemeinsame Abendessen nicht mehr möglich. Auch der Fernseher blieb aus, da dieser zu unberechenbar war. Die Effekte machten ihm Angst, er wusste nicht, was im nächsten Moment passieren würde. Viele Geräusch schmerzten ihn im Ohr.
Schwierig war es in dieser Zeit, beiden Kindern gerecht zu werden, weil jedes andere Bedürfnisse hatte. Wir Eltern teilten uns auf und versuchten, wo immer es ging, ein Miteinander zu ermöglichen.

Für Niklas war es wichtig, den Tag noch „durchzugebärden“. Bevor er einschlief, besprachen wir im Bett, was am Tag so los war, was doof, was schön war und überlegten, was morgen passieren wird. Das forderte er immer ein. Ob man dabei auf seinem Bett oder daneben und mit welchem Abstand sitzen sollte bzw. durfte, variierte jeden Abend. Sein Bedürfnis nach Nähe oder Distanz war immer verschieden und hing sehr vom Stresslevel des vergangenen Tages ab.

Inzwischen ist er ein junger Mann von 18 Jahren, braucht immer noch Hilfe, was auch das Abendritual angeht. Ausziehen, waschen, Zähne putzen übernehmen wir, weil er es alleine nicht kann. Wir essen wegen der Geräuschempfindlichkeit auch aktuell getrennt und begleiten Niklas dann in sein Bett. Auch heute noch gebärdet er vor dem Schlafen darüber, was den Tag über geschehen war und es ist spannend, auf diese Weise zu erfahren, was ihn beschäftigt.
Zum Einschlafen braucht er nach wie vor Melatonin und er möchte zur Zeit dabei auf einem Sofa sitzen, von dem aus man in den Garten schauen kann. Wenn er eingeschlafen ist, bringen wir ihn im Halbschlaf zu seinem Bett, wo er weiter schläft – meistens jedenfalls, manchmal tappt er auch zurück zum Sofa.

Bär auf Matratze Ellas Blog Leben mit Autismus

Matratze mit Hund „Huhu“

Sein Bett ist allerdings nur eine Matratze. Ein richtiges Bett möchte er nicht haben, das sollten wir schon vor ein paar Jahren abbauen. Er gebärdetete mal, dass er es doof findet, dass man daran klopfen kann und sei es nur aus Versehen. Also bleibt es erstmal bei der weichen Matratze, auf der auch sein großer Hund „Huhu“ (das kann Niklas sogar sagen ;-) ) mit schlafen darf. :-)

Kuhdecke Ellas Blog Leben mit Autismus

die in drei Teile geliebte Kuhdecke

Das Wichtigste noch zum Schluss: seine Kuhdecke :-)
Die bekam er zum Abschluss seiner Kindergartenzeit mit den Worten geschenkt: „Niklas, die hast Du ja immer im Kindergarten genommen. Wir schenken sie Dir.“ Seitdem begleitete sie ihn vom Kinderbett ins Pflegebett, aufs Sofa, seine Matratze, in unsere Wohmobile und andere Urlaube. Allerdings existieren inzwischen drei Teile der Kuhdecke – ganz spurlos sind die Jahre also an ihr nicht vorübergegangen.

Jeder Abend, an dem Niklas friedlich einschlummert, ist ein guter Abend. Und jeder Morgen, an dem ich aufwache und merke, dass ich durchschlafen konnte, ist ein besonderer Morgen.

 

Zum Weiterlesen:

Schlaf, Kindlein, schlaf – Autismus und Melatonin

Nicht alle Kinder schlafen irgendwann durch – von Floskeln, die manche Eltern nerven

Fünf Jahre mit Pflegebett – eine große Liebe mit ganz klarem Ende

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Dieser Beitrag ist Teil einer Blogparade, die vom Blog „FaBa – Familie aus Bamberg“ initiiert wurde. Dort findet Ihr weitere Beiträge und Kommentare zum Thema „Abendritual“.

 

3 comments

  • Liebe Silke,
    wow, vielen Dank für deinen Beitrag zu unserer Blogparade.
    Für uns war es sehr interessant den Beitrag zu lesen und euer Ritual zu entdecken.
    Wir hoffen sehr das die Kuhdecke noch einige Jahr aushält um euren Sohn zu begleiten.
    Liebe Grüße Marie

    • Silke

      Liebe Marie, danke für Deinen Besuch hier, freut mich sehr :-) Es war auch für mich schön, Deine Blogparade zum Anlass zu nehmen, über die Gewohnheiten der letzten Jahre nachzudenken. Die Kuhdecke wird`s schon noch eine Weile machen :-D

  • Liebe Silke,
    was für ein interessanter Artikel, vielen Dank fürs Teilen.
    Du weißt ja, wie sehr wir deine Beitrage schätzen! :)
    Danke für die Einblicke in euer Leben!
    Liebe Grüße
    Marina von ideas4parents

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