„Wie schaffst Du das nur alles?“ – „Gar nicht.“ – Perfekt ist langweilig.

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich das denn eigentlich alles schaffe – Niklas betreuen, meinen Job, den Blog schreiben, den Haushalt führen, soziale Kontakte pflegen, an Geburtstage denken, Geschenke kaufen, Lebensmittel einkaufen, putzen, Blumen gießen, Anträge an Krankenkassen schreiben und Widersprüche formulieren …. ja und noch allerhand mehr, Ihr kennt das ja selbst.

„Wie schaffst Du das nur alles?“

„Gar nicht.“

Waschmaschine Ellas Blog Leben mit AutismusIhr glaubt gar nicht, wie es hier manchmal aussieht. Manche Waschmaschine muss ich ein zweites Mal anstellen, weil die Wäsche schon zu lange frisch gewaschen drin lag und ich sie über allem anderen vergessen hatte.

Unsere Pflanzen sind zum Glück so genügsam, dass sie es auch mal eine Weile ohne Wasser aushalten – sie scheinen mich zu mögen, ist alles immer schön grün. :-)

Weihnachtsgeschenke wurden alle im Internet gekauft – ein bisschen mit schlechtem Gewissen zwar wegen der niedergelassenen Einzelhändler, die dabei leer ausgehen – aber ich habe mir die Zeit und Nerven für Stadtbummel einfach nicht nehmen wollen.

So Kram wie Maniküre und neuesten Modeschnickschnack gibt´s bei mir überhaupt nicht und Kaffeeklatsch nur mit sehr ausgewählten Menschen.

Ich habe mir irgendwann einen selbstfahrenden Staubsauger zugelegt, der durch die kaputter Socken Ellas Blog Leben mit AutismusWohnung düst und mich nur ab und zu verzweifelt ruft, wenn er mal wieder an zerkauten Socken unterm Sofa hängen bleibt (nein, wir haben kein Haustier ;-) ).
Den Staubsauger darf ich allerdings nur anstellen, wenn Niklas nicht da ist, sonst gibt´s in einer Tour die Gebärde „laut“, „laut“, „laut“, „Schmerzen“ – naja und das hält ein liebendes Mutterherz natürlich nicht aus ;-)

Fast Food? Um Himmels Willen! Ja, natürlich! Das gibt´s auch manchmal. Meine „love handles“ am Bauch danken es mir und Niklas sowieso: „Pizza, Pommes…. hmmmmm lecker“, „super, Mama“, „Luftküsse“ – wer möchte denn auf solche Gebärden verzichten? :-D

Gemüsegarten (och nee), selbst eingemachte Marmelade (wie geht das?), selbstgebastelte Geschenke (ich bin sooo schlecht im Basteln, puh!), saubere Fensterscheiben (gibt´s sowas?), Fittnessstudio (jaja klar, sonst nochwas?), ….
Nee, ich renne ja sowieso mit Niklas in der Gegend rum oder lümmele mit ihm, bestaune Fussel im Sonnenlicht, rieche an angeblich stinkenden Treppenstufen, dusche seinen Bären und rette meine BHs, bevor sie in Nachbars Garten fliegen….

Segelboot Ellas Blog Leben mit AutismusAlles eine Frage der Prioritäten – klar! Und jeder hat andere und das ist auch gut so.
Werft die Dinge über Bord, die nicht sein müssen – dann segelt´s sich gleich etwas freier.
Holt Euch Hilfe, wenn möglich.
Vereinfacht Abläufe.
Lasst Euch auf die Perspektive Eurer Kinder ein.
Jagt nicht dem öffentlichen Bild der perfekten Mutter nach. Perfekt ist langweilig.
Versucht die Dinge, die keinen Spaß machen, aber leider sein müssen, gelassener zu sehen (ein besonders schweres Kapitel, finde ich) und lasst auch mal Fünfe gerade sein (rw).

Spart Euch die Kraft für die Menschen und Situationen auf, die Euch wirklich wichtig sind.
Denn manchmal müssen wir alle einfach alles geben und dann ist es gut, wenn man möglichst viel Kraft zusammenkratzen kann (rw).

 

Herz Ellas Blog Leben mit AutismusIch habe allerdinges auch ganz schön viel Glück muss ich sagen – mit meiner Familie, die einfach immer da ist, guten Freunden und wunderbaren Menschen, die FED machen. Das ist durch nichts zu ersetzen und es macht mich immer sehr traurig und betroffen, wenn ich in Euren Zuschriften auch manches Mal zu lesen bekomme, dass es leider auch ganz anders sein kann.
Ich wünsche allen, die so vieles alleine stemmen müssen, ganz ganz ganz viel Kraft. ♥

 

Was „Ellas Blog“ angeht…

… kostet er inzwischen sehr viel Zeit und Energie und ist ein kleines Unternehmen geworden.
Aber es kommt von Euch so wahnsinnig viel zurück. Das ist immer wieder der „Energie-Booster“ schlechthin, wenn ich Mails und Nachrichten von Euch bekomme, nette Kommentare lese und bei Lesungen einige von Euch kennenlernen darf.
Wie sehr ich das inzwischen verinnerlicht habe, merke ich vor allem in Extremsituationen.

Gestern erst saß ich völlig aufgelöst auf dem Küchenboden und wusste nicht mehr ein und aus. Obwohl Niklas erst eine Stunde von der Schule zurück war, war ich schon am Ende verzweifelt Ellas Blog Leben mit Autismusmeiner Kräfte.
„Wie kann das sein? Stell Dich nicht so an!“ So klang mir die starke, perfektionistische Silke in meinem Innern entgegen.
„Lösch den Blog! Schmeiß alles hin! Wie willst Du anderen was erzählen, wenn Du selbst hier wie ein Häufchen Elend sitzt!“ Das war die selbstmitleidige Silke, die ich gar nicht mag, die sich aber auch ab und zu meldet.

Und dann erinnerte ich mich an etwas, das mir eine gute Freundin vor einiger Zeit sagte: „Wenn Du mal wieder in so einer Situation bist, sage Dir, dass Du genau deshalb den Blog schreibst. Du lebst das, was Du schreibst und schwelgst nicht nur in Theorien, gehst nicht nach Deinem Job nach Hause und lebst ein anderes Leben. Wie solltest Du darüber schreiben können, wenn Du immer nur aufrecht in Deiner Küche stehst?“

Recht hat sie. Und gestern ist es mir zum Glück ganz, ganz schnell eingefallen.

Viele schreiben mir, dass sie sich nicht mehr so alleine fühlen, seit sie „Ellas Blog“ lesen.
Ich kann Euch sagen: mir geht es ganz genauso, seit ich diesen Blog schreibe.
Volle Waschmaschinen, Stinkesocken, dreckige Fenster und halbvolle Kühlschränke können da gerne mal warten.

Danke, Ihr Lieben :-)

P.S.: Und nicht vergessen: Perfekt ist langweilig!

 

***

Zum Weiterlesen:

mental stark bleiben mit behindertem Kind

Autismus und die Haltung der Eltern – Möglichkeiten und Grenzen

Was macht eigentlich eine Bloggerin? – Kleiner Einblick in meinen Schreiballtag

12 comments

  • Melanie Vankan-Haase

    Liebe Ella. Du schreibst mir aus dem ♥️zen. Ja, es stimmt es tut gut zu hören das es anderen auch so geht. Wir sitzen alle zusammen in einer🎢😊. Wir sollten uns alle trauen nach Hilfe zu fragen – auch wenn es überwindung kostet. Ich wünsche auch allen viel Kraft. Liebe Grüße Melanie

  • Silke

    Danke für deinen Blog und deine Ehrlichkeit…. Es tut gut zu lesen das auch jemand anderes die Waschmaschine zwei mal laufen lassen muss, und auch das du weinend am Boden gesessen bist. Auch wenn es nicht das beste Gefühl für dich ist, mir zeigt es das es anderen auch so geht….irgendwie hat man immer das Bild der perfekten Mutter und Hausfrau im Kopf und verzweifelt wenn es nicht so ist – so geht es zumindest mir…. Aber dem Kind gerecht zu werden oder den Kindern und das ganze drum herum geht wahrscheinlich auch nicht. Vor Weihnachten war es wieder extrem für mich, man möchte einfach einen besonderen Zauber in die Wohnung bringen….. Wir hatten nur einen Adventskranz, und als ich dann begonnen habe wenig deko auf zu hängen und meinet “ damit es weihnachtlicher wird“ kam die Antwort unsres asperger Sohnes:“ es ist doch weihnachtlich und wir habengenug deko!““ Und so war da Schema erledigt….und alle zufriedener;) es stimmt, mehr auf die Augen des Kindes eingehen und die eigenen Erwartungen streichen, vieles ist nicht nötig….. Noch was schönes zum nicht perfekt aufgeräumten Haus;) gestern war der MDK da ( immer Aufregung) zum Abschluss meinte die Dame: hier ist eine Wohnung in der gelebt wird…. Und das war wirklich positiv gemeint;)
    Ich wünsche dir die Kraft weiter zu machen mit dem Blog, denn ich denke vielen geht es so wie mir, in den dunklen Stunden, wenn ich das Gefühl habe ich werfe alles hin tauchen auf deinem Blog genau die richtigen Worte auf und ich weiß ich bin nicht allein…..
    Alles Liebe Silke

  • Pe.

    HALLO!
    Sehr cool! Ich habe mich in Allem wiedergefunden… 😊
    …und mit meinen Mäusen gelernt, dass man einfach mal Prioritäten setzen muss. Liebe Grüße Pe.

  • Stefanie Kolb

    Liebe Ella, ♥️lichen Dank für deine Offenheit und alles was du mit uns teilst. Du bist ein Geschenk und ein echter Mutmacher ♥️. Alles Liebe und viel Kraft ♥️

  • Alexa

    In dieser schlimmen Phase lese ich Deine Zeilen und finde mich darin wieder. Wie verlogen wäre es, sich nur als Perfekte Frau darzustellen? Jede/r von uns, die dieses Schicksal kennt und selbst seinen Weg darin sucht und geht, kennt das. Gerade die Beschreibung des Schwachseins hat mir geholfen und mich bestätigt dass ich das auch mal sein darf. Ich schicke Dir unbekannterweise ganz herzliche Grüße und bedanke mich für diesen tollen Blog!!

  • Rukiye Duyar

    Hallo Ella
    Hab mich in deinem Blog wieder gefunden mit dem Unterschied,ich saß im Badezimmer aufm Boden(da kann ich wenigstens abschliessen).
    Seit ich deinen Blog lese fuhle ich mich nicht so alleine,habe wenig Rückendeckung von meiner Familie.
    Habe aber zwei gute Freundinnen bei dem ich mich einfach fallen lassen darf.
    P.S. Bei mir muss die Waschmaschine ab und zu zum dritten mal laufen :)

    • Silke

      Liebe Rukiye, schön, dass Du zwei so tolle Freundinnen hast. Und super, dass Deine Wäsche so supersauber ist :-D
      Danke für Deinen Kommentar und alles Liebe, Silke alias Ella

  • Katharina Letter

    Grad eben dachte ich… woher kennt sie uns so gut? :-D Ich bin selbst ADSler, habe ein Struktur- und Zeitwahrnehmungsproblem ( ich habe keine Zeitwahrnehmung), meine Tochter ist auch ADSler und hat eine „Autismusspektrumsstörung“, wies heute so schön heisst…. Im Großen und Ganzen bekommen wir das gut hin, nur mit der Ordnung hapert es ein wenig. Immer wieder höre ich “ Naja, Du musst eben Deinen Hintern mal hochkriegen und Deine Tochter musst Du eben mehr zur Hausarbeit ranziehen.“ Dann fühle ich mich schon manchmal als ziemlich schlechte Mutter. Seit ich Deinen Blog lese, denke ich da ein wenig anders. „Lass sie doch reden. Wems nicht passt, der soll uns nicht besuchen.“ Es ist anderen „Nicht-Betroffenen“ einfach schwer zu erklären, warum manche Dinge liegenbleiben und wieviel Kraft es mich kostet, zuhause die Struktur aufrecht zu erhalten. Auf Arbeit klappt das wunderbar. Da bekomme ich die Struktur vorgegeben und füge meinen Betreuungsjungen (frühkindl. Autist) vorsichtig ein. Zuhause muss ich selbst die Struktur erstellen, sie konsequent einhalten und kontrollieren. Das klappt eben nicht immer…. Ich danke Dir wirklich für Deine Mühe den Blog zu pflegen und vor allem für die Erkenntnis “ Nein ich bin nicht zu doof oder zu faul. Ich habe nur andere Prioritäten.“ :-)

    • Silke

      Liebe Katharina, und ich danke Dir sehr für diesen Einblick in Euer Leben und die lieben Worte. ♥

  • Diana

    Es tut sooo gut das zu Lesen. Ich danke dir von Herzen.

  • Natascha

    Ja das kenne ich auch mit der Waschmaschine :-)

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