Über Betten, an denen man nicht klopfen kann, Kuhdecken und Melatonin – Autismus und Schlafen

Struktur und Rituale sind für unsere autistischen Kinder enorm wichtig. Das reicht von Morgenritualen über den genauen Ablauf, wie man eine Tasche packt, oder wie man das Essen auf dem Teller sortiert bis hin zum Abendritual.

Niklas ist nun schon 21 Jahre alt, unser Abendritual hat sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert.

In den ersten vier Jahren gab es eigentlich keinen geregelten Ablauf, weil Niklas nicht schlief. Natürlich schlief er irgendwann ein, aber eher aus Verzweiflung und Erschöpfung.
Von Geburt an gab es weder Mittagsschlaf noch andere geregelte Schlafzeiten, weil er einfach nicht einschlafen konnte. Erst aus äußerster Erschöpfung schloss der Heldentiger irgendwann die Augen, weil sein Körper sich doch mal erholen musste. Aber niemals, weil er aus einer normalen Müdigkeit heraus einschlummerte.

Als Niklas vier Jahre alt war, brachte uns eine Ärztin auf die Idee, es mit Melatonin zu versuchen. Ich habe im Beitrag „Schlaf, Kindlein, schlaf – Autismus und Melatonin“ bereits ausführlich darüber geschrieben, dass manchen Menschen das Schlafhormon Melatonin fehlt und sie deshalb den Übergang vom Wachsein zum Schlafen einfach nicht schaffen – bei Autisten ist das gar nicht so selten. Schön, dass uns das mal einer nach vier Jahren sagte!
Ich mache glücklicherweise die Erfahrung, dass Eltern inzwischen viel besser über Melatonin (auch Circadin oder Slenyto = Melatonin in retardierter Form) Bescheid wissen – es sind ja auch schon mehr als 15 Jahre vergangen, seit wir darauf hingewiesen wurden.

Ab da veränderte sich unser Leben. Niklas bekam abends sein Melatonin und konnte zufrieden einschlafen. Wir Eltern hatten plötzlich planbare, freie Abendstunden. Das bedeutete freilich nicht, dass er durchschlief, aber immerhin konnte er einschlafen und es war etwas mehr wohltuende Struktur vorhanden.

Unsere Abendrituale veränderten sich im Laufe der Jahre.

Im Kleinkindalter liebte Niklas es, als Ausklang des Tages Kinderserien im Fernsehen anzuschauen. Die Filme, die ich selbst schon als Kind gesehen hatte – Wicky, Heidi, Niels Holgersson… – das war eine schöne Zeit und auch dadurch geprägt, dass seine große Schwester mitschaute.
Damals war es auch noch möglich, dass wir gemeinsam an einem Tisch aßen und uns über den Tag unterhielten. Mit fünf Jahren begann Niklas zu gebärden und beteiligte sich dann auch zunehmend an unseren Unterhaltungen, was immer recht schön war.

In diesem Alter hatte er auch ein Pflegebett , in dem er sich sehr wohlfühlte. So kehrte abends durch die Kombination aus Melatonin und Pflegebett eine Zeit lang Ruhe ein. Die nächtlichen Unterbrechungen blieben jedoch.

Als Niklas etwas älter wurde, nahmen auch seine Empfindlichkeiten gegenüber akustischen Reizen immer mehr zu. Er konnte es nicht mehr gut ertragen, mit uns an einem Tisch zu essen, die Klappergeräusche des Geschirrs und die Kaugeräusche waren zu viel für ihn.
So war das gemeinsame Abendessen nicht mehr möglich. Auch der Fernseher blieb aus, da dieser zu unberechenbar war. Die Effekte machten ihm Angst, er wusste nicht, was im nächsten Moment passieren würde. Viele Geräusche schmerzten ihn im Ohr.
Schwierig war es in dieser Zeit, beiden Kindern gerecht zu werden, weil jedes andere Bedürfnisse hatte. Wir Eltern teilten uns auf und versuchten, wo immer es ging, ein Miteinander zu ermöglichen.

Für Niklas war es wichtig, den Tag noch „durchzugebärden“. Bevor er einschlief, besprachen wir im Bett, was am Tag so los war, was doof, was schön war und überlegten, was morgen passieren wird. Das forderte er immer ein. Ob man dabei auf seinem Bett oder daneben und mit welchem Abstand sitzen sollte bzw. durfte, variierte jeden Abend. Sein Bedürfnis nach Nähe oder Distanz war immer verschieden und hing sehr vom Stresslevel des vergangenen Tages ab.

Inzwischen ist er ein junger Mann von 21 Jahren, braucht immer noch Hilfe, was auch das Abendritual angeht. Ausziehen, waschen, Zähne putzen übernehmen wir, weil er es alleine nicht kann. Wir essen wegen der Geräuschempfindlichkeit auch aktuell meistens getrennt und begleiten Niklas dann in sein Bett. Auch heute noch gebärdet er vor dem Schlafen darüber, was den Tag über geschehen war und es ist spannend, auf diese Weise zu erfahren, was ihn beschäftigt.
Zum Einschlafen braucht er nach wie vor Melatonin. Manchmal kommt es zu unfreiwilligen Tests, weil Niklas` Papa denkt, dass ich das Melatonin gegeben habe und umgekehrt, dann wundern wir uns, dass er nicht einschläft und wieder mal wird klar, dass er das Melatonin nach wie vor braucht.

Zeitweise hatte er nach der Pflegebett-Zeit nur noch eine Matratze. Ein richtiges Bett wollte er nicht haben, das sollten wir abbauen. Er gebärdetete mal, dass er es doof findet, dass man daran klopfen kann und sei es nur aus Versehen. Also blieb es erstmal bei der weichen Matratze, auf der auch sein großer Hund „Huhu“ (das kann Niklas sogar sagen ;-) ) mit schlafen darf. :-)

Hund mit Kuhdecke Ellas Blog Leben mit Autismus
Huhu mit Kuhdecke

Schlafen im Erwachsenenalter mit „Männerbett“

Seit etwa zwei Jahren hat Niklas ein richtige „Männerbett“ (Gebärdenzitat). Es ist 140 cm breit und sehr gemütlich. Verkleidet haben wir es an der Wand mit einer weichen Matratze, so dass er eine richtig schöne Kuschelecke hat. Auch das Kopfteil haben wir mit einem Polster erhöht. (Ich werde die Teile in Kürze mal hier einstellen und verlinken, vielleicht können sie auch euch hilfreich sein).

Ein kleiner Mutmacher für alle, die immer noch mit schlaflosen Nächten zu kämpfen haben: Es ist viel besser geworden bei Niklas. Es gibt immer noch Nächte, in denen er herumwandert und „fertig ist mit Schlafen“ (Gebärdenzitat), aber sie sind weniger geworden. Woran das liegt, darüber kann man spekulieren: an der durchgestandenen Pubertät, an einer gut eingestellten allgemeinen Medikation, an seiner Fähigkeit, sich zunehmend besser selbst zu regulieren und damit besser zur Ruhe zu kommen, an einer Grundzufriedenheit, die in unser aller Leben getreten ist…. oder……

Das Wichtigste noch zum Schluss: seine Kuhdecke :-)

Die bekam er zum Abschluss seiner Kindergartenzeit mit den Worten geschenkt: „Niklas, die hast Du ja immer im Kindergarten genommen. Wir schenken sie Dir.“ Seitdem begleitete sie ihn vom Kinderbett ins Pflegebett, aufs Sofa, seine Matratze, in unsere Wohmobile und andere Urlaube und jetzt auch ins „Männerbett“. Allerdings existieren inzwischen drei Teile der Kuhdecke – ganz spurlos sind die Jahre also an ihr nicht vorübergegangen. Und oben hat „Huhu“ eine als Schal.

Jeder Abend, an dem Niklas friedlich einschlummert, ist ein guter Abend. Und jeder Morgen, an dem ich aufwache und merke, dass ich durchschlafen konnte, ist ein besonderer Morgen. Ich wünsche euch auch diese Morgende.

Zum Weiterlesen:

Schlaf, Kindlein, schlaf – Autismus und Melatonin

Nicht alle Kinder schlafen irgendwann durch – von Floskeln, die manche Eltern nerven

Fünf Jahre mit Pflegebett – eine große Liebe mit ganz klarem Ende

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