„Lass mich bitte mich sein“ – Gastbeitrag einer 16-jährigen Autistin

Verenas Tochter ist 16 Jahre alt und Autistin, im Februar 2020 bekam sie ihre Diagnose.
„Sie ist ein sehr sozialer Mensch und sorgt sich oft um andere. Dies ist natürlich recht anstrengend für sie, dennoch ist es ihr wichtig. Am liebsten ist sie allerdings mit Hunden zusammen und hat viele Pflegehunde.
Dies sind immer ganz besondere Beziehungen. Wie sie sich selber fühlt, hat sie, glaube ich, in dem Gedicht gut dargestellt und sie würde sich freuen und ist einverstanden, wenn es veröffentlicht wird.“

Quelle: pixabay, User Pezibear, vielen Dank!

Lass mich bitte mich sein
in meinem ich-Sein bin ich anders als vielleicht Du,
brauche mehr Ruhe, mehr Pausen, mehr Zeit –
fühle viel stärker, höre viel lauter – als vielleicht Du.
So lass mich bitte mich sein.

In meinem ich-Sein bin ich vielleicht schwierig – für
dich.
Doch bist du es auch – manchmal für mich.
Struktur ist wichtig, ich bin nicht spontan, muss mich
verlassen,
bin sonst verlassen, allein sowieso, so fühle ich mich
sicher.
Lass mich einfach mich sein.

Es ist so viel, ich merke die Schwingung.
Es geht alles schnell, ist oft sehr verwirrend –
durch Unsicherheit irrend – geht es mir nicht so gut,
der Rückzug ist wichtig – und richtig. Sonst kommt da
die Wut.
Lass mich bitte mich sein.
Ich spüre viel schneller, was los ist – als vielleicht Du.

Ich werde geliebt und liebe auch sehr, kann so viele
Dinge.
Man muss mich dazu bringen. Ich brauche viel Mut.
Oft ist da die Angst, ich will nicht versagen – kann ich
es wagen?
Wenn du mir hilfst, dann geht es vielleicht. Du kennst
dich dort aus – in deiner Welt.

Doch lass ich dir dein Du-Sein sein, du lässt mir mein
ich-Sein
 – ich brauche meine Welt, meinen Ort, meine Ruhe.
So könnten wir wir sein – jeder für sich, vielleicht
gemeinsam?
Lass mich bitte mich sein – nicht zu oft allein – sonst
werde ich einsam.
LR

8 comments

  • Anka

    Danke! Das ist sehr berührend !

  • Tess

    Wunderschön🥰

  • Janina

    Wundervoll! Das Gedicht berührt mich im Innersten! So treffend ! Vielen Dank!!!

  • Reinhard

    Danke für die Veröffentlichung. Ja, es beschreibt treffend, wie ich glaube, dass es meinem Enkel (9 1/2) geht.
    Es gibt Gedankenanstöße
    ihn noch besser zu verstehen.

  • Brigitte

    Ein sehr sensibles Gedicht, das die Begegnung mit den anderen Bedürfnissen beschreibt aber auch eine Brücke bildet für ein gegenseitiges Verstehen.
    Ich wünsche mir, dass das Gedicht einem breiteren Leserkreis zugänglich gemacht wird.

  • Alexandra

    Unglaublich! Vielen Dank für Deinen Mut, Deine Offenheit und Dein Vertrauen! Deine Worte haben mich zutiefst berührt! Ich fühle mich Dir nah, liebe Ella!!!

  • Esther

    In vielen Bereichen finde ich mich als nicht Autistin wieder. Daher versteh ich das gut. Ich würde mich als sehr emphatisch beschreiben und das ist oft genauso anstrengend. Dazu auch sehr sensibel. und wenn mir dann alles zuviel wird werde ich oft gereizt und ungerecht zu meinen Mitmenschen und genau das will ich ja nicht. Und die Empathie dieses ständige auf Sendung sein um ja nichts zu verpassen was andere Menschen so fühlen ist sehr anstrengend. Daher bin ich nach einem Arbeitstag oft sehr müde und brauche Ruhe. Überhaupt brauche ich viel Ruhe und Schlaf. Das war schon als Kind so und hat sich nicht geändert. Ich denke jeder Mensch braucht eine Möglichkeit sich zurückzuziehen. Der eine mehr der andere weniger oft.

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