Lisa: „Autistische Frauen kompensieren so gut, dass sie kaum auffallen. Auf Dauer macht das krank.“

Der Kontakt zu Lisa hat mich sehr beeindruckt. Sie ist Autistin und bekam erst spät im Erwachsenenalter ihre Diagnose. Der Grund dafür ist, dass sie viel kompensierte bis sie an ihre Grenzen und darüber hinaus kam. Im Interview erzählt sie aus ihrem Leben und klärt darüber auf, warum Mädchen und Frauen so oft als Autistinnen übersehen werden.

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Liebe Lisa, Du bist Autistin. Wie alt bist Du und seit wann hast Du Deine Diagnose?

Ich bin 35, fast 36 Jahre alt und habe meine Verdachtsdiagnose am 27.10.2017 erhalten (F84.1, atypischer Autismus). Fast ein Jahr später, am 21.09.2018 werde ich meine endgültige Diagnose bekommen, am 03.09.2018 durchlief ich eine weitere Testung, die ich mit IGe-Leistung bezahlen musste. Hinauslaufen wird es auf F84.0, frühkindlichen Autismus mit Hochfunktionalität, dies sagte die Ärztin bereits nach dem Anamnese-Gespräch.

 

Was macht Dein Leben mit Autismus aus? Welche Stärken hast Du und wo liegen die Herausforderungen?

Ich habe einen Blick für Details sowie das Talent, jeden Rechtschreib- sowie Interpunktionsfehler zu sehen. Ich kann mir wahnsinnig gut Zahlen und Daten merken. Telefon-, Handy- und Kontonummern kann ich aus dem Gedächtnis abrufen, ebenso wie Geburtstage. Ich verbinde diese bewusst mit bestimmten Menschen, somit kann ich mir merken, wer sich hinter dem jeweiligen Geburtstag verbirgt – Gesichter verschwimmen sofort und werden einfach nicht erkannt.
Ein Sprachtalent habe ich auch, habe mir diverse Fremdsprachen selbst beigebracht. Kann diese aber leider fast nur schriftlich anwenden, da ich ein erhebliches verbales Kommunikationsdefizit habe. Das ist nicht einfach für mich, wenn ich andauernd Pronomen und Redewendungen sowie Verhältniswörter vertausche.

Ich arbeite Vollzeit im Büro und hasse das Telefon. Ich vermeide es möglichst, viel zu sprechen und schweige lieber, verrichte meine Arbeit schnell und gewissenhaft sowie zuverlässig. Aber all das geht nicht ohne Routinen: Immer denselben Weg zur Arbeit mit dem gleichen Bus um exakt dieselbe Uhrzeit, weicht es um ein paar Minuten ab, werde ich hochgradig nervös und unruhig, sogar fast panisch. Ich halte minutengenau meine Pausen bei der Arbeit ein sowie morgens beim Aufstehen erfolgt jeder Schritt in exakt derselben Abfolge wie am Vortag. Abends um 21 Uhr habe ich über Messenger mein Ritual mit meinem Partner, noch wohnen wir leider nicht zusammen.
Rituale sind für mich überlebenswichtig und geben mir Halt. Da mein Leben in sog. sozialen Situationen nur aus Unsicherheit besteht, kann ich mich an meinem Tagesablauf festhalten und den Tag unter größter Anstrengung bewältigen.

Eine erhebliche Herausforderung ist für mich die Unfähigkeit, Emotionen anderer zu erkennen. Ich kann es nicht ansatzweise und ecke somit überall an. Meine ständigen Fragen: „Was ist los, habe ich was falsch gemacht oder gesagt?“ Gestik, Mimik und Blicke anderer sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich habe deswegen auch kaum Freunde, baue mir jetzt aber langsam nach langer Zeit einen kleinen Freundeskreis auf. Online über Facebook sowie Freunde aus Selbsthilfegruppen und die meines Partners. Sie helfen mir alle.
Womit ich auch Schwierigkeiten habe: Interessen und Gefühle zu teilen. Ich kann keine Emotionen explizit benennen, ich fühle aber intensiv, nur kann ich es nicht beschreiben, was genau. Mein Betriebssystem läuft binär, es gibt dort wie beim PC nur 1 & 0. Sog. Grauzonen dazwischen sind für mich nicht existent. Ich freue mich über etwas sehr doll, zeige dies aber kaum – ein gestelltes Lächeln vielleicht und ein auswendig gelerntes Dankeschön, das tut mir und anderen sehr weh. Ich KANN es aber nicht. Nur schriftlich vermitteln, das wiederum ist kein Problem.

Ich weiß schon immer, dass ich anders bin und sage das auch. Der Autismus war immer schon da, aber unerkannt und relativ gut kompensiert. Aber durch die Kompensation wurde ich ernsthaft krank.
Das erste Anzeichen war eine Iris-Entzündung in meinem linken Auge, die wieder vorüber ging. Etwa ein halbes Jahr später hatte ich sehr starke Schmerzen in den Füßen und ging zum Orthopäden. Drei Jahre lang sagte er immer dasselbe: „Das ist eine nervliche Entzündung, da müssen Sie mit leben, geht irgendwann zurück.“ Ich konnte aber wirklich kaum mehr laufen.
Nach einer MRT-Untersuchung bekam ich den Befund: Aktivierte Arthrose (Ich war gerade 32 Jahre alt). Für mich brach eine Welt zusammen.
Ich bekam Medikamente und Einlagen. Beides vertrug ich nicht. Setzte die Medikamente ab und fing an zu kiffen. Das half mir nach kurzer Zeit, so dass ich einigermaßen wieder laufen konnte.
Seitdem ich die Diagnose habe, gehe ich offen mit dem Autismus um. Ich kompensiere ihn nicht mehr und wurde gesund (Depressionen weg, Arthrose ohne Schmerzen, kein Kiffen mehr nötig).

Was ich damit ausdrücken möchte: Kompensation ist falsch. Nur, um anderen zu gefallen, das eigene Ich zu verstellen, das macht krank. Der Körper richtet es gegen sich selbst. Ich habe es erkannt. Der hochfunktionale Autismus ist sehr gefährlich, aber das erkennen die wenigsten Fachärzte und auch Betroffene, weil sie bereits fast jede Hoffnung aufgegeben haben, was ihr Verhalten angeht. Und gerade Frauen sind so gut kompensiert, dass sie kaum auffallen. Deswegen schreibe ich als Frau, die schlimme Erfahrungen gemacht hat: Hinterfragt alles, jede Reaktion eures Körpers will euch was sagen. Sensibilisiert euch und lernt, Signale eures Körpers wahrzunehmen und zu erkennen. Es dauerte bei mir auch viele Jahre. Aber jetzt bin ich körperlich gesund, allerdings wird natürlich der Autismus noch sichtbarer als zuvor.

 

Wie ging es Dir in der Schulzeit?

Schulzeit? Bitte nicht noch einmal. Es war ja nicht nur die. Im Kindergarten war ich schon auffällig und spielte entweder allein sinnlose Spiele oder war in Konflikte verwickelt. Habe nach Elternabenden meist eine Ansage bekommen, ich möge mich bitte zurückhalten. Grundschule und Gymnasium, welches ich in der 10. Klasse wechselte, waren die schlimmsten Jahre meines Lebens. Ich wurde gemobbt, ausgelacht, verhöhnt, geschlagen und nachgemacht, ausgegrenzt und hintergangen. Die Lehrer haben das nicht sehen wollen und sagten zu meiner Mutter: „Ihre Tochter ist komisch und kann sich nicht in den Klassenverband integrieren, reden Sie ein ernstes Wort mit ihr, damit sie lernt, wie man sich benimmt!“
Sie war natürlich verzweifelt und stand mir bei, ist bei jedem Mobbingvorfall in die Schule gegangen und hat das Gespräch mit Lehrern und Eltern der Mitschüler gesucht, dass sie es lassen, mich zu mobben. Genützt hat es nichts. Im Gegenteil, es war kontraproduktiv und wurde noch schlimmer. Jeden Tag ging ich zur Schule und wünschte mir: Heute sind sie nett zu dir und lassen dich in Ruhe. Aber das war nie der Fall. Auch, wenn nicht aktiv gemobbt wurde, spürte ich die Blicke, hörte verstohlenes Gelächter und Fingerzeigen auf mich. Lautes Gelächter, wenn ich anfing zu sprechen. Ich wusste zu keinem Zeitpunkt, was mache ich richtig oder falsch, wann hören sie endlich damit auf?
Neue Strategie: Ich kopierte 1:1 ihr Verhalten und zog mich an wie sie, schminkte mich sogar etwas. Es wirkte aber künstlich, trotzdem bekam ich kurze Zeit Anerkennung und keine Ablehnung. Das klappte aber nur kurz, da es meine ganzen, geistigen Kräfte aufbrauchte.
Nach der Schule musste ich fast täglich erstmal schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich wollte Freundinnen haben, hatte auch eine kurzfristig, aber ich war distanzlos, war wie eine Klette, damit sie auch ja bei mir bleibt. Tat sie aber nicht. Somit drehte sie sich um und folgte dem Mob. Das ist erstmal alles zum Thema Schulzeit. Der eine oder andere Autist wird genau das kennen, das muss ich nicht ausführlicher schreiben, da Mobbing manche Menschen unheimlich triggert, wie mich noch vor zwei Jahren. Heute spreche resp. schreibe ich offen darüber.

 

Was würdest Du Pädagogen gerne sagen, die autistische Kinder in der
Klasse haben?

Gebt den Autisten eine Chance, ihr Potenzial zu entfalten! Lasst es nicht zu, dass sie gemobbt werden! Akzeptiert und integriert sie, erklärt nicht-autistischen Kindern, dass sie ein anderes Betriebssystem im Kopf haben und Anleitungen benötigen! Lasst Autisten die Aufgaben erledigen, die sie am besten können und zwingt ihnen nicht auf, bspw. eine Rechenaufgabe an der Tafel lösen zu müssen und sie damit zu demütigen sowie lächerlich dastehen lassen. Es gibt Autisten, die unter Dyskalkulie leiden, eine angeborene Rechenschwäche, wie ich sie habe.

 

Welche Tipps hast Du für autistische Kinder und Jugendliche?

Ganz ehrlich: Schwer zu sagen, da es selbst für mich schwierig ist, mich im Leben zurechtzufinden. Das Einzige, was wirklich wichtig ist: Sagt, dass ihr anders seid, sagt Bescheid, wenn ihr gemobbt werdet (es gibt in der heutigen Zeit Mobbingbeauftragte, die sich kümmern). Seid und bleibt so, wie ihr seid und lässt euch nicht manipulieren und verbiegen.

 

Warum denkst Du, dass gerade Mädchen und Frauen häufig erst spät
diagnostiziert werden?

Habe ich oben bereits erwähnt. Mädchen und Frauen wirken ob ihres Geschlechts zu unauffällig. Beispiel: Pferde und Reiten sind ein sehr beliebtes Hobby bei Mädchen und jungen Frauen. Ist eine von ihnen autistisch und beschäftigt sich ewig damit, ganz konzentriert, werden viele denken: Ach, die und ihre Pferde, aber gut, lass sie. Hat sie wenigstens eine Beschäftigung.
Auf ihr Verhalten bezogen heißt es oft: Stell dich nicht so an, andere bekommen das auch auf die Reihe! Und zack, ziehen sich die Frauen zurück und wirken „bloß schüchtern“. Dass die junge Frau vielleicht eine Entwicklungsstörung hat und massiv darunter leidet, auf den Gedanken kommt keiner. Auch haben die Frauen Angst, dass der Arzt ihnen ihre Vermutung abspricht, was bei guter Kompensation oftmals passiert. Darum ist auch die Dunkelziffer undiagnostizierter Frauen und Mädchen so hoch. Das muss sich ändern, sonst gehen diese einmaligen Wesen mit ihren Gaben und Begabungen unerkannt zugrunde, werden mit Medikamenten vollgestopft, die eklatante Nebenwirkungen nach sich ziehen. Auch kann es passieren, dass sich Frauen in einem endlosen Strudel nach unten befinden durch die ganze Ablehnung und Nichtakzeptieren durch andere. Am Ende des Strudels wartet leider oftmals der Suizidgedanke und dessen Umsetzung auf sie. Und das darf alles nicht mehr passieren.
Ich für meinen Teil habe gemerkt: Lisa, halt stopp – bis hierhin und nicht weiter. Mir wurden derzeit das erste Mal klare Grenzen gezeigt, ehe es zu spät war. Denn auch ich habe eine Narbe am Handgelenk, direkt über der Schlagader.

 

Hast Du aktuell Pläne? Womit verbringst Du deine Zeit?

Pläne habe ich. Möchte raus aus der Stadt zu meinem Partner umziehen. Jobwechsel steht bevor, irgendwann nächstes Jahr unsere Hochzeit… da wird sich noch vieles ändern.
Zeit außerhalb der Arbeit verbringe ich zuerst mit meiner Familie, wohne noch zuhause. Dann mit meinem Partner. Danach bin ich lange online und möchte, dass Autismus gerade bei Frauen publik gemacht wird.

 

Was wünschst Du Dir von Deinen Mitmenschen?

Akzeptanz, Anerkennung der Fähigkeiten, Förderung von Autisten und Weiterverbreitung von Wissen über diese ganz besondere Störung, deren Forschung ja noch fast in den Kinderschuhen steckt. Ich habe mir unglaublich viel Wissen angelesen (bin gelernte Kauffrau trotz Dyskalkulie und ohne medizinisches Studium), trotzdem weiß ich sehr viel über das Autismus-Spektrum. Ich erwarte auch von anderen, dass sie sich damit beschäftigen und unser Leid anerkennen und nicht milde belächeln. DAS wünsche ich mir, ein erweitertes Bewusstsein.

 

Was ist Dir sonst noch wichtig zu sagen?

Ich habe alles gesagt und bin froh, dass ich anders bin, da ich dadurch einen anderen Blick auf die egoistische Welt habe und dieses Verhalten nicht für gutheiße.

Das Ego ist die falsche Persönlichkeit.

Herzlichen Dank an Ellas Blog,

Lisa S. aus H.

Lisa schreibt auch einen eigenen Blog, Ihr könnt in direkt HIER auf Facebook besuchen.

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Herzlichen Dank an Dich, liebe Lisa. Du hast eine ganz besondere Gabe im Schreiben. Ich hing förmlich an Deinen Zeilen, als ich sie zum ersten Mal las. Danke für Deine wichtige und wertvolle Aufklärungsarbeit, die in dieser Form nur Du als Autistin leisten kannst. Kein neurotypischer Mensch kann vermitteln, was Du an Erfahrung und Wissen zu geben hast.
Danke. Alles gute für Dich, Silke alias Ella

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9 comments

  • Carsten

    Hallo,ich möchte gerne als Lisas Partner dazu sagen,das ich mich grad aufgrund ihrer Eigenschaften in sie verliebt habe. Sie ist z.B. bedingungslos ehrlich und ein ungeheuer starker Mensch.
    Das Leben mit einer autistischen Partnerin ist einfacher,als viele denken. Man(n) muß ein offenes Auge und Ohr für die Signale haben,die Autisten aussenden und diese richtig deuten. Das lernt sich schnell und macht das gemeinsame Leben wirklich einfach.

    • Zarinka

      Mit manch autistischen Partner/Partnerinnen mag das Leben unter Umständen hier und da auch einfach sein…einfacher als einige vielleicht denken, das will ich persönlich jetzt nicht in Abrede stellen.

      Jedoch für mich persönlich liest es sich jetzt doch ein wenig „zu einfach“, so nach dem Motto:

      „Man(n) muss „nur“ ein offenes Auge und offenes Ohr haben…aussendendes Signal des Autisten erkennen…dann noch richtig deuten (was sich schnell lernt) und schon macht es das gemeinsame Leben einfach.“

      Eine Partnerschaft erfordert doch eigentlich von beiden Partnern die Bereitschaft des ständigen Entgegenkommens, des Zuhörens aber eben auch gegenseitige Rücksichtnahme. An dieser Bereitschaft muss jahrelang immer wieder aufs neue gearbeitet werden.

      Ich gehöre hier anscheinend zu den wenigen? weiblichen Autisten die wohl so gut wie keine Signale aussendet. Das macht die Bereitschaft des Daran Arbeiten für uns beide immer wieder aufs neue recht schwer.

      Obwohl wir nun schon sehr lange verheiratet sind und einander doch recht gut kennen, war (und ist auch heute noch) unsere Partnerschaft alles andere als einfach. Und nicht jeder Autist „ist ein ungeheuer starker Mensch“, das darf auch nicht außer Acht gelassen werden.

      Wir (mein Mann und ich) respektieren und akzeptieren einander so wie wir nun ein mal sind. Doch das mussten wir beide erst einmal lernen, denn das ist einfacher gesagt als getan…es auch wirklich in die Tat umgesetzt bekommen, ist wirklich nicht einfach…leider.

      Ich persönlich finde es schön hier auch einmal von einem Partner einer Autistin zu lesen. : )

  • Melanie

    Vielen Dank für dieses Interview!

    Ich bin weiblich, 29 Jahre alt und habe letztes Jahr meine Asperger-Diagnose bekommen. Ich habe vieles von dem erlebt, was Lisa beschreibt.

    Vor allem das jahrelange Mobbing in der Schulzeit hat mich stark geprägt (soziale Phobie + rezidivierende Depressionen). Als Mädchen/Frau mit unerkanntem Austismus hat man es extrem schwer. Gerade weil man oft einfach als „schüchtern“ usw. abgestempelt wird, obwohl so viel mehr dahintersteckt!

    Seit der offiziellen Diagnose mache ich große Fortschritte. Ich bekomme spezifischere Hilfen, kann meine Probleme besser benennen und somit auch verstehen und lösen. Hätte ich diese Hilfe bereits früher bekommen, wäre mir viel Negatives erspart geblieben…

    Bleibt nur zu hoffen, dass das Bewusstsein der Menschen wirklich sensibilisiert wird für dieses Thema.

    Lisa, viel Glück auf deinem weiteren Weg!
    Silke, danke für deinen Blog und die wertvollen Beiträge!

    Liebe Grüße
    Melanie :-)

  • Betroffen macht es mich, dass Lisa so eine schlimme Schulzeit erleben musste, auch wenn vieles hier nur angedeutet wird. Was ich mich frage: Wenn Mobbing und Gewalt an Schulen so weit verbreitet sind, und wenn nahezu jeder Autist irgendwann in seinem Leben Mobbing erlebt hat, dann muss man sich schon fragen: Was läuft in unseren Schulen, in den Elternhäusern und in der ganzen Gesellschaft schief?

    Warum sind wir so oft nicht in der Lage, Kinder und Jugendliche zu empathischen Menschen zu erziehen, die schwächeren und gehandicapten Menschen mit Mitgefühl und Respekt begegnen, statt ihren eigenen Frust an ihnen auszulassen? Und warum gibt es auch unter Lehrern und Pädagogen so viele Feiglinge, die bewusst wegschauen? Und wie ist das alles mit dem Ziel der Inklusion zu vereinbaren? Wollen wir überhaupt Inklusion und Teilhabe für alle? Oder wollen wir in Wahrheit eine „Ellenbogengesellschaft“, in der letztlich nur das Recht des Stärkeren gilt?

    Das sind Grundsatzfragen, die den Rahmen eines Autismusblogs übersteigen, aber trotzdem: Bei all dem, was auch Lisa erlebt hat, kann ich es verstehen, wenn sich viele Autisten irgendwann ganz bewusst aus der Gesellschaft zurückziehen und sich nur noch in ihren eigenen Communities austauschen. Ich kann es auch verstehen, wenn einige Autisten (damit meine ich nicht Lisa) aus einer Art inneren Notwehr heraus anfangen, ihren Autismus zu idealisieren. Letzteres habe ich immer kritisch gesehen, aber es stimmt schon: Die gesellschaftlichen Reaktionen sind oft das größere Problem als der Autismus selbst. Es ist schade, dass es so ist – und ich wünsche mir von der Gesellschaft manchmal eine ehrlichere Diskussion über die oben angesprochenen Fragen.

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Vielen Dank für dieses Interview. Meine AS-Diagnose kam erst mit 24. Mobbingprobleme waren nur in der Grundschule und in der Berufsschule, die weiterführende Schule war eine christliche Privatschule wo großen Wert auf gegenseitige Akzeptanz gelegt wurde, obwohl es da auch Hänseleien gab, alles können die Lehrer halt auch nicht sehen. Zumal die Schule quasi ein Sammelbecken für alle war die woanders nicht klarkamen, drei viertel der Klasse hatten ADS/AHDS, LRS oder sonstige Verhaltensprobleme. Da bin ich schlichtweg übersehen worden. Totzdem bin ich froh dass es diese Schule war, weil 13 Jahre Mobbing hätt ich nicht gepackt. Deswegen habe ich nicht mehr so große Lust mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ich leb lieber in meiner eigenen kleinen gemütlichen Seifenblase. Mit der Diagnosestellung sind auch etliche Gesundheitsprobleme weggegangen (Rückenschmerzen, Fußschmerzen, Migräne). Arbeiten schaff ich aber nicht, dann hab ich chronische Nasenentzündung. Ich werf mir ja so schon haufenweise Immunstärkungskram rein , damit ich eben nicht dauernd krank bin.

    @Dario: Das Gleiche denke ich auch. Wieso können wir nicht einfach nett zuander sein? Die anderen NT-Kids haben ja im Prinzip nur das nachgemacht was ihre Eltern vorgemacht haben. Mobbing wird halt gern untern Tisch gewischt, weils ja unangenehm ist. So ala war doch nur Spaß…., sei doch nicht so empfindlich…

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Noch ein paar Gedanken: Ich habe ein total schlechtes Zeitgefühl, entweder ich bin im Hier und Jetzt, dann kommt irgendwann oooops wer hat an der Uhr gedreht ist das wirklich schon so spät oder ich gucke total gestresst jede Minute auf die Uhr. Meine innere Uhr läuft irgendwie nach afrikanischer Zeit, im durchgetakteten D ist das natürlich total doof. Die Sommerzeit macht mich total kirre. Ein anderes Riesenproblem für mich ist, dass ich mich total anstrengen muss korrekt du oder sie zu sagen. Das fühlt sich für mich schwieriger als ein 5-gängiges Islandpferd korrekt ohne Gangsalat sprich Passtölt oder so zu reiten. Ich wünschte, ich würde in Schweden oder Island usw. leben, dann hätte ich das Du/Sie-falschanwendeproblem nicht. Fühle mich auch total unwohl wenn ich gesiezt +Nachname angesprochen werde wie bei einer Prüfung. Ich hatte gedacht wenn ich über 20 bin gewöhn ich mich dran, aber bisher hält das Unwohlsein an, mal sehen wie es über 30 und älter ist. Händeschütteln ist auch so eine Sache, meine Mum sagt immer ja du fasst doch auch Frösche+Kröten an und die sind doch ekliger. Nee, die sind emotional nicht so aufgeladen oder so, weiß auch nicht was genau das ist. Ich fass lieber Tiere an als Leute die Hand zu geben. Ich mache es schon wenn es erwartet wird, aber eben mechanisch und ohne Freude.

    @Ella: Ich würde zu gerne wissen wie ihr „Enten“ das macht mit der korrekten Zuordung von Sie/Du. Ist das so ein nettes kleines Feature was intuitiv bedient wird und bei mir nicht läuft. Ist ja logisch Windows-Kram läuft auf einem Apple oder Linux nicht.

    • Silke

      Oh, das bin ich mir auch manchmal unsicher mit dem „Du“ und dem „Sie“. Manchmal ist es intuitiv klar, aber nicht immer und dann versuchen viele „Enten“ die Anrede zu umgehen.

    • Ich kenne zwar die Regeln von du und sie, aber ich habe oft das Problem, dass andere mich ungefragt duzen. Und ich weiß nie, ob das dann angemessen ist von denen, und ich einfach nur zu empfindlich bin, oder ob deren Verhalten zu distanzlos ist. Aber es gibt bestimmte Szenen oder Läden oder Clubs oder was auch immer, wo man jeden duzt. Und ich spüre schon, ob mich jemand einfach duzt, weil er glaubt, die Kleine ist ja irgendwie komisch, oder ob man sich dort einfach mal duzt, und ich einfach dazu gehöre, so nach dem Motto, du gehörst dazu. Mit dem Händeschütteln ist es schwierig, wann gebe ich die Hand, wann gebe ich sie nicht, wem gebe ich sie wann zuerst. Da habe ich dann eher das Problem, den richtigen Zeitpunkt zu finden oder zu wissen, wann ich es machen muss und wann nicht. Strecke ich die Hand hin, passt es nicht, Strecke ich sie nicht hin, passt es auch wieder nicht. Und häufig bekommen immer die anderen zuerst die Hand, obwohl ich die ältere und die Frau bin, wohingegen ich immer noch den Status eines Kindes habe und immer als letztes die Hand kriege und erstmal ausgelassen werde, bis man wieder zu mir zurück kommt. Das stört mich dann auch. Schwitzige Hände mag ich auch nicht, oder wenn mich jemand einfach an der Hand fast, wenn er mir irgendwo hilft und mich hinführt, oder irgendwie schwielige oder sonst wie dreckige Hände, wenn mir jemand die Hand reicht. Das finde ich dann auch zu nah.

  • Gardiners-Seychellenfrosch

    Danke für die Erklärung.

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