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Heike in ihrem Gastbeitrag: „Mein Sohn bekommt die Zeit, die er braucht – egal, was die anderen sagen.“

veröffentlicht von Silke Bauerfeind im März 2018


Heike schrieb mich vor einiger Zeit an, weil sie auf der Suche nach Antworten auf die Frage war, warum ihr Sohn nicht mehr in Autos einsteigen möchte. Ihre Versuche, Auslöser im unmittelbaren Umfeld zu recherchieren, brachten nur vage Antworten. Aber inzwischen zeichnen sich kleine positive Entwicklungen ab.
Ich ermutigte Heike, Euch von ihrer Geschichte zu erzählen.

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Gastbeitrag von Heike:

Hallo vielen Dank an Silke, dass ich euch heute von meiner Situation erzählen darf.
Mein Name ist Heike, mein Sohn Benedikt ist sieben Jahre alt. Mit nur sechs Monaten Kind mit Autoerkrankte er an einer schwer mit Medikamenten einzustellende Form der Epilepsie mit starker Statusneigung, er ist in seiner Entwicklung verzögert, großwüchsig, übergewichtig und er spricht nicht.
Benedikt liebt Musik, im Auto spazieren gefahren zu werden und er ist Autist (Frühkindlicher Autismus, autistisches Syndrom, autistische Spektrumsstörung: Über den Namen sind sich die Ärzte noch nicht einig, aber es ist ja egal, wie man das Kind nennt – er ist, wie er ist.)

Ich muss nun etwas weiter ausholen, damit ihr mein ganzes Dilemma verstehen könnt. …
Er erkrankte an Epilepsie, als er sechs Monate alt war. Es folgten Krankenhausaufenthalte, Untersuchungen, Blutabnahmen, Monitoring etc. Alles Dinge, die er nicht wollte, und da er schon immer Kraft hatte, musste er festgehalten werden. Anfangs reichte es, wenn ich ihn hielt, aber inzwischen müssen mehrere Leute zusammenhelfen, um Blut bei ihm abzunehmen. Also ihr könnt euch mit Sicherheit denken, dass er auf Zwang und Festhalten äußert panisch und abwehrend reagiert. Ansonsten ist Benedikt ein sehr lieber, wenn er will kuschelbedürftiger kleiner junger Mann.

Als die Zeit für den Kindergarten kam, hab ich mir alle Möglichkeiten in unserer Gegend angesehen und mich für die schulvorbereitende Einrichtung (SVE) an der Schule für geistig behinderte Kinder entschieden. Dort sind die Kinder vom Kindergarten bis zur Berufsschule untergebracht und gut versorgt.

Er fühlte sich vom ersten Tag an dort wohl und die Schule wurde sein zweites Zuhause. Auch mit dem Fahrdienst gab es keinerlei Probleme. Er stieg sofort ein und fuhr mit. Na klar, er liebte das Autofahren ja auch über alles, je weiter und länger umso besser.

Nachdem er im Schuljahr 2014/2015 einen Status hatte, wollte er plötzlich nicht mehr mit dem Auto fahren. Dass es an dem Status lag, ist die Erklärung von meinem Mann und mir gewesen. Ob dies tatsächlich der Auslöser war – keine Ahnung…
Damals konnte ich ihn noch ins Auto heben, zack Tür zu und dann saßen wir erstmal ne Zeit einfach nur im Auto. Mit dem Gurt war ich großzügiger und gurtete ihn nur über den Bauch an. Nach vierzehn Tag war wieder alles bestens und den Gurt über die Schulter akzeptierte er auch relativ schnell wieder.

Nun ist er im September 2017 von der SVE in die erste Klasse gewechselt. Der erste Schultag war natürlich eine Katastrophe, da dieser Tag anders ablief, als er es gewöhnt war. Es begann schon damit, dass wir ihn in die Schule fuhren. Als er dann von der ganzen Schulfamilie mit musikalischer Begleitung empfangen wurde, war die Katastrophe perfekt. Er weinte, schrie und lief weg. Weg von der Menge und dem Lärm. Doch bis auf diesen dramatischen Start verlief das halbe Schuljahr sehr ruhig. Wunderbar und für mich überraschend zugleich.

Da jedoch das Schulhaus 40 Jahre alt ist und grundsaniert werden muss, wurde die Entscheidung getroffen die 1. und 2. Klasse in eine andere (Regel)Grundschule innerhalb der Stadt auszulagern. Es wurden drei Kooperationstage durchgeführt, an denen er mit seiner Klasse die neue Schule besuchte. Nach den Winterferien sollte es losgehen. Die Woche vor den Ferien wurden mit den Kindern die Sachen verpackt. Diese Vorbereitungen konnte Benedikt aber leider nicht miterleben, weil er drei Tage lang krampfte und dann einen Infekt mit Fieber hatte und in der Woche zuhause blieb.

Die erste Woche nach den Ferien verlief trotzdem wider Erwarten gut. Auf tägliche Nachfrage wurde mir dies auch bestätigt. Anfang der zweiten Woche stieg er früh in das Auto des Fahrdienstes. Er wurde kurz weinerlich und brauchte seinen Schnuller, beruhigte sich allerdings schnell.
Nach der Schule hatte er Tagesstätte und um 14 Uhr wurde ich angerufen, weil er einen starken epileptischen Anfall hatte. Ich holte ihn sofort ab. Ins Auto stieg er nur zögerlich ein. Er zog sich seine Mütze über die Augen und wir fuhren los. Er schlief entspannt während der Fahrt.

Seit dem Folgetag steigt er in kein Auto mehr ein. Sobald die Autotüren zu sind, bekommt er eine Panikattacke. Und wenn ich ihn dränge, verlässt er nicht mal mehr das Haus. Ich habe versucht herauszufinden, wie der Montag abgelaufen ist – ohne Erfolg. Das Einzige was der Begleiter vom Fahrdienst mir erzählte, dass er am Montag vor der Schule zu weinen begonnen hat. Es müssen einige Kinder direkt am Auto vorbei zum Haupteingang der Schule gegangen sein. Doch dieses wurde jetzt vom Klassenlehrer auch nicht als dramatisch gesehen. Während des Tages war angeblich auch nichts Außergewöhnliches passiert.
Morgen ist es nun ein Monat, dass er nicht mehr einsteigt.

Von der Schule darf ich mir anhören, dass Benedikt gerne Herausforderungen aus dem Weg geht und es jetzt genieße, zuhause bleiben zu können. Aber er fährt ja nicht mal mit zu Oma und Opa, McDonald’s, ins Schwimmbad oder zum geliebten Indoor-Spielplatz.
Von befreundeten Müttern höre ich: „Da musst du halt durchgreifen. Es kann ja nicht gehen, dass du dein Leben nach ihm ausrichtest.“ Hallo?! Natürlich ist unser Leben nach ihm ausgerichtet, da er ist wie er ist, und besondere Bedürfnisse hat.

Doch gestern hatten wir einen kleinen Fortschritt, wir waren lange draußen im Garten schaukeln und spazieren. Ich hatte unser Auto vor dem Haus geparkt, damit er sieht, dass keine Gefahr davon ausgeht. Als wir das zweite Mal den Weg entlang gingen, kam die Nachbarin mit dem Auto an uns vorbeigefahren. Er lief jammernd in Richtung Haus davon.
Aber wisst ihr, was dann geschah? Er lief zu unserem Auto, öffnete die hintere Schiebetür, stieg ein und setzte sich auf seinen Platz. Die Tür ließ er allerdings offen.

Ich glaube, er dachte in diesem Moment nicht nach und folgte einfach seinem Instinkt.
Das lässt mich hoffen, dass er nur noch etwas länger Zeit braucht und dann seine Liebe zum Autofahren wieder entdeckt. Alles, was er braucht, ist Zeit und die verschaff ich ihm. Egal ob alle anderen glauben, es besser zu wissen.

Was mich interessiert ist, ob Ihr mit Euren Kinder ähnliche Erfahrungen macht. Kennt Ihr das, dass Vorlieben (wie bei uns das Autofahren) plötzlich ins Gegenteil umschlagen und Panik verursachen? Wie geht Ihr mit diesen Siuationen um? Habt Ihr Tipps?

Liebe Grüße, Heike

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Liebe Heike, ganz herzlichen Dank für Deinen Gastbeitrag. Dann fange ich direkt an mit einer kleinen Erfahrung: auch bei Niklas wechseln Phasen ständig ab, Autofahren ja oder nein, Rausgehen ja oder nein, im Bett schlafen oder doch lieber auf dem Sofa ja oder nein, … Diese Episoden können Monate dauern und dann sind plötzlich wieder Dinge möglich, die lange unmöglich waren. Ich finde es sehr gut, dass Du Benedikt die Zeit gibst, die er braucht, um z.B. wieder Vertrauen ins Autofahren zu fassen. Kann es vielleicht sein, dass er an besagtem Tag schon fühlte, dass ein Anfall folgen würde? Vielleicht verbindet er seitdem intuitiv seine Anfälle mit dem Autofahren? Zumal er diese Erfahrung einige Jahre zuvor schon einmal gemacht hatte? Nur so ein Gedanke.
Ich wünsche Dir und Deiner Familie alles Gute und noch einige hilfreiche Kommentare,

herzliche Grüße, Silke :-)

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Zum Weiterlesen:

Von Zwängen und anderen Rätseln

wer hier schreibt

Silke Bauerfeind

Gründerin von Ellas Blog (2013), Buch- und Kurs-Autorin, Kulturwissenschaftlerin, psychologische Beraterin, Referentin. 

"Ich verbinde persönliche Erfahrung mit Wissen rund um Autismus, Teilhabe und Familienrealität. Mein Schwerpunkt liegt auf Autismus mit hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf – Themen, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft zu kurz kommen"

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