Maria gibt als Autistin einige Tipps für den mit Umgang erwachsenen AutistInnen

Gastbeitrag von Maria (Name geändert):

Liebe Blog-Leserinnen und Leser,

da in letzter Zeit öfter geschrieben wird, dass man auch auf die Erfahrungen erwachsener Autistinnen und Autisten angewiesen ist, um zu einem besseren Miteinander zu kommen, stelle ich einen Teil meines persönlichen Flyers zur Verfügung, den ich für meine berufliche Tätigkeit erstellt habe. Alle Tipps gelten auch für das Privatleben. Die Auswirkungen von Autismus wurden bereits von Silke/Ella und anderen ausführlich beschrieben, daher komme ich gleich zum Punkt.

Ich, Maria, 51, verheiratet, ein Haustier, ein Ehrenamt, eine abgeschlossene Ausbildung, zwei langjährige Vollzeit-Arbeitsverhältnisse und einige „Gastspiele“, habe meine Diagnose erst seit zwei Jahren und bin alles andere als „meine eigene Expertin“. Ich lerne selber noch täglich dazu.
Ich hatte das Glück, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem es ok war, so zu sein, wie man ist, und zu machen, was man am besten kann. Ich war das Kind, das immer wieder aneckte, ohne zu wissen, was es falsch machte, aber auch immer wieder jemanden fand, der es verstand. Auch sonst fand ich mehrfach eine Nische, in der ich mich entfalten konnte.
Wirklich auffällig war ich nur in den Phasen, in denen der Rahmen wegfiel, und dann wurden meine Schwierigkeiten auf das äußerliche Problem geschoben, auch von mir selbst.

Nur weil wir erwachsen sind, sind die Auffälligkeiten nicht verschwunden. Ich persönlich scheine weiterhin relativ naiv auf mein Umfeld zu wirken. Umso mehr ist es mir fast schon extrem wichtig:
Nehmt uns ernst!
Es gibt keinen Grund, mit uns wie mit Schulkindern zu reden oder einen gesamten Vorgang zu erklären, wenn wir einen Teilschritt falsch machen. Sinnvoller ist es, herauszufinden, wo es konkret „klemmt“, und dort anzusetzen. Ebensowenig brauchen wir in jeder Situation Schutz oder Entscheidungshilfe. Wir mögen naiv und schnell überfordert wirken, aber ein Großteil von uns ist intelligent und lernfähig.

Stift mit Block

Konkret hilfreich für mich und vielleicht auch für andere
(aus meinem persönlichen Flyer):

  • Bitte lasst es stehen, wenn ich über einen Witz nicht lache oder sachlich darauf reagiere. Bringt mich nicht durch Erklären zusätzlich in Verlegenheit.

 

  • Es dauert etwas länger, bis ich alle Vor- und Nachteile abgewogen und eine Entscheidung gefällt habe. Bitte stellt sie dann nicht mehr in Frage, auch wenn sie anders ausfällt als allgemein üblich, und versucht mich nicht zu einer Meinungsänderung zu bewegen.

 

  • Bei Themenwechsel ist eine Brücke hilfreich, etwa „Jetzt mal ganz etwas anderes …“ oder „Noch etwas zum ursprünglichen/vorherigen Thema …“

 

  • Bitte kennzeichnet bei Anweisungen Ausnahmen und Regeln, bzw. erklärt mir zeitnah, wie etwas üblicherweise abläuft.

 

  • Bitte kündigt notwendige Veränderungen (z. B. in Einteilung, Arbeitsablauf ect.) frühzeitig an.

 

  • Wenn ich mich daneben benehme oder etwas anders machen soll, macht mich bitte zeitnah direkt ohne Ironie oder Andeutungen darauf aufmerksam. Diplomatie fasse ich als Vorschlag auf, und bei Beschönigungen „durch die Blume“ kann ich nicht einschätzen, wie wichtig das Anliegen ist. Das gilt auch/vor allem, wenn Ihr den Eindruck habt, dass ich meinen Autismus als Ausrede benutze oder mich dahinter verstecke.

 

  • Trost hilft mir nichts, wenn er an der Situation nichts ändert. Ich beruhige mich schneller und nachhaltiger, wenn man mich vollständig in Ruhe lässt. Bitte lasst es stehen, dass meine eigenen Trostversuche eher pragmatisch sind.

 

  • Bei komplexen Abläufen finde ich Listen hilfreich, z. B. für Erwartungen, Zuständigkeiten, Ansprechpartner, Prioritäten …

 

  • Bitte fragt direkt nach, wenn Ihr unsicher seid, wie Ihr Euch verhalten sollt. Und macht bitte den Autismus darüber hinaus nicht mehr zum Thema als andere Merkmale.

Ich hoffe, Ihr könnt etwas mit meinen Ausführungen anfangen.

 

Liebe Maria, besten Dank für das Zur-Verfügung-stellen eines Teils Deines Flyers. Bestimmt ist es für viele hilfreich, diese Punkte verschriftlicht vor sich zu sehen.
Alles Gute für Dich!

 

***

Zum Weiterlesen:

25 Tipps für die Kommunikation mit Autistinnen und Autisten

One comment

  • Lisa

    Appropos Themenwechsel: Beim Gottesdienst einer Freikirche habe ich genau das moniert. Der war einfach vorbei. Außerdem fühlte es sich nicht wirklich wie ein Gottesdienst an, sondern undefinierbar. Es hatte keine für mein Empfinden gottesdiensttypische Struktur. Es erinnerte etwas an Konzerte, für die unser Kantor hauptverantwortlich ist, aber mit dem störenden Element Predigt. Es war aber auch kein musikalischer Gottesdienst wie zum Reformationstag: die Struktur erkennbar, nur eben überproportional viele musikalische Elemente. Was die Predigt angeht, befand ich es eher als Evangelisationsveranstaltung. So etwas verschreckt mich eher. Nichts gegen Freikirchen als solche. Aber ich will in erster Linie wachsen und nicht bekehrt werden. Meinen persönlichen Glauben habe ich schon gefunden, auch wenn der vielleicht nicht ganz kompatibel mit dem ihren ist.

    So was ähnliches wie Maria möchte ich gerade auf Englisch erstellen. Für die Empfänger dürfte es einleuchtend sein, wenn ich schreibe, dass übertragene Bedeutung und Sprichwörter für mich schwierig sind. Schließlich ist Englisch, in dem ich kommunizieren muss, für mich eine Fremdsprache. Und ansonsten hoffe ich, dass sie nicht voraussetzen, dass jemand neues sofort weiß, wo es lang geht – und sie entsprechend viel erklären müssen. Die haben schließlich öfter Leute „aus einer anderen Welt“ (aller Herren Länder, wo teils viele Dinge anders sind) nur mal für ein paar Wochen dort arbeiten. Ich habe auch einen Stichpunkt aufgenommen „soziale Aufgaben“: Ich mag es, anderen zu helfen, oder Kinder zu betreuen. Der Haken ist aber, dass es extrem an den Energiereserven zehrt, die auch für das Zusammenleben dann fehlt. Dabei habe ich mir vorgenommen, da mehrere Monate durchzuhalten. Zumindest als ausschließlicher Arbeitsinhalt taugt es nicht. Immerhin gibt es dort noch anderweitige Aufgaben.

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