Welche Rahmenbedingungen Autisten und vielen anderen Schülern helfen

Dies ist mein Beitrag zum „scoyo ELTERN! Blog Award 2018“, der dieses Jahr unter folgendem Motto steht:
„Nachhilfe & Förderung: Was hilft Kindern wirklich?“

Ich freue mich über die Einladung, einen Beitrag einreichen zu können, weil dies nicht zuletzt dazu beiträgt, einer breiten Elternschaft das Thema „Autismus“ näher zu bringen – herzlichen Dank!

 

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Warum „Extrawürste“ manchmal Weg weisend sein können

Schule ist heutzutage multikulti, herausfordernd und inklusiv – und braucht deshalb für fast jeden eine Extrawurst!?

Wirklich?

Wie wäre es mit einer anderen Haltung?

Zum Beispiel:

Schule kann heutzutage Horizont erweiternd, soziale Kompetenzen fördernd und didaktisch vielseitig sein.

Horizont

Soziale Kontakte knüpfen und Leistungen abrufen können autistische Schüler meistens nur dann, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind.
Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Rahmenbedingungen auch vielen anderen Schülerinnen und Schülern zugute kommen. Denn wir leben in einer Zeit, in der wir generell mit Reizen und Informationen überschüttet werden, so dass die Konzentration auf das Wesentliche zunehmend mehr Kindern und Jugendlichen schwerfällt.
Auch wenn es nicht mit dem Leidensdruck eines Autisten, der in einen Overload oder Meltdown rutscht, zu vergleichen ist, brauchen auch andere Kinder sensorische Auszeiten und grundsätzlich das Herabsetzen von gleichzeitigem Input von allen Seiten.

 

Kurzinformation zum Thema Autismus

Für die Besucherinnen und Besucher, die im Rahmen des „Blog Awards“ auf „Ellas Blog“ gestoßen sind, schicke ich eine kurz gehaltene Information zum Thema „Autismus“ voraus:

Autismus beschreibt eine Variante der Entwicklung des Gehirns, Informationen werden zum Teil anders verarbeitet und verknüpft als bei neurotypischen Menschen. Dies zeigt sich besonders in den Bereichen der Wahrnehmung, der Kommunikation und der sozialen Interaktion und hat somit Auswirkungen auf alle Alltagsbereiche.

Autismus liegt nicht in „Erziehungsfehlern“ begründet. Autismus ist angeboren. Er ist keine Krankheit in dem Sinne, dass man ihn mit Medikamenten, Diäten oder Therapien heilen könnte.

Autismus ist sehr unterschiedlich. Manche Autisten sprechen, manche nicht. Manche brauchen immer Hilfe, andere können ein selbständiges Leben führen. Jeder Autist ist anders so wie auch jeder andere Mensch sich von seinen Mitmenschen unterscheidet.

Allen Autisten gleich ist eine besondere Wahrnehmung. Das bedeutet, dass Sinneseindrücke wie Sehen, Schmecken, Hören, Riechen und Fühlen zu stark, zu schwach oder verzögert auftreten. Eindrücke können zeitweise nicht gefiltert werden, alles ist gleich laut, gleich hell usw. Da zu viele Geräusche, zu viele Lichter, überraschende Berührungen, zu viele Fragen und im Allgemeinen fremde Eindrücke manchmal eine Überforderung darstellen, die Schmerzen verursachen, kommt es auch zu impulsiven Reaktionen wie z.B. Schreien, Treten, Weglaufen.

Im Zusammensein mit Autisten kommt es auch häufig zu Missverständnissen, weil sie Sprache oft wörtlich verstehen und daher Ironie und Redewendungen nicht automatisch entschlüsseln können. Auch Körpersprache und Mimik kann von Autisten nicht immer automatisch gedeutet werden.

Befremdliche Reaktionen und Missverstehen liegen nicht in bösem Willen begründet, sondern entstehen aufgrund der besonderen Wahrnehmung autistischer Menschen.

Autisten haben viele gute Eigenschaften und können die Welt mit ihrer Sichtweise bereichern. Sie müssen nicht angepasst und geheilt werden.

Es ist wichtig mit und nicht nur über Autisten zu sprechen. Je nach Ausprägung des Autismus sind viele in der Lage ein selbstbestimmtes Leben zu führen und können für ihre Bedarfe selbst einstehen.

 

Rahmenbedingungen, die autistischen und auch den meisten anderen Schülern helfen

Herabsetzen von Hintergrundgeräuschen und anderen Reizquellen

Für eine optimale Lernatmosphäre sollten unnötige Hintergrundgeräusche minimiert werden. Zumindest bei Klassenarbeiten könnten die Fenster geschlossen werden, um ablenkende Geräusche von draußen möglichst auszuschließen.
Ebenfalls sollte man für flackernde Leuchtmittel, die ablenken und autistischen Schülern sogar Schmerz verursachen können, aufmerksam sein und sie beseitigen.

beruhigte Pausenbereiche, Rückzugsmöglichkeiten / Ruheräume

Viele Schüler brauchen in der Pause Ruhe. Das Bedürfnis nach Rückzug sollte unbedingt respektiert und Schüler nicht in die turbulente Pausensituation gezwungen werden. Gerade autistische Schüler empfinden es als äußerst belastend, eine unstrukturierte Pausensituation bewältigen zu müssen. Hierfür braucht es für alle Kinder Alternativen, die ohne Sondergenehmigung aufgesucht werden können.

mündliche durch schriftliche Prüfungen ersetzen oder umgekehrt

Autistische Schüler können ihr Potential in mündlichen Prüfungen meist nicht so gut abrufen wie in schriftlichen Tests. Sie brauchen bezüglich der Prüfungsform häufiger die Wahl. Umgekehrt sollten auch Schüler, die lieber mündlich geprüft werden, ebenfalls verstärkt wählen dürfen. Das käme allen Schülerinnen und Schülern entgegen.

Verwenden klarer Sprache

Das Einbinden von Floskeln, Ironie und Metaphern geschieht oftmals unbewusst. Gerade beim Vermitteln von Lehrinhalten wäre es sehr wünschenswert, dass klar kommuniziert wird. So muss neben der Aufnahme des Gelernten vom Schüler nicht noch zusätzlich decodiert werden, was davon ernst gemeint war bzw. wörtlich zu nehmen ist oder auch nicht.

Visualisieren von Aufgaben und Abläufen

Ganz gleich, ob es um Aufgaben geht, erklärte Abläufe oder Veränderungen im Stundenplan. Es wäre gut, diese Bereiche zu visualisieren, also nicht nur verbal zu erklären oder anzukündigen, sondern auch aufzuschreiben oder mit Bildsymbolen zu unterstreichen. Das gesprochene Wort verhallt, ein Bild bleibt dauerhaft sichtbar, so dass man darauf leichter zurückkommen kann. Das Lernen über mehrere Sinneskanäle ist für alle Schüler ein Gewinn.

Sichtbarmachen von Zusammenhängen

In der Schule wird viel Detailwissen vermittelt. Der sprichwörtlich rote Faden geht dabei für manche Schüler verloren. Die Zusammenhänge von komplexen Lerninhalten sollten visualisiert werden, zum Beispiel mit Grafiken oder Mindmaps. Um auf diese jederzeit gedanklich zurückgreifen zu können, wenn zum Beispiel weitere Lerninhalte vermittelt werden, könnten die visualisierten Kontexte an die Wand gepinnt werden.

Checklisten für das Bearbeiten von Aufgaben anbieten

Schüler sind meist auf die Vorgabe von Strukturen angewiesen. Gerade wenn eine hohe Anforderung in Form von Klassenarbeiten an sie gestellt wird, wäre es hilfreich, bewährte Strukturen vorzugeben. Das könnte zum Beispiel durch die Zugabe einer Checkliste geschehen, auf der man Teilbereiche von Aufgaben nacheinander abhaken kann. Ebenso könnte man den Zusammenhang, in dem der abgefragte Teilbereich steht, visualisieren. So verlieren Schüler, die sich wie Autisten eher auf Details fokussieren, nicht so schnell den Überblick.

Übergänge bewusst gestalten und transparent halten

Unsere Zeit ist hektisch. In der Schule wird schnell von einem Fach zum nächsten gewechselt. Es wäre wünschenswert, dass diese Übergänge mehr begleitet werden. Hilfreich wäre zum Beispiel verstärktes projektorientiertes Lernen, das Zusammenhänge automatisch sichtbarer macht.
Auch Übergänge von einer Situation in die nächste (Unterricht – Pause, Schule – zuhause) sind manchmal problematisch, weil sie mit unterschiedlichen Einflüssen und Erwartungen verbunden sind, an die sich der Schüler erst wieder gewöhnen muss. Autistische Schüler müssen sich immer neu justieren und orientieren, was enorm viel Kraft kostet.

weniger Wechsel der Klassenzimmer

Häufige Wechsel von Klassenzimmern kosten Energie. Auch damit ist die Anforderung verbunden, wieder einen Übergang zu bewältigen, sich möglicherweise an einen anderen Sitznachbarn zu gewöhnen und mit einer neuen Akustik in einem anderen Klassenzimmer klarzukommen. Weniger Wechsel würden allen Schülern zugute kommen, da sie sich auf gewohnte Strukturen verlassen können. Außerdem könnten Schülerinnen und Schüler sich in ihrem festen Klassenzimmer fächerübergreifend an den visualisierten Zusammenhängen, die an die Wand gepinnt wurden (siehe Anregung oben), orientieren und komplexes Wissen aufbauen.

rechtzeitiges Ankündigungen von Veränderungen

Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Zimmer getauscht werden oder Lehrer sich gegenseitig vertreten. Solche Veränderungen sollten sofort mitgeteilt werden, wenn sie bekannt sind, um Schülern zu ermöglichen, sich auf die neue Situation rechtzeitig einzustellen. Es wäre sehr wünschenswert, dass diese Veränderungen nicht nur mündlich, sondern immer auch schriftlich bzw. bildhaft erfolgen, damit sie leichter wahrgenommen und verinnerlicht werden können. So werden Missverständniss vermieden.

So viel Anleitung wie nötig geben

Selbstbestimmtes Lernen steht hoch im Kurs, bedeutet aber für viele Kinder eine Überforderung. Als Schüler quasi selbst didaktisch tätig werden zu müssen, um den Stoff in Eigenregie zu lernen, sollte nicht die Regel sein. Denn nicht alle Kinder können diese Verantwortung bereits selbst tragen – dafür brauchen sie Personen und Materialien, die sie so viel wie nötig und so wenig wie möglich anleiten. Bei manchen Schülern ist hierzu personelle Unterstützung in Form eines Schulbegleiters nötig, so z.B. auch bei vielen autistischen Schülern.

sensibilisieren für alternative Kommunikationsmethoden

Zur Kommunikation gehört mehr als schreiben oder sprechen. Manche Schüler drücken sich über Talker, Gebärden oder das Zeigen auf Symbole aus. Diesen Kommunikationsmethoden sollte unbedingt mehr Offenheit entgegen gebracht werden. Auch Schülern, die diese Methoden nicht brauchen, kommen sie zugute, da sie bereichern und weitere Ebenen zum Vermitteln von zwischenmenschlichen Botschaften eröffnen.

bei Gruppenarbeit auf soziale Kompetenz setzen

Einigen Schülern fallen Gruppenarbeiten schwer, autistischen Kindern und Jugendlichen besonders. Die Anzahl dieser Lernformate sollte dann minimiert werden. Es wäre sehr hilfreich, wenn Schwierigkeiten, die manche Schüler mit Gruppensituationen haben, offen besprochen werden. So wird soziale Kompetenz und Rücksichtnahme gefördert sowie Mobbing und Ausgrenzung entgegengewirkt.

offener Austausch zwischen Schule und Eltern

Dieser Punkt ist enorm wichtig für Schülerinnen und Schüler, die einem hohen Anpassungsdruck unterliegen. Viele wollen in der Schule nicht negativ auffallen und funktionieren solange sie können. Dabei kompensieren sie viele Reize und Erlebnisse und brechen zuhause in den geschützen vier Wänden manchmal zusammen.
Hier helfen keine Schuldzuweisungen nach dem Motto: die Schule ist schuld oder die Eltern sind schuld. Es muss transparent gehalten werden, wie der Anforderungslevel ist. Aufmerksamkeit hinsichtlich Kompensations- und Anpassungsstrategien ist unbedingt notwendig, um Überforderung entgegenzuwirken – bei allen Schülern, die heutzutage einem hohen Druck unterliegen.

 

Häufige Vorurteile gegenüber autistischen Schülern

Einige Beispiele für hilfreiche Rahmenbedingungen wurden in diesem Beitrag genannt. Die Notwendigkeit für autistische Schüler zum Beispiel für mehr Struktur, Begleitung bei Übergängen und reizarme Umgebung zu sorgen, geht häufig über die genannten Maßnahmen, die auch der Allgemeinheit dienen, hinaus. Dann greift der sogenannte Nachteilsaugleich.
Manchmal wird deshalb angenommen, dass nicht behinderten und nicht autistischen Kindern Hilfestellungen und Erleichterungen vorenthalten bleiben. Beim Nachteilsausgleich, der einigen autistischen Schülern gewährt wird, geht es aber eben genau nicht darum, das Niveau einer Aufgabe herabzusetzen, sondern zum Beispiel die organisatorischen Rahmenbedingungen einer Klassenarbeit oder die methodische Herangehensweise an Fragestellungen so anzupassen, dass auch der autistische Schüler gut damit zurechtkommen kann.

 

Das System muss sich an die Schüler anpassen, nicht umgekehrt

Genau das bedeutet unter anderem Inklusion, nämlich die Schullandschaft so zu gestalten, dass sich alle Schüler darin zurechtfinden und nicht zu erwarten, dass sich einzelne Schüler anzupassen haben.

Ich würde mir daher sehr wünschen, dass Rahmenbedingungen generell und darüber hinaus individuell angepasst werden, egal ob ein Kind eine Förder- oder Regelschule besucht, egal ob inklusiv beschult wird oder nicht.

Es muss immer um das einzelne Kind gehen und nicht um ein Ideal oder die Anpassung an ein System.

#scoyoelternblogaward #scoyolernhelden2018

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One comment

  • Lisa

    Und unserer Landesregierung muss man mal ganz dringend sagen, dass es kontraproduktiv ist, möglichst viele Schüler in möglichst wenig Schulen zu stecken. Etliche Dorfschulen liegen in einer ruhigen Umgebung. Die meisten Dorfschulen haben keine hundert Schüler und verhältnismäßig viel Platz für diese Zahl. Also beste räumliche Voraussetzungen für autistische Schüler. Und es gibt auch genügend andere Eltern, die ihre Kinder ganz bewusst an so einer Schule anmelden. R2G, stellt euch drauf ein, nächstes Jahr abgewählt zu werden – auch wegen Aktionen wie dieser.

    Mal abgesehen davon, dass bei mehr Schulen der durchschnittliche Schulweg kürzer ist. Der Schulbus (normaler Bus mit 50 Plätzen), der leer losfährt, über viele Dörfer fährt und voll bei der Schule ankommt, ist eine Zumutung. Ich verstehe Eltern, die im Speckgürtel von Jena wohnen und ihre Kinder nach Jena aufs Gymnasium schicken, weil die Strecke dorthin kürzer ist als zum nächsten Gymnasium auf Kreisgebiet (immerhin halbe Fahrtzeit und bessere Verbindung oft auch noch dazu).

    Bei der Schulsanierung in den nächsten Jahren werden etliche nervige Kleinigkeiten abgestellt. Wenn ihr wisst, wie nervig eine quietschende Tür ist … Das merkt man erst, wenn sie nicht mehr quietscht – Erholung. Nur als Beispiel.

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