Interview mit Lejla – ehemalige Schulbegleiterin und aktuell Jobcoach bei auticon

Lejla arbeitet schon mehrere Jahre für und mit Menschen mit Autismus. Das fand ich sehr spannend und ich freue mich, dass ich ihr einige Fragen stellen durfte.
So erzählte sie mir über ihre Zeit als Schulbegleiterin, die wichtige Rolle der Eltern, ihre neue Aufgabe bei auticon und wiederkehrende Herausforderungen, denen viele AutistInnen ihr Leben lang begegnen.

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©Lejla Rahmanovic

Liebe Lejla, erzähl bitte kurz von Dir – wer bist Du – wo lebst Du – welche Ausbildung hast Du gemacht?

Liebe Silke, ich danke dir noch einmal herzlich für die Anfrage zu einem Interview. Ich habe deinen Blog auf Facebook privat schon sehr lange abonniert und lese immer gerne deine Beiträge, deswegen freue ich mich umso mehr, dass du dich an mich gewendet hast. Sehr gerne erzähle ich dir zunächst einmal mehr über mich persönlich.

Mein Name ist Lejla Rahmanovic, ich bin 29 Jahre alt und komme ursprünglich aus Philippsburg, das zum Landkreis Karlsruhe gehört. Mittlerweile lebe ich seit zweieinhalb Jahren im nördlichen Stuttgart und arbeite als Job Coach bei der auticon GmbH – ein IT-Dienstleister, der ausschließlich Menschen im Autismus-Spektrum als IT-Consultants beschäftigt. Ich fühle mich bisher sehr wohl hier und in der Umgebung.

Ich habe an der Goethe Universität in Frankfurt Erziehungswissenschaften studiert und direkt im Anschluss meinen Master an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz in der Fachspezialisierung Erwachsenenbildung und Medienpädagogik absolviert. Daneben habe ich über die Europäische Akademie für Heilpädagogik den Nachweis der Qualifikation für das Heilpädagogische Handlungsfeld Autismus und die Befähigung zur heilpädagogischen Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum erlangt.

Als ich ein Praktikum im Staatlichen Schulamt in Mannheim absolviert habe, kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Autismus in Berührung. Ich wusste davor nicht viel darüber. Während dieses Praktikums sah ich den Begriff Autismus an einer Tür stehen und allein von diesem Begriff fühlte ich mich auf irgendeine Art und Weise angezogen. Ich habe dann bei der zuständigen Fachperson hospitiert und mein Interesse am Thema Autismus wurde noch größer.

Meine ersten Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum durfte ich dann im AutismusZentrum Bruchsal als Schulbegleiterin sammeln.

Du hast mir erzählt, dass Du längere Zeit als Schulbegleiterin für Autisten gearbeitet hast. Welche Diagnosen hatten die Kinder?

In meiner Tätigkeit als Schulbegleiterin betreute ich nacheinander verschiedene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie alle waren Menschen im Autismus-Spektrum mit einer Diagnose des Asperger-Syndroms. In den ersten beiden Jahren habe ich einen Jugendlichen betreut. Danach waren es dann zwei in einer Klasse.

Vor welchen Herausforderungen standen sie im Schulalltag und wie konntest Du ihnen dabei helfen?

So unterschiedlich wie die Menschen im Autismus-Spektrum sind, so unterschiedlich waren auch deren Herausforderungen im Schulalltag. Ich würde sagen die autismusspezifischen Herausforderungen sind immer wieder wie ein roter Faden in meiner Tätigkeit als Schulbegleitung zum Vorschein gekommen. Hier einige Beispiele dazu:

Viele hatten Schwierigkeiten in den Bereichen Organisation und Planung. Es fiel ihnen schwer sich auf Arbeiten vorzubereiten und einzuschätzen, wann sie mit dem Lernen beginnen und auch wie sie dabei vorgehen sollten. Hierbei konnte ich sie mit Hilfe von Ablaufplänen und Strukturen unterstützen. Ein Terminkalender mit den wichtigsten Terminen und Aufgaben zum Abhaken war oftmals eine weitere große Hilfe für die Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum.

Manche wiederum hatten Probleme dabei, die Aufgabenstellungen zu verstehen, oder waren von zu vielen aufeinanderfolgenden Fragen überfordert. Hier konnte ich die Aufgaben in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften so umformulieren und aufbauen, dass diese für sie nachvollziehbar wurden und sie die Aufgaben bearbeiten konnten.

Wenn klar war, dass eine Geräuschempfindlichkeit vorliegt, wurde im Voraus ein Raum organisiert, in welchen sich der Schüler oder die Schülerin dann bei Bedarf zurückziehen konnte.

Wieder andere hatten viele Fragen in Bezug auf das Thema Peer Group und Freundschaften. Hier konnte ich durch Gespräche viel erreichen.

Auch das Thema Kommunikation musste ich immer wieder mit den Schülerinnen und Schülern, die ich begleitet habe, aber auch mit den Klassenkameraden und Bezugspersonen, besprechen.

Ist es aus Deiner Sicht wichtig, dass Schulbegleiter und Eltern sich austauschen?

Absolut. Meiner Ansicht nach sind die Eltern in dem ganzen Prozess sogar sehr wichtige Ansprechpartner, wenn es um die Schützlinge geht.
Die Eltern kennen ihr Kind am besten und wissen, was ihr Kind nervös macht, ängstigt und was er oder sie gut kann und was weniger. Die Eltern bemerken Stimmungsschwankungen oder auch Verhaltensänderungen an ihrem Kind. Hierbei ist es enorm wichtig, dass Eltern und Fachpersonen ein gemeinsames Ziel haben, nämlich das Kind gemeinsam so gut zu unterstützen, damit dieses in seiner schulischen und auch privaten Umgebung optimale Rahmenbedingungen vorfindet, um sich weiterzuentwickeln.
Es passiert immer wieder, dass sich Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum durch die Reizüberflutung in der Schule zu Hause erst einmal „abreagieren“ müssen. Wenn es zu Hause zu solchen Vorfällen kommt, ist es sehr wichtig, dass die Eltern des Kindes die Fachperson informieren, damit diese wiederum auffälliges Verhalten in der Schule richtig einordnen kann.

Was würdest Du angehenden Schulbegleitern für autistische Kinder als Tipp mit auf den Weg geben?

Nach meiner Erfahrung ist der Beziehungsaufbau in erster Linie das Wichtigste. Denn erst, wenn sie eine Beziehung und Vertrauen zu dem Kind und auch den Eltern aufgebaut haben, haben sie eine gute Basis geschaffen, um gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten und auch etwas zu erreichen.
Widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit dem Schüler oder der Schülerin, finden Sie über deren Interessen Gemeinsamkeiten, über die Sie dann wieder eine gute Arbeitsbasis schaffen können.
Haben Sie viel Geduld, denn diese wird am Ende gewinnbringend sein.

Vor Kurzem hast Du als Jobcoach bei auticon angefangen. Wie kamst Du zu auticon und was ist dort Deine Aufgabe?

Als klar wurde, dass ich nach Stuttgart ziehe, hat mich mein damaliger Vorgesetzter auf auticon aufmerksam gemacht. Ich habe den direkten Kontakt zur damaligen Job Coachin hier in Stuttgart aufgenommen und mich persönlich bei ihr vorgestellt. Damals waren leider weder bei auticon noch in anderen Einrichtungen, die im Autismus-Bereich tätig sind, Stellen frei. Aus diesem Grund war ich in der Zwischenzeit an einer Ganztagesschule tätig, wobei mein Interesse am Autismus auch in dieser Zeit nicht nachgelassen hat und ich viele Bücher zum Thema Autismus gelesen habe.

auticon habe ich weiterhin immer beobachtet. Als dann Anfang dieses Jahres die Stelle als Job Coach ausgeschrieben wurde, habe ich mich natürlich gleich beworben und mich sehr darüber gefreut, dass ich die Stelle auch tatsächlich bekommen habe. Jetzt darf ich wieder im Autismus-Feld tätig sein sowie meine bereits gesammelten Erfahrungen erweitern und darauf aufbauen.

In meiner Tätigkeit als Job Coach bei auticon bin ich dafür zuständig, Menschen im Autismus-Spektrum zu rekrutieren, die gut in unser Unternehmen passen.
Die Voraussetzungen für eine Anstellung bei auticon sind eine Autismus-Diagnose und eine Leidenschaft für IT. Eine abgeschlossene Ausbildung ist nicht nötig.
Wir fokussieren uns immer auf die Stärken unserer Bewerber und Mitarbeiter. Durch ihr, wie wir sagen, anderes Betriebssystem, bringen sie in vielen Bereichen herausragende Fähigkeiten mit, die sie einfach einzigartig machen.

Wenn die Bewerbungen bei uns ankommen, führen wir im ersten Schritt ein Informationsgespräch mit dem Bewerber durch. Dabei geht es erst einmal darum, sich gegenseitig kennenzulernen und herauszufinden, welche Stärken und welche Herausforderungen der Bewerber mit sich bringt. Wenn der Bewerber und auch wir nach diesem Gespräch der Meinung sind, dass wir geeignete Projekte haben, in denen wir ihn einsetzen können, wird dieser im zweiten Schritt zu einer Kompetenzanalyse eingeladen.
Hierbei handelt es sich um standardisierte Tests, mit denen im ersten Teil die Aufmerksamkeit, Konzentration, das Problemlösen und die Mustererkennung erfasst werden, im zweiten Teil bekommen die Bewerber eine fachliche Aufgabe zur Bearbeitung.

Die Kompetenzanalyse führe ich mit drei bis vier Bewerbern gleichzeitig durch. Wenn dieser Test gut verläuft und beide Seiten weiterhin an einer Anstellung interessiert sind, wird der Bewerber im dritten Schritt zur Vorbereitungsphase eingeladen. Diese dauert abhängig von der Qualifikation i.d.R. bis zu zwei Wochen und wird mit maximal fünf Bewerbern durchgeführt.
Die Vorbereitungsphase ist ein Training für den Berufsalltag als Consultant. Es werden Workshops zu den Themen soziale Interaktion und auch fachliche Schulungen durchgeführt. Danach wird dann entschieden, ob der Bewerber bei uns angestellt wird.

Wenn der Bewerber bei uns angestellt wird, gehört es zu meinen Aufgaben, den Kunden über das Thema Autismus aufzuklären und unseren Mitarbeiter mit seinen Stärken und individuellen Eigenschaften vorzustellen.
Ich unterstütze unsere Mitarbeiter, wenn es notwendig ist, bei der Planung und Durchführung des Arbeitswegs, da die Projekte nicht immer in Stuttgart sind.
Ich passe gemeinsam mit dem Kunden und dem Consultant den Arbeitsplatz an, wenn es notwendig ist. Also bin ich sozusagen das Bindeglied zwischen dem Kunden und unseren IT-Consultants. Wenn unsere Mitarbeiter ein Coaching zu einem bestimmten Thema brauchen, können sie das mit mir gemeinsam durchführen.

Ähneln die Schwierigkeiten von Autisten im Berufsleben denen im Schulalltag? Wo liegen Parallelen, wo Unterschiede?

Auf jeden Fall. Ob in der Schule, im Berufsalltag oder im privaten Umfeld, wir müssen uns immer und überall gut organisieren und mit den Menschen in unserer Umgebung in Kontakt treten.
Das sind Herausforderungen, mit denen Menschen im Autismus-Spektrum täglich konfrontiert sind. Hinter jeder Handlung und hinter jedem Ablauf steht ein Plan, der bei uns neurotypischen Menschen meistens schon automatisiert abläuft. Für Menschen im Autismus-Spektrum läuft das nicht automatisch ab. Sie müssen sich jede Handlung mühsam erarbeiten.

Ich würde sagen die Parallelen liegen in den Themen Handlungsplanung, Kommunikation, soziale Interaktion und der Außenwirkung.
Wenn ich länger darüber nachdenke, fällt es mir nicht leicht Unterschiede zu finden. In der Schule werden wir durch Noten beurteilt, diese Noten werden im Arbeitsalltag durch andere Bewertungsarten abgelöst. Auch im Berufsleben sind wir, wie in einer Klasse mit mehreren Menschen im Team und müssen in der Lage sein in Kommunikation zu treten, um unsere Ziele zu erreichen, d.h. die Themen und Herausforderungen für Menschen im Autismus-Spektrum bleiben durch ihren gesamten Berufsbildungsweg erhalten.

Was muss sich aus Deiner Sicht für Autistinnen und Autisten in unserer Gesellschaft verändern? Was konkret im Schul- und Berufsleben?

Bei unserer Arbeit werden wir immer wieder mit Vorurteilen und Berührungsängsten gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum – oder Menschen die „anders“ sind – konfrontiert.
Vielen Menschen fehlt das Wissen über Autismus, es wird oft als eine neurologische Schwäche oder Behinderung abgetan. Dass Autismus aber in ganz vielen Fällen auch zahlreiche Stärken mit sich bringt und dass diese Menschen richtig gefördert werden müssen, ist vielen nicht bewusst.
Mir persönlich ist es daher sehr wichtig, das Bild von Autismus zu verändern und zu überzeugen, wie die herausragenden Fähigkeiten ideal eingesetzt werden können. Das ist auch das Ziel von auticon.

Möchtest Du noch etwas loswerden?

Ich denke, dass ich alles, was mir wichtig war und ist, loswerden konnte und durch deine gezielten Fragen auch kein Aspekt offengeblieben ist.
Ich würde mich freuen, wenn wir deinen Lesern hiermit einen weiteren spannenden Beitrag liefern konnten. Sollten dennoch weitere Fragen offengeblieben sein, können sie gerne im Nachgang noch gestellt werden.

Danke, liebe Lejla, es ist sehr spannend und informativ, Dir zuzuhören.
Toll, dass es Menschen wie Dich gibt, die nicht defizitorientiert denken, sondern durchaus die Stärken von AutistInnen zu schätzen wissen. Vielen Dank für Deinen Einsatz und das tolle Interview.

Lejlas Kontaktdaten:

Lejla Rahmanovic
Jobcoach bei auticon
Stuttgart
lejla.rahmanovic@auticon.de

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3 comments

  • Sarina

    Toller Beitrag.
    Von Auticon hört man ja inzwischen immer mehr. Blöde nur das ein Autist dafür später umziehen muss weil die Firma zu weit weg ist… 😔
    Trotzdem hofft man bei all den positiven Aspekten und Aussichten,das auch mein Sohn etwas passendes finden kann.
    Vielen Dank

  • Es ist hilfreich und gut, dass es eine Firma wie Auticon gibt. Es täuscht aber die Öffentlichkeit/die Gesellschaft darüber hinweg, dass Unterstützung vor Ort fehlt, obwohl das gerade dort so wichtig wäre. Außerdem interessieren sich nur etwa 20 % der AutistenInnen für den IT-Bereich. Also bleiben 80 % übrig. Was ist mit diesen???? In Berlin gibt es Diversicon (soweit ich gelesen habe) – Deutschland ist aber größer und überall leben AutistenInnen.
    Mir fällt auf, dass Ausbildungsmöglichkeiten in Berufsbildungswerken hochgelobt und angepriesen werden. Dass dies aber so gut wie immer mit Internatsunterbringung und dem Herausreissen der AutistenInnen aus ihrem sicheren und gewohnten Umfeld samt mühsam aufgebautem Unterstützungsnetzwerk einhergeht, wird geflissentlich „übersehen“. Allerdings kommen im Fall eines Scheiterns Anmerkungen zu der fehlenden Flexibilität und Veränderungsangst, gerne auch als Sturheit bezeichnet.
    Um die Situation grundlegend zu verbessern, müssten andere, neue Wege eingeschlagen werden. In Bayern gibt es weder den Förderschwerpunkt Autismus noch ein allgemein wenigstens rudimentäres Grundwissen über Autismus, insbesondere bei höherfunktionalen Formen.
    Es fehlt in ländlicheren Gegenden an Therapeuten mit Fachwissen und hier insbesondere für junge Erwachsene und Erwachsene. Die andere Art des Lernens von autistischen Menschen ist nicht bekannt (oder wird ignoriert?). Hilfen/Unterstützungen bei Schwierigkeiten werden unterlassen, obwohl diese gar nicht mal viel Arbeit machen würden. Oft mit der Begründung, dass der autistische Mensch seinen bisherigen Weg doch auch so geschafft hat und das doch auch weiterhin ginge. Dass dann aber Überforderung, Burnout und Depression vorprogrammiert ist, wird ignoriert oder negiert.
    Ich finde, eine stärkenoriente Wahrnehmung von AutistenInnen ist wichtig und gut, jedoch bringt das Ignorieren der Defizite im Endeffekt auch nix!
    Ich finde die derzeitige allgemeine Situation bei Autismus ziemlich frustrierend. Nicht nur ich mache diese Erfahrungen mit meinen beiden Aspergern (16 Jahre auf Ausbildungssuche und 20 Jahre mit fertiger Ausbildung und nun Probleme in der Arbeitswelt Fuß zu fassen), sondern ganz viele Eltern aus der Selbsthilfegruppe.

    • Kerstin Boeck

      Liebe Bärbel ich stimme dir voll und ganz zu.
      Auch ich habe einen 29 jährigen Sohn Asperger Autist und Legastheniker (IQ 143 in Marburger Uni Autismusforschung getestet). Es hat schon mal lange gedauert bis die richtige Diagnose gestellt war. Es wurde erst vermutet Hyperaktivität und ADHS, eine Kinderpsychaterin kreierte das Syndrom des ungeschickten Kindes, bis ein haljährlicher Klinikaufenthalt in der 3. KLASSE zur Diagnose Asperger Autismus führte. Damals wurde erst eine Autismusambulanz in Leipzig aufgebaut und mein Sohn war einer der ersten Patienten welcher dort übernommen und betreut wurde. Zu dieser Zeit kannte man unter Autismus eher den Frühkindlichen Autismus von Canner. Selbst unter Fachleuten gab es noch viel Unwissen oder Halbwissen über Asperger Autisten. Auch die Mitarbeiter der neuen Autismusambulanz waren zwar sehr engagiert aber selber noch am lernen und Erfahrung sammeln. Noch schlimmer gestaltete sich das Verständnis und das Interesse der Lerher in den Schulen. Hilfe und Unterstützung ( z.B. Schulbegleitung, Nachteilsaushleich) über das Jugend- und Schulamt mussten letzten Endes gerichtlich durchgesetzt werden und auch dann wurden sie meist unzureichend umgesetzt. Bei jedem Schulwechsel ging der Kampf von neuem los, selbst später im BBW zur Arbeitserprobung und Berufsfindung und später Berufsausbildung ging es nie ohne Probleme, auf Grund von Unwissenheit, Unverständnis, Ungläubigkeit und unzureichender Unterstützung + Nachteilsausgleich. Selbst in Einrichtungen welche mit langjähriger Erfahrung mit Autisten werben mangelt es oftmals an Basiswissen. Daher verlängert sich die Schul- und Ausbildungszeit der Autisten oft um ein vielfaches da immer wieder Schuljahre und Prüfungen wiederholt werden müssen, da durch Benachteiligung wegen fehlenden, bzw unzureichenden Nachteilausgleich Ziele nicht erreicht werden, nicht weil sie es nicht können oder Wissen, sondern weil sie nicht in ihnen zustehende Lage versetzt werden, ihre Fähigkeiten und Wissen darzulegen. Oft wird, wenn überhaupt, der Nachteilsausgleich sn den Möglichkeiten der Schule oder Einrichtung gewährt, und nicht den Bedürfnissen des Autisten, was dann dazu führt, dass der autistische Mensch weit unter seinen Möglichkeiten bleibt.
      Oft sind die Lehrer auch überfordert, da egal welchen Kenntnissstand sie über Autismus haben, sie nicht wissen ob und wie sie den Nachteilausgleich gewähren können/ dürfen.
      Ständig muss sich mein Sohn anhören, dass er sich nur mehr konzentrieren muss, oder die anderen benachteiligt werden wenn er z.B. mehr Zeit (er benötigt i.d.R. doppelt soviel Zeit) bekommt oder weniger Aufgaben. Das heißt also, lieber nimmt man in Kauf, dass ein Mensch, der auf Grund seiner Behinderung oder besser seiner Andersartigkeit sowieso schon mit viel Schwierigkeiten und Kraftaufwand zu kämpfen hat, benachteiligt wird. Mein Sohn hat also mit viel Kraft und z.T. anwaltlicher Untetstützung sein Realschulabschluss und sein Jahresabschluss zum IT Fachinformatiker für Awendungsentwicklung geschafft. Möchten noch Informatik studieren um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Deshalb macht er am Kolleg sein Abitur nach. Konnte nun nicht zur Abiturprüfung zugelassen werden, da er nicht genug Punkte erreicht hat, da er auf Grund keinen oder zu geringem Nachteilausgleich bei den Klausuren nicht fertig wurde und daher wenig Punkte erreichte auch wenn die erledigten Aufgaben meist richtig waren. Zum Glück ist seinem Widerspruch und Antrag auf ein weiteres Schuljahr stattgegeben wurden. Aber das bedeutet wieder Zeitverzögerung. Unser Schulsystem ist viel zu starr und unflexibel und lässt auch den Lehrern zu wenig individuelle Freiheit selbst zu entscheiden individuell angepasste Arbeiten zu verteilen. Es ja nich unbedingt notwendig alle gleiche Klausur schreiben zu lassen. Es muss das Wissen abgefragt werden und das kann man auch mit weniger Aufgaben und anderer Fragestellung. Auch bekommt er z.B. in Mathe, Physik oder Chemie bei Berechnungen keine Punkte auf den Rechenweg, nur 1Punkt auf das fast immer richtige Ergebnis, weil er keinen oder einen anderen Rechenweg hat. Mein Sohn sagt er weiß oft nicht was er hinschreiben soll, weil er wenn er die Aufgabe anschaut es sich ihm logisch erschließt, welches Ergebnis rauskommt. Wenn er hinschreibt wie er denkt, kann der Lehrer es nicht verstehen auch wenn das Ergebnis richig ist. Das ist ein großes Problem, da werden schlechte Noten vergeben obwohl alles richtig ist nur weil Autisten anders denken. Wenn so jemand eine 4 in Mathe bekommt, aber die schwierigsten Aufgaben richtig löst, erweckt das für einen Außenstehensen, dass er wenig Ahnung von Mathe hat und das Gegenteil ist der Fall. Das zeigt mir, dass Noten wenig über das wirkliche Wissen und die wahren Fähigkeiten aussagen. Daher komme ich immer mehr zu der Meinung, dass Noten abgeschafft werden sollten und durch schriftliche Einschätzung ersetzt werden. Da könnte man zum Beispiel schreiben, dass das fachliche Wissen voll umfänglichen vorhanden ist allerdings mehr Zeit zur Umsetzung benötigt wird, oder die Fragestellungen genau und eindeutig formuliert werden muss usw. Damit kann dann jeder was anfangen und das sollte für alle Schüler gelten.
      Es gäbe noch viel zu verändern nicht nur für Autisten, so auch für diagnostizierte Legastheniker oder Menschen mit Rechenschwäche, das diese keine Noten erhalten bzw wenn die Noten abgeschafft wären, kann das dann auch besser erklärt werden.
      Es ist auch ein Unding, dass auch wenn ein unbefristeter Schwerbehindertenausweis (mindestens Grad 50) vorhanden ist, der Autist immer wieder aufgefordert wird aktuelle Befunde und Nachweise seiner Beeinträchtigung zu erbringen. Das ist eine angeborene Andersartigkeit und keine Krankheit die behandelt werden kann. Die Menschen fühlen sich auch nicht krank und verstehen oft nicht warum sie schon wieder sich von fremden Menschen testen und untersuchen lassen müssen und wenn sie Pech haben kommen sie an jemanden der wenig Erfahrung oder veraltete Kenntnisse hat und unter Umständen entsprechend problematisch fällt dann das Fazit aus und zwingt dann womöglich den Autisten sich nochmal ein erfahrenen Spezialisten zu suchen, der das alles wieder richtig stellt.
      Es wird noch ein langer schwerer Weg zumal bisher Autismus in Gesellschaft, Bildung, Politik und Wirtschaft noch immer zu wenig bekannt ist, auch wenn schon kleine Fortschritte zu erzeichnen sind. Aber bisher ist es noch wie det Tropfen auf den heißen Stein.

      Viel Kraft und Mut und Dank an alle die unermütlich dabei helfen und daran arbeiten diese Menschen in die Mitte der Gesellschaft zu integrieren.

      Kerstin B.

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