Wenn Schulbegleiter nicht akzeptiert und Diagnosen angezweifelt werden (Gastbeitrag von Jule)

Jule (Name geändert) schickte mir eine Rückmeldung zu meinem Buch „Autistische Kinder brauchen aufgeklärte Eltern“, über die ich mich sehr freute. Sie bat mich, Euch an ihren Gedanken zu einzelnen Passagen teilhaben zu lassen.

Gastbeitrag von Jule:

Liebe Silke ich möchte Dir mitteilen wie gut ich Dein zweites Buch zu „Ellas Blog“ finde. Zugegeben, ich komme nicht sehr oft zum Lesen, aber ich möchte mich zu einigen Punkten äußern und von meinen Erfahrungen berichten.

Cover des Buches "Autistische Kinder brauchen aufgeklärte Eltern"

Meine Erfahrungen zum Kapitel: wenn Diagnosen angezweifelt werden:
Auf mich kam die Deutsch/English Lehrerin von Edwin (Name geändert) zu und wollte mit mir über sein Schriftbild sprechen. Ich sagte ihr, dass wir einen Gesprächstermin machen können und ich ihr dann erkläre, warum das so ist. Ich also nach Hause, um Infomaterial zum Weitergeben zu kopieren.
Als der Termin dann anstand, erklärte ich ihr, dass es was mit der Körperwahrnehmung zu tun hat und es ihn motorisch sehr anstrengt, einen Stift zu halten und zu führen. Und ich bat sie daraufhin, das Schriftbild nicht zu bewerten.
Ihre Reaktion war, dass sie mir auftrug, mit Edwin schreiben zu üben.

Ich war innerlich ratlos, denn alle meine Erklärungen liefen ins Leere. Sehr frustrierend.
Ich habe für Edwin gelbes Schreibpapier mit großem Zeilenabstand besorgt, dies war sehr schwer zu finden.
Wir unterhielten uns also weiter. Dann gab sie an, dass Edwin sich nicht wie ein Autist verhält und er gar keiner sei, sie hätte wohl eine Weiterbildung in unserer Autismus Ambulanz gemacht und sie kenne sich aus mit Autisten.
Ich finde das schon sehr anmaßend, solch eine Diagnose anzuzweifeln, noch dazu als Pädagogin. Es verhöhnt unseren monatelangen Marathon aus Tests und Untersuchungen, unsere jahrelange Aufopferung und Pflege etc.
Am Ende des Gesprächs gab ich ihr noch mein Infomaterial und verabschiedete mich.

Lies dazu auch gerne den Beitrag: „Vielleicht ist er jetzt nicht mehr autistisch“ – wenn Diagnosen angezweifelt werden

Meine Erfahrungen zum Thema Schulbegleitung, das im Buch aufgegriffen wird:
Edwin hatte auch Mal eine Schulbegleitung, mit der er sich wunderbar verstand. Die Schulbegleitung war von der Schule aus nur geduldet und durfte meistens nicht mit in den Unterricht. Wenn es Zeiten gab, in denen sie doch mit in den Unterricht durfte, brachte es Edwin sehr viel Gutes. Einige Blockaden wurden gelöst und er wurde zunehmend offener.
Nach einem Schuljahr plötzlich sagte man mir, Edwin bräuchte keine Schulbegleitung, weil er angeblich gut zurecht käme. Sie wurde von einem auf den anderen Tag gestrichen.
Nun ist er Stück für Stück wieder verschlossener geworden. Blockaden treten auch wieder häufiger auf und seine Mitschüler, naja davon will ich gar nicht anfangen.

Edwin hat inzwischen eine neue Klassenlehrerin bekommen, die ich sehr schätze, auch wenn nicht immer alles okay ist, aber sie ist ein sehr geduldiger und verständnisvoller Mensch und die Klasse wurde auch geteilt.
Ich habe gekämpft. Aber die Luft ist raus. Um eine Schulbegleitung zu kämpfen, habe ich momentan keine Kraft. Ich finde es schade, dass man um Menschenrechte kämpfen muss. Es geht ja um die Bildung und Zukunft der Kinder. Und letztendlich müssen sich die Kinder nicht auf den Lehrer einstellen, sondern der Lehrer auf die Kinder, denn um sie geht es.
Der ehemalige Klassenlehrer hat bei Edwin viel „versaut“ (rw), viele Dinge sind schiefgelaufen, viele Situationen haben Edwin zurückgeworfen. Und es wird vielleicht Jahre dauern, vielleicht auch nie, bis er so manches überwunden hat. Das Kuriose dabei ist, dass der ehemalige Klassenlehrer selbst eine Behinderung hat.

Durch die Beiträge auf „Ellas Blog“ fasse ich auch hin und wieder Mut. Sie geben mir Kraft und Selbstbestätigung. Danke.

Ich danke Dir, liebe Jule, dass Du Deine Erfahrungen und Gedanken mit uns teilst. Dieser Blog lebt vor allem auch davon, dass Erfahrungen und Wissen weitergegeben und Solidarität vermittelt wird. Alle Gute für Dich und Edwin, auf dass er verständnisvolle und wertschätzende Menschen in seinem Leben um sich haben wird.

Zum Onlinekurs „Autismus und Schule“, der aufklärt, mit Vorurteilen aufräumt, die Herausforderungen für autistische Schülerinnen und Schüler herausarbeitet und Lösungsansätze aufzeigt. Auch die Unterstützungsmöglichten inklusive der Weg der Beantragung einer solchen werden erklärt.

cover zum Onlinekurs Autismus und Schule

9 comments

  • Sibylle

    Hallo,
    ich finde es fatal, die Schulbegleitung zu streichen. Bei uns war es so, dass mein Sohn einen Schulbegleiter hatte, eine Inklusionsklasse auf der Regelschule besuchte, allerdings im Nachbarort. Der Schulbegleiter wechselte und es gab eine Schulbegleiterin, die mein Sohn kaum in Anspruch nahm. Mein Sohn sollte nach dem 7. Schuljahr, wieder in die Schule bei uns im Ort wechseln, was er aber auf keinen Fall wollte. Ich stellte einen Antrag auf Erziehungshilfe Schule, das wurde abgelehnt ebenso gab es keine Schulbegleitung mehr. Er musste in die Schule, in unserem Ort wechseln und alles ging bergab. Er ging anfangs unregelmäßig, später gar nicht mehr. Im 8. Schuljahr, hatte er so viel Fehlzeiten, wie noch nie und konnte nicht benotet werden. Seitdem geht er nicht mehr zur Schule…. Er bekam noch einige Erkrankungen und hat bis heute, keinen Schulabschluss. Mein besonderer Dank gilt dem Schulamt und dem Jugendamt, für diese weitreichende Entscheidung.

    • Jule

      Liebe Sybille.

      Ich kann deinen Frust gut nachvollziehen. Mein Sohn geht im Moment auch nicht immer 5 Tage die Woche zur Schule. Er hat einfach keine Energie Reserven mehr. Wir haben noch nicht Mal einen Psychologen, gefunden. Es laufen soviele unfähige Beamte rum. Sitzen hinter ihrem Schreibtisch und lassen ihren Stift tanzen. Haben aber keine Ahnung Ausser ihre Vorschriften. Lass den Kopf nicht hängen. Dir geht es nicht alleine so. Jule

  • Thomas List

    Liebe Silke, wenn ich das hier lese könnte ich vor wut in die Luft gehen. Ich bin so froh, dass wir so gute Erfahrungen machen konnten.
    In der Förderschule, wo der Einsatz in der wfbm geübt wird würde unserem Antrag auf arbeitsassistenz stattgegeben. Der andere Autist den wir 2018 in Betreuung hatten war mit Vollzeit!!! Schulbegleitung auf eine OberSchule mit eigenem förderplan. Die Lehrerschaft war sehr bemüht.
    Ich werde den Gedanken noch los, dass es immer um macht geht.
    Leider.

  • Matthias

    Liebe Silke, liebe Jule, dein Beitrag macht mich sehr betroffen. Ich arbeite seit 6 Jahren als Schulbegleiter und habe auch schon Wochenend- und eine Sommerfreizeit als Betreuer mitgestaltet. Es ist traurig wenn ein Lehrer nicht versteht wie wichtig ein Schulbegleiter für den Schüler sein kann. Ich habe vier Jahre lang einen Blinden mit autistischen Zügen begleitet und auch schon mehrere Fortbildungen über Autistischen gemacht. Das Autismusspektrum ist ja sehr groß. Wenn die Chemie zwischen Schüler und Schulbegleiter stimmt kann dies – auch im Unterricht – viel bewirken, so wie es ja auch bei Edwin war. Wenn die Kraft zum Kämpfen fehlt könnten ja vielleicht andere Mitbetroffene helfen ….

  • Sandra

    Ihr Lieben,
    so schlimm das Thema auch ist, es tut gut zu lesen, dass wir nicht allein sind ! Unsere Tochter ist „nur Asperger“, intelligent noch dazu – bedeutet sie schreibt gute Noten und ist in der Schule unauffällig, zieht sich zurück. Mit dem Schulalltag selbst ist sie aber völlig überfordert, Ausflüge und Gruppenarbeit, Sport sind eine Qual usw. , aber das sieht der Laie ja nicht. Schulassistenzen haben hier keinerlei Ausbildung, kommen vom Arbeitsamt und auch die Lehrer wissen nicht um Autismus…..so heißt es seitens der Schulbehörde „das Kind hat keine Behinderung und benötigt somit auch keine Hilfe“. Mitlerweile 3 Diagnostiken, Gutachten des Sozial- und sogar Bildungsministeriums, der Pflegekasse, die begleitenden Psychologen – all dies hat gegebüber der Schulbehörde keine Aussagekraft, wird nicht anerkannt…..

  • Matthias

    Hallo ihr Lieben, mich macht das alles sehr betroffen, was ich hier lese. Ich bin selbst schulbegleiter, und ich begleite einen 15 jährigen Jungen mit Muskeldystrophie im Rollstuhl. Er wird Zeit seines Lebens nicht ohne Begleiter sein können. Aus Gründen, die ich nicht konkret erfahren habe, darf ich seit einigen Monaten nicht mehr in der Klasse sein, und werde gerufen, wenn ich gebraucht werde. Der Schüler und dessen Eltern verstehen es nicht, sie möchten, dass ich im Klassenzimmer bleiben darf. Ich habe ein besonderes Vertrauen zu dem Schüler aufgebaut, und unterstütze ihn, wo ich kann. Mir wird vorgeworfen, ich würde ihn an seiner Selbständigkeit hindern. Im Augenblick kämpfen wir gerade darum, dass ich sein schulbegleiter bleiben darf.

    Mir scheint, dass in vielen Schulen der wirkliche Sinn von Inklusion noch nicht angekommen ist. Es geht doch darum, dass die Schule einen behinderten Schüler in die Klasse aufnimmt und ihm die Möglichkeit gibt, am Unterricht teilzunehmen. Es geht doch nicht darum, ihn zu zwingen, in Kontakt mit anderen Schülern vertreten oder sich für melden. Wie seht ihr das. Ich bin im Augenblick sehr betroffen. Ich empfinde das ganze als einen Skandal. Mit den Eltern wird überhaupt nicht gesprochen, und ich habe auch das Gefühl dass mein eigener Chef sich nicht für den Behinderten und benachteiligten Schüler einsetzt, sondern mehr für die Schulsicht plädiert.

    • Hasenmutti

      Ich bin selber SB und habe aus deinen Schilderungen heraus das Gefühl, dass die Kommunikation sehr stark gestört ist. Üblicherweise, wenn es ein Team ist, das Lehrer – SB Gespann, werden solche Maßnahmen besprochen.
      Ohne dich angreifen zu wollen, möchte ich fragen, ob du dich selbst bereits ausreichend reflektiert hast. Greifst du vielleicht doch zu oft ein? Könnte das Kind Dinge ohne dich, braucht evtl. etwas länger und du hast gedacht, es sei hilfreich, es zu unterstützen? Oder bist du in Bereichen aktiv geworden, die nicht zu deinem Job gehören, z.B. das Erklären von Aufgaben? Hast du dich in Belange des Lehrers zu sehr eingemischt? Zu sehr den Lehrer gespielt? Haben sich evtl. Eltern über deine Anwesenheit neg. geäußert? Es gibt so vieles, was wir beachten müssen. Wir sind Gast an den Schulen. Manchmal stören wir. Nicht alle von uns (eher die wenigsten) wissen, was sie tun. Was sie müssen, dürfen, sollen.
      Gibt es keinen Hilfeplan, aus dem hervorgeht wo du zu sein hast und wo deine Aufgaben liegen? Was sagt der Geldgeber (Fachbereich soziales, Gesundheitsamt) dazu?
      Du siehst, viele offene Fragen…

      Vielleicht magst du antworten.

      Ach – dein Chef wird um ein gutes Verhältnis zur Schule bemüht sein, da dieses wichtig ist, für alle nachfolgenden SB Einsätze.

  • Paula

    ….ist das nicht traurig das man in einem so fortschrittlichen Land nicht in der Lage ist unsere Kinder zu integrieren und jedes zu seinen ganz persönlichen Möglichkeiten.
    Unser Sohn ist fast 13 Jahre alt uns seit diesem Jahr haben wir endlich eine Diagnose – Asperger Autismus. Seit er 4 Jahre alt ist sind wir wegen seinen Besonderheiten von Therapeut, zu Ärzten, zu Ämtern unterwegs. Haben seine besondere Entwicklung überall mit angegeben und keiner hat uns bis jetzt geholfen. Im Kindergarten sind wir gebeten worden zu gehen, in der Grundschule wurden wir weggeblinzelt und in der Oberschule gab es „kein Mobbing“. Mit Hilfe einer lieben Freundin und ihrer Freundin aus dem Autismuszentrum hatten wir dann die Kraft unseren Sohnemann in eine Privatschule umzuschulen.
    Jetzt haben wir die Hilfe von einer super engagierten Schulleitung samt Team, haben ein Super Schulbegleiterin zur Hilfe und es wird vom Jugendamt abgelehnt mit der Aussage „..er wäre gut in Familie und Schule integriert.“ Hätte gute Noten (Durchschnitt 4 mit der Beurteilung versetzungsgefährdet!?! Wieder weiter kämpfen – wie denn noch, woher die Kraft nehmen, woher das Geld…..
    Ich kann dich sehr gut verstehe, dass einem irgendwann einfach die Energie ausgeht.

  • Johanna

    Irgendwie möchte ich nicht glauben, dass es in all den Jahren seit 2000 (Einschulung meines älteren Kindes) keine wirklichen Fortschritte bei den Angelegenheiten dieser besonderen Kinder gegeben hat! Aber: Nach wie vor sind viele Eltern (ja, sagen wir ruhig wie es ist: Vor allem die Mütter) sehr schwer belastet und sie bekommen kaum Anerkennung und tatkräftige Unterstützung für ihre oft unsäglichen Mühen, ihr Kind auf den „richtigen“ Weg zu schicken. Das ist es doch, was Teilhabe bedeutet: An den gesellschaftlichen Angeboten teilnehmen können. Und wenn sich die Eltern ein Bein ausreißen(RW!), um es dem Kind zu ermöglichen, dann sperrt sich ein komplett unwilliger, uninformierter Mensch dagegen und versagt einfach alle möglichen Hilfsangebote (aus Neid? aus Hilflosigkeit im Umgang mit…? Aus Boshaftigkeit?)
    Mich machen Geschichten wie die von Jule erst sprachlos und dann wütend.
    Mein aktuell bester Ratschlag ist der: Sorgt rechtzeitig für eine zuverlässige Rechtsschutzversicherung mit den nötigen „Risiken“ im Angebot. Dann hat man was im Hintergrund, was vielleicht mal sehr nützlich sein kann.

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