Maik ist Autist und „der Mann für Alles“ bei der Feuerwehr

Auf Klaudia wurde ich über einen Kommentar bei Facebook aufmerksam. Dort schrieb sie, dass ihr autistischer Sohn in seiner Freizeit bei der Feuerwehr eingebunden ist. Das interessierte mich sehr und daher bat ich sie um ein kleines Interview, das sie spontan zusagte:

 

Liebe Klaudia, Du hast einen autistischen Sohn. Wie alt ist er und welche Diagnose hat er?

Ich freue mich, hier etwas über meinen Sohn erzählen zu dürfen. Er heißt Maik, ist 17 Jahre alt und atypischer Autist.
Im Dezember wird er 18 Jahre alt, was natürlich wieder goße Veränderungen mit sich bringen wird (Behördengänge Betreuungs Sache ect.). Das ist für mich dann wieder eine große Herausforderung da Maik, wie viele andere aus dem Spektrum, Probleme hat, Situationen richtig einzuschätzen. Er verschließt sich dann, spricht nicht mehr und macht die Augen und Ohren zu.

Neulich war eine Dame vom Gericht bei und zu Hause, die wegen des Betreuungsverfahrens mit ihm sprechen wollte. Die Dame klingelte, Maik gab ihr noch die Hand zur Begrüßung, dann verschwand er in sein Zimmer, verschloss zwei Türen und hing einen Zettel daran mit den Worten: Bitte nicht stören, ich bin beschäftigt und brauche meine Ruhe. Vielen Dank für Ihr Verständnis!
Die Dame staunte nicht schlecht und war mit der Situation wohl leicht überfordert. Sie sagte: „Er hat mir doch die Hand gegeben, verstehe nun nicht warum er nicht mit mir reden will. So kann ich kein Gutachten darüber erstellen, ob er eine Betreuung tatsächlich braucht.“
Sie dokumentierte diese Situation, stellte mir ein paar Fragen und ging. Als Maik hörte, dass sie gegangen war, öffnete er seine Zimmertür. Für ihn war wieder alles ok.

Solche Erlebnisse habe ich oft mit ihm, wenn es um seine Person geht! Ansonsten geht er auf Menschen zu und stellt sehr sehr viele Fragen, ist oft auch distanzlos! Aber ein sehr lieber Junge, immer höfflich, wünscht den Menschen eine schönen Tag oder eine gute Woche. Er wird von seinem Umfeld sehr gemocht.

 

Bild von Klaudia und Maik

©Klaudia mit Maik

Wann und wie hast Du gemerkt, dass sie sich anders entwickelt?

Im Alter von ein bis drei Jahren merkte ich, dass mein Sohn sich nicht so entwickelt wie andere Kinder. Zudem habe ich noch zwei erwachsene Töchter, deren Entwicklung „normal“ verlief. Somit hatte ich einen Vergleich.
Im Spielkreis, den ich wöchentlich mit Maik besuchte, stellte ich schnell fest, dass er anders ist. Er zeigte keinerlei Interesse an den Kleinkindspielchen, setzte keine Miimik ein und blieb nur auf meinem Schoß sitzen.
Er fing erst mit vier Jahren an zu sprechen. Heute spricht er sehr viel. Smaltalk mag er allerdings gar nicht.

 

Was schätzt Du besonders an ihm?

Ich schätze an ihm seine Hilfsbereitschaft, seine Freundlichkeit, sein Engagement in der Kirche als Messdiener und in der Feuerwehr.

 

Wie verläuft seine Schulzeit?

Nach der Diagnosestellung mit sieben Jahren, konnt er mit Hilfe einer lieben Schulassistentin den Schulalltag bewältigen. Unterstützend bekam Maik mehrere Jahre Autismustherapie. Nun ist die Schulzeit seit 2017 beendet und er ist im Berufsbildungsbereich der AWO. ln diesem Zusammenhang besucht er nun einmal die Woche ein Seminar, das zum Kaufmänischen Assistenten für die Zentrale schult.
Die Schulung macht ihm sichtlich Spaß. Und es macht mich sehr stolz und glücklich, dass er es bis hierher geschafft hat.

 

Maik ist in seiner Freizei bei der Feuerwehr aktiv. Wie kam es dazu und was macht er da?

Maik bei der Feuerwehr

©Maik (rechts) bei der Feuerwehr

Maik liebt die Feuerwehr. In der Grundschule war damals ein Schulfest, zu dem die Jugendfeuerwehr eingeladen wurde. Dieses hat ihn fasziniert und er wollte unbedingt zur Feuerwehr. Seitdem fahre ich Maik einmal in der Woche dorthin.
Anfangs blieb ich immer dabei, später ließ er mich dann gehen. Er lernte die Fahrzeuge und Geräte kennen und konnte seine „Jugend-Flamme“ machen. Maik wurde von allen akzeptiert mit seinem „Anderssein“. Das Schönste für ihn war das Nach-Hause-bringen mit dem Feuerwehrauto.
Heute ist Maik nicht mehr in der Jugend, sondern in der „Aktiven-Wehr“. Vor etwa zwei Wochen wurde er feierlich zum Feuerwehrmann befördert. Allerdings fährt Maik keine Einsätze, denke das würde ihm auch Angst machen. Bei den wöchentlichen Übungen ist er aber immer dabei.
Wenn ich in frage, was er gemacht hat, sagt er meistens zu mir: „Ich bin der Mann für Alles“, mehr Infos gibt er nicht. Bei der letzten öffentlichen Großübung vor zwei Wochen war er mit dem Trupp für die Wasserversorgung, den Empfang der Menschen und die Betreuung zuständig.

 

Ist das Engagement in der Feuerwehr wichtig für ihn und Eure Familie?

Für meine Familie und mich ist es sehr wichtig, dass Maik in der Feuerwehr sein Engagement gefunden hat. Ich sehe das als Sozialkompetenztraininig für ihn an. Und für mich ist es beruhigend zu wissen, dass er „betreut“ wird und in geschütztem Rahmen in seiner Freizeit beschäftigt ist.
Die drei Stunden in der Feuerwehr habe ich dann bewusst für mich. Denn an allen anderen Tagen braucht er meine Begleitung in der Freizeit, die ich genau auf seine Bedürfnisse einstelle.

 

Liebe Klaudia, es ist richtig schön zu lesen, dass Maik mit der Feuerwehr einen Platz gefunden hat und dort aktiv an der Gesellschaft teilhaben kann. Schön, dass das so gut klappt.
Herzlichen Dank für Deine Offenheit, von Euch zu erzählen, und alles Gute!

 

 

3 comments

  • Sonja schmees

    Mein Sohn ist 13 und in Der Jugend THW und ist Asberger Autist

  • Ja, die freiwillige Feuerwehr ist ein tolles „Sozialkompetenztraining“ für alle Mitglieder, egal ob mit oder ohne Handicap. Allerdings müssen die Jugendleiter schon ein Auge darauf haben, dass gerade in der Jugend-FFW niemand aufgrund seines Handicaps gemobbt wird. Leider gibt es immer wieder unverbesserliche Ignoranten, die finden „Behinderte sind blöd und gehirnamputiert“ (O-Ton). Ich bin sehr froh, dass meine Tochter (Anfang 20, Diagnose atypische Autistin erst vor einem Jahr) Jugendleiterin in der FFW ist und durch das Wissen um ihre eigenen Schwächen Mobbing konsequent unterbindet und Kids mit ASS entsprechend schützt und fördert. Ja, ihr habt richtig gelesen: sie ist Autistin und aktiv bei der FFW, fährt Auto, Motorrad, bekämpft Brände und steht kurz vor der Zulassung zur Atemschutzausbildung. Da die Abläufe in der FFW „immer gleich“ sind, sie Rückhalt bei Gruppenführer und Kommandant hat und als Jugendleiter aktiv die Abläufe steuern kann, funktioniert das super. Da ist es schwer zu glauben, dass sie bei Telefonaten, Terminkoordinierungen oder Behörden Unterstützung benötigt. Ihr jüngerer Bruder übrigens, Asperger-Autist hat keinen Bock auf FFW, weil da seine Schwester das Sagen hat und das mag er nicht (und ein weibliches Mitglied, das „Behinderte“ nicht mag, hat im die FFW vollends vergällt).

  • Dass es Mobbing und Behindertenfeindlichkeit selbst bei der Feuerwehr gibt (zu deren Kernaufgaben das Retten und Schützen von Menschenleben gehört), stimmt mich traurig, denn das hätte ich nicht unbedingt gedacht.

    Ein junger Feuerwehrmann, der behinderte Menschen für „blöd und gehirnamputiert“ hält? Wie lässt sich das mit Selbstbild und Berufsethos des Feuerberufs zu vereinbaren? Man stelle sich vor, so einer muss später als erwachsener Feuerwehrmann mal an der Evakuierung eines Krankenhauses, eines Alten- oder Pflegeheimes mitwirken …. bei dem Gedanken gruselt es mir ganz ernsthaft.

    Bei solchen Menschen ist doch die charakterliche Eignung für den Feuerwehrberuf überhaupt nicht gegeben. Warum sortiert man solche Leute nicht sofort wieder aus? Oder hat die Feuerwehr mittlerweile so große Nachwuchssorgen, dass sie jeden Idioten aufnehmen muss, den sie kriegen kann?

    Ich weiß, dass ist hart ausgedrückt, aber die freiwillige Feuerwehr gilt (gerade in ländlichen Regionen) als der Inbegriff des sozialen Engagements, da sollte es gegenüber Mobbing (und Ausgrenzung von Schwächeren) meiner Meinung nach keine Toleranz geben. Diese Überlegungen haben zwar nicht speziell etwas mit Autismus zu tun, aber ich wundere mich schon, nach welchen Maßstäben die neurotypische Welt manchmal funktioniert. (*grübel*)

    Man kann natürlich argumentieren, dass sich Charakter und Verantwortungsbewusstsein bei so jungen Menschen erst noch entwickeln müssen – und dass es Aufgabe von Jugendorganisationen (so auch der Feuerwehr) ist, genau dazu beizutragen. Das wäre die einzige Erklärung, die mich halbwegs überzeug, solche Leute nicht sofort rauszuschmeißen. Trotzdem muss man sich bei solchen Vorkommnissen schon fragen, ob in der Jugendfeuerwehr genug an der Persönlichkeitsbildung gearbeitet wird – und ob solche Kandidaten später wirklich für den Feuerwehrberuf geeignet sind.

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