Maria: „Meine Diagnose sollte nicht wichtiger oder interessanter als andere Wesensmerkmale sein.“

Gastbeitrag von Maria:

Liebe Leserinnen und Leser von „Ellas Blog“,

durch den Beitrag „Was verändert sich mit einem autistischen Kind?“ fühle ich mich animiert, als erwachsene Autistin etwas zum Thema zu schreiben

Was hat sich durch die Diagnose geändert?

Äußerlich:

Zunächst gar nichts!
Mein Mann liebt mich, wie ich bin, und unterstützt mich, wo er kann. Das war immer so.
Im Bekannten- und Freundeskreis bin ich geschätzt aufgrund meines Allgemeinwissens und aufgrund meiner zum Teil autismus-typischen Stärken („Maria kann nicht um eine Sache herumreden, bei ihr weiß man, woran man ist!“).

Innerlich

Ich habe mein ganzes Leben in Frage gestellt.
Vieles, was ich jahre- bis jahrzehntelang als „Geschmackssache“ oder „Charakterzug“ angesehen und zum Teil verteidigt hatte, war plötzlich ein Diagnosekriterium. Auch Entscheidungen kamen auf den Prüfstand: Was habe ich unter Umständen aufgrund einer „anderen“ Wahrnehmung entschieden? Was hätte ich anders gemacht, wenn ich mit 20 Jahren gewusst hätte, was los ist? Wäre ich mit den damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen überhaupt dahin gekommen, wo ich jetzt bin?

Allgemein

Ich hatte immer das Bewusstsein, dass ich anders bin, mir für manches mehr Mühe
geben und einiges mehr üben muss als andere, aber als junge Erwachsene habe ich
mir „die Freiheit genommen“ (nach dem Film „Club der toten Dichter“), selber zu entscheiden, was mir wichtig ist, und wo ich mich mehr anstrenge und wo ich damit lebe und dazu stehe, dass es mir nicht liegt.
Ich bewege mich zum Beispiel gerne, hasse aber Wettbewerbe und bin daher eher allein oder mit Familie auf dem Wanderweg oder im Schwimmbad unterwegs.
Nebenbei: ist das eine Geschmacksfrage oder ein Diagnosekriterium? :-).

Das eine oder andere Aha-Erlebnis hatte ich in Bezug auf lange zurückliegende Ereignisse, zum Beispiel Freundschaften, die auseinander gingen, ohne dass mir klar war und ohne dass ich klären konnte, was ich falsch gemacht hatte. Oder andere Situationen, die aufgrund von dass Missverständnissen aus dem Ruder liefen (rw).
Oder woran es lag, dass ich sehr oft einen anderen Geschmack hatte als die Mehrheit, beziehungsweise es mir viel zu anstrengend war, mich dem sich wandelnden Mehrheitsgeschmack anzupassen. Wenn ich als Jugendliche alle Einzelheiten der angesagtesten Band auswendig gelernt hatte, war sie schon wieder „out“! Ich beurteil(t)e ein Lied nach Inhalt, ohne dass es mich interessiert(e), von wem es ist/war (Geschmacksfrage oder Diagnosekriterium? :-)?).

Ich bin noch dabei zu sortieren, was mit Autismus zu tun hat und was eine Geschmacksfrage und was eine schlechte Angewohnheit ist. Und welche schlechte Angewohnheit auf Kompensationsstrategien beruht. In mancher Hinsicht fällt es mir noch leichter, „mir die Freiheit zu nehmen“, etwas so zu machen, wie es mir entspricht. In anderer Hinsicht schwerer, da mir bewusst ist, dass ich nicht einordnen kann, wo die Geschmacksfrage aufhört und wo die Auffälligkeit anfängt. Da ist mir Selbstbewusstsein abhanden gekommen.
Mein Wunsch ist es, dahin zu kommen, dass meine Diagnose nicht wichtiger oder interessanter ist als andere (Wesens-)Merkmale.

Viele Grüße „Maria“

***

Zum Weiterlesen zwei andere Gastbeiträge von Maria

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Mein Schmerzempfinden tritt mit Verzögerung ein

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Ich danke Dir sehr, liebe Maria, dass Du uns an Deinen Gedanken und Erfahrungen teilhaben lässt,
herzlich Silke alias Ella

One comment

  • Jan294

    Hallo Maria,
    was für ein interessanter Beitrag. :-) Ich habe für mich beschlossen, daß es (mir) egal ist, ob etwas autismusspezifisch ist oder nicht, genauso wie es mir egal ist, ob ich Autist bin oder nicht. Denn, ich bin wie ich bin, ganz egal, ob jemand dafür einen Namen hat, denn das ändert nichts. Laß dir von deinen Gedanken nicht das Selbstbewußtsein nehmen, sondern lebe so weiter wie bisher (wenn du zufrieden warst, wie es war)!

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