Eine Geschichte, die Ellas Blog mitschreibt – Nicole und ihr autistischer Sohn finden die richtige Schule

Anfang dieses Jahres veröffentlichte ich einen Beitrag über die Beschulung von Autistinnen und Autisten in der Villa Wewersbusch. Im Vorfeld hatte ich ein ausführliches Telefonat mit der stellvertretenden Schul- und Internatsleiterin Frau Beate Mittag geführt und konnte somit viele Details an euch Leserinnen und Leser von „Ellas Blog“ weitergeben.
Eine dieser Leserinnen war Nicole. Sie war von den Informationen so begeistert, dass sie Kontakt zur Schule aufnahm, sich auch vor Ort informierte, schließlich mehrere hundert Kilometer umzog und seit ein paar Wochen ihren Sohn als glücklichen neuen Schüler in der Villa Wewersbusch weiß.

Mich rührte diese Geschichte sehr und die Tatsache, dass durch den Beitrag eine positive Wendung im Leben von Nicole und ihrem Sohn möglich war, ließ mich genauer bei ihr nachfragen. Hier lest Ihr mein Interview mit ihr.

Liebe Nicole, Du hast einen autistischen Sohn. Wie alt ist er und welche Diagnose hat er?

Mein Sohn ist 13 Jahre alt, mit 7 Jahren bekam er die Diagnose Asperger-Autismus.
Als er drei Jahre alt war, war beine sensorische Integrationsstörung und Entwicklungstörung festgestellt worden. Wir waren damals drei Mal wöchentlich in der Frühförderung. In dieser Zeit ging leider auch die Beziehung zum Vater meines Sohnes in die Brüche.
Mit sechs Jahren wurden durch den Kinderpsychiater erstmalig autistische Züge erwähnt.

Welche Einrichtungen hat Dein Sohn besucht, bevor er in die Schule kam?

Die Waldofkita wollte ihn nur 1x wöchentlich, da er das Essen, das Spielen im Matsch und Barfußlaufen verweigerte.
In der Regelkita dachten sie, er sei gehörlos, da er keine Interaktion mit anderen Kindern hatte und das gemeinsame Essen verweigerte.
Nach einer Episode im integrativen Kindergarten kam er schließlich in eine Kita, in der es so gut wie kein Spielzeug gab. Es war eine Minigruppe mit klaren Strukturen. Das war der richtige Kindergarten für ihn.

Wie begann die Schulzeit für Deinen Sohn?

Die Schule war ab dem ersten Tag die reinste Katastrophe. Es war schlimm für ihn, dass die Mitschüler nicht ruhig dem Lehrer folgten. Er hat sich ständig die Ohren zugehalten und geschrien.
Der Schulstoff war kein Problem, aber die Bücher waren in ihrer Aufmachung überladen mit unterschiedlichen Schriften und zu vielen Bildern.
Uns wurde dann empfohlen, dass mein Sohn auf eine Montessorischule gehen sollte. Das bedeutete einen langen Anfahrtsweg für ihn von einer Stunde mit dem Bus, aber die Schule war super.
Leider kam es zu sehr sehr schwerem Mobbing, so dass er mehrfach zum Arzt musste. Die Schule bat um eine Schulbegleitung, die das Jugendamt aber ablehnte.
So kam mein Sohn wieder an eine Regelschule und wurde dort weiter gemobbt, u. a vor ein Auto und die Treppe hinunter gestoßen.
Die Schule lehnte eine Schulbegleitung ab und ab da blieb mein Sohn zuhause.

Zu dieser Zeit arbeitete ich ehrenamtlich an einer Grundachule drei Mal wöchentlich für zwei Stunden in einer Willkommensklasse. Ich nahm meinen Sohn mit und er fing an, den anderen Schach beizubringen und erklärte Dinosaurier.
Dem Direktor und der Schulpädagogin dieser Schule haben wir es zu verdanken, dass er sechs Wochen vor Ende der dritten Klasse dort drei Mal wöchentlich in die Regelklasse gehen konnte. Zur vierten Klasse ging er an vier Tagen dann vier Stunden mit Schulbegleitung und wechselte dann aufs Gymnasium.

Wie ging es dann weiter?

Auf dem ersten Gymnasium waren leider Lehrer, die meinten, dass Asperger-Autismus eine Modeerscheinung ist. Sie waren nur widerwillig bereit, den Nachteilsausgleich umzusetzten. Die Mitschüler waren hier aber super. Er hatte auch eine tolle Schulbegleitung.
Leider warf ihn ein Zwischenfall auf einer Klassenfahrt, bei der er eine Nacht weinend auf dem kalten Marmorfußboden verbracht hatte, so aus der Bahn, dass er wieder die Schule wechseln musste.

Trotz super Zeugnis sollte er dann freiwillig die fünfte Klasse wiederholen, damit er endlich wie im Nachteilsausgleich festgelegt das Tablet benutzen konnte. Am Gymnasium gab es nämlich eine neue Tablet-Klasse .
Die Schule hattet 1000 Schüler und 27 Kinder in der Klasse. Anfangs wurde das Tragen von Kopfhörern auch erlaubt, die Schule war bemüht und die dritte Schulbegleitung passte dann auch super.

Aber das Mobbing ging wieder los. Mein Sohn wurde als „scheiß Autist“ und „behindert“ beschimpft. Die Lehrer und Schulbegleiter konnten nichts ausrichten. Es wurde uns erklärt, dass das Problem für die Mitschüler sei, dass mein Sohn so viele Extras wie Kopfhörer und einen extra Raum bei Schulaufgaben bekommt.
Beim Hilfeplangespräch zeigte ich Fotos mit blauen Flecken und auch das Jugendamt bat um sofortiges Einschreiten durch die Schule und dass die Mitschüler endlich durch den mobilen Dienst aufgeklärt werden. Das fand aber an der Schule nicht statt.

Als sich mein Sohn physisch gegen das Mobbing wehrte, wurde das von den Eltern der anderen Kinder so aufgebauscht, dass mein Sohn für sieben Wochen nur drei Stunden täglich mit Schulbegleiter die Schule besuchen durfte. Auch das Tragen der Kopfhörer wurde untersagt, da es die anderen Kinder benachteiligen würde.
Die Dame vom Jugendamt hat mit meinem Sohn, mir, der Schulbegleitung und der Schule gesprochen und fand die Situation nicht tragbar.

An diesem Tag kam Dein Artikel auf „Ellas Blog“ über die Villa Wewersbusch.

Kürzlich habt Ihr einen neuen Schritt in Eurem Leben gewagt. Ihr seid umgezogen. Warum und wie kam es dazu?

Die Schulsituation war nicht mehr tragbar, mein Sohn hat fürchterlich gelitten. Nachdem ich den Beitrag über die Villa Wewersbusch gelesen hatte, ermutigten mich die Autismusambulanz, Freunde und das Jugendamt, dass wir uns das genauer anschauen.
Also nahm ich Kontakt auf und vereinbarte einen Termin zum Hospitieren.

Für meinen Sohn stand bereits nach zwei Stunden Besichtigung fest, dass er dort in die Schule gehen möchte. Die Ruhe, die Struktur und die reizarme Umgebung sprachen ihn sofort an. Einige Zeit nach dem Hospitieren bekamen wir das ok von Seiten der Schule und nun musste ich entscheiden, ob wir aus Franken nach Essen umziehen, mehrere hundert Kilometer weg von unserem bisherigen Zuhause. Aber nach dem Leidensweg, den mein Sohn hinter sich hatte, war es schließlich keine Frage mehr.

Nicoles Sohn
Nicoles Sohn

Vor ein paar Wochen ging es los für Euch. Wie verläuft die Eingewöhnung und die Anfangszeit?

Seit Juni 2019 lebt mein Sohn nun in der Villa Wewersbusch und ich kann gar nicht beschreiben, wie überwältigt ich bin.
Jedes noch so kleine Problem wurde von Lehrern und Betreuern ernstgenommen und sofort nach Lösungen gesucht.
Es ist Wahnsinn zu sehen, was das mit meinem Sohn macht.
Er hat einen Freund, sein Zimmergenosse (zwei Köpfe kleiner und mindestens 20 kg leichter), sie nennen sich Bro’s. Er hat einen ersten richtigen Freund und die anderen Eltern freuen sich über meinen Sohn!

Er blüht auf und das ohne Therapie seit 9 Wochen. Er fährt alleine in die Stadt zum Einkaufen und kommt überglücklich zurück. Schule macht das erste Mal Spaß, er steht als Kind im Vordergrund und nicht als der Autist oder mit seinen Schwächen.
Mein Kind, das in fünf Kindergärten war, auf fünf Schulen und zwei Jahre fast nur homeschooling hatte, inmitten anderer Kinder lachen zu sehen, ist etwas, das ich mir seit so vielen Jahren für ihn wünschte.

Die Eingewöhnung klappte besser als gedacht, was vor allem am gut geschulten Team liegt.
Es gab natürlich auch mal Tränen und Anrufe von meinem Sohn, aber das konnte immer schnell geklärt werden.
Ein Betreuer geht mit ihm zum Beispiel den wöchentlichen Speiseplan durch, mit dem tollen Küchenchef wird dann ggf. nach Alternativen gesucht, wenn mein Sohn etwas nicht mag oder verträgt.

Das, was er dort neben dem außergewöhnlichen Unterricht lernt, was er in den paar Wochen im sozialen Bereich gelernt hat, ist nicht in Worte zu fassen. Es ist enorm zu sehen, wie sehr das ganze Team der Villa den Kindern einfach auch Lebensfähigkeit mit auf den Weg gibt.
Mein Sohn traut sich Dinge, die selbst ich nicht für möglich gehalten habe.

Alles, was Du in Deinem Beitrag geschrieben hattest, ist genauso. So haben wir es vorgefunden und für meinen Sohn ist es das Beste, was passieren konnte.

Hast Du durch den Schulwechsel neue Seiten an Deinem Sohn entdeckt?

Er will unabhängig und selbständig sein und was mich wirklich als Mutter mehr als berührt, er nimmt Rücksicht auf mich und kümmert sich neuerdings um mich, wenn es mir gesundheitlich nicht so gut geht. Das sind Seiten an ihm, die er mir bisher nicht so zeigen konnte.
Neulich sagte er zu mir: „Mama ich hab dich wirklich lieb. Ich weiß, was Du für mich alles aufgibst.“

Spruch von Nicoles Sohn in einem Heft
von Nicoles Sohn

Wie geht es Dir jetzt?

Ich muss hier noch ankommen, aber ich hab schon durch die Asperger-Gruppe jemanden kennengelernt. Das gibt mir Mut und dank Telefon und facetime sind meine Freunde aus der alten Heimat ja auch da.
Ich muss mich nach 13 Jahren daran gewöhnen, dass das Telefon nicht ständig klingelt, weil etwas mit meinem Sohn vorgefallen ist.
Ich habe endlich nicht mehr das Gefühl, selbst noch in der Schule zu sein.

Mein Sohn ist glücklich. Ich bekomme immer wieder Fotos von Aktivitäten, an denen er teilnimmt. Die Schule macht ihm Spaß, es gibt einen geregelten Alltag mit Strukturen, die für ihn so wichtig sind. Und er ist dort in einer tollen Gemeinschaft.

Anderen Eltern möchte ich sagen:
Gebt nicht auf. Ich habe so manche Nächte durchgeweint und war kurz vorm Durchdrehen. IHR seid die Experten und wisst, was Eure Kinder brauchen.
Mein Konto ist leer, meine Wohnung kleiner, vieles ist beim Umzug kaputt gegangen, aber das ist alles nur materiell und nichts dagegen, wenn ich jetzt sehe, wie sehr mein Kind gerade aufblüht.
Er lacht so viel seit ein paar Monaten und zwar aus ganzem Herzen. Das ist unbezahlbar.

Ich habe mit knapp 50 meine große Vier-Zimmerwohnung mit Garten in eine kleinere Stadtwohnung ausgetauscht, mein Kind jedoch so zu sehen, dafür bin ich einfach unendlich dankbar.
Ohne DEINEN Artikel und den Zuspruch seiner Therapeutin und auch der Unterstützung des Jugendamtes hätte ich mich nicht gewagt von Bayern nach NRW zu ziehen!

Allerdings muss ich nochmal umziehen, weil sich die erste Wohnung hier wegen Schimmelpilzbefall als nicht bewohnbar herausgestellt hat. Wer mir etwas vermitteln kann, bitte gerne hier über den Blog bei Silke melden. Vielen Dank.

Ich danke Dir, liebe Nicole, dass Du uns an diesem Prozess teilhaben lässt und für uns auch die schmerzlichen Erinnerungen nochmal aufgeschrieben hast. Vielmehr freut es mich aber zu erfahren, dass es eine gute Lösung für Euch gibt – das ist wundervoll.
Ich wünsche Euch von Herzen alles alles Gute, möge Dein Sohn weiter aufblühen und erhole Dich. Nur das allerbeste für Euch!

Der Onlinekurs „Autismus und Schule“ bietet ausführliche Aufklärung und Hilfestellung für die Arbeit mit autistischen Kindern und Jugendlichen in der Schule.
HIER bekommst Du weitere Informationen.

Logo Onlinekurs

5 comments

  • Saskia

    Nicole, toll das du den Mut hast etwas Neues für deinen Sohn zu versuchen.
    Unsere Kinder haben ja noch ihr Leben vor sich.
    Ich wünsche dir das sich auch für dich noch alles zum Guten wendet.
    Weiter viel Glück und Mut.

  • Silke

    Hallo,
    mein Sohn ist ebenfalls Autist und besucht seit Beginn des Schuljahres die Partnerschule Bergisches Internat Gut Falkenberg in Erkrath-Hochdahl. Er wird von seiner I-Hilfe begleitet und ist so glücklich dort. Alle, Schulleiter, Lehrer und alle Beschäftigten dort gehen wahnsinnig toll auf ihn ein. Er sagt:“Zum ersten Mal behandeln sie mich ganz normal, obwohl alle wissen das ich Autist bin“. Wir sind unendlich dankbar.

  • Margareta

    Liebe Nicole, ich bin derart gerührt und betroffen von deinem Bericht, dass ich fast weinen muss. Welche Hürden du überwinden musstest und welche Prügel dir und deinem Sohn vor die Füße geworfen wurden ist unsagbar und eine Zumutung. Und das alles weil Menschen nicht informiert und aufgeklärt sind, oder weil es ihnen einfach zu anstrengend ist, wenn ein Kind anders oder besonders ist. Unsagbar schrecklich. Deshalb freut es mich sehr dass ihr endlich angekommen seid! Gott sei Dank… und Menschen sei Dank! Und hier sieht man wieder einmal wie gut sich jemand entwickeln kann, wenn Verständnis und Offenheit da ist, weil dieser jemand endlich endlich zur Ruhe kommen kann und SEIN DARF WIE ER IST. Es freut mich sehr das alles zu lesen…
    Wir leben in Österreich, unser Sohn, 6 Jahre, hat auch Asperger. Gott sei Dank sind wir in einer Integrationsklasse gelandet mit zwei liebevollen Lehrerinnen, in seiner Klasse ist zudem noch ein Asperger-Junge. Über die Whatsapp-Gruppe der Eltern (am Elternabend war ich krankheitsbedingt verhindert) habe ich zur Aufklärung und Info einen Bericht gepostet, dass unser Kind Asperger hat und mit welchen zusätzlichen Herausforderungen er konfrontiert ist. Meine Wortmeldung wurde durchaus positiv bewertet und manche Mütter bedankten sich für die Infos und meinten sogar „so können wir auch dein Kind besser unterstützen“.
    Also nur Mut und viel Kraft an alle da draußen, wir leisten Großartiges und oft Unzumutbares… und Gott sei Dank gibt es immer wieder Menschen die einem weiterhelfen. Alles Liebe!

  • Christine

    Liebe Nicole , mein Sohn ist auch Autist und besucht bereits seit 3 Jahren die Villa Wewersbusch. Das war das beste was passieren konnte 😊 Ich hoffe das es Euch genau so geht. Einen guten Start 🍀

  • Sabine

    Hallo Nicole, ich finde diesen Schritt alles aufzugeben und für deinen Sohn so weit wegzuziehen sehr mutig. Das er sich dort wohlfühlt und es ihm gefällt ist echt super.
    Wir haben auch seit der 1. Klasse (2014) Probleme in der Schule gehabt. Aber wir haben leider erst jetzt im Juli die Diagnose Asperger bekommen. Er geht seit 2018 auf eine Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung, aber auch dort hat er Probleme. Wir überlegen auch wegen einer Privatschule. Die Schule in Velbert scheint ja wirklich sehr gut zu sein. Aber da müsste ich pro Strecke eine Stunde fahren und Schulkleidung würde wahrscheinlich auch problematisch mit ihm.
    Wir sind am überlegen, ob wir die Private Herder-Schule in Wuppertal mal ansehen, ist zwar nicht ganz so modern, aber dafür nicht ganz so weit weg von uns.
    Vielleicht hat hier im Block schon jemand Erfahrungen an der Schule gesammelt.
    Viele Grüße aus dem Ruhrpott ;-)

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