Interview mit einer Autistin: „Gegenseitiger Respekt vor dem Individuum Mensch ist das Wichtigste.“

Meine Interviewpartnerin ist Autistin und möchte gerne anonym bleiben.
Ihre Gedanken über die Kommunikation zwischen sprechenden und nichtsprechenden Autisten und die Zusammenarbeit im Bereich der Aufklärung zwischen Autisten, Eltern und Fachleuten veröffentliche ich sehr gerne.

(Selbstverständlich ist bei allen Bezeichnungen immer auch die weibliche und diverse Form gemeint.)

Du bist Autistin und hast selbst in der Psychiatrie gearbeitet. Wie kam es dazu?

Lange bevor ich wusste, dass ich selbst Autistin bin, absolvierte ich eine Ausbildung zur Krankenschwester in der Psychiatrie. Den Schwerpunkt Psychiatrie habe ich mir damals bewusst nach meinem Spezialinteresse ausgesucht und ich wollte jeden Bereich der großen Psychiatrie kennenlernen.
Somit ergatterte ich mir einen Wunscheinsatz auf der Station für Entwicklungsstörungen. Dort befanden sich hauptsächlich nicht sprechende Autisten mit bestimmten Komorbiditäten, welche es galt zu behandeln. Aber auch andere Patienten mit schwersten Entwicklungsstörungen, Epilepsien und geistiger Behinderung waren zur Behandlung dort stationär untergebracht.

©Quelle: pixabay, User geralt, vielen Dank!

Welche Bereiche gefielen Dir beruflich auf dieser Station?

Am liebsten beschäftigte ich mich mit den Autisten dort.
Obwohl ich selbst nicht wusste, dass ich Autistin bin, hatte ich einen Zugang zu ihnen. Ich erinnere mich noch sehr gut an den einzigen verbal sprechenden Autisten, mit dem ich immer Tischtennis spielte. Obwohl wir beide keinen einzigen Ball trafen, machte das irgendwie Spaß, er war mir sympathisch und ich beschäftigte mich gerne mit ihm.
Er fühlte sich einsam, da er sich nicht mit anderen Patienten unterhalten konnte, erzählte er mir.
Bei den nonverbalen Autisten wusste ich ganz am Anfang nicht gleich, wie ich mich mitteilen kann oder wie ich mich verhalten sollte. Ich wurde vom Kollegen in meine Möglichkeiten und das Zubehör auf der Station eingewiesen und es konnte losgehen. Es war ein wildes Experimentieren mit Karten, Gegenständen, Händen und Füßen, aber es klappte und ich hörte immer wieder ein Kichern.
Das ganze machte mir Freude und vor allem auch die Erfahrung, dass es nicht immer Worte zur Verständigung braucht. Nur ein wenig Umstellung und Einstellen auf den anderen und viel Übung für mich selbst.

Was fiel Dir bei der Kommunikation auf?

Besonders angenehm bei den Autisten dort empfand ich, dass ich sein durfte, wie ich war und es war ok so. Sie akzeptierten einen ohne „wenn und aber“. Meine ganze Anstrengung um Anpassung fiel ab, ich lachte mit ihnen, wenn sie mich austricksten oder sie lachten, wenn sie etwas anstellten. Sie nahmen einen an, wie man war, ganz anders, als es bei Nicht-Autisten und auch wie es teilweise bei vielen Asperger-Autisten der Fall ist.
Nonverbale Kommunikationsregeln zählten nicht, es gab keinen falschen Anstand oder falsche Höflichkeit, sondern ehrliche und sehr direkte Kommunikation.

Wie hast Du die Kommunikation sonst noch empfunden?

Es war eine sehr angenehme Kommunikation. Unkompliziert, genauso facettenreich, wenn man nur erfinderisch war. Ihre Kommunikation zeigte sich in keiner Form schlechter oder gar in ihrem Ausdruck „behindert“, wie es oft heißt. Nein, mir kommt diese ach so normale Welt ziemlich behindert vor mit ihren vielen Konventionen und ihrer Oberflächlichkeit ohne echten Ausdruck dahinter. Mehr Schein, als Sein.
Nicht sprechende Autisten werden erst behindert durch andere Menschen und diese kranke Welt, die ihnen nicht die Möglichkeit zum individuellen Ausdruck gibt.

Was können Nicht-Autisten und Autisten in der Kommunikation voneinander lernen?

Da Autisten und Nicht-Autisten in vielerlei Hinsicht konträr zueinander funktionieren, sollten beide Seiten erkennen, dass man nur mit Kompromissbereitschaft und gegenseitigem Verständnis weiterkommen kann. Nur wer einen Schritt auf den anderen zugeht, kann den anderen verstehen und ihn so akzeptieren lernen wie er kommuniziert.
Nicht-Autisten sollten von ihren festgefahrenen gesellschaftlichen unausgesprochenen Regeln etwas abrücken und Verständnis und Interesse für Autisten entwickeln.
Man sollte Andersartigkeit nicht mit Ablehnung begegnen.
Das gilt für beide Seiten. Denn genauso sollten Autisten sich für ihr Gegenüber interessieren und versuchen Nicht-Autisten zu verstehen. Verständigung klappt nur über Verstehen; Verstehen klappt nur über Verständnis und Verständnis kann nur im gegenseitigen Interesse seinen Ursprung finden.

Gibt es Deiner Meinung nach typische Fehler, die Nicht-Autisten, aber auch Autisten bei der Kommunikation machen?

Beide machen den Fehler, dass sie häufig erwarten, dass sich das Gegenüber an den Kommunikationsstil des anderen anpasst und merken dabei häufig nicht, dass es so nicht funktionieren kann.
Wenn wir nicht auf beiden Seiten einen großen Schritt aufeinander zugehen, wird es nicht funktionieren. Der Fehler besteht darin, dass die meisten Menschen ihren Standpunkt als Richtwert voraussetzen, aber es existiert kein Richtwert.
Wir unterliegen einem ständigen Wechsel in der Kommunikation. Es heißt schließlich auch deshalb „wechselseitige Kommunikation“ oder mit dem Fachausdruck „Reziprozität“. Diese wird Autisten häufig nachteilig ausgelegt, doch zur Kommunikation gehören immerhin noch zwei Interaktionspartner.
Kommunikation kann niemals einseitig gestört sein. Das legen Fachleute nur allzu gerne so aus, als ob nur die autistische Kommunikation so desaströs gestört sei. Doch eigentlich sind beide Kommunikationsstile einfach nur grundverschieden. Es wäre angebracht, dass auch die Fachwelt diesen wichtigen Aspekt endlich einräumt und korrigiert. Allerdings hätten wir dann beim Autismus-Spektrum keine Störung mehr vorliegen, was schließlich nicht mit unserer Leistungsgesellschaft konform geht.

Meiner Meinung nach beginnt diese Selbstreflexion bereits bei der persönlichen Einstellung: Der Wille zum ständigen Dazulernen sollte Voraussetzung sein, denn dieser beinhaltet ständiges Reflektieren – auch im Bereich Kommunikation.

Sollten Eltern, Fachleute und Autisten Deiner Meinung nach gemeinsam aufklären?

Ja, sie sollten unbedingt gemeinsam aufklären. Allerdings gilt es als Fakt anzuerkennen, dass nur Autisten wissen, wie es ist, autistisch zu empfinden und nur Neurotypische wissen, aus ihrer Perspektive wahrzunehmen und zu fühlen.
Daher ist eine gemeinsame vorherige Absprache über Empfinden/ Wahrnehmung und Austausch über zukünftige Inhalte an die Zuhörerschaft unerlässlich, wenn man den Standpunkt des Gegenübers (Autisten versus Nicht-Autisten) erklären, näher bringen und vertreten möchte.
Hier sind wir wieder an dem bereits erwähnten Punkt des gegenseitigen Verständnisses angekommen. Verständnis füreinander kann nur durch Austausch zustande kommen. Kommt es zu Missverständnissen zwischen Sender und Empfänger, muss unbedingt nachgefragt werden.

Auch Verständnis für gegenseitige Fehler sollte gegeben sein, denn Fehler passieren immer. Aber es kommt darauf an, wie wir mit Fehlern umgehen und ob Basis für Ehrlichkeit und Vertrauen ineinander vorhanden ist.
Wie ist unser Menschenbild? Wohlwollend, vertrauensvoll oder feindselig, misstrauisch?
Was interpretieren wir in den anderen hinein und was ist tatsächlich vorgefallen?
Ich sage selbst häufig vorschnell, dass es mir lieber ist, wenn Autisten aus ihrer eigenen autistischen Sicht aufklären, da ich bereits schon zu viele Fehlinterpretationen von Fachleuten über Autisten und Autismus gelesen hab. Ich kann Sätze wie „Störung der sozialen Interaktion“ mittlerweile nur noch belächeln und denke mir: „Die haben‘ s noch nicht verstanden.“
Wir stehen noch ganz am Anfang, Autismus und Autisten überhaupt zu begreifen, dazu gehört auch, dass selbstverständlich Fachleute, Eltern und jeder Nicht-Autist erst mal sehr behutsam mit dem Thema Autismus umgeht und Autisten ernst nimmt.
Genauso haben Autisten Nicht-Autisten ernst zu nehmen. Gegenseitiger Respekt vor dem Individuum Mensch heißt hier das Stichwort.

Ich danke Dir sehr für dieses bereichernde Interview und Deine Sicht auf Kommunikation und das Miteinander von Autisten und Nicht-Autisten.

Zum Weiterlesen:
Aufklärung durch Autisten, Eltern und Fachleute

Interview mit Kristina Meyer-Estorf: „Richtige Aufklärung und Diagnosen bei Autismus und ADHS sind wichtig“

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