Susanne über ihre Zeit in Schottland und das Hinterfragen der Begriffe Behinderung und Normalität

Liebe Susanne, Du hast Behindertenpädagogik, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Bremen studiert und Deine Lehrerausbildung in Schottland absolviert. Warum bist Du nach Schottland gegangen? Wie gestaltete sich dort die Lehrerausbildung im Vergleich zu Deutschland?

Ich bin nach meinem Abitur ‚nur für ein Jahr‘ – famous last words – nach London gegangen, um mein Englisch zu verbessern. Lang blieb ich dort jedoch nicht, sondern fand bald eine Arbeit in einer heilpädagogischen Lebensgemeinschaft in Schottland. Das Land liebte ich vom ersten Moment an und in der Gemeinschaft fühlte ich mich sofort zu Hause. So wurden aus dem einen Jahr insgesamt – auch an anderen Orten Schottlands – fast 15 Jahre!
Die Lehrerausbildung ergab sich für mich als ein Zufall. Da sie eine Vorbereitung zur Waldorflehrerin und keine staatliche Ausbildung war, hatte sie eine ganz andere innere Ausrichtung.

Du hast während dieser 15 Jahre in einer Camphill-Einrichtung mit Autistinnen und Autisten gearbeitet. Was war das Besondere in dieser Einrichtung?

Ich landete in der Lebensgemeinschaft Garvald, West Linton in der südschottischen Borders Region. Äußerlich war dort das Besondere, dass sie während des Zweiten Weltkrieges von einigen jungen Leuten, die aus Deutschland und Österreich hatten fliehen müssen, gegründet worden war. Es ist ein schottischer Landsitz, der damals halb verfallenen war. Anfangs sorgten hier vier Erwachsene für 23 Kinder und Jugendliche, heute leben dort ca. 70 Menschen.
Für mich war es besonders, dass dort die menschlichen Qualitäten der Klienten viel Beachtung und Würdigung fanden und dass die meisten Mitarbeiter die Begriffe Normalität oder Behinderung – auch in sich selbst – oft hinterfragten. Das hatte ich zuvor noch nicht so erlebt.

Garvald Haus mit Garten

Garvald Haus mit Garten, Foto von Susanne

Wie sah dort ein typischer Arbeitstag für Dich aus und was war der Inhalt Deiner Arbeit?

Bei meiner Arbeit hatte ich zwei Schwerpunkte: zum einen waren fast alle MitarbeiterInnen einem Haushalt angegliedert, um dort morgens oder abends bei der Grundpflege und bei der Hausarbeit zu assistieren.
Zum anderen arbeiteten wir in unterschiedlichen Werkstätten (z.B. Bäckerei, Weberei, Tischlerei oder in einer kunsthandwerklichen Werkstatt). An drei Werktagen stellte ich mit sechs oder sieben Klienten vormittags Brot, Brötchen, Gebäck etc. für die Gemeinschaft her. Nachmittags arbeiteten wir meist draußen in einem wunderschönen Garten, wo ein Großteil des Gemüses und auch Obst angebaut wurde. Daneben verrichteten wir verschiedene Arbeiten auf dem weitläufigen Gelände.
Mittwochs gingen wir zum therapeutischen Reiten auf einem benachbarten Bauernhof und freitags fuhren wir zum Schwimmen in die nächste Kleinstadt. Jeden Samstag unternahmen wir einen Ausflug. Einige selbständige Bewohner fuhren zu ihren Familien oder auch einfach zum Bummeln nach Edinburgh.
Sonntags war Kulturprogramm angesagt: Entweder besuchten uns örtliche Künstler mit unterschiedlichen Darbietungen, oder wir veranstalteten unsere eigenen ‚Highland Games‘ – die traditionelle schottische Olympiade -, unseren ‚Grand Prix d‘Eurovision‘, einen bunten Zirkus, oder wir führten sogar einmal Shakespeares ‚Mittsommernachtstraum‘ auf.
Der Inhalt meiner Arbeit war also, Hilfe im Alltag zu leisten, Potenziale zu erkennen und zu fördern, zu beruhigen oder anzuspornen – kurzum: gut miteinander zu leben.

Schottland, Foto von Susanne

Schottland, Foto von Susanne

Was nimmst Du aus Deiner Zeit in Schottland für Deine Arbeit in Deutschland mit?

Viele schöne Erinnerungen! Für mich war es toll, mit vielen jungen Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten zu arbeiten und zu leben. Wir hatten viel Spaß und große Freude und arbeiteten ohne große Absprachen stets Hand-in-Hand, es ergab sich einfach so … und war absolut normal. Außerdem habe ich es beibehalten, meine Realität und sog. Normalität regelmäßig infrage zu stellen.

Hat Dich die Arbeit mit Autistinnen und Autisten persönlich geprägt?

Ja, klar! Vor allem fing ich dadurch an, mich selber kennenzulernen. Ich merkte sehr bald, dass eigentlich alle Menschen graduelle Abstufungen ungewöhnlicher Verhaltensweisen haben, die aus ihrer körperlichen Befindlichkeit oder/und aus ihrem sozialen Umfeld resultieren und immer einen persönlichen schützenden oder ausgleichenden Sinn haben.

Besonders intensiv hast Du Dich mit dem Thema Spracherwerb beschäftigt. Was ist Deiner Meinung nach wichtig für den Bereich Autismus?

Auf Stammhirnebene haben wir evolutionär schon sehr früh ein System von Selbst und Anderem erworben, durch das wir grundlegend kommunikativ-dialogisch ausgerichtet sind. Dieses System setzt sich fort, dabei entwickelt sich die Lautsprache in dem eigentlichen Sprachareal.
Die Grundlage des Spracherwerbs bildet im Babyalter ein wechselseitiger Austausch von Emotionen. Mit Einsatz der Lautsprache werden sie nach und nach durch Wörter, also Begriffe, überlagert. Neuronal betrachtet ist Sprache eine Handlung, da sich die Sprachareale im Laufe der Evolution im prämotorischen Kortex im Bereich der motorischen Handbewegungen als ‚Untermieter‘ angesiedelt haben. Daher kann man die Lautsprache zunächst durch Handlungen ersetzen und dann möglicherweise anbahnen.

Bei vielen Autisten ist das System von Selbst und Anderem beeinträchtigt, hieraus resultieren die Schwierigkeiten in der Wahrnehmung des Anderen und der Kommunikation mit ihm. Der Spracherwerb kann möglicherweise dennoch, in Abhängigkeit zum Grad der Beeinträchtigung, stattfinden.
Ich denke, am wichtigsten ist es, einen Dialog – wie auch immer er sich gestaltet – anzubieten, ihn aufrecht zu erhalten und wenn möglich, durch ein vielseitiges Sprachangebot Stück für Stück zu erweitern.

Ich bekomme oft Zuschriften, in denen Eltern mir ihre Sorge darüber mitteilen, dass ihre Kinder nicht sprechen. Ich rate dann häufig, Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation zu suchen. Was würdest Du diesen Familien mit auf den Weg geben wollen?

Ja, das ist eine sehr gute Idee, denn die Unterstützte Kommunikation ist ein weites und offenes Feld. Es gibt sowohl standardisierte Geräte wie den Talker oder Dialogkarten oder man stellt eigene Dialogkarten, z.B. Photos von den Lieblingsdingen oder -orten des Kindes her, um eine Kommunikation anzuregen.
Diese Eltern sind in einer besonderen Lage, denn sie müssen einen Dialog gestalten, der oft ‚ins Leere läuft‘. Ich bin sicher, die meisten Eltern arbeiten intuitiv richtig. Sie setzen bestimmt dort an, wo es einen gemeinsamen Verknüpfungspunkt mit dem Kind gibt und weiten diesen Bereich dann langsam aus.

Ich denke, dass unsere Kinder uns manchmal von selbst Kommunikationsstrategien anbieten, für die wir aufmerksam sein sollten. Die Kommunikation läuft dabei dann meiner Meinung nach auch sehr oft nur scheinbar ins Leere…

Oh, entschuldige, ich war nicht aufmerksam. Ja, was Du sagst, stimmt natürlich, er läuft nur scheinbar ins Leere. Ich war in Gedanken bei einem Jungen, mit dem ich in einer Schule arbeitete: er nahm häufig in seiner eigenen Art Kontakt auf. Spiele verstand er meist erst lange nach Pausenende, den vielen spontanen Veränderungen im Schulalltag konnte er nicht folgen und es war ihm zu laut. Er strengte sich an und war oft – stark zeitverzögert – richtig, aber die Lehrerin konnte das nicht sehen. Hier sind seine Kommunikationsversuche ins Leere gelaufen, da sie nicht in ihrem erwarteten Rahmen lagen. Ich denke, dies passiert leider öfters.

Was sollte sich Deiner Meinung nach für Autistinnen und Autisten in unserer Gesellschaft verändern? Was brauchen Autisten und ihre Familien?

Oh, ganz viel! Im Praktischen steht wohl bald eine Veränderung der Lehrpläne, um die autistischen Kompetenzen zu fördern, die Möglichkeit einer häuslichen Beschulung wie auch die Schaffung von angemessenen Arbeitsplätzen an.
Es heißt ja „Emotionen öffnen und schließen das Gehirn“, was zu 100% stimmt und bedeutet, dass in der Arbeit mit Autistinnen und Autisten eine stressfreie Grundstimmung, also z.B. ein reizarmes Umfeld, ein unbedingtes Muss jeglicher Entwicklung ist.
Wäre es nicht am Besten, die Betroffenen und ihre Familien selbst nach ihren Bedürfnissen zu fragen und versuchen, diese durch ein flexibles und unbürokratisches Unterstützungssystem zu decken?

Ja, damit hast Du natürlich Recht. Ich versuche das unter anderem auch hier im Blog immer wieder umzusetzen.
Was ist Dir sonst noch wichtig zu sagen?

Ich denke, die Autismusforschung hat noch längst nicht das Ende der Fahnenstange erreicht – neue Erkenntnisse schaffen stets neue Möglichkeiten auf unterschiedlichen Ebenen.

 

Herzlichen Dank, liebe Susanne, für diesen interessanten Einblick in Deine Arbeit. Alles Gute!

Susanne hat übrigens eine eigene Webseite und hält auch Vorträge zum Thema Autismus.

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Zum Weiterlesen:

Thomas im Interview über intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung – das Projekt Oderaue

One comment

  • Angela Middlecamp-Sommer

    Vielen Dank für dieses Interview. Auch ich beschäftige mich mit den Unterschieden, schon seitdem ich mit nach der Grundschulzeit von den U.S.A nach Deutschland kam. Komplett verschiedene Pädagogik! Da geht es mir nicht einmal um Lehrplaninhalte, es geht um den Gedanken fördern, stärken, ermutigen und Vieles mehr. Wie geht man mit ;Schwächeren‘ um? Ich habe Erfahrungen mit dem Umgang mit Dyskalkulie und Legasthenie. Es ist auch nach fast 20 Jahren für mich erschütternd wie sich Eltern teilweise so kämpfen müssen für ihre Kinder. Ich würde sagen in Schottland ist die Einstellung etwas anders, es ist eine Gesamtaufgabe der Gemeinden, Gesellschaft, Schulen etc. Das ist der Unterschied. Das ist beim Thema Autismus durchaus vergleichbar. Bei der Fachtagung in Rosenheim wird Professor Zimpel das Thema Lernstörungen und Autismus Spektrums Störungen als Gesamtaufgabe ansprechen, so wie er das bereits bei der Tagung in Dresden getan hat.

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