Von der Förderschule in die Mittelschule – wie ein autistischer Schüler seinen Weg geht

Noah ging viele Jahre auf eine Förderschule, als nichtsprechender Autist schien er dort am besten aufgehoben – bis er selbst mehr Bildung und damit eine andere Schule einforderte.
Noah ließ nicht locker und kämpfte um eine andere Beschulung. Dabei trotzte er vielen Hürden und den Lockdowns wegen der Pandemie und meisterte den Übergang in die Mittelschule mit der Unterstützung seiner Eltern großartig.
Seine Mama verfasste mit Noahs Erlaubnis einen Gastbeitrag darüber:

ICH FINDE FÖRDERSCHULE LANGWEILIG, mit diesem Satz, den unser 12jähriger autistischer nonverbalen Sohn per Gestützter Kommunikation auf seine Tafel tippte, fing alles an. Bis dahin waren wir der Meinung, dass die spezielle Förderschule für Autismus, die er seit der 1. Klasse besuchte, genau das richtige für ihn war. Umgeben von Fachleuten, die die Schüler wertschätzten, gezielter Förderung und Kommunikationsanbahnung – sozusagen ein „Allinklusive-Paket“.

©Quelle: Ellas Blog, Gastbeitrag Noah

Seine Lehrerin nahm ihn damals ernst und organisierte einen Gastschulbesuch im benachbarten Gymnasium. Eine Stunde Geschichte wöchentlich mit einem Begleiter, so ging das zwei Jahre. Noah wollte gerne länger und öfters hin, das wurde uns abgeraten wegen möglicher Überforderung.
Dann kam er in die Berufsschulstufe. Gastbesuche waren aus verschiedenen Gründen erstmal nicht möglich. Das machte ihn wütend und er griff zu einem Druckmittel, um seinen Wunsch klarzumachen. Jeden Tag kam mit dem Fahrbus ein großer Sack Wechselwäsche zurück. Ermahnungen wie: Du bist doch ein großer Junge und kannst aufs Klo, prallten an ihm ab. Mit seinem Papa schrieb er auf: ICH WILL IN EINE ANDERE SCHULE. ICH MÖCHTE DASS IHR EUCH FÜR MICH EINSETZT.
Uns wurde klar, das wir ihn ernst nehmen mussten. Ein Gespräch mit der Logopädin, die ihn seit vielen Jahren kennt und begleitet, ermutigte uns, sich mit dem Thema zu befassen und Neues zu wagen. Auch mit der Option, dass wir scheitern könnten.

So begannen wir, nach einer Schule zu suchen, die ein autistisches, nichtsprechendes Kind aufnehmen könnte. Wir versuchten es an einer privaten Gesamtschule, die diesbezüglich schon Erfahrungen hatte. Tut uns leid, die Klassen sind zu voll, leider kein Platz… natürlich, wer ruft schon freiwillig Hier bei so einem speziellen Fall.
Beim Anruf an einer anderen Privatschule kam das Nein schon, bevor ich überhaupt fertig gesprochen hatte. Wir waren frustriert.
Durch persönliche Kontakte versuchten wir es dann an der Mittelschule, und oh Wunder, im Juni bekam ich einen Anruf einer engagierten Lehrerin: sie hätte schon Erfahrung mit Autisten und könnte sich vorstellen, Noah in ihre jetzige siebte Klasse mit aufzunehmen.
Wir waren glücklich, aber auch etwas skeptisch, wie sollte er den ganzen Stoff nachholen? Und wie würde er die vielen Eindrücke an dieser großen Schule verkraften? Wobei es ja erstmal nur darum ging, soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Die Schulleitung war noch zurückhaltend und vereinbarte mit uns eine Probezeit. Vorher hab es noch einen Schuppertag im Juli. Es war der erste Coronasommer und alles nicht so wie sonst. Die Schulbegleiterin und ich begleiteten den aufgeregten Schüler. Er saugte den Unterrichtsstoff in sich auf, konnte mitreden beim Thema Gedicht Zauberlehrling und in Englisch konnte er überraschenderweise Synonyme erklären. Icecream – something cold and sweet, you can eat it. Dabei hatte er nie Englischunterricht gehabt.
Weshalb war das Kind denn an der Förderschule? Fragte mich die Schulbegleiterin.

ICH WILL DA IMMER HIN tippte mein Sohn später auf die Tafel. Er konnte es kaum erwarten, bis es dann im September endlich los ging. Mit einer neuen Schultasche, Ordner, und richtigen Schulbüchern. Seine Mitschüler aus der Förderschule hatten ihm ein Plakat geschenkt mit Texten wie: Du schaffst es, wir sind stolz auf dich. Wir hängten es gut sichtbar an Noahs Zimmertür.
Anfangs war ich im Unterricht dabei, da die Schulbegleiterin das Gestützte Schreiben noch nicht beherrschte. Wir merkten bald, das Kommunikation das A und O war, sonst war kein Miteinander oder eine Unterrichtsteilnahme möglich.
Die Fahrt zur Schule klärte sich dann auch, nachdem sich Bezirk und Stadt einig geworden waren und bewiesen war, das unser Sohn nicht alleine in den Bus einsteigen und zur Schule fahren kann. So bekam er eine Taxi-Einzelbeförderung mit wechselnden Chauffeuren.

Er hielt die Stunden bis mittags tapfer durch, wobei ungeplante Aktionen wie Probealarm oder eine unerwartete Yogastunde ihn gehörig irritierten. Und das, obwohl ihm attestiert worden war, dass er als Autist mit zwei Schulstunden überfordert wäre. Zum Glück gab es gleich neben dem Klassenzimmer einen winzigen Nebenraum, in den Noah flüchten konnte, wenn ihm die Eindrücke zu viel waren und er Ruhe brauchte.

Wegen kranker bzw. fehlender Schulbegleiter und Quarantäne wurde die Probezeit bis zum Ende des ersten Halbjahres ausgedehnt. Dazwischen wurde die beliebte Klassenlehrerin schwanger und durch eine neue Lehrerin ersetzt.
Schulbegleiterin Nummer 3 war eine Pädagogin, nachdem wir mit viel Einsatz und Gutachten beim Bezirk auf eine Fachkraft upgegradet hatten. Die beiden machten das prima, sie lernte schnell die Gestützte Kommunikation und motivierte unseren Sohn zu ungeahnten Leistungen. Bislang hatte ich ihm die Aufgaben und Texte immer vorgelesen. Das kann er doch selber, meinte sie. Du musst es ihm nur hinhalten, das schafft er selber.

Im Dezember kam der Lockdown mit der Schulschließung. Noch mehr Änderungen. Es begann das Homeschooling und innerhalb weniger Tage kauften wir einen Laptop, installierten Teams und los ging’s mit dem Unterricht im eigenen Zimmer.
Sehr gewöhnungsbedürftig, weil es keine klare Trennung zwischen Schule und Zuhause mehr gab. Jeden Tag mussten wir mehrfach erklären, warum, wieso, wie lange.

Im Januar war es dann soweit, beim Runden Online-Tisch mit Schulleitung, Lehrkräften, Inklusionsbeauftragten usw. wurde bestätigt, dass Noah die Probezeit erfolgreich absolviert hatte und nun ein richtiger Schüler war. Wir waren überglücklich, noch vor einem Jahr hätten wir uns das nicht vorstellen können. Und nachdem er ein eifriger Schüler war, beschlossen wir auch noch, ihn lernzielgleich unterrichten zu lassen. Das hieß, er musste auch an den Prüfungen teilnehmen. Es gab einen Nachteilsausgleich, das bedeutete für ihn 50% Zeitzuschlag für Prüfungen, Rechtschreibung wurde nicht berücksichtigt und Kunst und Sport nicht bewertet.

Das Schuljahr nahm weiter seinen Lauf, die Schulbegleiterin fiel wegen Schwangerschaft aus, dann kam wieder jemand neues und der Unterricht fand wieder in der Schule statt.

©Quelle: Ellas Blog, Gastbeitrag Noah

Für die anderen Schüler kein Problem, aber Noah kostete die Umstellung viel Kraft. Es gab ein erstes Praktikum im Gartenprojekt der Lebenshilfe Tagesförderstätte. ES WAR SCHÖN ABER ICH WILL LIEBER WEITER IN DER SCHULE WAS LERNEN war seine Meinung. Ein Highlight war der Ausflug in den Tiergarten, dann war das Schuljahr auch schon zu Ende.

Am letzten Schultag strahlte er, als er stolz sein Zeugnis entgegennahm. Seine Lehrerin verabschiedete sich wehmütig, es wäre oft herausfordernd und anstrengend gewesen, aber auch so bereichernd.

3 comments

  • Anja

    Hallo, das ist wirklich schön. Es freut mich zu lesen, wie sehr ihr für euren Sohn einsteht und für ihn kämpft. Leider wird man schnell in Schubladen gesteckt, wenn irgendetwas nicht so funktioniert wie bei anderen Menschen. Ob Sprache oder etwas anders ist, man sollte nach den Stärken suchen und sie unterstützen und das habt ihr getan. Ihr könnt stolz auf euch und auf euren Sohn sein. Liebe Grüße Anja

  • Karin

    Hallo, ein ganz großes Lob für die Eltern, für das Durchhalten so viele Briefe zu schreiben, Bescheinigungen, Formulare, Gespräche, Telefonate … Viele Grüße Karin

  • Kaija

    Was für ein tolles Kind , – absolut beeindruckend! Die Eltern können zu recht stolz auf ihn sein . Natürlich auch an sie ein großes Lob für ihr Vertrauen , und ihre Bereitschaft, Noah zu unterstützen, genauso , wie an die Lehrer , die seinen Weg begleitet haben , aber ich finde am Großartigsten, wie Noah sein Ziel erkannt und durchgesetzt hat .

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